Montag, 20. Februar 2012
Filmkritikerpreise 2012
Goldener Bär für den besten Kritiker:

Katja Nicodemus

Ganz einmal davon abgesehen, dass sie höchst lesbare, intellektuell stimulierende, extrem kompetente und einfach den Spaß am Medium vermittelnde Filmkritiken für die Zeit schreibt, ist Katja Nicodemus in den letzten Jahren vor allem in meinen Fokus gerückt, weil sie das Programm der Berlinale gegenüber den unzähligen Angreifern aufrecht und tapfer verteidigt hat. Und jetzt erntet sie als Dieter Kosslick-Anwältin die Früchte. Eine Schande ist nur, dass sie zu dieser Berlinale dank wöchentlicher Vorgabe der Zeit nur so wenig, nämlich genau zwei größere Artikel, zu schreiben hatte. Immerhin gab es sie noch ein paar Mal in Bestform im D-Radio Kultur und natürlich als Live-Expertin der finalen Preisverleihung, wo sie ihre Enttäuschung über die Juryentscheidungen kaum verstecken mochte.

Silberner Bär für den größten Sprung:

Guy Lodge

Der junge Brite des ehemals unabhängigen Oscarblogs InContention, der anfangs vor allem immer durch katastrophale Telefonleitungen in den ansonsten sehr hörenswerten Podcasts auffiel, hat sich wirklich gemacht. Und damit meine ich nicht, dass er mittlerweile am Ende des Jahres seine Bestenliste bei der Sight & Sound einreichen darf und jetzt gelegentlich Kritiken für Variety schreibt, sondern vor allem, dass seine Worte durch kontinuierliche Festivalberichterstattung und ständig gewachsene Kompetenz deutlich an Gewicht zugelegt haben. Normalerweise kennt man eher den umgekehrten Weg: den des marktschreierischen, pöbelnden Bloggers, der den angestammten Kräften ans Bein pissen will, aber nach gut einem Jahr die Geduld verliert und das Schreiben einstellt. Guy Lodge ist das Paradebeispiel für eine durch und durch positive Entwickung.

Silberner Bär für die fachkundigste Pauschaltouristin:

Stephanie Zacharek

Eigentlich nur als filmkritische Lehrmeisterin für den Talentcampus eingeflogen, zog sich das Julianne Moore-Lookalike nebenbei so viele Filme wie möglich rein. Ein kluges Kind! Noch viel klüger waren nur ihre herrlichen Postkarten etwa über die Wiederauferstehung von Gillian Anderson und die erotischen Qualitäten von religiösen Hindernissen für Movieline. Sie machte die Filmseite, die ich ursprünglich nicht mehr vorhatte, zu frequentieren, nachdem sie meinen Liebling Elvis Mitchell gefeuert hatte, kurzfristig wieder hoffähig und lesenswert.

Silberner Bär für die Meister-Twitterer (ex aequo):

David Jenkins, Geoff Andrew, Nick James & Guy Lodge

Regelmäßige postende deutschsprachige Filmkritiker sind eine echte Seltenheit. Der Österreicher Dominik Kamalzadeh vom Standard war eine geschätzte Ausnahme. Nein, es waren vor allem die Briten, die den interessierten Follower unmittelbar am Meinungsbildungsprozess teilhaben ließen. David Jenkins von TimeOut London war meines Wissens, nach sehr anregenden Twittert-Sessions aus Cannes und Venedig, das erste Mal auf der Berlinale dabei und enttäuschte nicht. Guy Lodge von HitFix ist inzwischen so ungefähr der König der Kurzkritik unter 140 Zeichen geworden. Aber auch die Macher der filmwissenschaftlichen Bastion Sight & Sound verstehen sich aufs Vortrefflichste im Buzzen. Ihre Tweets sind so durchdacht, dass sie auf diese oder sehr ähnliche Weise später wieder in Blogeinträgen und Kritiken auftauchen. Als Runners-Up zu nennen wären Tim Robey vom Daily Telegraph und Eric Kohn von indieWIRE, die hauptsächlich aus ästhetischen Gründen nicht unter den Preisträgern stehen, weil zwei fettgedruckte Zeilen einfach scheiße aussehen.

Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven in der Trade-Press:

Hollywood Reporter-Staff

Die sich hinter einer Paywall verschanzt habenden Kräfte der Variety konnte ich auch dieses Jahr nicht überprüfen. Aber ich muss sagen, dass diejenigen, die den großen Götzen wie Kirk Honeycutt, Peter Brunette, Ray Bennett oder Todd McCarthy nachgefolgt sind, ihren Job auf der diesjährigen Berlinale ziemlich ausgezeichnet gemacht haben. Wenn man dagegen einen Kritiker vom alten Schlag hält, wie den Asienexperten Derek Elley, der sich bei Film Business Asia die Finger wund geschrieben hat, um auch ja alle Wettbewerbsfilme als Kunstmüll zu diffamieren, kann ich mich einer gewissen heimlichen Freude nicht erwehren, dass jetzt andere am Ruder sind. So sehr ich Elley schätze - einen Großteil meiner Asientipps erhalte ich exklusiv von ihm -, so wenig geeignet erscheint er mir für ein Festival wie die Berlinale zu sein. Seine Welt sind die Kommerzprodukte und das Genrekino. Aber man hatte nie das Gefühl, dass er open-minded durch den Arthouse-Dschungel tapst. Wenn man dagegen einen Lee Marshall von "Caesar Must Die" schwärmen hört oder sieht, wie sich ein David Rooney auf Hans-Christian Schmids ansonsten nicht gerade euophorisch in Empfang genommenes Familiendrama "Was bleibt" eingelassen hat, ist der Paradigmenwechsel deutlich zu spüren. Ok, Lee Marshall schreibt gar nicht beim Hollywood Reporter, sondern bei Screen Daily. Und das will auch was heißen. Letztlich war von der Trade-Press Marshall mit seiner Hyme auf "Postcards from the Zoo" oder der Entdeckung der banksyesken russischen Doku "Tomorrow" sogar mein absoluter Liebling.

Rostiger Bär für den schlechtesten Filmblog:

epd-Film

Ich habe ja nicht jeden einzelnen Filmblog zur Berlinale gelesen. Aber der Blog von epd-Film war schon herausragend schlecht. Das hatte unter anderem auch mit der schwerwiegenderen Erkältung des netten Kultfilmers und Monsterbuch-Autors Jörg Buttgereit zu tun. Aber was da für Unwitziges, Verspätetes und weit am Thema Vorbeizielendes gesammelt wurde, suchte dieses Jahr seinesgleichen.

Hölzerner Bär für die größte Enttäuschung:

Rüdiger Suchsland

In den letzten Jahren war Rüdiger Suchsland immer schon spät dran, seine Texte, die er für die unterschiedlichsten Publikationen tippte, bei Artechock online zu stellen. Dieses Jahr schwieg er dann plötzlich durchgehend. Das mag krankheitsbedingt gewesen sein oder andere gewichtige Gründe gehabt haben. Es tröstet mich indes nicht über die riesige Enttäuschung hinweg, seine Meinung zum erstmals umfeierten Wettbewerb zu verpassen. Auch war die Perspektive Deutsches Kino ohne Suchsland mit der Ausnahme der Rollbrett-Doku "This Ain't California" völlig verwaist. Ohne Suchslands kompetentes Nörgeln und freudiges Entdecken macht das Ganze einfach nur halb so viel Spaß.

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