Sonntag, 7. Oktober 2018
Das Filmfest Hamburg 2018 – Von feurigen Schwestern und überforderten Männern
© Universal Pictures International | Twentieth Century Fox of Germany | Indie Sales
Das Filmfest Hamburg hat mit Werken wie „First Man“, „Roma“ und „The Favourite“ wieder frischeste Oscar-Ware geboten. Als Gesellschaftsspiegel offenbarte die Filmauswahl aber auch den sich verschiebenden Geschlechter-Fokus. Ein Rückblick von Michael Müller.

Das Jahrtausende währende Zeitalter des Mannes geht langsam, aber stetig zuende. Diesen Eindruck kann man auch gewinnen, wenn man auf dem diesjährigen Filmfest in Hamburg vom 27. September bis 6. Oktober unterwegs war. Die gesellschaftliche Wachablösung durch die Frau wird hier in all ihren Facetten dokumentiert, bestaunt, zelebriert und manchmal sogar ein wenig betrauert. Auch wenn lange noch nicht Regie-Quoten von 50 Prozent erreicht sind, erzählen erfreulicherweise viele der von der Hansestadt eingeladenen Filme von dem, was Frauen bewegt. Männer sind im Programm meist Stichwortgeber, Statisten, Lustobjekte, antiquiert oder von ihrem Aufgaben als neuer Typus Mann überfordert. Oder sie kommen in den Filmen gleich gar nicht mehr vor. Manchmal wird der machohafte Mann als Relikt einer vergangenen Zeit noch ausgestellt, wobei dieser Blick zumindest in einer Dokumentation eine wehmütige Seite hat.

Der alternde Sigmund Freud (Bruno Ganz) sagt über die Frauen in dem etwas reißbrettartigen, aber durchaus unterhaltsamen Film „Der Trafikant“, sie seien wie Zigarren: „Wenn man zu stark an ihnen zieht, entziehen sie sich dem Genuss.“ Der Film spielt in Wien zur Zeit des Anschlusses von Österreich durch Nazi-Deutschland. Der Trafikant Otto Trsnjek (Johannes Kirsch) verkauft in einem kleinen Eckladen hauptsächlich Zigarren und Tageszeitungen des gesamten politischen Spektrums. Für besondere Kunden greift er aber auch unter die Ladentheke, um „zärtliche Magazine“ in neutraler Verpackung anzubieten. Der Besitzer versteht sein Geschäft als Tempel des Genusses, der Lust und des Lasters, in dem Diskretion das oberste Gebot ist. Er sagt: „Wenn eine Zigarre schlecht ist, schmeckt sie nach Pferdemist. Wenn sie sehr gut ist, schmeckt sie wie die ganze Welt.“

Tatsächlich ist das Interessanteste am „Trafikanten“ weder der historische Hintergrund noch die Ladengepflogenheiten oder der pubertierende Dorfjunge Franz (Simon Morzé), der im Geschäft zu arbeiten beginnt und dabei den berühmten Psychologen Freud trifft – und sich in Liebesdingen beraten lässt. Es ist die böhmische Figur der Anezka (Emma Drogunova). Bekannt ist dieses Klischee einer Frau aus deutschen Filmklassikern wie „Ich denke oft an Piroschka“: ein ständig sexuell verfügbares Mädchen, das keinerlei Gegenleistung erwartet. Anezka mag zwar mit böhmischen Dialekt sprechen und den Dorfjungen „Burschi“ nennen. Aber diese Frau, die in eine tristen Hinterhofwohnung mit ihrer vielköpfigen Familie überlebt, nimmt sich genau das, was sie will. Sie weiß, wie das Schweinesystem funktioniert und was sie einbringen und opfern muss, um nicht in der Gosse zu landen oder zu verhungern.

Anezka (Emma Drogunova) weiß, was sie will | © Tobis Film GmbH
Abends tanzt sie im Nachtklub „Schwarzer Kater“ für die Winnetou-Leseratten als halbnackte Indianerin einen Fächertanz. Zwischendrin vernascht sie Franz mit dem schönen „Popperl“, der sein Monatsgehalt für sie im Biergarten und auf dem Rummel raushaut. Während der Junge ihr wie ein Hündchen hinterherläuft und sich dabei eher mittelgute Beziehungsratschläge bei Professor Freud abholt, arbeitet Anezka bereits wieder an einer besseren Zukunft für sich und ihre Familie. Etwas schade ist, dass ihrer Figur letztlich noch eine unsympathisch opportunistische Volte angeheftet wird. Aber ihr unbändiges Spiel trägt auf jeden Fall den Film, der immer etwas besser inszeniert und mit Original-Sets ausgestattet ist, als man sich das bei solch einer Produktion erwartet.
Gekonnter Griff in die Erdnussschale
Der argentinische Popstar Martina (Antonella Costa) besitzt eine etwas ins Stocken geratene Karriere. Hinzukommen seit längerem Probleme, sexuell erregt zu werden. In dem Film „Dry Martina“ reist deshalb die Titelheldin wegen fehlender Feuchtigkeit nach Chile. Dort macht sie sich auf die Suche nach dem wuschelhaarigen, braunäugigen One Night Stand, der in ihr längst vergessen geglaubte Gefühle wieder geweckt hat. Darum herum zimmert das Werk einen unmotivierten und umständlich erzählten Plot um neue Familienverbindungen zwischen Argentinien und Chile.

Ein weiblicher Fan von Martina (Dindi Jane) behauptet, ihre Schwester zu sein. Aber auch dieser Erzählfaden löst sich in Wohlgefallen auf. Eigentlich geht es in dieser lateinamerikanischen Mainstreamkomödie um die Lust der Frau. Es geht um ihren gelangweilten zielsicheren Handgriff in die Erdnussschale, wenn der Sex zu monoton abläuft. Und es geht um schwarze Fuck Buddys, die natürlich Hip Hop hören und Drogen verticken. „Dry Martina“ zeigt, dass eine spannende Thematik und zwei tolle Hauptdarstellerinnen nicht automatisch einen guten Film ausmachen.

Wie ein Dachs (Olivia Colman) | © Twentieth Century Fox of Germany
Die größte und spaßigste Frauenschau auf dem Festival, das im kommenden Jahr laut des Senators für Kultur und Medien, Carsten Brosda, eine „substantielle Erhöhung des Budgets“ erhalten soll, war Yorgos Lanthimos’ Werk „The Favourite“. Am Hofe der englischen Königin Anne (Pflicht-Oscarnominierung für Olivia Colman) des frühen 18. Jahrhunderts gibt es einen Wettstreit um die Gunst der Herrscherin. Lady Sarah (Rachel Weisz) ist der eigentliche Liebling der Königin. Die Position macht ihr aber in einen herrlich genussvoll inszenierten Intrigenspiel die Hofdame Abigail (Emma Stone) streitig. Etwas schade ist, dass das der erste Lanthimos-Film ist – das Drehbuch schrieben Deborah Davies und Tony McNamara –, der auf die surreal überspitzt weitergedachten Szenarien und wilden Ideen eines typischen Lanthimos verzichtet.

Dafür macht es viel Spaß, den drei Frauen beim sexuellen Machtspiel zuzuschauen. Männer wie der Oppositionsführer Harley (Nicholas Hoult) sind nur noch Bauern in einem Schachspiel, die es so elegant wie möglich zum eigenen Vorteil zu bewegen gilt. Oder sie dienen als Möglichkeit, den politischen Stand und die strategische Position mit einer Heirat zu verbessern. Dabei geht Lanthimos mit Kubrick'schen Fischaugen und Swift'scher Spitzfindigkeit der Frage nach, welches die wahre Liebe ist: Die Person, die einem immer nur das sagt, was man hören will oder der Mensch, der einen auch darauf hinweist, wenn man sich wie ein Dachs geschminkt hat.
Männer, Frauen & Kettensägen
Auch in dem Hollywood-Horrorfilm „Halloween“ geht es weniger um den Serienkiller Michael Myers, den Rob Zombie in seiner Version vor einigen Jahren küchenpsychologisch mit einer schwierigen Kindheit erklären wollte. David Gordon Green („Prince Avalanche“, „Pineapple Express“) legt den Fokus auf die Biografie von Laurie Strode (Jamie Lee Curtis). Die inzwischen ergraute Großmutter lebt immer noch in Angst vor Myers' Rückkehr in einem hochgerüsteten Sicherheitshaus. Ihre Tochter trainierte sie schon in jüngsten Jahren zur Selbstverteidigung. Das brachte ihr zwei Scheidungen und eine zerrüttete Beziehung mit dem Kind ein. Aber wie wir schon seit Carol J. Clovers Filmbuch-Klassiker „Men, Women & Chain Saws“ wissen, handelt es sich beim Boogeyman eigentlich um eine Verkörperung der weiblichen Defloration-Angst. Man wünscht Curtis einfach die Wiederbegnung mit ihrem Schatten, zumal John Carpenter aufregende neue Score-Elemente in den klassischen Synthesizer-Soundtrack eingebaut hat.

In zwei voneinander getrennten Filmen erzählt das sehenswerte kanadisch-israelische Dokumentationsprojekt „In the Desert“ vom Leben arabischer und jüdischer Bauern am selben Berg im Westjordanland. Das rückständige Rollenverständnis von Frau und Mann in der arabischen Familie steht im starken Kontrast zu sonstigen Schilderungen auf dem Filmfestival. Hier putzen, kochen, pflanzen, backen und ackern noch die Erst- und Zweitfrau des Patriarchen, bis sie vor Erschöpfung umfallen. Während sich das Familienoberhaupt im Zelt Tee und Baklava reichen lässt und zur Arbeit nach Israel reist.

Im Alltag dieser Araber spielt der Staat Israel oder Premierminister Benjamin Netanjahu eine extrem untergeordnete Rolle, obwohl die Ernte in einem Gebiet angebaut wird, wo israelische Militärübungen stattfinden. Es geht in der Familie vor allem um Konfliktthemen wie die Entscheidung, in diese Einöde gezogen zu sein, besseres Wohnen, Fernsehempfang, den Neid zwischen den unterschiedlichen Familienzweigen und die richtige Methode, ein Schaf zu melken und Käse in einem Tiermagen herzustellen. Das ist angenehm wertfrei von den Kameras eingefangen und manchmal so nah an seinen Protagonisten dran, dass es wehtut und peinlich berührt.

„Schönstes Paar“: Luise Heyer & Maximilian Brückner | © One Two Films
Die neu ins Leben gerufene deutsche Reihe Große Freiheit sorgte zum Start auf dem Filmfest für keine Schlagzeilen. Dafür war die Auswahl mit nur sechs Filmen zu bescheiden; es gab keine Weltpremiere im Aufgebot; stattdessen zum Beispiel Filme aus dem Januar in Rotterdam wie „Ella & Nell“. In diesem Roadtrip sind Männer ganz abwesend. Zwei ehemalige Schulfreundinnen machen einen gemeinsamen Waldausflug. Die Bilder sind lyrisch, die Dialoge improvisiert. Wer noch nicht Kelly Reichardts „Old Joy“ gesehen hat, wird das auch originell finden. Nur, dass hier die Themen deutschlandtypisch um Esoterik und Kücheneinrichtungen kreisen.
Rape & Revenge in Berlin Mitte
Gewinner der neuen Sektion war Sven Taddickens Film „Das schönste Paar“, der seine Weltpremiere in Toronto gefeiert hatte. Es ist ein ziemlich involvierendes Rape & Revenge Movie mit einem Berlin-Mitte-Lehrerpärchen, bei dem das eigentliche Rachemotiv scheinbar wegtherapiert wurde. Aber die Decke der menschlichen Sozialisation ist eben nicht sonderlich dick. Während die vergewaltigte Liv (Luise Heyer) nach der Therapie eine Art Frieden mit der Situation geschlossen hat, zeigt Taddicken ihren Freund Malte (Maximilian Brückner), der an den heutigen Normen der Versöhnung und des Ausgleichs zu zerbrechen droht, als der Peiniger wieder auftaucht. „Du hättest Eier zeigen können, wenn du es einfach vergessen hättest“, lautet Livs Vorwurf an den nach Rache dürstenden Malte.

Die extrem sehenswerte Dokumentation „M“ ist nach seinem Protagonisten Menachem Lang benannt. Der wurde in seiner ultra-orthodoxen Gemeinde in Bnei Brak bei Tel Aviv als Kind und Jugendlicher von verschiedenen Rabbinern sexuell missbraucht. Frauen sind in dieser Reise in die düstere Vergangenheit weitgehend als Protagonisten abwesend. Es gibt die französische Regisseurin des Films, Yolande Zauberman, die sich immer mal wieder lakonisch in den Off-Kommentar einschaltet. Aber eigentlich ist das eine Männerangelegenheit, bei der Menachem in die Nachbarschaft und auf den Friedhof zurückkehrt, wo er vergewaltigt wurde. Es dauert nicht lange bis sich in der Nacht dort weitere Opfer und Täter einfinden. In den bewusst unscharfen Bildern spiegeln sich die puren Emotionen und eine Dringlichkeit, diese Geschichte erzählen zu müssen. Der Titel ist auch als Reminiszenz an den Weimarer Tonfilm-Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gedacht, wo es ebenso um einen Kinderschänder geht.

Der französische Film „Little Tickles“ beschäftigt sich auch mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs. Die eigentlich unerträglichen Übergriffe gegenüber der achtjährigen Odette durch einen Freund der Eltern werden erzählerisch aufgebrochen: Denn die Geschichte schildert die erwachsene Odette ihrer Therapeutin, die zusammen die Erinnerungen kommentieren, auseinandernehmen und stoppen, wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist. Das kreative und mutige Konzept trägt „Little Tickles“, der aber in seiner subjektiven Schuldzuweisung gegenüber Odettes Mutter jegliche Differenziertheit vermissen lässt.

„Roma“: Auf den Spuren von Fellini | © Netflix
In Alfonso Cuaróns schwarzweißem Oscarkandidaten „Roma“, den das Filmfest dank Netflix auf der großen Leinwand zeigen durfte, sind die Männer im Mexiko der 1970er-Jahre die Nebenfiguren: Das indigene Hausmädchen wird von ihrem Lover noch in der Kinovorstellung des französischen Komödienklassikers „Drei Bruchpiloten in Paris“ verlassen, als er davon hört, dass sie schwanger ist. Das Familenoberhaupt der gut situierten Familie wiederum, um deren Alltag sich das Dienstmädchen kümmert, zelebriert seine tägliche Ankunft mit dem Auto wie ein König. Dabei läuft er letzlich über Hundescheiße und stößt in der zu engen Garage mit dem Außenspiegel an. Die eigene Wahrnehmung und die Realität passen schon in der damaligen Filmrealität nicht so recht zusammen.

Das Filmfest Hamburg bot viele weibliche Coming-of-Age-Geschichten. Die besten zwei immer wieder gespielten Songs hatte wohl der unebene kanadische Salinger-Epigone „Genesis“. Die beste Songszene bot der chilenische Film „Too Late to Die Young“: Die Protagonistin singt leidenschaftlich mit ihrer Ziehharmonika auf der Bühne der im Wald zurückgezogen lebenden Kommune den Song „Eternal Flame“. Darüber geblendet sind Bilder von ihrer Motorradfahrt mit dem älteren Lover, der ihre Liebe nicht so erwidert, wie sie sich das vorgestellt hat. Die spanisch- und portugiesischsprachige Sektion Vitrina gehörte wegen ihres Mutes zum Experimentieren zu den attraktivsten Reihen in Hamburg. Sektionsleiter Roger Alan Kozer war bei einer seiner Einleitungen euphorisiert, dass er sogar Cuarón an die Elbe lotsen konnte. Er trauerte nur etwas der verpassten Chance nach, nicht den neuen Film von Carlos Reygadas („Our Time“) bekommen zu haben, obwohl er persönlich mit dem Mexikaner befreundet ist.
Körper werden zu Landschaften
In dem expliziten und wilden chilenischen Roadtrip „Die feurigen Schwestern“, der eines der am meisten nachwirkenden Werke des Filmfests war, haben Frauen sich eine ideale Welt ohne Männer geschaffen. Das andere Geschlecht kommt nur noch als Aggressor vor, aus dessen gewalttätigen Fängen die Frauen befreit werden müssen. Akzeptiert sind in diesem Liebesreigen Transgender-Menschen. Dildos in jeglicher Ausprägung erinnern an das männliche Geschlecht, das in dieser Utopie nicht mehr gebraucht wird. Die nackten Körper der Frauen werden hier zu epischen Landschaften, die ihren leidenschaftlichen Befreiungskampf widerspiegeln. In einem halb legalen Trailer wurde diese Reise der Lust mit dem Deborah-Thema der Claudia Cardinale aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ angekündigt. Es sind Outlaws der Liebe, die gegen gesellschaftliche Traditionen mit Körpereinsatz in einer Kirche, in Hotelzimmern und in einer Finca rebellieren, wo scheinbar alle chilenischen It-Girls der LGBT-Community zusammengekommen sind – und sich an alternativen Lebensweisen ausprobieren.

„Dogman“ Marcello Fonte | © Alamode Filmdistribution
Männer waren in den Kinos des Hamburger Filmfests vor allem überfordert: Besonders der alleinerziehende oder geschiedene Patchwork-Daddy stand im Fokus. In Erinnerung bleiben werden der koreanische Dichter, der in Hong Sangsoos Film „Hotel by the River“ auf Einladung des Besitzers kostenlos im Hotel Heimat eingecheckt hat. In schwarzweißen Schneebildern und mit dem üblichen feuchten Umtrunk in Gesellschaft seiner beiden erwachsenen Söhne erzählt der Film von der Kluft zwischen Mann und Frau – und wie der Graben in einer Ehe gleich noch viel größer wird. Der Vater, der getrennt von seiner Frau lebt, weiß seinen Kindern auch nicht mehr mitzugeben, als zwei hastig zusammen gesuchte Stofftiere, die so gar keine Ähnlichkeit mit ihren menschlichen Äquivalenten haben.
Dunkle Seite des Herzens
Besser ist die Beziehung in Garrones Film „Dogman“ zwischen dem Hundesitter Marcello (Darstellerpreis in Cannes: Marcello Fonte) und seiner kleinen Tochter, die sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal nicht in Italien Urlaub zu machen. Angesichts der Tatsache, dass den Hundemann das Schicksal weder mit Aussehen noch Verstand reich gesegnet hat, ist die Fürsorge und Liebe aber vorbildlich, die er seinem Kind angedeihen lässt. Aber der geschiedene Marcello hat auch eine dunklere Seite in seinem Herzen, die nach einem aufregenderen und besseren Leben giert, was ihm in der Beziehung mit einem ultrabrutalen Gangster zum Verhängnis wird.

Den wahrscheinlich doch beste, weil mitreißendste Film über einen alleinerziehenden Vater haben die Israelis gedreht: „Geula“ feierte seine Weltpremiere in Karlovy Vary und gewann den Publikumspreis in Jerusalem. Der Film erzählt von Menachem (Moshe Folkenflik), dessen Tochter zum Überleben eine experimentelle und teure Chemotherapie braucht. Der ultra-orthodoxe Jude war früher Sänger in einer Rockband. Um an das Geld für die Behandlung zu kommen, trommelt er die alte Gang wieder zusammen, um auf Hochzeiten abzuliefern. Ganz simpel, aber einfühlsam und zärtlich schildern die Filmemacher Joseph Madmony und Boaz Yehonatan Yakov den moralischen Konflikt, wie ein strengreligiöser Witwer wieder zurück ins Leben drängt – sei es auf der kleinen Bühne oder auf dem Beziehungsmarkt.

„Nice Girls Don't Stay for Breakfast“ | © Little Bear Inc.
Der vielleicht prächtigste Hamburger Filmtempel, das Passage-Kino, war am Tag der Deutschen Einheit ein würdiger Ort für die Festivalpremiere der Dokumentation „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“. Das Interview-Dokument über den Hollywoodschauspieler Robert Mitchum zeigt ihn als Relikt einer vergangenen Zeit. Der berühmte Modefotograf Bruce Weber hatte ihn bereits in den 1990er-Jahren mit der Unterstützung von Supermodels interviewt. Dann verstarb aber Mitchum und Weber verließ die Lust, das Material zu veröffentlichen. Es ist ein beeindruckendes, locker-leichtes und sehr unterhaltsames Zeitdokument, das er mit selbst eingesungenen Songs des Hollywood-Beau garniert hat.

Mitchum wurde berühmt und von Cineasten vergöttert, weil er scheinbar mühelos der Schauspieler mit nur einem Gesichtsausdruck war, der aber in jeder Situation passte. Tatsächlich war seine unterkühlte und minimalistische Art zu spielen dann das Vorbild für die nächsten Generationen von Schauspielern, von denen Regisseur Weber auch einige vor die Kamera bekommen hat: Clint Eastwood schweigt, Johnny Depp öffnet sich, Benicio del Toro schwärmt und Danny Trejo stellt heraus, wie sich Mitchum für die Haftbedingungen in amerikanischen Gefängnissen eingesetzt hat. Noch schönere Geschichten erzählen Frauen wie Polly Bergen („Ein Köder für die Bestie“) vor der Kamera, die eine ganz andere, geheime Seite Mitchums offenbaren.
Jungssachen machen
Diese Erlebnisse stehen im Kontrast zu der machohaften Persona, die Mitchum auch vor Webers Kamera aufrecht erhält und mit sexistischen Sprüchen unterstreicht, die heute Karrieren beenden würden. Man kann sich aber auch durch die zahlreichen wunderschönen Szenen aus Mitchums Filmen des Eindrucks nicht erwehren, dass „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“ nicht nur eine Hommage sein sollte, sondern auch einen wehmütigen Abgesang auf einen antiquierten Typus Mann anstimmt, der aus der Welt verschwindet.

Der Weltraumpilot Neil Armstrong (Ryan Gosling) in Damien Chazelles neuem Film „First Man“ ist auch ein aus der Zeit gefallener Typus Mann: Er ist ein großer Schweiger und Profi, der Taten sprechen lässt. Hollywoodlegenden wie Raoul Walsh und Howark Hawks hätte dieser Protagonist gefallen. Er ist ein Mann, der nicht über den Tod seiner kleinen Tochter sprechen kann. Das vermeintlich letzte Gespräch mit seinen Söhnen will er am liebsten als unpersönliche Pressekonferenz gestalten, bevor er zum Mond aufbricht. Einmal bezeichnet seine Ehefrau Janet (Claire Foy) das Raketenprogramm der NASA aus Angst, ihren Mann zu verlieren, als gigantisches Kinderspiel von nicht erwachsen werden wollenden Jungen. Aber was für ein rauschhaftes, bombastisches und cineastisches Kinderspiel hat Chazelle daraus inszeniert. Das ist Kino. Das ist ein Kinderspiel, bei dem die Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur die sowjetische Gegenseite im Blick hatten. Die Mondlandung sowie der Film „First Man“ sind Stoffe, aus denen die Träume der zukünftigen Generation gewoben werden.

Links: - Negative-Space-Preise 2018, - Filmfest-Podcast 2017

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