Mittwoch, 3. Juli 2019
Tarantino spricht in dreistündigem Podcast über selbst kuratiertes Juli-Kinoprogramm

Foto: Georges Biard, Wikipedia (CC BY-SA 3.0)
Drei Stunden Podcast mit Quentin Tarantino über seinen selbst programmierten Juli im New-Beverly-Kino.

Seit einiger Zeit hat Quentin Tarantinos New-Beverly-Cinema in Los Angeles seinen eigenen Podcast. Passend zum „Once Upon a Time in Hollywood“-Kinostart Ende Juli spricht Tarantino jetzt in einer knapp dreistündigen Ausgabe des Pure Cinema Podcast über die Filme, welche die Zuschauer auf sein neuestes Werk vorbereiten sollen. Es geht um Doube Features zu Raquel Welch, Ann-Margret, Jane Fonda, George Hamilton, Natalie Wood und Vince Edwards.

Link: - Pure Cinema Podcast mit QT

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Donnerstag, 13. Juli 2017
Gedankensammlung zu Tarantinos Projekt über die Manson-Morde

Foto: Sir Mildred Pierce, flickr (CC BY 2.0)
Quentin Tarantinos nächster Film dreht sich um die Manson-Morde. Brad Pitt, Jennifer Lawrence und Margot Robbie sind angefragt. Ein paar Gedanken und Verweise:

* „Natural Born Killers“ sollte ursprünglich Tarantinos Debütfilm werden. Die Serienkiller, die Medien, Hollywood und das Pop-Phänomen waren also immer schon da. Nur: Oliver Stone verfilmte Tarantinos 1989 geschriebenes Drehbuch. Stones Änderungen verabscheute Tarantino. Er verabscheute überhaupt den Prozess, dass jemand sein Kunstwerk bearbeiten durfte. Es war ein Stachel, der bis heute tief sitzt. Mit dem neuen Projekt über die Manson-Morde schließt sich für Tarantino ein Kreis.

* Karina Longworth war die beste Filmkritikerin der Vereinigten Staaten von Amerika. Dann sagte sie sich vom Tagesgeschäft los, schrieb Bücher für die Cahiers du Cinema und traf den Regisseur Rian Johnson. Aber sie rief den sehr hörenswerten Podcast You Must Remember This ins Leben. Innerhalb des Podcast startete sie im Jahr 2015 eine zwölfteilige Podcastreihe zu den Manson-Morden. Wer Interesse hat, diesen Fall aus allen nur erdenklichen Perspektiven durchleuchtet zu sehen und sich auch für die popkulturellen Dimensionen des Ganzen interessiert, ist hier richtig. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass diese Podcast-Reihe zumindest Tarantinos Dringlichkeit an dem Projekt beeinflusst haben könnte.
Tarantinos Urangst war die Manson-Family
* Der erste Film, der Tarantino als kleinen Jungen traumatisiert hat, heißt „Last House on the Left“ von Wes Craven. Als er den Film damals als Fünftklässler im Autokino sah, wurde ihm richtiggehend schlecht vor Angst. Denn dieser Terrorfilm spiegelte die größte Befürchtung des kleinen Quentin, der mit seiner Mutter in Los Angeles wohnte: Fremde Menschen, die in dein Haus einbrechen, deine Familie als Geiseln nehmen, terrorisieren und ermorden. Manson lebte mit seinen „Jüngern“ zu der Zeit auf einer Ranch nicht unweit von Los Angeles, die ein früheres Filmgelände war. Wenn Tarantino jetzt einen Film über die Manson-Morde dreht, setzt er sich auch mit einer seiner Urängste auseinander.

* Auf dem Filmfestival von Busan im Jahr 2013 sagte Tarantino: „Ein Serienkillerfilm würde meine eigene Abartigkeit zu sehr offenbaren. Der Planet Erde kann meine Version eines Serienkillerfilms nicht ertragen.“

* Der Filmkritiker Owen Gleiberman schrieb zu 40 Jahre Manson-Morde einen sehr anregenden Text für Entertainment Weekly. Darin empfahl er das TV-Biopic „Helter Skelter“ aus dem Jahr 2004. Wer sich noch gar nicht auskennt, findet dort eine erste interessante Interpretation der Biografie von Charles Manson.

* 2014 berichtete das Branchenblatt Variety, dass der „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis und der Regisseur und Rockmusiker Rob Zombie einen Film zu Charles Manson planen. Irgendwie hat das nichts mit Tarantino zu tun, ich fand es trotzdem interessant. ;)
Hollywood Reporter stört den Künstler
* Wenn man mal davon ausgeht, dass Tarantino wirklich nach dem zehnten Film seine Regiekarriere an den Nagel hängt, steigt auch der Druck und die Erwartungshaltung. Was sind die letzten beiden Filme, mit denen sich der Kalifornier in die Filmgeschichte eintragen will? Der allerletzte Film könnte für den Amerikaner John Brown reserviert sein. Es war Tarantino, der diverse große Regisseure für ihre schwachen letzten Werke kritisiert hat. Und er ist immer dann schwach, wenn er sich entspannt und zu sicher fühlt. Bei seinem vorletzten Film und der Manson-Thematik ist so viel Druck da, dass sich Tarantino nicht gehen lassen kann. Er ist ein Regisseur, der besser wird, umso größer der Druck ist.

* So wie man liest, ist Tarantino verstimmt, dass der Hollywood Reporter, noch bevor er mit dem Drehbuch fertig geworden ist, die frohe Kunde in die Welt getragen hat: Tarantino macht Manson. Das berichtet jedenfalls die Filmjournalistin Anne Thompson, die mit Tarantino bei Facebook befreundet ist. Wollen wir hoffen, dass das nicht wieder zu einem Herumgeeiere wie bei „The Hateful Eight“ führt.

* Bei der Vergegenwärtigung von Mansons wahnsinnigen Theorien über die schwarze Weltherrschaft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Tarantinos Manson-Film höchstwahrscheinlich noch deutlich politischer wird als „The Hateful Eight“. Tarantino jagt den Zeitgeist, will politische Stimmung und Geschichte einfangen, wie das etwa „Bonnie und Clyde“ Ende der 1960er-Jahre geschafft hat. In diesem Falle wird das bein Manson auch der Zeitgeist eines Donald Trump sein.
Biopic-Vorbild Elvis Presley
* Tarantino hat sich jetzt jahrelang mit dem Übergang vom alten zum neuen Hollywood beschäftigt. Ganz besonders fixiert war er auf das Filmjahr 1970. Bei dieser Rückschau war das Mark-Harris-Filmbuch „Pictures at a Revolution“ maßgeblich. Es würde mich von daher wundern, wenn Tarantino den Hollywood-Aspekt nicht auch jenseits der Polanski-Tate-Achse entscheidend einsetzen wird.

* Biopics gehören zu Tarantinos unbeliebtesten Genres. Das Leben von A bis Z nachzuerzählen, sei dramaturgisch mit einem Film nicht auf interessante Art und Weise zu lösen. Das würde eine stinklangweiliger Film werden. „Wenn ich einen Film über Elvis Presley mache, drehe ich keinen Film über sein ganzes Leben. Ich würde einen einzelnen Tag herausgreifen, zum Beispiel als Elvis zum amerikanischen Label Sun Records ging. Ich würde einen ganzen Film über den Tag machen, bevor Elvis bei Sun Records aufschlug. Und der Film würde damit enden, wenn er durch die besagte Tür läuft.“

* Ich habe mir zur Einstimmung das Buch „The Girls“ von Emma Cline bestellt. Darüber waren alle Teilnehmer des neuen Literarischen Quartetts im vergangenen Jahr völlig aus dem Häuschen. Da war auch noch der unersetzbare Maxim Biller dabei. Es ist keine Manson-Biografie oder ein Sachbuch über die Family, sondern ein Roman, der an die Manson-Morde angelehnt ist und seinen Fokus auf die jungen Frauen legt, die in diesem Zirkel unterwegs waren.

Link: - Tarantino verlobt mit Israelin Daniella Pick

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Montag, 10. Juli 2017
Was Tarantinos Verlobung für die israelische Filmgeschichte bedeutet
Der 54-jährige US-Regisseur Tarantino schlägt das nächste Kapitel in seinen Leben auf: Nach seiner Verlobung mit dem israelischen Model Daniella Pick ist offen, wie es mit seiner Karriere weitergeht. Die israelische Filmgeschichte wird sicher profitieren. Eine Analyse von Michael Müller

Quentin Tarantino hat sich verlobt. Die Auserwählte ist das singende israelische Model Daniella Pick. Die 33-Jährige ist die Tochter des isarelischen Popstars Svika Pick, der seine größten Erfolge in den 1970er-Jahren feierte. Ruhm heimste er auch als Songschreiber für den Eurovision Songcontest ein: Er schrieb beispielsweise den israelischen Gewinnersong von Dana International im Jahr 1998.

Kennengelernt haben sich Pick und Tarantino bei der Promo-Tour für "Inglourious Basterds" im Jahr 2009. Da besuchte der Regisseur zum ersten Mal im Leben Israel. "Es stimmt, wir sind glücklich und aufgeregt", gab Pick die Verlobung gegenüber der israelischen Tageszeitung "Yediot Aharonot" zu.


Bubblegum-Pop aus Ramat HaScharon

Dieser Gossip findet auf der Seite Negative Space Platz, weil es erstens Tarantino ist, es zweitens wohl ziemlich sicher Einfluss auf seine zukünftigen Filmprojekte haben wird und die Möglichkeit erhöht, dass Tarantino demnächst vermehrt in die israelische Filmgeschichte eintaucht. Da ich mich auch beruflich mit Israel beschäftige und gerade das Kulturleben dort sehr spannend finde, schaue ich rosigen Zeiten entgegen.
Fingerabdrücke in der Filmgeschichte vorhanden
Ich werde also die Augen offen halten, ob Tarantino und Pick ab kommenden Donnerstag auf dem Jerusalemer Filmfestival (13.-23.07.) unterwegs sind. Schließlich erhielt der Regisseur erst im vergangenen Jahr dort von der Festivalchefin und Leiterin der Jerusalemer Cinematheque, Noa Regev, einen Ehrenpreis überreicht. Tarantino bedankte sich mit dem hebräischen Slang-Wort "sababa", was so viel wie "cool" bedeutet und zeigte eine restaurierte 35mm-Fassung seines Klassikers "Pulp Fiction". In seiner Rede sagte er weiter: "Es ist etwas Besonderes diesen Preis in Jerusalem zu erhalten, am Fuße der Altstadt unter freiem Himmel. Gott segne euch alle!"

Es existieren auch schon erste Fingerabdrücke, die Tarantino in der israelischen Filmgeschichte hinterlassen hat: Im Jahr 2013 besuchte er das koreanische Filmfestival in Busan. Dort sah er den israelischen Thriller "Big Bad Wolves" von den Regisseuren Aharon Keshales und Navot Papushado. Das sind zwei Shootingstars aus der wachsenden israelischen Genrefilmszene. Im Jahr 2010 hatten die beiden bereits mit ihrem Debüt, dem Slasherfilm "Rabies", international für Aufsehen gesorgt. Aktuell arbeiten sie an einer Art Spaghetti Western, der "Once Upon a Time in Palestine" heißen soll und während der britischen Mandatszeit, noch vor der Staatsgründung Israels, in Palästina spielt. Tarantino adelte jedenfalls "Big Bad Wolves" in Busan als besten Film des Jahres und fragte einen der beiden Regisseure in einem Q & A aus. So ein Qualitätsstempel schmückt DVD-Hüllen und verkauft Filme in die ganze Welt.


Israelischer QT-Geheimtipp: "Höllenkommando" (1970)

Aus filmhistorischer Sicht noch etwas spannender fand ich aber Tarantinos Aussagen auf dem Jerusalemer Filmfestival 2016, die er gegenüber der Nachrichtenagentur "Tazpit Press Service" machte: Da drückte er nämlich seine Liebe für den israelischen Men-on-a-Mission-Film "Höllenkommando" aus. Das schnörkellose Werk des berüchtigten Regisseurs und Produzenten Menahem Golan aus dem Jahr 1970 handelt von Israelis, die Kameraden aus einer arabischen Gefängnisfestung herausholen wollen. Den englischen Verleihtitel "Eagles Attack at Dawn" stellte er als Referenzpunkt gleichbedeutend neben Genreklassiker wie "Die Kanonen von Navarone" oder "Das dreckige Dutzend", als er seinen Film "Inglourious Basterds" auf einer Pressekonferenz in Tel Aviv vorstellte.
Ist Quentin "Eis am Stiel"-Fan?
Außerdem empfahl Tarantino gegenüber der Presseagentur einen weiteren israelischen Golan-Film, nämlich "Operation Entebbe" aus dem Jahr 1977. In dieser auf realen Tatsachen basierenden Geschichte um die israelische Flugzeugbefreiung in Uganda spielen mit Klaus Kinski und Sybil Danning auch zwei deutschen Darsteller nicht unbedeutende Rollen. "Der ist sehr gut", sagte Tarantino. Zu gerne würde ich auch seine Meinung zu den legendären "Eis am Stiel"-Filmen hören, deren Erfolg überhaupt erst die glorreichen Zeiten der Cannon-Filme von Golan und Yoram Globus in den 1980er-Jahren ermöglicht hat. Sein Kumpel Eli Roth verehrt die "Eis am Stiel"-Filme abgöttisch. Da könnte es eventuell auch noch Nachhilfe geben.

Aber die israelische Filmgeschichte ist reichhaltig: Angefangen bei den heroischen Propagandafilmen, die in den 1950er-Jahren gedreht wurden, über die Kunstfilme der 1960er-Jahre, die sich an die Nouvelle Vague anlehnten, bis zu den so genannten Boureka-Filme der 1970er- und 1980er-Jahre. Das waren Unterhaltungsfilme, die nach den gleichnamigen gefüllten Blätterteigtaschen heißen. Ganz zu schweigen von den Stalag-Pulp-Geschichten, die von den damaligen Groschenromane beeinflusst waren.

Offen ist, was die Verlobung für Tarantinos Filmkarriere bedeutet. Der Kalifornier sprach bislang immer nur von seinen Filmen als Babys. Das könnte sich zukünftig ändern, wenn man den Gerüchten Glauben schenken mag, dass die Beziehung zwischen Tarantino und Pick auch immer wieder aussetzte, weil sich die beiden in der Babyfrage nicht einig wurden. Sie wollte Kinder, er vorerst noch nicht. Das scheint nicht mehr zu gelten. Zwei Filme wollte er nach "The Hateful Eight" noch drehen, damit die magische Zehn voll ist. Ein konkretes Projekt ist aktuell nicht am Horizont auszumachen.

Links: - QT feiert 1970, - 35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

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Mittwoch, 12. Oktober 2016
Tarantino feiert Filmjahr 1970 mit Retro in Lyon

Die viertelstündige Einleitung Tarantinos zu "Zwei Banditen"

Der "Hateful Eight"-Regisseur Tarantino schildert den Franzosen seine Sicht auf das Schlüsseljahr 1970 beim Lumière-Festival. Eventuell entsteht aus diesen Erkenntnissen ein mehrteiliger Podcast. Ein Bericht von Michael Müller

Drei Jahre nachdem Quentin Tarantino den Lumière-Preis bekommen hat, feiert der kalifornische Regisseur das Filmjahr 1970 mit einer exklusiv programmierten Retrospektive auf dem Lyoner Festival, dessen Schirmherrschaft der Cannes-Chef Thierry Frémaux und der Regisseur Bertrand Tavernier inne haben. Zur Eröffnung zeigte Tarantino den George-Roy-Hill-Western "Zwei Banditen", zu dem er eine fünfzehnminütige Einleitung gab (siehe das YouTube-Video oben).

Nachfolgend stehen die 15 Filme, die Tarantino repräsentativ für das Filmjahr 1970 ausgesucht hat. Für ihn ist 1970 das Schlüsseljahr des New-Hollywood-Kinos, das sich zu diesem Zeitpunkt gegen das alte klassische Hollywood durchgesetzt hatte, aber noch unter Beweis stellen musste, ob es mehr als nur eine Welle sein konnte. Besonders ins Auge stechen die Programmierungen von Anatole Litvak, William Wyler, John Huston und Billy Wilder. Allesamt sind das Vertreter des klassischen Hollywoods, die aber offenbar in ihren letzten Zügen noch einmal besondere Qualitäten offenbarten.
Sechsteiliger Podcast in Aussicht
Quentin beschäftigt sich schon länger mit dem Filmjahr 1970. Anlass dafür ist das Mark-Harris-Filmbuch "Pictures at a Revolution" gewesen, das er als bestes Filmbuch des Jahrzehnts adelte. Im Buch analysiert Harris die fünf Best-Picture-Nominierungen des Jahres 1967 ("Dr. Dolittle", "The Graduate", "In the Heat of the Night", "Guess Who's Coming to Dinner" und "Bonnie & Clyde") und was sie für die Entwicklung der amerikanischen Filmindustrie bedeuteten.

Tarantino plant aus seiner dadurch inspirierten Recherche entweder ein eigenes Filmbuch, eine Dokumentation oder einen sechsteiligen Podcast zu machen. Die Erfahrung lehrt uns, dass die ersten beiden Alternativen eher unwahrscheinlich sind. Angesichts längerer Podcast-Auftritte von Tarantino, etwa bei Bret Easton Ellis oder beim Pitchen eines eigenen Star-Trek-Films, erscheint jedoch ein Podcast-Projekt auch vom Arbeitsaufwand im Bereich des Möglichen zu liegen. Vielleicht lässt er sich von der Filmkritikerin Karina Longworth beraten, die mit ihrem filmhistorischen Podcast You Must Remember This für Furore sorgt.
Eine Filmempfehlung repräsentiert fünf weitere
In der über einstündigen Masterclass erläuterte Tarantino, warum er sich gerade diese 15 Filme für die Retrospektive ausgesucht hat. Zum einen lag das an der Kopiensituation vor Ort. Ihm war wichtig, dass die Filme als 35mm-Kopien gezeigt werden. Zum anderen fokussierte sich der Regisseur nicht auf seine absoluten Lieblingsfilme des Jahres 1970, sondern merkte, dass die hinteren Plätze seiner Top-Liste die interessanteren Filmerfahrungen mit einem Publikum sein könnten. Auch steht jeder ausgewählte Film stellvertretend für fünf andere Filme, die er aufgrund der Qualität hätte nehmen können.

Als Beispiel nannte er George Roy Hills Western "Zwei Banditen". In diesem Fall hätte Tarantino auch den weniger bekannten Lee-Marvin-Western "Monte Walsh" von William A. Fraker aussuchen können, den er sehr verehrt. Oder den atmosphärisch ganz ähnlichen, fast zärtlichen Sam-Peckinpah-Western "Abgerechnet wird zum Schluss" mit Jason Robards. Aber es hätte auch der Spaghetti-Western "Lasst uns töten, Companeros", "Das Wiegenlied vom Totschlag" oder "Little Big Man" sein können.
Auch ein Herz für das Erotikkino der 1970er-Jahre
Wenn da der Mann hinter "The Hateful Eight" von den Produktionen des Filmjahres 1970 schwärmt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Kalifornier - so sehr man seine Werke schätzt - letztlich der bessere Filmkritiker geworden wäre. Nur hätte sich dafür ohne seine Karriere niemand interessiert. Als er knapp zwanzig Jahre alt war, plante Tarantino ein Interviewbuch mit Regisseuren wie John Milius, Joe Dante, Richard Franklin und John Flynn. Daraus wurde leider nie etwas. Wenn er jetzt aber intensiv dieses neue cineastische Projekt verfolgt, will man auch mehr wissen über seine Ansichten zum Erotikkino der 1970er-Jahre, das in Quentins Augen für einen kurzen Augenblick der Geschichte aus der Schmuddelecke herausgeholt wurde. Aber was liebt Tarantino genau an Radley Metzgers Gesamtwerk (z. B. "The Opening of Misty Beethoven") und warum hat er nicht mehr von Russ Meyer und Ken Russell erzählt?

Also wird man sich vorerst selbst auf die Suche begeben, Mark Harris' Werk "Pictures at a Revolution" als Taschenbuch kaufen, Ausschau halten nach Geheimtipps wie "The Baby Maker" von James Bridges oder "The Magic Garden of Stanley Sweetheart" von Leonard Horn. Und man wird sich fragen, ob Tarantino auch "Valerie - Eine Woche voller Wunder" kennt und inspiriert davon endlich mal wieder in die Filmgeschichte eintauchen, wenn es denn die Zeit erlaubt.

Die QT-Retrospektive im Überblick (15 Filme):

Opening Night

ZWEI BANDITEN by George Roy Hill (1970)
The year 1970 began in February with the Oscar for best film awarded to Butch Cassidy and the Sundance Kid, a western directed by George Roy Hill, starring Paul Newman, Robert Redford and Katharine Ross.

Double Feature #1

LOVE STORY by Arthur Hiller (1970, 1h39)
Jenny and Oliver come from vastly different backgrounds. When they meet at Harvard, they fall in love. Soon, tragedy strikes... A great melodrama, with Ali MacGraw and Ryan O'Neal, to unforgettable music.

DEEP END by Jerzy Skolimowski (1970, 1h40)
Mike, 15, is hired to work at the municipal baths in a lower-class London neighborhood. There he meets Susan, an older woman, engaged to another man... A beautiful story of apprenticeship in the vibrant atmosphere of swinging London.
Institut Lumière Mon 10 at 7pm

Double Feature #2

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE by Dario Argento (L’uccello dalle piume di cristallo, 1970, 1h32)
An American journalist, passing through Rome, witnesses an assault at an art gallery. He becomes the new target of the mysterious killer... Original screenwriting and graphic power in this first film by Dario Argento.

THE LADY IN THE CAR WITH GLASSES AND A GUN by Anatole Litvak (1970, 1h45)
A young secretary is asked to bring her boss's car to Paris. She finds herself accidentally on the southern route, but decides to keep on driving... A tense road movie set to the very-seventies music of Michel Legrand.
CNP Terreaux Tue 11 at 7:45pm

Double Feature #3

CLAIRES KNIE by Eric Rohmer (1970, 1h45)
Jérôme (Jean-Claude Brialy), 35, spends a few days on holiday at Lake Annecy. He falls in love with the young Claire and her knees... A bright and stylish film, a delicate evocation of seduction and desire.

DER SCHLACHTER by Claude Chabrol (1970, 1h33)
At a wedding, a school director (Stéphane Audran) meets Popaul (Jean Yanne), the village butcher. Soon, a crime is committed... Two totally opposite people, a perverse game of seduction, a study of the human soul, to which Chabrol holds the secrets.
CNP Terreaux Wed 12 at 7:15pm

Double Feature #4

THE KREMLIN LETTER by John Huston (1970, 1h40)
A mysterious letter reveals a pact between the United States and the Soviet Union against China... a thrilling plot and absurdist humor, served by an exceptional cast: Bibi Andersson, Max von Sydow, George Sanders, Orson Welles...

DAS PRIVATLEBEN DES SHERLOCK HOLMES by Billy Wilder (1970, 2h05)
Gabrielle Valladon, a young woman saved from the waters of the Thames, asks Holmes and Watson find her missing husband. Their investigation leads them to the edge of Loch Ness... A marvel of humor and romantic adventure.
CNP Terreaux Fri 14 at 7:45pm

Other Films:

FIVE EASY PIECES by Bob Rafelson (1970, 1h38)
Robert Dupea (Jack Nicholson), a worker on a drilling site, leaves to visit his ailing father. He encounters Catherine, the fiancée of his brother... a deep and tender road movie, a veritable hymn to freedom.
Villa Lumière Tue 11 at 6:45pm

BEYOND THE VALLEY OF THE DOLLS by Russ Meyer (1970, 1h49, Int -16 ans)
Three young women, members of a rock band, find themselves mixed up in orgies and drug parties in strange company... A sexy satire on the world of American show business, a blend of music, horror and sex.
Pathé Bellecour Sun 9 at 2:15pm

M.A.S.H by Robert Altman (1970, 1h56)
Korea. In a field hospital, three new doctors (Sutherland, Gould and Skerritt) are determined to turn the camp life upside down... Altman blows apart all the codes of the war movie. 1970 Palme d'Or in Cannes.
Institut Lumière Sat 15 at 10pm | UGC Ciné Cité internationale Sun 16 at 2:30pm

THE LIBERATION OF L.B. JONES by William Wyler (1970, 1h42)
In a small town in Tennessee, L. B. Jones, an African-American manager of a funeral home, wants to divorce his young wife who is cheating on him with a sheriff... A melodrama with a backdrop of racial tensions, the last film by William Wyler.
Institut Lumière Thu 13 at 10:45am

DRIVE, HE SAID by Jack Nicholson (1970, 1h35, Prohibited -16)
Hector, a college basketball player, is in a complicated relationship with Olive. His friend Gabriel protests against the Vietnam war... The first film by Jack Nicholson, a daring comedy about the anxieties of a generation.
Comoedia Mon 10 at 4:15pm

ZABRISKIE POINT by Michelangelo Antonioni (1970, 1h40)
1969. Mark a revolutionary student wrongly accused of murder, encounters young secretary Daria in the heart of Death Valley... A journey of incredible beauty into the heart of a paradise lost and broken dreams.
Villa Lumière Mon 10 at 5pm

Link: - Mehr Tarantino-Aussagen zum Filmjahr 1970, - Mehr QT

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Freitag, 4. März 2016
Tarantino feiert die Liebe, Mastroianni & Senta Berger

Screenshot New Beverly Cinema Homepage März 2016
Der Rauch ist verflogen, das Blut getrocknet und "The Hateful Eight" als spaßbringende Boxoffice-Enttäuschung erst einmal abgehakt. Quentin Tarantinos New Beverly Cinema lässt sich davon nicht beirren und zeigt weiterhin die interessanten Double Feature-Vorstellungen des Über-Cineasten. Kein Wunder - gehört dem Kalifornier doch das schnuckelige Kino in Los Angeles.

Nachdem zwei Monate hindurch Tarantinos eigene Filme bei der Programmierung im Mittelpunkt standen, ist jetzt wieder die kuratierende Meisterhand zu erkennen. Einen verstärkten Fokus legt das März-Programm des New Beverly auf Great Love Stories. Besonders angesprochen hat mich dabei das Double Feature mit dem Blake Edwards-Agentenfilm "Darling Lili" und dem italienischen Exploitationfilm "Fräulein Doktor".

"Darling Lili", eine Variante der Mata Hari-Agentin im Ersten Weltkrieg, in der Julie Andrews und Rock Hudson die Hauptrollen spielen, ist ein Geheimtipp, der schon länger auf meiner To-Watch-Liste steht. Eigentlich seitdem der Filmkritiker Myron Meisel es als eines der drei großen Meisterwerke in Blake Edwards' Filmografie bezeichnet hat (im cinephilen Standardwerk "American Directors Volume 2").
Terza Visione in Los Angeles
Der spätere zweite Teil des Abends am 20. und 21. März sieht fast noch interessanter aus: "Fräulein Doktor" von Alberto Lattuada ist mir so direkt, glaube ich, noch gar nicht begegnet. Wieder wird eine Agentengeschichte im Ersten Weltkrieg erzählt, nur, dass hier sicherlich mehr nackte Haut gezeigt werden wird. Der Cast ist spannend: Suy Kendall trifft auf Capucine und Giancarlo Giannini. Der Score ist von Ennio Morricone, der durch Tarantino seinen ersten offiziellen Oscar bei den 88. Academy Awards gewonnen hat.

Die italienischen Programmpunkte erscheinen mir sowieso die schmackhaftesten, weil unbekanntesten Filetstücke zu sein. Da läuft "Des Lebens Herrlichkeit" aus dem Jahr 1970 mit Tony Musante und Florinda Bolkan zur Musik von Stelvia Cipriani ("Der Tod trägt schwarzes Leder", "Papaya").

Es gibt ein sehr interessantes Marcello Mastroianni-Double Feature: "Diebe haben's schwer" (1958) und "Scheidung auf Italienisch" (1961). Und Tarantino würdigt Senta Berger mit den reißerischen Klassikern "Als die Frauen noch Schwänze hatten" und "Toll trieben es die alten Germanen". Die Musik stammt jeweils auch von Morricone, an den Drehbüchern arbeitete Lina Wertmüller mit, der Tarantino in einem seiner vergangenen Programmen schon den Hof gemacht hat.
Liebe für William Wyler
Bei den Great Love Stories, die das Leitthema des Monats sind, scheinen die Mitarbeiter auch einige Stinker wie "Love Story" eingeschmuggelt zu haben. Aber ganz besonders bin ich auch an der William Wyler-Liebesgeschichte "Jezebel" mit Bette Davis und Henry Fonda interessiert. Die Wahl könnte nämlich sehr wahrscheinlich durch Mark Harris' exzellentes Filmbuch "Five Came Back" inspiriert sein.

Darin schwärmt der Autor unter anderem sehr gekonnt von William Wylers Karriere. Ein Regisseur, der wegen seiner vielen Oscars und Erfolge in der Filmgeschichtsschreibung eher vernachlässigt wurde, weil es bei ihm scheinbar nichts mehr zu entdecken gibt. Mark Harris hat ihn wieder hervorgeholt, Tarantino gibt nur zu gerne den Staffelstab weiter.

Links: - März-Programm, - 35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

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Mittwoch, 9. Dezember 2015
Greta Gerwig spielt Todd Solondz' Dawn Wiener

Irgendwie ist das alles, was ich jemals vom Kino wollte
Ok das und vielleicht Quentin Tarantino in einem knapp zweistündigen Film-Podcast mit Bret Easton Ellis. Sie müssten über "Charley Varrick" und New Hollywood sprechen, über Godard und Rohmer, über Pauline Kael und Netflix. Gerne auch über Hitchcock und seine Epigonen wie De Palma, Franklin und Hanson.

Link: - QT & Bret Easton Ellis

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Donnerstag, 27. November 2014
35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

"Moskau in New York": Robin Williams entdeckt den Kapitalismus
Seit zwei Monaten programmiert Quentin Tarantino das eigene New Beverly-Cinema in Los Angeles. Grund genug für Negative Space, einen genaueren Blick auf die Auswahl zu werfen.

Zuerst einmal herrschte ein Gefühl der Enttäuschung vor. Zu sehr ist man die letzten Jahrzehnte von Quentin Tarantino verwöhnt worden. Zu enzyklopädisch sind seine Filme ausgefallen, zu gut bestückt waren seine epischen QT-Film-Festivals in Austin, Texas. Irgendwie kommt einem das meiste seltsam bekannt vor: Die ersten beiden Monate im New Beverly speisen sich nämlich größtenteils aus dem Fundus der Empfehlungen, die der „Django Unchained“-Regisseur seit den 1990er-Jahren mehrfach abgefeuert hat. Die Wiederentdeckung Paul Mazurskys zum Beispiel ist ein alter Hut. Howard Hawks‘ „His Girl Friday“ stand schon damals Pate in den Dialogen zwischen Honey Bunny und Pumpkin in „Pulp Fiction“. Und auch die Eastern in der Midnight-Schiene wie „Die Schlange im Schatten des Adlers“ oder „Die Todesfaust des Cheng Li“ haben ihre Festival-Hommage hinter sich und wurden in „Kill Bill“ gleich ganz durchdekliniert.

Tarantino-Aficionados wissen seit längerem, dass der Filmemacher den taiwanesischen Bruce Li dem legendären Bruce Lee vorzieht. Das Programm ist darauf angelegt, dem Kinobesitzer selbst zu gefallen. Die eigenen Filme werden mit oder auch ohne Jubiläum an mehreren Tagen abgefeiert, Freunde wie Samuel L. Jackson bekommen zu ihrem Geburtstag ein Double Feature spendiert, Eli Roth darf an Halloween das eigene mediokere Werk in seiner Gesamtheit ausbreiten. Und da die Dreharbeiten zu „The Hateful Eight“, Tarantinos offiziell achtem Film, im Dezember beginnen werden, ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser Zustand so schnell ändern wird.
Quentins unheimliche Begegnung mit Außerirdischen
Schließlich war Tarantinos Intervention im eigenen Haus nicht von langer Hand geplant, sondern mehr eine Kurzschlussreaktion auf die allgemeine technologische Entwicklung. Das Schlüsselerlebnis passierte ihm diesen Mai auf den Filmfestspielen von Cannes. Der Regisseur war als Ehrengast geladen worden, um die feierliche Einführung zu 50 Jahre „Für eine Handvoll Dollar“ zu halten. Aber als sich Tarantino danach genüsslich in den Sitz fläzen und den Sergio Leone-Klassiker genießen wollte, traf ihn der Schlag. Der heiligste Tempel der Cinephilie, das Filmfestival von Cannes, zeigte den Film nicht in 35mm, sondern als digitale Kopie. Diese ignoranten Barbaren!

Eigentlich sah Tarantinos Lebensplan so aus, dass er noch mindestens zwei weitere Filme drehen wollte, um sich langsam aus Hollywood zu verabschieden. Dann würde er nur noch der spinöse Filmprofessor und Kinovorführer sein, als den er sich in seinem Vorruhestand immer schon gesehen hat. Er hätte zehn Filme beisammen. Eine schöne runde Zahl und ein einheitliches Werk von durchgängig hoher Qualität, auf das er mit vielleicht einmal hundert Lebensjahren stolz zurückblicken könnte. Aber nein, die Dekadenz greift gerade jetzt wild um sich. Kinos schaffen ihre 35mm-Projektoren ab und stellen ausschließlich auf digitale Projektion um. Und die letzten Firmen, die noch Zelluloidstreifen herstellen, schließen.

Dafür habe er nicht unterschrieben, als er mit dem Filmemachen begann, so Tarantino. Digitale Kinoprojektion ist für ihn nicht mehr als Fernsehen in der Öffentlichkeit. Und dafür bräuchte man sein Haus nicht zu verlassen. 35mm-Filmkopien dagegen haben Charakter. Ihre Artefakte bezeugen, dass sie gelebt haben. Ganz zu schweigen vom hypnotischen Flicker-Effekt und der poetisch-magischen Illusion, bewegte Bilder zu sehen. Das New Beverly Cinema, das er lange Zeit finanziell unterstützte und das er kaufte, als der Besitzer verstarb, soll jetzt zu einem Bollwerk gegen die digitale Projektion werden.

Ausschließlich 35mm- bzw. 16mm-Kopien sind erlaubt. Für einen bescheidenen Ticketpreis bekommt man am Abend ein Double Feature präsentiert. Dazu laufen coole, alte Werbungen, passende Trailer-Shows und Kurzfilme. Wahrscheinlich tut man dem Programm auch unrecht, wenn man es nur auf die Hauptfilme reduziert. Man müsste schon vor Ort sein, um das beurteilen zu können. Und schaut man etwas genauer hin, entdeckt man auch im Hauptprogramm die eine oder andere Perle, von der man bislang noch nichts gehört hat. Teilweise stehen die interessanten Empfehlungen auch gar nicht im Programm, sondern tauchen in Interview-Nebensätzen auf.
Das nicht ganz so stachelige Kindermädchen
Beispielsweise hat Tarantino der Deadline Hollywood-Journalistin Jen Yamato erzählt, dass er auch plane, samstägliche Kindervorstellungen für die nächste Generation zu veranstalten. Filme wie „Die Abenteuer der Familie Robinson in der Wildnis“ und „Der Mann in den Bergen“ sollen jungen Menschen den Spaß mit 35mm-Projektionen vermitteln. Welche Filme begeisterten den frühen Quentin und welche Werke hält er noch heute für ansehenswert? Tarantino, dessen Filme immer auch mit krasser Gewalt und Blutdurst assoziiert werden, erscheint in seinen Filmtipps immer dann am spannendsten, wenn diese am weitesten von den eigenen Werken entfernt liegen. Klein-Quentin sah mit seiner Mutter im Kino eben nicht nur Erwachsenenfilme wie „The Wild Bunch“ und „Die Kunst zu lieben“, sondern auch klassische Abenteuerstoffe, die für sein Alter bestimmt waren.

„Der Mann in den Bergen“ ist eine faszinierende Mischung aus atemberaubender Tierdoku und romantischer Aussteigergeschichte um einen Vater, der fälschlicherweise des Mordes bezichtigt wird und sich in die Wälder des amerikanischen Westens flüchtet. Es ist ein bisschen so, als ob Daniel Defoe einen wilden Stummfilm geschrieben hätte. Es gibt fast keinen Dialog, nur gelegentlich einen romanhaften Off-Kommentar. In der Figur des Vaters, des Grizzly Adams (Dan Haggerty), verbinden sich Ideale der Abenteuerlust mit der jugendlichen Herangehensweise, vor Problemen einfach davon zu laufen. Zehn Jahre schlägt sich Adams in den Wäldern durch, wird unter den Dorfbewohnern zu einer Legende. Sein bester Freund soll ein Braunbär sein, einen Indianer soll er vor einer Bergkatze gerettet haben. Es stimmt alles.
Das Unglaubliche ist, dass der Film das alles vor laufender Kamera und ohne doppelten Boden zeigt. Da sind teils lebensbedrohliche, teils spektakuläre, teils unwahrscheinlich intime Aufnahmen zwischen Mensch und Tier geglückt. „Der Mann in den Bergen“ ist ein märchenhafter Antizivilisationsreigen mit einer wundersam wehmütigen Stimmung.

Der andere angedachte 1970er-Jahre-Abenteuerfilm, „Die Abenteuer der Familie Robinson in der Wildnis“, folgt einer ähnlichen Fluchtbewegung in die Natur, auch wenn die Motive unterschiedlich sind. Die kleine Tochter der besagten Familie ist erkrankt – womöglich an der schlechten Stadtluft und dem allgegenwärtigen Stress. Also schmeißt der Familienvater seinen Baustellen-Job hin, packt seine unverschämt attraktive Ehefrau (Susan Damante) und die beiden Kinder und taucht ab. Tarantino hat eine erstaunliche hohe Trefferquote, was Filmtipps betrifft. Aber dieses Werk ging wohl vor allem dafür in die Filmgeschichte ein, dass nie häufiger die Tonangel unbeabsichtigt im Bild hing. Das ist seichtes, kitschig gemachtes Kinderkino mit schwülstigen Folk-Songs. Was die „Familie Robinson“ und „Der Mann in den Bergen“ verbindet, sind die wagemutigen Interaktionen zwischen Menschen und Tieren. Von Filmverrückten gedreht, die es damals einfach nicht besser wussten und ihren Hals riskierten.
Lang lebe Robin Williams!
Im tatsächlichen New Beverly-Programm fiel dagegen im ersten Monat vor allem das Robin Williams-Double Feature auf. Beide Titel suchte man vergebens in den endlosen Trauerbekundungen der letzte Zeit. Beide 1980er-Jahre-Filme sind ziemlich empfehlenswert. Paul Mazurskys „Moskau in New York“ ginge sogar glatt als Meisterwerk durch. „Rocket Man – Der Beste aller Zeiten“ von Roger Spottiswoode („Monster im Nachtexpress“) ist eine wundervoll leichte, comichafte Football-Komödie in der Slapstick-Tradition eines Frank Tashlin. Der Film erinnert an eine Zeit, als man noch unbekümmert „Mr. Baseball“, „American Wildcats“ und „Weiße Jungs bringen’s nicht“ heiß und innig liebte und keine Ahnung hatte, wer eigentlich dieser Eric Rohmer ist.

Die Amerikaner haben schon immer besser als die Europäer verstanden, dass beim Sportfilm nie das Spiel selbst im Vordergrund stehen darf, sondern es immer um das Drumherum geht. Darin liegen der Zauber und die Poesie verborgen. Robin Williams spielt in „Rocket Man“ einen gepeinigten Mann, der regelmäßig zu einer Prostituierten fährt. Nicht, um mit ihr zu schlafen, sondern um immer wieder sein großes Trauma durchzusprechen. Williams griff als junger Footballer unglücklich daneben, als ihn der Quarterback Kurt Russell im entscheidenden Spielzug gegen den Erzrivalen mustergültig bediente. Das Trauma, das sein gesamtes Umfeld – inklusive der Prostituierten, die für die Beichtstunde den doppelten Preis verlangt – zu Tode langweilt, ging damals auch auf die kalifornische Kleinstadt über, dessen Namen man deswegen bis heute noch nie gehört hat. Wie der junge, vor Energie zerberstende Williams die eigenen Dämonen niederringt, das alte Team zusammentrommelt und die ganze Stadt für das Wiederholungsspiel motiviert, ist in seinen screwballhaften Dialogen und mit unzähligen tollen Nebenfiguren wundervoll anzuschauen.

Das Werk des New Hollywood-Regisseurs Paul Mazursky gehört bekanntlich nicht gerade zu Tarantinos Neuentdeckungen. Der Filmtitel „Moskau in New York“ tauchte allerdings zum allerersten Mal in diesem New Beverly-Oktober-Programm auf. Und was für ein wunderschöner Film das ist. Pauline Kael hat darüber bereits alles in „State of the Art“ geschrieben. Die Geschichte ist zweigeteilt: Lange, sehr atmosphärische Sequenzen, die Robin Williams als russischen Jazzspieler in Moskau zeigen, das Mazursky am Geiselgasteig auf dem Bavaria-Gelände hat aufbauen lassen. Auf den Spuren Ernst Lubitschs wandelnd, der Europa für Hollywood vielleicht am liebevollsten neu erfand, zeigt Mazursky elendig lange Schlangen um Häuserblocks, wo hauptsächlich für Toilettenpapier angestanden wird. In Williams‘ Liebesnest ist der Kühlschrank randvoll mit Wodka-Flaschen gefüllt.

Und eigentlich ist seine Figur im Kommunismus gar nicht so unglücklich. Er hat eine vollbusige Freundin und wohnt mit seiner Familie in einer bescheidenen Unterkunft. Umso überraschender gestaltet sich sein Ausflug nach Amerika. Der Moskauer Zirkus ist zu einem Gastspiel in New York eingeladen worden. Und er, der in der Zirkus-Band spielt, nutzt die Gunst der Stunde in Bloemingdale’s, um zu türmen. Was Mazursky dann zeigt, ist für einen 1980er-Jahre-Hollywood-Film inspirierend ausgeglichen in der Bewertung der unterschiedlichen politischen Systeme. Ja, in Moskau wird man bespitzelt, unter Druck gesetzt und im schlimmsten Fall auch weggesperrt. In New York bricht Williams aber gleich zu Beginn angesichts der schieren Kaffee-Auswahlmöglichkeiten zusammen. Es sind die Ärmsten der Armen, die ihm Asyl in ihrer winzigen Wohnung gewähren. Hier lauern keine KGB-Agenten, nur einfache, junge Männer mit kalten, leeren Augen, die ihn direkt vor der Haustür überfallen. Der Film macht erfahrbar, wie es wohl sein muss, wenn man sich gegen sein altes Leben entscheidet und irgendwo in der Fremde völlig neu anfängt.

Robin Williams ist ein Erlebnis. Nicht nur, dass man ihm den russischen Jazzspieler von der ersten Sekunde an abnimmt. Er leuchtet hier förmlich von innen. Seine Figur ist so sympathisch, weil Williams sie mit seiner tierischen Sexualität, seinen Zweifeln und den kleinen Freuden am Leben so menschlich zeichnet. „Moskau in New York“ ist die bislang schönste Entdeckung des New Beverly-Programms.
Man könnte natürlich noch über einige andere Entdeckungen schreiben. Zum Beispiel über den großen Unbekannten William Witney, den Tarantino schon ewig pusht, der dem geneigten Leser jetzt aber im Gewand einer Jules Verne-Verfilmung begegnet. „Robur – Der Herr der sieben Kontinente“ mit Vincent Price und Charles Bronson ist einen Blick wert. Und wenn man will, kann man gleich Witneys richtiges Meisterstück, „Der schwarze Mustang“, dran hängen.
George C. Scott hat mit „Die Rache ist mein“ einen abgrundtief melancholischen Debütfilm über Militärexperimente und die Folgen für die Zivilbevölkerung hingelegt, der unter die Haut geht. Und im November widmete Tarantino dem Italo-Star Guiliano Gemma das exotische Double Feature „Der feurige Pfeil der Rache“ und „Ben & Charlie“. Auch nicht gerade zwei Filme, die in der Vergangenheit sonderlich viel Liebe in Cineasten-Zirkeln genossen hätten. „Wenn Leute kommen, wäre das super. Wenn sie nicht auftauchen, scheiß auf sie!“, lautet das Credo des Hausherrn. Zumindest Negative Space konnte auf diese Weise bereits inspiriert werden.

Link: - New Beverly Cinema

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Donnerstag, 2. Oktober 2014
Tarantino spricht über New Beverly-Programm

Das nächste Bühnenstück? Aldrichs "Ardennen 1944"
Wer endlich einmal verstehen will, warum 35mm-Kopien den digitalen Kopien auf allen Ebenen so überlegen sind, der höre sich Quentin Tarantino an. Dieses Plädoyer muss verbreitet werden. Der Regisseur war in der Radiosendung "The Treatment" zu Gast bei Elvis Mitchell. Knapp eine halbe Stunde lang spricht er über die Magie des echten, flickernden Kinos, seine Programmauswahl im ersten Monat und was da noch kommen wird. Wer also wissen will, wer hinter Elvis Presley der attraktivste Schauspieler der Filmgeschichte ist, wie sich Roland Emmerich um die Bewahrung von Kopientechniken verdient gemacht hat und welche Kurzfilme vor dem Hauptprogramm laufen, hört bei "The Treatment" rein (am Ende des Artikels verlinkt). Wer allerdings schon wissen will, welche Filme Tarantino im November zeigt, schaut bei Amy Nicholsons L.A. Weekly-Artikel vorbei. Dort lässt sich Tarantino nämlich schon ein wenig in die Karten schauen: Ein Double Feature wird um den Themenkomplex Gefängnisgewalt kreisen. "Fortune and Men's Eyes" und "Short Eyes" beeinflussten in den 1970er-Jahren, laut Tarantino, die Darstellung von Gefängnissen im Kino. Diese beiden Filme sollen die bis dahin verharmlosende und ausblendende Filmsicht verändert haben, indem sie die schonungslose Gewalt und die sexuellen Übergriffe unter Mithäftlingen in aller Deutlichkeit zeigten.

Links: - The Treatment - L.A. Weekly

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Montag, 29. September 2014
Tarantinos komplettes Oktober-Programm im New Beverly Cinema

Aushang zum Glück © New Beverly
Da ist er, der erste komplette Tarantino-Monat im New Beverly Cinema in Los Angeles. Und wie es scheint, schon der vorletzte Monat, den Tarantino selbst programmieren wird, da jetzt die Dreharbeiten zu "The Hateful Eight" bereits Anfang Dezember beginnen sollen. In Zeiten von Copy & Paste noch fein säuberlich und in Kleinstarbeit vom verpixelten Aushang abgetippt. Spontan am meisten gefreut habe ich mich über William Witneys "Robur", den ich vor einiger Zeit auf gut Glück auf Anixe HD wegen der Besetzung (Vincent Price und Charles Bronson) aufgenommen hatte. William Witney, dessen Filmkarriere über sechzig Jahre währte, gehört zu den persönlichen und bislang immer noch exklusiven Schätzen Tarantinos. Am spannendsten sind wahrscheinlich aber eher die beiden unbekannteren Robin Williams-Filme und die Erkenntnis, dass George C. Scott einmal Regisseur war. Außerdem erstaunlich, wie viele Steve McQueen-Filme Tarantino den Monat über zeigen wird. Gerade nach dem wundervollen Niki Lauda-Biopic "Rush" im letzten Jahr hätte ich riesige Lust auf das Double Feature "Le Mans" und "Heiße Reifen, schöne Mädchen", eine von James Garner erzählte Doku über das Rennfahren.

01./02.10. (Paul Mazursky-Special)
BOB & CAROL & TED & ALICE
(Paul Mazursky, 1969)
BLUME IN LOVE
(Paul Mazursky, 1973)

03. - 08.10.
PULP FICTION
(Quentin Tarantino, 1994)
LEON - DER PROFI
(Luc Besson, 1994)

04.10. (Midnight)
NIKITA
(Luc Besson, 1990)

09./10.10. (Robin Williams-Tribute)
ROCKET MAN - DER BESTE ALLER ZEITEN
(Roger Spottiswoode, 1986)
MOSKAU IN NEW YORK
(Paul Mazursky, 1984)

12./13.10.
MOROCCO
(Josef von Sternberg, 1930)
HIS GIRL FRIDAY
(Howard Hawks, 1940)

14.10. (Grindhouse Tuesdays)
DIE TODESFAUST DES CHENG LI
(Wei Lo, 1971)
THE BIG BOSS PART II
(Chih Chen, 1976)

15./16.10.
LE MANS
(Lee H. Katzin, 1971)
HEISSE REIFEN, SCHÖNE MÄDCHEN
(Andy Sidaris, 1969)

17./18.10. (Lone Wolf and Cub-Special)
SHOGUN ASSASSIN
(Robert Houston, 1980)
LIGHTNING SWORDS OF DEATH
(Kenji Misumi, 1972)

18.10. (Midnight)
DRACULA BRAUCHT FRISCHES BLUT
(Alan Gibson, 1973)

19./20.10. (George C. Scott-Special)
RAGE
(George C. Scott, 1972)
THE SAVAGE IS LOOSE
(George C. Scott, 1974)

21.10. (Grindhouse Tuesdays)
TODESGRÜSSE AUS SHANGHAI
(Wei Lo, 1972)
TSCHANG FU - DER TODESHAMMER
(1976, Jimmy Shaw)

22./23.10. (Sam Peckinpah-Special)
THE GETAWAY
(Sam Peckinpah, 1972)
JUNIOR BONNER
(Sam Peckinpah, 1972)

24./25.10.
DAS DRECKIGE DUTZEND
(Robert Aldrich, 1967)

25.10. (Midnight)
DIE SIEBEN GOLDENEN VAMPIRE
(Roy Ward Baker & Chang Cheh, 1974)

26./27.10. (William Witney-Special)
ROBUR - DER HERR DER SIEBEN KONTINENTE
(William Witney, 1961)
DER SCHWARZE MUSTANG
(William Witney, 1956)

28.10. (Grindhouse Tuesdays)
ZWEI TÖDLICHE FÄUSTE IM SCHATTEN DER SCHLANGE
(Sum Cheung, 1979)
DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS
(Woo-ping Yuen, 1978)

29./30.10. (Steve McQueen-Special)
PAPILLON
(Franklin J. Schaffner, 1973)
EIN FEIND DES VOLKES
(George Schaefer, 1978)

31.10. (Eli Roth-Special)
CABIN FEVER
(Eli Roth, 2002)
HOSTEL
(Eli Roth, 2005)
HOSTEL: PART 2
(Eli Roth, 2007)

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Sonntag, 28. September 2014
24 Frame Da Vinci Quentin Tarantino zieht gegen Hollywood in 35mm-Krieg

Timothy Treadwell wäre stolz gewesen ("Der Mann in den Bergen")
Nun ist es also soweit: Die ersten Titel von Tarantinos eigenem New Beverly-Programm sind durchgesickert. Wie Jen Yamato für Deadline Hollywood berichtet, wird am Eröffnungstag, dem ersten Oktober, ein Paul Mazursky-Double-Feature auf dem Plan stehen. Neben der Flower-Power-Partnertausch-Komödie "Bob & Carol & Ted & Alice" läuft "Blume in Love". Letzterer ist vielleicht einer der schönsten Liebesfilme aller Zeiten. Eine hübsche Wahl also, auch wenn dieses spezielle Double Feature Tarantino-Aficionados nicht gänzlich unbekannt vorkommen wird. Zeigte der Regisseur bereits exakt die selben beiden Filme in seinem Geburtstagsmonat 2011. Sie sind als Hommage an den New Hollywood-Regisseur gedacht, der im Juni verstarb. Innerhalb der kommenden drei Monate darf man sich aber auf einige alte Bekannte einstellen, die Tarantino als Gäste ins Feld führen wird. Um Halloween herum will sich der Bärenjude Eli Roth mit noch unbekannten Horrorfilmen austoben. Und da auch Edgar Wright in den USA weilt - er war als Juror beim Fantastic Fest eingeladen -, wird man sicherlich da ebenso etwas auf die Beine stellen.

Tarantino behält auch die Tradition bei, die eigenen Filme regelmäßig abzufeiern. Eine ganze Woche will er etwa dem 20-jährigen Jubiläum von "Pulp Fiction" widmen, den er gemeinsam mit "Leon - der Profi" als Double Feature eingeplant hat. Deutlich spannender sind dagegen die ersten Matinee-Filmtitel, mit denen Tarantino die Heranwachsenden ködern und für 35mm-Kopien begeistern will. Der häufig auf seine Filmgewalt reduzierte Regisseur hatte eigentlich immer schon ein Herz für die nachmittäglichen Kindervorstellungen, wenn er sein QT-Film-Festival in Austin mit Max Fleischer-Zeichentrickfilmen und Jerry Lewis anreicherte. Unvergesslich war auch sein Abfeiern des australischen Kinderklassikers "BMX Bandits" mit einer blutjungen, noch rothaarigen Nicole Kidman, den er 2005, während des berüchtigten Ozploitation-Tages, präsentierte. "Die Abenteuer der Familie Robinson in der Wildnis" und "Der Mann in den Bergen", beides 1970er-Jahre-Abenteuerfilme, die schon den kleinen Quentin tief beeindruckt haben müssen, heißen die ersten beiden Kandidaten für diesen Oktober.

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