Freitag, 20. Juli 2018
Ist Venedig das neue Cannes?

The Right Stuff: Damien Chazelles Mondlandefilm „The First Man“

Damien Chazelles Oscarkandidat „The First Man“ eröffnet Venedig. Läuft das Festival am Lido dem übergroßen Cannes langsam aber sicher den Rang ab? Für Hollywood ist die Antwort klar.

Die Antwort auf die Frage, ob Venedig das Filmfestival in Cannes als wichtigsten Ort des Filmkalenders ablösen kann, wird nicht in diesem Jahr beantwortet. Für diesen Paradigmenwechsel braucht es die Überprüfung diverser Jahrgänge. Aber wenn Venedig-Chef Alberto Barbera am 25. Juli den internationale Wettbewerb bekannt geben wird, schaut die Filmwelt ganz genau auf die Mostra.

Cannes hat in den vergangenen Jahren einen schlechten Ruf bei den Hollywoodproduktionen bekommen. Bei den Franzosen sei es zu schwierig und kritisch, heißt es. Deswegen wurden dieses Jahr auch die Pressevorführungen parallel zu den Galapremieren angesetzt, um den schlechten Buzz etwas einfangen zu können. Auch ist der Weg vom Mai bis zur Oscar Season ein langer: Es ist im schnelllebigen Internetzeitalter eine Herausforderung, die Aufmerksamkeit über diverse Monate hochzuhalten, bis es überhaupt losgeht.
Eine unfassbare Serie
Das Venedig-Festival Ende August dagegen ist der optimale Startpunkt für Oscarkampagnen: Seit im Jahr 2013 „Gravity“ von hier aus durchmarschiert ist, folgten Filme wie „Birdman“, „Spotlight“, „La La Land“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „The Shape of Water“. Das ist eine unfassbare Serie. Dazu sind die Filmemacher treu und kommen auch noch wieder. Wie zum Beispiel ein Damien Chazelle, der mit seinem Armstrong-Biopic „First Man“ nun Eröffnungsfilm in Venedig ist.

In Venedig tummelte sich bisher überwiegend die milde Trade Press, dazu ein paar Briten und Deutsche. Kein Vergleich mit dem kritischen Presseaufkommen in Cannes, wo jedes Jahr Kritiker aus aller Welt mindestens eine cineastische Revolution erwarten. Der Venedig-Wettbewerb ist in der qualitativen Breite weiter von Cannes entfernt. Da kann sogar die Berlinale mithalten. Aber nichts ist glamouröser als Hollywoodstars und Oscar Buzz.

Das jahrzehntelang übermächtige Cannes macht dazu Fehler. Sein Leiter Thierry Frémaux verkrachte sich zum Beispiel im April mit dem Streaming-Riesen Netflix. So verlor er Alfonso Cuarons „Roma“, Paul Greengrass' „Norway“ und Orson Welles' „The Other Side of the Wind“ an den Herbst – und höchstwahrscheinlich auch an Venedig.

Wobei die Mostra auch nicht alles kriegt: Claire Denis' neuer Film „High Life“ mit Robert Pattinson und Juliette Binoche wird seine Weltpremiere in San Sebastian feiern. Das New Yorker Filmfestival hat bestätigt, dass „Roma“ bei sich als Centerpiece laufen wird. Was natürlich nicht bedeutet, dass nicht noch eine Weltpremiere in Venedig drin ist.
Wasser läuft im Munde zusammen
Aber analysiert man Nick Vivarellis Vorhersagen für Venedig in Variety, läuft einem als Filmjournalisten das Wasser im Munde zusammen. Gut, viele der Filme gibt es wenige Tage später auch regulär im Kino anzusehen – oder sie werden fast zeitgleich in Telluride und Toronto gezeigt. Aber was für eine attraktive Liste könnte das dieses Jahr sein, die übrigens Negative Space zu großen Teilen bereits im Mai prophezeit hatte: Luca Guadagninos „Suspiria“, Jacques Audiards „The Sisters Brothers“, Felix Van Groeningens „Beautiful Boy“ mit Timothée Chalamet, die genannten „Roma“ und „Norway“, Yorgos Lanthimos' „The Favourite“, „A Star Is Born“ mit Bradley Cooper und Lady Gaga, Mike Leighs „Peterloo“ und Laszlo Nemes' „Sunset“.

Auch in der Verlosung bleibt Harmony Korines „The Beach Bum“, denn „Spring Breakers“ startete seine Welteroberung 2012 aus Venedig. Die Filmwelt hält ebenso Ausschau nach Terrence Malicks „Radegund“, Mia Hansen-Løves „Maya“und Olivier Assayas' „Doubles vies“. Für Festivalbeobachter sind das aktuell spannende Zeiten. Viel ist in Bewegung. Lange gehegte und gepflegte Strukturen brechen nach und nach auf.

Die Streaming-Plattformen sind unberechenbare Player im Spiel geworden. Denen geht es um Aufmerksamkeit und Prestige. Cannes schwächelt und erfindet sich zum Teil auch in diesem Jahr ein Stück weit neu. Das geht zu Kosten der Popularität, freut aber die Cineasten. Venedig wird ein immer größeres schwarzes Loch, das alles verschlingt, was auch nur im Entferntesten oscarwürdig erscheint. Und die Berlinale stellt sich 2020 auch völlig neu auf.

Links: - Variety | - Screen Talk | - Was nicht in Cannes läuft

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