Donnerstag, 29. August 2019
Mit „Marriage Story“ befreit sich Baumbach endgültig vom Woody-Allen-Epigonen-Image

Scarlett Johansson und Adam Driver mit Stöpsel | © Netflix
Will man einem Paar zwei Stunden bei der Scheidung zusehen? Unendlich gerne, wenn es so erzählt wird wie in Noah Baumbachs „Marriage Story“.

Der Einfluss von Woody Allen auf das Werk des New Yorker Regisseurs Noah Baumbach ist unübersehbar. Mit seinem Netflix-Film „Marriage Story“ wagt sich Baumbach auch noch zusätzlich an Allens Lieblingsregisseur Ingmar Bergman – insbesondere an „Szenen einer Ehe“, der sogar namentlich im Film referenziert wird. Baumbach war immer dann am besten, wenn sich seine neurotischen Künstlerfiguren von Allen lösten und die eigene Biografie stärker durchschimmerte. Klar, erinnert der klassische Score an „Manhattan“. Ein Dialogfilm über ein Pärchen in New York kann nicht nicht an Woody Allen erinnern. Aber Baumbach emanzipiert sich hier ein weiteres Stück und findet immer mehr den eigenen Ton.

Nun steht die Beziehung zur Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig bei Baumbach in der Realität nicht so auf der Kippe, wie die Beziehung zwischen Adam Driver und Scarlett Johansson andeutet. Tatsächlich haben sie gerade ihr erstes gemeinsames Kind bekommen. Aber in Driver, der einen talentierten New Yorker Theaterregisseur spielt und Johansson, die als Schauspielerin davon träumt, selbst einmal Regie zu führen, sind die Parallelen zum echten Leben greifbar.

„Marriage Story“ braucht etwas, um in Fahrt zu kommen. Er nimmt sich bei mehr als zwei Stunden Laufzeit zurecht seinen Raum. Zuerst erscheinen die Konflikte des immer noch jungen Paares marginal. Umso länger der Zuschauer aber Johanssons Figur und ihren Gedanken folgt, fragt man sich, wie sie in der Beziehung so lange bis hier hin durchgehalten hat. Baumbach widmet sich beiden Perspektiven ausgiebig. Zuerst mehr der Frau, später dem Mann. Es sind vor allem die Kleinigkeiten, die sich zu großen Problemen auswachsen. In einer Welt, in der sich jeder selbst verwirklichen will, bleibt das Gegenüber schon mittelfristig immer auf der Strecke. Das angekratzte Miteinander gerade auch mit ihrem kleinen Jungen zeigt der Film trotz der Konflikte vielleicht auch deshalb geradezu zärtlich.
Was es für einen großartigen Film nur braucht
Billy Wilder sagte mal, dass der Filmemacher dem Zuschauer nur drei erinnerungswürdige Momente schenken müsste, damit der Eindruck eines tollen Films zurückbleibt. „Marriage Story“ hat diese drei Momente. Er hat eine tolle, eigensinnige Atmosphäre, die vor allem auch über die Nebenfiguren hinzukommt. Die Geschichte nimmt weiter an Fahrt auf, wenn die Scheidungsanwälte in Spiel kommen. Eine davon ist Laura Dern. Und sie spielt ihre perfekt gestylte, die weiblichen Gesten und Reize liebende Anwältin mit solch einer Lust und Verve, dass sie dafür eigentlich für einen Oscar als besten Nebendarstellerin in Betracht gezogen werden müsste. Ray Liotta und Alan Alda stehen ihr nicht in Vielem nach. Auch ganz toll ist Johanssons Filmschwester Merritt Wever und Film-Mama Julie Hagerty.

Es ist aber vor allem das letzte Drittel, wenn Emotionen explodieren, Reden auf die Jungfrau Maria gehalten werden und eine Staatsbeamtin Adam Driver zuhause besucht, wo „Marriage Story“ den Zuschauer emotional auszahlt. Dieser bittersüße Film ist leicht und schwer zugleich erzählt. Ich mochte bereits Baumbachs ähnlich gelagerten Netflix-Film „The Meyerowitz Stories“ ziemlich gerne. Das hier ist eine Liga drüber.

Baumbachs „Marriage Story“ läuft am 6. November in ausgewählten amerikanischen Kinos an. Dann ist er weltweit ab dem 6. Dezember auf Netflix zu sehen.

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