Freitag, 21. April 2017
Talentsuche bei der Woche der Kritik in Cannes

© Semaine de la Critique
Viele frische Namen aus der eigenen Talentschmiede bietet die Woche der Kritik während des Filmfestivals von Cannes.

Keine allgemeinhin bekannte Namen sind auf der Programmliste der Woche der Kritik zu finden. Dafür spielt die bezaubernde Solène Rigot („Tonnerre“) die Hauptrolle im französischen Film „Le visage“. Die beiden Italiener Antonio Piazza und Fabio Grassadonia sind alte Bekannte in der Woche der Kritik. Ihr verheißungsvoll beginnender, dann aber stark nachlassender Genrefilm „Salvo“ eröffnete im Jahr 2013 die Reihe. Jetzt sind sie zurück mit „Sicilian Ghost Story“, einer Variation der Romeo & Julia-Geschichte im Mafia-Milieu. Mit „Tehran Taboo“ ist das erste Mal auch ein Zeichentrick im Wettbewerb, zu deren Jury der amerikanische Filmkritiker Eric Kohn gehört. Im Abschlussfilm „Brigsby Bear“ tritt Mark Hamill als Vater in einer Hommage an das Kino selbst auf.

Das Feature-Programm:

Ava (Léa Mysius)
Bloody Milk (Hubert Charuel)
Brigsby Bear (Dave McCary)
Les enfants partent á l'aube (Manon Coubia)
La familia (Gustavo Rondón Córdova)
Gabriel and the Mountain (Fellipe Gamarano Barbosa)
Makala (Emmanuel Gras)
Oh Lucy! (Atsuko Hirayanagi)
Los perros (Marcela Said)
Sicilian Ghost Story (Antonio Piazza & Fabio Grassadonia)
Tehran Taboo (Ali Soozandeh)
Une vie violente (Thierry de Peretti)
Le visage (Salvatore Lista)

Link: - Programm der Woche der Kritik im Video

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Donnerstag, 20. April 2017
Claire Denis, Amos Gitai und Bruno Dumont in der Director's Fortnight

© Director's Fortnight
Prominente Namen in der Director's Fortnight bereichern das Angebot des diesjährigen Cannes-Festival. Der Israeli Amos Gitai besucht zum Beispiel in seiner neuen Doku wieder das Westjordanland.

Das Programm der Cannes-Nebenreihe Director's Fortnight glänzt mit Regienamen wie Ferrara, Garrel, Denis, Dumont und Gitai. Vor allem der israelische Regisseur Amos Gitai („Rabin, the Last Day“) mit seinem neuen Film „West of the Jordan River“ interessiert mich. Laut dem Guardian soll dieser Film die Fortsetzung von „Field Diary“, Gitais Dokumentation über das Westjordanland aus dem Jahr 1982, sein.

Ein Augenmerk wird auch auf dem Amerikaner Sean Baker liegen, dessen letztes, nur auf Smartphones gedrehtes Werk „Tangerine“ über eine Transgender-Prostituierte weltweit für Furore gesorgt hatte. Sein neuer Film heißt „The Florida Projekt“ und erzählt von Kindern, die im Schatten des Vergnügungsparks Disney World aufwachsen. Und auch bei einem Musical von Bruno Dumont sagt man nicht Nein, gerade, wenn es um die Kindheit von Jeanne d'Arc geht. Claire Denis eröffnet die Nebenreihe mit ihrem Film „Un beau soleil intérieur“, bei dem Juliette Binoche und Gerard Depardieu die Hauptrollen spielen.

Das Programm:

A CIAMBRA (Jonas Carpignano)
ALIVE IN FRANCE (Abel Ferrara)
L’AMANT D’UN JOUR (Philippe Garrel)
BUSHWICK (Cary Murnion & Jonathan Milott)
CUORI PURI (Roberto De Paolis)
THE FLORIDA PROJECT (Sean Baker)
FROST (Sharunas Bartas)
I AM NOT A WITCH (Rungano Nyoni)
JEANNETTE, L’ENFANCE DE JEANNE D’ARC (Bruno Dumont)
L’INTRUSA (Leonardo Di Costanzo)
LA DEFENSA DEL DRAGÓN (Natalia Santa)
MARLINA SI PEMBUNUH DALAM EMPAT BABAK (Mouly Surya)
MOBILE HOMES (Vladimir de Fontenay)
NOTHINGWOOD (Sonia Kronlund)
ÔTEZ-MOI D’UN DOUTE (Carine Tardieu)
PATTI CAKE$ (Geremy Jasper)
THE RIDER (Chloé Zhao)
UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR (Claire Denis)
WEST OF THE JORDAN RIVER (FIELD DIARY REVISITED) (Amos Gitai)

Link: - Cannes-Wettbewerb 2017

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Freitag, 14. April 2017
Italienische Obsessionen – drei neue Filme von Eckhart Schmidt

„Love and Death in the Afternoon“-Darstellerin Marilina Marino

Der große deutsche Regisseur Eckhart Schmidt hat mit 79 Jahren nochmal richtig abgeliefert: Drei neue experimentelle Filmprojekte, die um italienische Obsessionen kreisen, zeigt er jetzt im Münchner Werkstattkino.

Ein kurzer Hinweis darauf, dass das Münchner Werkstattkino in diesen Tagen drei neue Filme des bedeutenden deutschen Auteurs Eckhart Schmidt zeigt. Zusammen mit Klaus Lemke und Rudolf Thome präsentierte der Filmkritiker in den 1960er-Jahren eine neue Art des deutschen Genrefilms, die sich bewusst vom Neuen Deutschen Film distanzierte. Seine Filme „Jet Generation“, „Der Fan“ und „Das Gold der Liebe“ haben Filmgeschichte geschrieben. Um seine neuesten drei Filme anzuteasen, die er im vergangenen Jahr gedreht hat, eignen sich die Programmtexte des Werkstattkinos am besten. Ansonsten sind nämlich noch recht wenige bis gar keine Informationen über die Werke bekannt:

LOVE AND DEATH IN THE AFTERNOON
D/I 2016. Regie, Buch, Kamera: Eckhart Schmidt.
Mit Marilina Marino.
Digital. 104 Min. Englische Fassung.


Schmidt: „Es ist eigentlich die Geschichte meines Todes.“ Ein Mädchen erzählt die Geschichte ihrer Liebe zu einem älteren Mann, der in ihren Armen stirbt. Sie trauert um ihn und bringt ihn neu zur Welt. Gedreht in Rom.

Freitag, 14.4. & Montag, 17.4. um 20.15 Uhr

MEIN SCHÖNSTER SOMMER
D/I 2016. Regie, Buch, Kamera: Eckhart Schmidt.
Mit Cecilia Saracino.
Digital. 94 Min. Deutsche Fassung.


Ein 17-jähriges Mädchen erinnert sich an den Sommer ihrer ersten Liebe, die in einer Katastrophe endet. Schmidt: „Angelpunkt ist das weltberühmte Fresko Triumph des Todes, aber letztlich handelt der Film von den Sehnsüchten und Ängsten der jungen Generation von heute.“ Gedreht in Palermo und Mondello.

Samstag, 15.4. & Dienstag, 18.4. um 20.15 Uhr

PRINCESS – VOICES FROM HELL
D/I 2016. Regie, Buch, Kamera: Eckhart Schmidt.
Mit Cecilia Saracino, Marilina Marino.
Digital. 92 Min. Englische Fassung.


Eine Stimme aus der römischen Vergangenheit terrorisiert ein Mädchen und will es in den Selbstmord treiben. Schmidt: „Wir haben an den einmaligen Schauplätzen der faschistischen Architektur gedreht, auf der Piazza Mazzini, dem Marmor-Stadion und in E.U.R., um zu zeigen, dass das Mädchen gegen imperialen Wahn nicht nur der Nero-Vergangenheit zu kämpfen hat.“ Gedreht in Rom.

Sonntag, 16.4. & Mittwoch, 19.4. um 20.15 Uhr

Link: - Eckhart-Schmidt-Interview mit Artechock

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Donnerstag, 13. April 2017
Fatih Akin und Valeska Grisebach in Cannes

Out of Competition: „How to Talk to Girls at Parties“ © See-Saw Films
Über das Grundgerüst des 70. Cannes-Programms: also über deutsche Comebacks, die bisherigen Highlights und ein Kurz-Plädoyer gegen Sofia Coppolas Remake „The Beguiled“.

Erkenntnisse zum heute Vormittag veröffentlichten Programm des wichtigsten Filmfestivals der Welt, nämlich Cannes (17. bis 28. Mai):

* Durch die deutsche Brille: Ich dachte eigentlich, dass Fatih Akin mit dem Diane-Kruger-Film „Aus dem Nichts“ nochmal Luft holt, bevor er mit seiner Adaption von Heinz Strunks Magnum Opus „Der goldene Handschuh“ in die Vollen geht. Pustekuchen. „Aus dem Nichts“, der in den Wettbewerb eingeladen wurde, spielt in einer deutsch-türkischen Community in Hamburg. Es geht um Rache, eine Bombe und St. Pauli. Die „Nordsee ist Mordsee“-Legende Hark Bohm hat am Drehbuch mitgeschrieben. Vielleicht noch ein bisschen schöner ist das Comeback von Valeska Grisebach mit ihrem neuen Film „Western“ in der Un Certain Regard-Reihe. Grisebachs letzter Film „Sehnsucht“ ist über ein Jahrzehnt her. Maren Ades Firma Komplizenfilm produzierte „Western“.

* Die für mich heißesten Filme des Wettbewerbs heißen „The Killing of a Sacred Deer“ (Yorgos Lanthimos) und „The Meyerowitz Stories“ (Noah Baumbach). Auch wenn Lanthimos' „The Lobster“ kein Meisterwerk war wie „Dogtooth“, zeigte der Film doch einen der spannendsten europäischen Regisseure wieder auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Noah Baumbach verehre ich seit „Greenberg“ sehr. Sein neuer Film hat Adam Sandler, Ben Stiller und Dustin Hoffman in den Hauptrollen. Das deutet ein magisches Triptychon an. Hollywood-Schauspieler, die endlich wieder an ihre Grenzen geführt werden. Außerdem habe ich eine Schwäche für die Filme von François Ozon, der in den Wettbewerb mit „L'amant double“ zurückkehrt. Es spielen in der Hitchcock-Paraphrase die grande dame Jacqueline Bisset und „Jeune et jolie“-Sternchen Marine Vacth.


Jérémie Renier und Marine Vacth in Ozons „L'amant double“

* Wer braucht das Sofia-Coppola-Remake von „The Beguiled“: Der deutsche Filmkritiker Rüdiger Suchsland wird wieder, wie schon bei „Marie-Antoinette“ oder „Somewhere“, aus dem Häuschen sein, wenn er nicht gerade Naomi Kawase feiert. Aber das Don-Siegel-Original aus den 1970er-Jahren mit Clint Eastwood ist perfekt und ein weitgehend unentdecktes Meisterwerk.

* 4x Nicole Kidman, 2x Hong Sangsoo, die Neuauflage der David-Lynch-TV-Serie „Twin Peaks“, keine Hollywood-Blockbuster wie „Dünkirchen“ und ein Virtual-Reality-Projekt von Alejandro G. Iñárritu.

* Asia-Power von Bong Joon-ho („Okja“), Kiyoshi Kurosawa („Before We Vanish“), Takashi Miike („Blade of the Immortal“) und der Midnight-Schiene, die mit „The Merciless“ und „The Villainess“ wieder nach Geheimtipps riecht.

* Ich will Claude Lanzmanns Dokumentation „Napalm“ sehen! Jetzt!

Link: - Cannes-Ticker 2016

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Sonntag, 5. März 2017
Macho-Western-Reihe zum "Logan"-Kinostart


An dem März-Kinoprogramm von Quentin Tarantinos New Beverly Cinema hätte die Kritikerkoryphäe Joe Hembus gewiss ihre Freude. Es passt auch perfekt zum "Logan"-Kinostart.

Zum Kinostart des bitteren Schlachtfestes "Logan" empfiehlt sich ein Blick auf das aktuelle New-Beverly-Programm in Los Angeles. Bekanntlich zitiert Regisseur James Mangold den Westernklassiker "Shane" im neuen und abschließenden Wolverine-Film. Aber "Logan" lässt so viele anregende Filmassoziationen zu, gerade auch, weil man um die Filmkenntnis von Mangold weiß. Ich denke etwa an Clint Eastwoods "Der Mann, der niemals aufgibt" oder John Flynns "Der Mann mit der Stahlkralle".

Naheliegender sind Westernreferenzen. Und in diesem Zusammenhang könnte man sich bei Quentin Tarantinos März-Programm inspirieren lassen. In seiner Macho-Western-Reihe zeigt er "Monte Walsh" (1970), "Tom Horn" (1980), "Keine Gnade für Ulzana" ("Ulzana's Raid"), "Valdez Is Coming", "An seinen Stiefeln klebte Blut" ("Navajo Joe"), "Chato's Land", "The Cowboys", "Greenhorn" ("The Culpepper Caddle Co."), "Abgerechnet wird zum Schluss" ("The Ballad of Cable Hogue") und "Zwischen zwölf und drei" ("From Noon Till Three").

Überhaupt ist das endlich mal wieder ein inspiriertes Monatsprogramm. Dem Regisseur Frank Perry ("Doc") ist ein kleine, aber feine Hommage gewidmet: "Petting" ("Last Summer"), "Ladybug Ladybug", "Tagebuch eines Ehebruchs" ("Diary of a Mad Housewife"), "Play It As It Lays", "Doc" und "Rancho Deluxe". Und auch Fassbinders "Welt am Draht" kommt zu seinen Ehren.

Links: - Tarantino feiert 1970, - New Beverly Cinema

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Montag, 27. Februar 2017
SigiGötz-Entertainment-Heft #29 am Kiosk

© SigiGötz-Entertainment
Die beste Filmzeitschrift der Welt ist zurück. In Ausgabe Nummer 29 schreibt Hans Schifferle ("Die 100 besten Horror-Filme") über Kurt Nachmanns Chef d’Œuvre "Die nackte Gräfin". Nachmann ist einer der spannendsten Regisseure und - vor allem - Drehbuchschreiber der entscheidenden deutschen Nachkriegsjahrzehnte. Ein paar Filmtitel gefällig? "Ferien mit Piroschka", "Die Wirtin von der Lahn", "Der Schrei der schwarzen Wölfe", "Ein echter Hausfrauenfreund" und "Vanessa".

© SigiGötz-Entertainment
Außerdem als Themen: Christoph Huber, der den Film "Lebensborn" einer Neubewertung unterzieht: Stefan Ertl, der die SGE-Glamour-Bibliothek um zehn neue Bände (von Rolf Eden bis Peter Scholl-Latour) erweitert; Sepp Knarrengeier, der einen frischen Pantheon der Filmregisseure vorstellt; Ulrich Mannes, der ein Gespräch mit SGE-Glamour- und Cover-Girl Hedi Jobe protokolliert. Weiters ein Doppelnachruf von Rainer Dick (Ann Smyrner & Sieghardt Rupp) und ein einzelner Nachruf von Viktor Rottaler (Jaki Liebezeit).

Das neue Heft gibt es zum Selbstkostenpreis von 3 Euro 50 plus Versand im Internet unter nachfolgendem Link zu bestellen.

Link: - SigiGötz-Entertainment bestellen

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Sonntag, 26. Februar 2017
4. Terza Visione eröffnet im Sommer mit "Danger: Diabolik"


Der Umzug von Nürnberg nach Frankfurt am Main war länger bekannt. Jetzt stehen aber auch das Datum und der Eröffnungsfilm des wichtigsten Genrefestivals zur italienischen Filmgeschichte in Deutschland fest.

Das stilprägende Festival für den italienischen Genrefilm, das Terza Visione, zieht für seine vierte Ausgabe von Nürnberg nach Frankfurt am Main um. Vom 27. bis 30. Juli zeigen die Festivalleiter Andreas Beilharz und Christoph Draxtra wieder seltene und liebgewonnene Italo-Perlen. Eröffnet wird das Terza Visione dieses Mal im Deutschen Filmmuseum mit der Mario-Bava-Agentenperle "Danger: Diabolik". Banausen kennen den italienischen Superschurken als Hommage aus dem Beastie Boys-Musikvideo "Body Movin'". Cineasten aber wissen, dass "Danger: Diabolik" eine der besten Comicverfilmungen der Filmgeschichte ist. Das weitere Programm wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben. Durch den Umzug ins Frankfurter Filmmuseum gibt es nicht nur ein klimatisiertes Kino im Sommer und mehr Platz zur Verfügung, sondern auch eine verbesserte Kopien-Situation, die auf das ein oder andere ganz besondere Schmankerl hoffen lässt.

Der italienische Piratenfilm wurde zum Beispiel mit dem Meisterwerk "Maciste im Kampf mit dem Piratenkönig" auf dem 1. Terza Visione im Jahr 2014 wiederentdeckt - und damit Regisseur Domenico Paolella ein kleines Denkmal gebaut. Kurator Christoph Draxtra über den Regisseur: "Für den Piratenfilm italienischer Provenienz war Domenico Paolella, was John Ford für den amerikanischen Cowboyfilm war."

Links: - 4. Terza Visione, - 2. Terza Visione, - 1. Terza Visione

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Dienstag, 21. Februar 2017
Berlinale-Wettbewerb 2017: Eine Handvoll berauschender Filme

"On Body and Soul" © Internationale Filmfestspiele Berlin
Auf den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb wurde viel eingeprügelt. Nicht nur, weil der Clooney Schorsch Urlaub hatte und sich Hollywood rar machte, sondern auch, weil die qualitative Dichte fehlte. Bei genauerer Betrachtung gab es jedoch mehr als eine Handvoll besonderer Filmerfahrungen zu entdecken. Ein Fazit von Michael Müller

Mária (Alexandra Borbély) sitzt in der Badewanne. Aus ihrem CD-Player ertönt der melancholische Song „What He Wrote“ von der britischen Folk-Sängerin Laura Marling. Den ganzen Tag hat sie im Plattenladen verbracht, hat sich CD um CD angehört. Aber nichts gefiel ihr. Mária kann nichts mit Musik anfangen – das Leben ist ihr generell fremd. „What He Wrote“ nahm sie nur mit, weil es der Lieblingssong der Verkäuferin ist, die endlich den Laden schließen will.

Im Berliner Friedrichstadtpalast ist das am Sonntag, dem abschließenden Besuchertag zum halben Eintrittspreis, der Moment, bei dem gleich zwei Zuschauer kollabieren. Als der erste auf einer Liege herausgetragen wird, gibt es bereits den nächsten Schrei. Dieses Mal ist es eine junge Frau, der schwindelig geworden ist. An der Hand wird sie herausgeführt. Der Umstand, dass diese beiden Zusammenbrüche mit dem Gewinner des Goldenen Bären, dem ungarischen Spielfilm „On Body and Soul“, zu tun haben, ist nicht gewiss, aber angesichts der Intensität der lang ausgespielten Szene in der Badewanne auf der Leinwand naheliegend. Die bizarre Liebesbeziehung zwischen den beiden Mitarbeitern eines Schlachtbetriebs, die sich über ihre Träume kennenlernen, geht an die Nieren.

Der Legende nach soll der amerikanische Regisseur Steven Spielberg zu seinem Produzenten gesagt haben, als ihm dieser vom Herzinfarkt eines Zuschauers in einem Test Screening von „Der weiße Hai“ erzählte: „Sehr gut! Das bedeutet, der Film funktioniert.“ Auch über Quentin Tarantino und „Reservoir Dogs“ kursieren ähnliche zynische Anekdoten.

"Colo" © Alce Filmes
Was zeichnet einen schwachen Wettbewerb aus?
Unter dem Dach des Friedrichstadtpalastes in der Loge rang ich mit meinen Gefühlen, fragte mich, wo ich nach diesen beiden Unglücksfällen, die mehr oder weniger schnell durch die herbei geeilten Rettungskräfte unter Kontrolle gebracht schienen, mit meiner Energie hin sollte. Bis dahin war nämlich Ildikó Enyedis Film einer der besten des Berlinale-Wettbewerbs gewesen. Die abscheulich schöne, Herzen zerquetschende Badewannenszene, deren traurige Qualität fast nicht auszuhalten ist, hob „On Body and Soul“ noch in eine höhere Sphäre, die der Film auch in seinen letzten Minuten bewahrt. Hätte ich diesen Film am Anfang des Festivals gesehen, wie es von Festivalchef Dieter Kosslick geplant war, und nicht erst am allerletzten Tag der Berliner Festspiele: Mein Eindruck des viel gescholtenen Wettbewerbs wäre ein anderer gewesen.

Die Urteile zum Herzstück der Berlinale, den 24 internationalen Filmen im Wettbewerb, fielen recht vernichtend aus. Wiedermal wurden Rufe nach dem Rücktritt des Festivalchefs laut, der vor kurzem erst seinen Vertrag für weitere drei Jahre bis 2019 verlängert hatte. War das wirklich ein schlechter Wettbewerb? Oder war der Wettbewerb nur schwächer als im vergangenen Jahr? Wie viele Filme braucht es, um von einem guten Jahrgang zu sprechen? Ich glaube, der Filmjahrgang 2017 hatte wieder eine gute Handvoll bemerkenswerter Wettbewerbsfilme zu bieten. Was den Gesamteindruck aber runterzog, war die Masse von Wettbewerbsbeiträgen, die wenig bis gar nicht funktionierten.

"Ana mon amour" © Internationale Filmfestspiele Berlin
Der starke Rumäne kam zu spät
Jedes A-Festival, selbst der Wettbewerb in Cannes, hätte sich glücklich geschätzt, ein Werk wie Aki Kaurismäkis „The Other Side of Hope“ in seinem Programm zu haben. So war auch Kaurismäkis halbernsthafter Protest über den Silbernen Bären für die beste Regie, den er dadurch ausdrückte, dass er für die Dankesrede seinen Platz nicht verlassen wollte und den Bären als Mikrofonattrappe verwendete, mehr als nachvollziehbar. Seine Flüchtlingskomödie schafft den unendlich schweren Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch. Mit solch einer Leichtigkeit von solch einem schweren Thema zu erzählen, ist eine große Kunst.

Călin Peter Netzers rumänisches Beziehungsdrama „Ana, mon amour“, das auf Ingmar Bergmans Spuren wandelt, griff erst verspätet, einen Tag vor der Preisverleihung, in den Wettbewerb ein. Zahlreiche der internationalen Kritiker sahen die elegant elliptische Erzählstruktur, die im Leben eines Studentenpärchen gekonnt vor und zurück springt, gar nicht mehr. „Ana, mon amour“ ist einer der stärksten Filme des Jahrgangs, der von Aufopferung für eine Beziehung erzählt, von psychischer Krankheit und krankhafter Eifersucht, bei dem die Beichte eine so große Rolle spielt wie die Psychoanalyse. Das ist ein aufregender Film, bei dem die Schauspieler an ihre körperlichen Grenzen gehen, wo klar wird, dass es in diesem rumänischen Mikrokosmos zwischen tief religiösen Eltern, Kindheitstraumata und Haarausfall um das große Ganze geht.

Auch ein Coming-of-Age-Film: "Colo" © Alce Filmes
Bitteres Schlachtfest "Logan"
Dazu gesellte sich ein unscheinbarer Film wie der portugiesische Wettbewerbsbeitrag „Colo“. In seiner Langsamkeit und Kontemplation hat er die meisten Kritiker und Zuschauer entnervt zurückgelassen. Aber Teresa Villaverde hat genauer hingeschaut, hat die Armut in einer kleinen Familie so subtil und erdrückend geschildert, dass der Zustand beinahe ein eigener Charakter im Film wird. „Colo“ ist ein Film der Widerstände, die ich mir in einem internationalen Wettbewerb wünsche; bei dem ich anfangs gegen die eigene Müdigkeit kämpfen musste, bei dem ich mich aber bei den sensiblen Einstellungen und teils atemberaubenden Bildkompositionen in ganz sicheren Hände fühlte. „Colo“ ist ein Werk, das bleiben wird.

Nehme ich zu „On Body and Soul“, „The Other Side of Hope“, „Ana, mon amour“ und „Colo“ noch den exzellenten chilenischen Wettbewerbsbeitrag „A Fantastic Woman“ und Alain Gomis‘ stark nachbrennenden „Félicité“ hinzu, sind das sechs großartige Werke, die ich jeder Zeit einem Cineasten mit Geschmack empfehlen könnte; Filme, die bereichern, die Lust auf internationales Kino machen, herausfordern und eigene Wege begehen. Noch gar nicht erwähnt habe ich in diesem Zusammenhang James Mangolds bitteres Schlachtfest „Logan“, einen „X-Men“-Blockbuster, der endlich wieder unter die Haut geht und berührt.

Ich will hier keine Schönfärberei betreiben: Bei dem spanischen Wettbewerbsbeitrag „El Bar“ habe ich mich zum Beispiel gefragt, warum der Thriller, der unter einem Haufen Unsympathen in einer Bar spielt, nicht besser auf den hinteren Seiten des Fantasy Filmfest-Programmheftes gelandet ist. Bei dem brasilianischen Wettbewerbsbeitrag „Joaquim“, der mit einer famosen Eröffnungsszene beginnt, in der ein aufgespießter Kopf die Geschichte erzählt, schwebte die Frage im Raum, warum das Filmteam ein halbfertiges Werk präsentierte, was mit bescheidenen Stilmitteln sehr wenig zu sagen hatte.

"A Fantastic Woman" © Internationale Filmfestspiele Berlin
Vergesst nicht Wolf Donner!
Der Auftragskillerfilm „Mr. Long“ ist netter Kitsch, der dann und wann funktioniert, aber niemals eine über zweistündige Laufzeit rechtfertigt. Von Agnieszka Hollands Öko-Thriller „Pokot“ mit dem dämlichsten Schwarzweiß-Figurenschema seit Ewigkeiten – da die guten Tierschützer, dort die diabolischen Jäger – und einer Miss Marple in der Hauptrolle mit nervigem Astrologie-Tick will ich gar nicht erst anfangen. Dagegen könnte man aber auch sofort Hong Sangsoos Ennui-Meditation „On the Beach at Night Alone“ oder Josef Haders „Wilde Maus“ anführen, die wiederum durchaus Spaß gemacht haben.

Von allen Seiten wird an Dieter Kosslicks Stuhl gesägt. Gegenwind ist auch nicht die schlechteste Witterungsbedingung, um wach und aggressiv zu bleiben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur gerne an den Zeit-Kritiker Wolf Donner, der im Jahr 1976 die Leitung der Berlinale von Alfred Bauer übernahm und nach drei Jahren völlig ausgebrannt und überfordert das Handtuch schmiss. Donner verfrachtete mit den besten Hintergedanken das Festival aus dem Sommer in den bitterkalten Februar. Ich sage nur: Dieser Berlinale-Wettbewerbsjahrgang, bei dem ich nicht wie Kritiker der Tageszeitungen pflichtschuldig alles sehen und ertragen musste (z. B. „The Midwife“, „Viceroy’s House“), war kein schlechter. Er war nicht berauschend, er war in der Dichte nicht so stark wie das vorherige Jahr. Auch besitzt er nicht das eine herausragende Meisterwerk. Aber er hat bei einem genaueren Blick teils berauschendes Kino geboten.

Sieben Wettbewerbs-Empfehlungen (alphabetisch)

* ANA, MON AMOUR (Călin Peter Netzer)
* COLO (Teresa Villaverde)
* A FANTASTIC WOMAN (Sebastián Lelio)
* FÉLICITÉ (Alain Gomis)
* LOGAN (James Mangold)
* ON BODY AND SOUL (Ildikó Enyedi)
* THE OTHER SIDE OF HOPE (Aki Kaurismäki)

Links: - Negative-Space-Preise, - Perspektive-Hits

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Montag, 20. Februar 2017
Berlinale 2017: Ein Blick auf die Perspektive Deutsches Kino

"Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" © faktura film
Die Highlights der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale waren ein weiblicher Robert De Niro, ein sozialistischer Wes Anderson und ein Rachefilm, der die Vorzeichen vertauscht. Michael Müller schaut sich auf dem Festival den deutschen Nachwuchs an.

Ein Möchtegern-Regisseur (Julian Radlmaier), der sich in eine kanadische Studentin (Deragh Campbell aus „I Used to Be Darker“) verliebt und deshalb ein sozialistisch geprägtes Filmprojekt auf einer Apfelplantage erfindet; ein Ex-Rocker (Peter Kurth), der zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat, nach seiner Knastzeit nochmal neu anfangen will, aber von seiner Vergangenheit in der Form des trauernden Ehemanns (Karl Markovics) der ermordeten Frau und des Kindes eingeholt wird; eine Fliesenlegerin, die ihr tristes Dasein dadurch aufbricht, dass sie anfängt, ihre Alltagssituationen als Schauspielübung zu begreifen. Ersterer Film ist „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“, zweiterer heißt „Zwischen den Jahren" und letzterer ist der Kurzfilm „Gabi“. Zusammen waren das die Highlights der diesjährigen Berlinale-Nebenreihe Perspektive Deutsches Kino.

Interessanterweise funktionierten die politisch überambitionierten Werke in der Perspektive wie „Tara“, „Kontener“ oder „Mikel“ am wenigsten. Alle drei Kurzfilme wurden in einem Block gezeigt. Sie verband die Flüchtlingsthematik. Sektions-Leiterin Linda Söffker fasste das schon selbst ganz passend auf der Bühne zusammen: Mal lobte sie, wie die Hauptdarstellerin in der Sci-Fi-Dystopie „Tara“, in der die Menschen wegen der Zustände aus Deutschland fliehen müssen, stilvoll Zigaretten rauchte. Mal war Söffker begeistert von der Lichtarbeit in dem tristen Bauernhof-Film „Kontener“, wo zwei Polinnen in Brandenburg den Hofroutinen nachgehen. Auch der Film „Mikel“ über den nigerianischen Flüchtling, der sich in Deutschland für bescheidene Bezahlung abrackert, besitzt vor allem den Willen, gut gemeint und sozial relevant zu sein. Einzelne Filmelemente glänzen. Darüber hinaus fehlten aber die dramaturgischen Bögen oder auch schlicht eine gewisse Lebendigkeit der Welten und Figuren.

© Nicolaas Schmidt / Oskar Sulowski / Frank Dicks
Eierschalen auch bei Max Ophüls im Angebot
Ein Beispiel hätten sich die drei Kurzfilme der Perspektive an dem diesjährigen Max-Ophüls-Preis-Gewinner „Siebzehn“ nehmen können. Traditionell wird der am letzten Tag der Berlinale, am Zuschauertag, präsentiert. Auch hier sind noch die Eierschalen hinter den Ohren der Debütanten klar erkennbar. Nur ist „Siebzehn“, ein Liebesreigen unter Teenagern aus der niederösterreichischen Provinz, ein rundes Filmerlebnis. Wie die Kritik schon in Saarbrücken festgestellt hatte, ist das ein Kino, das die Sehnsüchte der jungen Menschen über Blicke einfängt. Fantasien werden filmische Wirklichkeit, wenn die Regisseurin Monja Art die Gedanken der Protagonisten verbildlicht. Die souveräne wie zerbrechlich wirkende Hauptdarstellerin Elisabeth Wabitsch ist der Trumpf des beschwingt-melancholischen Jugendfilms.

Die tolle Deragh Campbell in "Selbstkritik" © faktura film
Was aber wirklich aus diesem Jahrgang der Perspektive Deutsches Kino bleiben wird, ist die Selbstironie, mit welcher der Regisseur und Hauptdarsteller Julian Radlmaier einen waschechten teutonischen Wes-Anderson-Film auf einer Apfelplantage geschaffen hat. Das ist ein ähnlicher Humor, gleich starre Einstellungen, die sich in Bewegungskino auflösen, der Surrealismus in Alltagssituationen, der Einfluss des europäischen Kunstkinos gepaart mit der Wehleidigkeit junger Menschen, die nie in ihrem Leben richtig arbeiten mussten. „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ sprudelt über vor tollen Ideen. Die erste zwei Drittel, die tatsächlich aus der Perspektive eines Vierbeiners erzählt werden, sind so stark, kreativ und unwiderstehlich in ihrem komischen Personal und der Zuspitzung der Situationen auf der Apfelplantage, dass das schwächere letzte Drittel, das sich ein wenig in der Metaebene verliert, nicht so stark ins Gewicht fällt.

© Sophie Linnenbaum / Tim Schenkl / Carina Neubohn
Rache-Struktur aufgebrochen
Auch toll war „Zwischen den Jahren“ von Lars Henning. Das ist echtes, viriles Genrekino, das die Strukturen und Rollenverteilungen des klassischen Rachethrillers auflöst. Der Ex-Rocker Becker, vom Tatort-Schauspieler Peter Kurth zum Niederknien gut und um seine Existenz kämpfend gespielt, muss sich den Schatten seiner Vergangenheit stellen. Der Österreicher Karl Markovics spielt den Mann, dessen Frau und Tochter der ehemalige Häftling ermordet hat. Bei der intensiven Auseinandersetzung rührt „Zwischen den Jahren“ große Fragen nach Schuld und Vergebung an und ist dabei eine so rotzige und authentische Milieuschilderung, dass es eine Freude ist.

"Zwischen den Jahren" © Frank Dicks
Der vielleicht beste Film der Perspektive stammt aber von Jana Bürgelin und heißt „Millennials“. Die groß angekündigte Generationsschilderung hat mich dabei weniger interessiert. Wobei dies alles gut eingefangen ist: Die überhöhten Ansprüche an Beziehungen, die egozentrischen Neigungen einer jungen Schicht, die durch die Arbeitswelt und die technische Fortentwicklung immer weiter verstärkt wird, die Einsamkeit und Orientierungslosigkeit bei scheinbarer freier Auswahl. Nein, mich hat vor allem Anne Zohra Berracheds 30-jährigen Figur Anne interessiert.
Die biologische Uhr tickt bei den Millennials
Berrached lief mit ihrem zweiten Spielfilm „24 Wochen“ im vergangenen Jahr im Berlinale-Wettbewerb. „Millennials“ wirkt jetzt wie das Hintergrundrauschen zu diesem Film: Wir sehen eine junge Filmemacherin, die „24 Wochen“ castet und vorbereitet. Gleichzeitig lässt sie den Zuschauer angstfrei bei intimsten Vorgängen teilnehmen: beim Besuch des Gynäkologen, bei der Selbstbefriedigung im eigenen Bett oder beim Botox-Aufspritzen der Lippen für eine Premierenparty. Klar, ist das ein Spielfilm, die Figur Anna ist nicht die wirkliche Regisseurin Berrached. Der Eindruck bleibt, dass hier eine Künstlerin so tief blicken lassen will, um so genau wie möglich über den Zustand der biologisch tickenden Uhr aufzuklären.

"Gabi" © Clara Rosenthal
Wie ein wilde Hirschkuh
Mehr beeindruckt hat mich eigentlich nur das Schauspiel von Gisa Flake im 30-Minüter "Gabi". Die Darstellerin, die man eventuell noch mit der Sitcom "Bully macht Buddy" oder den Wickie-Filmen von Bully Herbig assoziiert, darf als Fliesenlegerin "Gabi" frei aufspielen. Ihr Azubi übt mit ihr das Schlussmachen seiner Noch-Freundin. In der Realität funktionieren die Trockenübungen des Azubis natürlich nicht, aber Gabi hat Blut geleckt. Einem Robert De Niro gleich vernichtet sie ihre Umgebung mit der neu gewonnenen Leidenschaft fürs Schauspielen. Das ist so bewegend und gleichzeitig urkomisch anzusehen, weil ihre Figur sich mit den fiktiven Situationen den Frust vom Leibe spielt, als Mensch voller Sehnsüchte ewig ignoriert worden zu sein.

Sechs Empfehlungen (alphabetisch)

* FINAL STAGE (Nicolaas Schmidt)
* MILLENNIALS (Jana Bürgelin)
* GABI (Michael Fetter Nathansky)
* SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES (Julian Radlmaier)
* SIEBZEHN (Monja Art)
* ZWISCHEN DEN JAHREN (Lars Henning)

Links: - Negative-Space-Preise, - Offene Wunde dt. Film

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Negative-Space-Preise der Berlinale 2017
Der Werner-Hochbaum-Preis für den besten Film geht an:
  • "Call Me by Your Name" (Luca Guadagnino)

© Sony Pictures Classics
Der Eberhard-Schroeder-Preis für die beste Regie geht an:
  • Teresa Villaverde ("Colo")

© Alce Filmes
Der Rod-Taylor-Preis für den besten Hauptdarsteller geht an:
  • Kida Khodr Ramadan ("4 Blocks")

© Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company
Der Ludivine-Sagnier-Preis für die beste Hauptdarstellerin geht an:
  • Gisa Flake ("Gabi")

© Clara Rosenthal
Der Richard-Fleischer-Preis für neue Perspektiven auf das Weltkino geht an:
  • Eduardo Casanova ("Pieles")

© juancarlosmaurisanchez
Der Brigitte-Lahaie-Preis für Sinnlichkeit geht an:
  • Candy Flip ("Fluidø")

© Jürgen Brüning Filmproduktion / J.Jackie Baier
Der Amy-Nicholson-Preis für Kickass Cinema geht an:
  • "Tiger Girl" (Jakob Lass)

© 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma
Der Ulrike-Ottinger-Preis für das Gesamtkunstwerk geht an:
  • Anne Zohra Berrached ("24 Wochen" & "Millennials")

© Florian Mag
Die zehn besten Berlinale-Filme 2017 (alphabetisch)

* 4 BLOCKS (Marvin Kren)
* ANA, MON AMOUR (Călin Peter Netzer)
* CALL ME BY YOUR NAME (Luca Guadagnino)
* COLO (Teresa Villaverde)
* FLUIDØ (Shu Lea Cheang)
* ON BODY AND SOUL (Ildikó Enyedi)
* THE OTHER SIDE OF HOPE (Aki Kaurismäki)
* PIELES (Eduardo Casanova)
* SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES (Julian Radlmaier)
* TIGER GIRL (Jakob Lass)

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Berlinale 2017: Dominik Grafs Doku "Offene Wunde deutscher Film"

© Internationale Filmfestspiele Berlin
Der deutsche Film in all seinen Ausprägungen war eigentlich das Aufregendste an der diesjährigen Berlinale. Mit Dominik Grafs Doku "Offene Wunde deutscher Film" konnte man beispielsweise auf Spurensuche nach sehenswertem deutschen Genrekino in früheren Jahrzehnten gehen. Eine Filmkritik von Michael Müller

Die Dominik-Graf-Doku „Offene Wunde deutscher Film“, die Fortsetzung von „Verdammte Liebe deutscher Film“, ist wie ein unsortierter Gemischtwarenladen über eine alternative deutsche Filmgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte. Sie glänzt immer wieder mit goldenen Anekdoten-Nuggets und macht jede Menge Spaß, obwohl sie wild hin und her springt: Eben erzählt noch Klaus Lemke davon, wie er in den 1960er-Jahren mit Mick Jagger abhing, da geht es schon um den NDW-Film „Gib Gas – Ich will Spaß!“ mit Nena und Markus in den 1980er-Jahren. Zwischendrin erklärt der Filmkritiker Olaf Möller fünf Minuten lang den deutschen Heimatfilm. Gelegentlich schaltet sich auch Graf selbst aus dem Off mit Zitaten ein.

Ob das Chaos Teil des Erzählkonzepts ist, kann jeder für sich entscheiden. Es lenkt auf jeden Fall gekonnt davon ab, dass es sich bei „Offene Wunde deutscher Film“ größtenteils um Talking Heads vor der Kamera handelt. Womöglich war das inhaltliche Vorbild der Gang der beiden Protagonisten in Lemkes Film „Rocker“ über die voll befahrene und nicht abgesperrte Straße, den auch Graf in einem Ausschnitt präsentiert. Wildheit war die Idee. Der Fokus sollte von daher auf dem Inhalt und den ausgewählten Persönlichkeiten liegen, die Graf repräsentativ für das deutsche Genrekino ins Schaufenster stellt. Es geht um Filmemacher wie Roger Fritz („Mädchen, Mädchen“), Peter F. Bringemann („Theo gegen den Rest der Welt“), Carl Schenkel („Abwärts“), Wolfgang Petersen, Wolfgang Büld („Manta, Manta“), Eckhart Schmidt („Der Fan“), Achim ‚Akiz’ Bornhak („Das wilde Leben“), Nikolai Müllerschön („Der rote Baron“) und Georg Tressler („Sukkubus“).
Vorbild SigiGötz-Entertainment
Wenn man so will, ist das die Dokumentation zum alternativen deutschen Filmkanon, den die Kultzeitschrift SigiGötz-Entertainment vor einigen Jahren aufgestellt hat. Nicht zufällig ist mit Rainer Knepperges auch ein SGE-Autor als Experte von Graf befragt worden. Kritisch könnte man hinterfragen, ob es denn diesen alternativen Blick auf die deutsche Filmgeschichte braucht. Müssen die in England produzierten Direct-to-DVD-Sexploitationfilme eines Wolfgang Büld um Männer fressende Vaginas unbedingt ein größeres Publikum finden? Das ist aber wohl der falsche Denkansatz. „Offene Wunde deutscher Film“ will zeigen, dass es immer eine Kontinuität im deutschen Genrefilm gegeben hat und es regelmäßig außergewöhnliche Arbeiten und Talente gab, dass diese Fortführung des Genres aber meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit und auf privates Betreiben einzelner Heroen geschah.

Die Deutschen haben – das kann man so laut der Doku vereinfachen – seit der Nazizeit (?) einen Hau weg und größte Probleme mit dem Medium Film, gerade, wenn es um die Darstellung des Bösen und um echtes Genrekino geht. Ein interessanter Fakt, den die Doku thematisiert, ist zum Beispiel, dass die Zeitschrift Filmkritik in ihrer Besprechung des James-Bond-Films „Man lebt nur zweimal“ es nicht zustande gebracht hat, den Namen der deutschen Schauspielerin Karin Dor zu erwähnen. Alles Kommerzielle war verpönt und wurde intellektuell abgelehnt.
Kleines Denkmal für Carl Schenkel
Richtiggehend aufgesogen habe ich die biografischen Körnchen und Anekdoten zu Carl Schenkel, dem Regisseur des 1980er-Jahre-Aufzugs-Thriller „Abwärts“. Dessen Karriere hat mich immer fasziniert. Zumal mein Vater passionierter Schachspieler ist und früher einmal eine Schwäche für den Christopher-Lambert-Film „Knight Moves“ hatte. Das brachte mich dazu, diesen wundervoll bizarren Film viel zu früh im Leben sehen zu können. Das sind bekanntlich die Filmerfahrungen, die bleiben und prägen. Da ist es zweitrangig, ob das Meisterwerke sind, sondern ob sie magische Szenen und Momente für das Unterbewusstsein hinterlassen haben. Im Delphi-Palast war bei der Weltpremiere von "Offene Wunde deutscher Film" am Freitagabend ein vereinzeltes Graf’sches Lachen zu hören, als einer der Produzenten pointiert erzählte, wie es zu Schenkels verfrühtem Ableben gekommen ist. Die Stichworte lauten körperaufbauende Präparate.

Auch sehr hellhörig wurde ich bei dem deutschen Filmtraumpaar Werner Enke und May Spils, die zusammen den 1960er-Jahre-Blockbuster „Zur Sache, Schätzchen“ aus dem Nichts geschaffen hatten. Da verpasste ich leider schon ihr Frühwerk bei der letztjährigen Berlinale-Retrospektive zum Filmjahr 1966. Allein dieser Aspekt der deutschen Filmgeschichte wäre eine eigene Doku wert gewesen. Das ist eben auch das wehmütige Element des Films, dass nämlich trotz der fast zwei Stunden Laufzeit vieles nur angerissen wird.

Die neue Graf-Doku predigt zu Bekehrten. Sie ist nicht unbedingt an Einsteiger und Neugierige gerichtet, sondern sie beschwört einen Geist, der unter einer bestimmten Gruppe deutscher Cineasten angesagt ist. Ich habe das mit Vergnügen gesehen, bezweifle aber, ob das die Dokumentation ist, wenn sie auf Arte ausgestrahlt wird, die neue Generationen für dieses Kino zu begeistern weiß. Aber jetzt, wo die Doku draußen ist, gibt es einen neuen Orientierungspunkt, der auch als Startpunkt für Diskussionen und noch spannendere Entdeckungen genommen werden kann. Es ist einfach gut, dass es „Offene Wunde deutscher Film“ gibt. Der Filmtitel ist sowieso über allem erhaben.

Links: - "4 Blocks", - "Aus einem Jahr der Nichtereignisse"

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Donnerstag, 16. Februar 2017
Berlinale 2017: Marvin Krens Gangster-Kracher "4 Blocks"

© Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company
Eine neue deutsche TV-Serie wagt sich in die Untiefen des Gangstergenres mit seinen unzähligen Meilensteinen, die nur schwer abzuschütteln sind. Das will Marvin Kren mit "4 Blocks" auch gar nicht erreichen, sondern die Tradition in Neukölln mit einem libanesischen Familienclan fortführen. Serien-Gourmet Michael Müller hat die ersten beiden Episoden gesehen.

Der Wiener Regisseur Marvin Kren, der seit einiger Zeit zu den großen deutschsprachigen Genre-Hoffnungen zählt, stutzt kurz auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele. Hatte er da in Gegenwart der TNT Serie-Produzenten von seinem neuen Baby „4 Blocks“ als Film und nicht als TV-Serie gesprochen. Umso herzhafter drückte er anschließend die beiden auf die Bühne gekommenen Verantwortlichen des Pay-TV-Senders.

Anhand der anderen Menschen, die auf die Bühne gestürmt gekommen waren, ließ sich am Mittwochabend eigentlich ganz gut ablesen, welches Gewicht diese Serienproduktion für Szene und Industrie hat: Frederick Lau, Ronald Zehrfeld, der Jung-Produzentenstar Quirin Berg, Rapper wie Massiv oder Charakterdarsteller wie Oliver Masucci klatschten sich ab. Die Stars des Cast füllten beinahe die gesamte Bühne. Die Leute hinter der Kamera machten gut die Hälfte des Publikums im Haus der Festspiele aus.
"4 Blocks" muss Ramadans Durchbruch werden
Star des Abends war aber sicherlich Kida Khodr Ramadan. Die TV-Serie „4 Blocks“ müsste, wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, der endgültige Durchbruch für den Schauspieler mit dem formvollendeten Bart werden. Ramadan ist eventuell noch am meisten bekannt durch seine Rolle in der Eko Fresh-Serie „Blockbustaz“ auf ZDF Neo. In „4 Blocks“ geht es um einen libanesischen Gangsterclan in Neukölln, der von der Polizei infiltriert und von konkurrierenden Rockerbanden in seinem Revier unter Druck gesetzt wird. Ramadan spielt dabei unheimlich charismatisch das Familienoberhaupt, das – warum lange darum herumreden – an Tony Soprano angelehnt ist. Der Bademantel, die menschliche Familienseite, aber auch der knallharte Geschäftsmann – alle vorhanden, nur die Psychiaterin fehlt. Das kann aber noch kommen. Schließlich gab es am Mittwoch nur die ersten beiden Episoden zu sehen.

Diese beiden Folgen haben aber sofort süchtig gemacht: Wenn auch der Drehbuchkniff um Frederick Laus Undercover-Einsatz im libanesischen Clan etwas sehr konstruiert wirkt, weil gerade erst einer der Brüder verhaftet wurde und es keinen Sinn macht, einen Fremden mit wackeliger Vergangenheit in die Familiengeschäfte hineinzulassen. Nur ist das Kleinstaaterei. Es ist der Gestus der Produktion, mit der Actionszenen inszeniert und Genremomente heraufbeschworen werden. Es sind die geilen Schauspieler, die grenzenlose Lust versprühen, die faszinierenden Charaktere, die ein Eigenleben entwickeln, die kulturellen Feinheiten von Neukölln – all das lässt „4 Blocks“ frisch erscheinen.

Der Regisseur Kren ist ein Macher. Als Debütfilm drehte er für ein Ultra-Low-Budget den sehenswerten Zombiefilm „Rammbock“. „Blutgletscher", die schöne Reminiszenz auf „Das Ding aus einer anderen Welt“ in der John-Carpenter-, aber auch der Howard-Hawks-Interpretation, war eine konsequente Weiterentwicklung. Den Sat.1-Film „Mordkommission Berlin 1“ haben nicht sonderlich viele wahrgenommen, obwohl es eine ganz famose Neuinterpretation des Gangster-Reigens war, den Fritz Lang in den 1920er-Jahren in Berlin etabliert hatte. Jetzt also hartes, testosterongeschwängertes Männerkino als 6-teilige TV-Serie, die es nicht zu verpassen gilt.

Links: - "Tiger Girl", - "Offene Wunde deutscher Film"

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