Donnerstag, 5. Mai 2016
Blue Angel Cafe: New-Beverly-Programm im Mai 2016

„Atemlos vor Angst“ © Paramount Pictures / Universal Pictures
Der Name der monatlichen Kolumne „Blue Angel Cafe“ geht auf das gleichnamige Joe-D’Amato-Meisterwerk aus dem Jahr 1989 zurück. Der Filmkritiker Lukas Foerster beschrieb es auf dem 15. Hofbauer-Kongress Anfang des Jahres folgendermaßen: Wenn Douglas Sirk ein Remake von Josef von Sternbergs Klassiker „Der blaue Engel“ in New Orleans ohne Budget gedreht hätte, wäre das trotzdem nicht halb so großartig gelungen wie D’Amatos „Blue Angel Cafe“.
In der Kolumne blicke ich auf das aktuelle Programm des New Beverly Cinema, das bekanntlich die Abspielstation von Quentin Tarantinos Wunsch- und Programmierungsträumen ist. Als Inhaber hat der US-Regisseur Hausrecht. Wenn der Ober-Cineast durch anderweitige Verpflichtungen abgelenkt ist, läuft das Programm auch schon mal auf Autopilot oder die Mitarbeiter schmuggeln diverse Double-Feature-Vorstellungen ein. Ich habe mich zu festen Kategorien entschlossen, nach denen ich das Monatsprogramm für mich aufschlüsseln will.


Thema: Im Mai feiert das New Beverly Cinema den Regisseur William Friedkin. Zehn seiner Filme werden zu sehen sein. Das Herzstück stellt sicherlich die 4-Track-Mag-Vorführung des Action-Monolithen „Atemlos vor Angst“ an vier aufeinander folgenden Tagen dar. Lust hätte ich sofort auf das Double Feature „Leben und Sterben in L.A.“ und „Anklage Massenmord“. Vor allem letzterer Film, der im Original „Rampage“ heißt und Michael Biehn in der Hauptrolle aufbietet, interessiert mich, weil ich ihn noch nicht kenne. Tarantino zeigt anerkannte Klassiker wie „The French Connection“, verkannte Klassiker wie „Cruising“ und recht aktuelle Ware wie „The Hunted“, „Bug“ und „Killer Joe“. Dazu passt, dass William Friedkin in ein paar Tagen auch die Masterclass in Cannes leitet, wo er Nachwuchsfilmemachern von seiner ewigen Frankreich-Liebe vorschwärmen wird. Eigentlich fehlt in Tarantinos Auswahl nur „Der Exorzist“, den das New Beverly Cinema aber erst vor einiger Zeit rauf und runter gespielt hat und deswegen ausspart. Lohnenswert ist sicherlich auch Friedkins Interview-Film, den er mit Fritz Lang in den 1970er-Jahren gedreht hat. Selten ist Fanliebe kälter beantwortet worden.

Entdeckungen: Tarantinos jugendliche Verehrung der italienischen Erotik-Ikone Laura Antonelli ist bekannt. Schon häufiger hatte er Antonelli-Filme im Programm. Luchino Viscontis allerletztes Werk „Die Unschuld“ sehe ich in diesem Zusammenhang allerdings zum ersten Mal. Der ist vorgemerkt. Auch interessieren mich besonders der Robert-Butler-Ski-Thriller „Schussfahrt in den Tod“ und das mir unbekannte Alistair-Maclean-Double-Feature „Caravan to Vaccares“ und „Fear Is the Key“. Für die ganz Mutigen wartet ein bizarres Bob-Hope-Doppelprogramm („Cancel My Reservation“, „The Cat and the Canary“) und Filme mit den Titeln „Tropical Heat Wave“ und „Panama Sal“. US-Filmhistoriker, vorgetreten!

Überraschungen: Mit 60 Jahren soll ja Schluss sein. Da hat sich Tarantino festgelegt. Weil man dann sein Mojo verschossen hätte. Man sehe es gerade an den Karrieren der richtigen großen Regisseure. Immer wieder darauf angesprochen, welche Regisseure er da im Speziellen meine, antwortete Tarantino mit dem Namen Billy Wilder. Eine Unverschämtheit, wenn man dessen Spätwerk kennt. Und siehe da: Welche zwei Filme zeigt Tarantino im Mai-Programm? „Avanti, Avanti“ und „Fedora“. Beides Billy Wilder-Filme, die mich sehr für den alternden Hollywoodregisseur einnehmen. „Avanti, Avanti“ ist in seiner blutvollen Lebensweisheit wahrscheinlich sogar das Schlüsselwerk zu Wilders Filmografie. Indirekt gibt Tarantino damit selbst zu, dass er eigentlich noch etwas länger drehen könnte. Es muss ja nicht runter bis zu „Buddy, Buddy“ gehen. Diese Erkenntnis gilt besonders für die aktuelle Phase, in der Tarantino den leichten „The Hateful Eight“-Backlash verarbeitet und seine Wunden leckt.

QT-Klassiker: In dieser Kategorie stehen die Filme, die Tarantino immer wieder auf die Agenda setzt, die er quasi mit aller Macht in den Filmkanon durchdrücken will. Kandidaten dafür sind die letzten Ausläufer des Wiliam-Witney-Craze aus dem vorherigen Monat. Immer noch laufen die Abenteuer-Episoden von „The Crimson Ghost“ vor den Hauptfilmen. QT-Klassiker wie „Amuck“, „The Blood Spattered Bride“, „Hollywood Man“ oder „Hot Summer in Barefoot County“ geben sich die Klinke in die Hand. Und es hat Stil, dass Tarantino in der Kinder-Matinee am Samstagnachmittag „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ zeigt. Genauso wie man mit einem „Nightmare on Elm Street“-Marathon nichts falsch machen kann. Und Prince wird mit „Purple Rain“ geehrt, weil er gemeinsam mit Elvis Presleys Film „Jailhouse Rock“ gezeigt wird.

Link: - New-Beverly-Programm

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Freitag, 4. März 2016
Tarantino feiert die Liebe, Mastroianni & Senta Berger

Screenshot New Beverly Cinema Homepage März 2016
Der Rauch ist verflogen, das Blut getrocknet und "The Hateful Eight" als spaßbringende Boxoffice-Enttäuschung erst einmal abgehakt. Quentin Tarantinos New Beverly Cinema lässt sich davon nicht beirren und zeigt weiterhin die interessanten Double Feature-Vorstellungen des Über-Cineasten. Kein Wunder - gehört dem Kalifornier doch das schnuckelige Kino in Los Angeles.

Nachdem zwei Monate hindurch Tarantinos eigene Filme bei der Programmierung im Mittelpunkt standen, ist jetzt wieder die kuratierende Meisterhand zu erkennen. Einen verstärkten Fokus legt das März-Programm des New Beverly auf Great Love Stories. Besonders angesprochen hat mich dabei das Double Feature mit dem Blake Edwards-Agentenfilm "Darling Lili" und dem italienischen Exploitationfilm "Fräulein Doktor".

"Darling Lili", eine Variante der Mata Hari-Agentin im Ersten Weltkrieg, in der Julie Andrews und Rock Hudson die Hauptrollen spielen, ist ein Geheimtipp, der schon länger auf meiner To-Watch-Liste steht. Eigentlich seitdem der Filmkritiker Myron Meisel es als eines der drei großen Meisterwerke in Blake Edwards' Filmografie bezeichnet hat (im cinephilen Standardwerk "American Directors Volume 2").
Terza Visione in Los Angeles
Der spätere zweite Teil des Abends am 20. und 21. März sieht fast noch interessanter aus: "Fräulein Doktor" von Alberto Lattuada ist mir so direkt, glaube ich, noch gar nicht begegnet. Wieder wird eine Agentengeschichte im Ersten Weltkrieg erzählt, nur, dass hier sicherlich mehr nackte Haut gezeigt werden wird. Der Cast ist spannend: Suy Kendall trifft auf Capucine und Giancarlo Giannini. Der Score ist von Ennio Morricone, der durch Tarantino seinen ersten offiziellen Oscar bei den 88. Academy Awards gewonnen hat.

Die italienischen Programmpunkte erscheinen mir sowieso die schmackhaftesten, weil unbekanntesten Filetstücke zu sein. Da läuft "Des Lebens Herrlichkeit" aus dem Jahr 1970 mit Tony Musante und Florinda Bolkan zur Musik von Stelvia Cipriani ("Der Tod trägt schwarzes Leder", "Papaya").

Es gibt ein sehr interessantes Marcello Mastroianni-Double Feature: "Diebe haben's schwer" (1958) und "Scheidung auf Italienisch" (1961). Und Tarantino würdigt Senta Berger mit den reißerischen Klassikern "Als die Frauen noch Schwänze hatten" und "Toll trieben es die alten Germanen". Die Musik stammt jeweils auch von Morricone, an den Drehbüchern arbeitete Lina Wertmüller mit, der Tarantino in einem seiner vergangenen Programmen schon den Hof gemacht hat.
Liebe für William Wyler
Bei den Great Love Stories, die das Leitthema des Monats sind, scheinen die Mitarbeiter auch einige Stinker wie "Love Story" eingeschmuggelt zu haben. Aber ganz besonders bin ich auch an der William Wyler-Liebesgeschichte "Jezebel" mit Bette Davis und Henry Fonda interessiert. Die Wahl könnte nämlich sehr wahrscheinlich durch Mark Harris' exzellentes Filmbuch "Five Came Back" inspiriert sein.

Darin schwärmt der Autor unter anderem sehr gekonnt von William Wylers Karriere. Ein Regisseur, der wegen seiner vielen Oscars und Erfolge in der Filmgeschichtsschreibung eher vernachlässigt wurde, weil es bei ihm scheinbar nichts mehr zu entdecken gibt. Mark Harris hat ihn wieder hervorgeholt, Tarantino gibt nur zu gerne den Staffelstab weiter.

Links: - März-Programm, - 35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

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Montag, 29. Februar 2016
Berlinale-Kritik: „A Quiet Passion“ (Terence Davies)

Tochter (Cynthia Nixon) & Vater (Keith Carradine) © Hurricane Films
Einem Dinosaurier gleich stampft der berüchtigte Oscar-Blogger Jeffrey Wells heute durch die politisch korrekte Hipster-Online-Welt. Was der streitsüchtige, machohafte Wells mit seinem Blog Hollywood Elsewhere aus der Steinzeit jedoch mit rüber gerettet hat, ist sein immer noch funktionierender Riecher für frühe Oscar-Kandidaten. Einmal Jeffrey Wells sein, dachte ich mir bei Terence Davies‘ Kostümdrama „A Quiet Passion“. Der Zoo-Palast war wegen Benjamin Netanjahus Staatsbesuch weiträumig abgesperrt. Und als ich mich an den Absperrgittern wieder Richtung U-Bahn-Station orientierte, war mir auch schon klar, dass es nicht einen einzigen, sondern ein paar Kandidaten gäbe, die einen frühen Oscar-Buzz verdienten.

Davies‘ Film lief nur in der Special-Nebenreihe der Berlinale. Aber die Qualität für den Wettbewerb hätte das Emily Dickinson-Biopic locker gehabt. Terence Davies ist eben ein gut gehütetes Insider-Geheimnis unter Cineasten, hauptsächlich unter britischen Kritikern. Deswegen werden wohl auch nicht Keith Carradine (Emilys Vater), Jennifer Ehle (Emilys Schwester) und Catherine Bailey (die Familienfreundin) in die engere Auswahl mit einbezogen werden, wenn im Dezember wieder ernsthaft für die Academy gefahndet wird. Und doch hätten es alle drei mehr als verdient. Auch Cynthia Nixon, dem Zuschauer eher bekannt als die rotblonde Miranda aus „Sex and the City“, die der amerikanischen Schriftstellerin Emily Dickinson in den Erwachsenenjahren Gesicht und Ausdruck gibt, wäre eine Überlegung wert. So wandlungsfähig und komplex ist ihre Darstellung der Dickinson, so klug wie scharfzüngig, so rebellisch wie verletzlich.
Kammerspielartige Screwball-Comedy
Mir kann man wirklich keinen Hang zu Kostümfilmen, Jane Austen oder englischer Lyrik nachsagen. Umso begeisterter war ich davon, wie mich Davies trotz dieser vermeintlicher Reizformeln einfing. Bei ihm verwandelt sich Sprache in Gefühle und umgekehrt. „A Quiet Passion“ besteht hauptsächlich aus kammerspielartigen Screwball-Comedy-Momenten, die in Licht schwimmen. Darin haben die Schauspieler so viel Platz und Vertrauen, dass sie allesamt glänzen können.

Der Film erzählt Emily Dickinsons Lebensgeschichte. Als amerikanische Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts lässt sie ihre aufgestaute Energie und Kraft in die Poesie fließen. Denn in der Realität wird Frauen das Recht auf Selbstverwirklichung von der Gesellschaft versagt. Dickinson erlangte erst nach ihrem Tod Berühmtheit und Anerkennung und stieg zu einer der bedeutendsten Lyrikerinnen der englischen Sprache auf. In ihrer Zeit kann sie nur wenig veröffentlichen und wird noch weniger von der Literaturkritik geschätzt. Selbst ihr Verleger schreibt einige Zeit nach der Zusammenarbeit einen so fiesen Verriss, dass dagegen Folterwerkzeuge eher harmlos erscheinen.

Sie bezeichnet sich selbst als ein von Gott verstoßener Mensch. Wegen ihrer Zweifel holt sie ihre Familie aus dem protestantischen Mädcheninternat. Sie kniet auch nicht, wie es üblich ist, vor dem Pastor im Familienkreis und verliebt sich heimlich in einen Prediger, der mit einer Quäkerin verbandelt ist. Ihre Schwester Vinnie (Jennifer Ehle) weiß das Verhältnis zwischen Emily und Gott aber besser einzuordnen. Durch ihre poetische Gabe sei sie als Mensch ihm so nah wie sonst kein anderer Mensch.
Der Preis der Genialität
Der Regisseur Davies schildert diese Beziehung vor allem über die süchtig machende Sprache und Formulierungskunst der Emily Dickinson und streift damit einen weiteren interessanten Aspekt ihrer Persönlichkeit. Genies sind im richtigen Leben auf Dauer fast immer nur schwer erträgliche Menschen. Emilys Sinne sind zu fein gestimmt, ihr Vokabular schärfer als das ihrer Umgebung, ihre Haltung zwangsläufig gnadenloser. Jedes Wortgefecht muss gewonnen, jeder letzte Punkt gesetzt werden. Auch wenn sie das immer weiter in die Isolation treibt. Verehrer werden bald nur noch am unteren Treppenende empfangen, um ihnen den rechten Platz gleich zu Anfang zuzuweisen.

„A Quiet Passion“ besitzt eine magische Morph-Szene, in der die Familie Porträt sitzt. Vater Edward (Keith Carradine) ist auch so ein Dinosaurier aus vergangenen Zeiten, dessen Liebe gegenüber seiner Familie immer noch den harten Mantel des Patriarchen überlagert. Er ringt sich unter körperlichen Schmerzen die Ahnung eines Lächelns für das Bild ab. Und während er auf seinem Stuhl sitzt, altert er im Schnellverfahren. Die ergrauten Schläfen, die eingefallenen Wangen.

Was für ein genialer Einfall. Vor allem, wenn die Jung-Schauspieler der Hauptrollen zu ihren späteren Schauspiel-Ichs morphen. Warum ist das noch niemandem früher eingefallen? Es ist ein schmerzlicher, sehr organischer Zeitraffer, der sofort Orientierung stiftet. Und gerade hinsichtlich des Abspanns, wenn wir den Übergang von Cynthia Nixon zur echten Emily Dickinson sehen, schließt sich auf atemberaubende Weise ein dramaturgischer Bogen.

Das ist keinesfalls ein perfekter Film. Und er ist so angenehm düster und verdammt nah an der Realität dran – Krankheiten und Tod bestimmen Emilys Familienleben in der zweiten Hälfte des Films –, dass ihm wohl kaum ein großer Publikumserfolg beschieden sein wird. Mehr als verdient hätte ihn aber dieses sublim erzählte und gespielte Biopic.

Links: - Berlinale-Rückblick 2016, - Geheimtipp "Agonie"

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Freitag, 26. Februar 2016
Berlinale-Kritik: „Agonie“ (David Clay Diaz)

Wahnsinnig intensiv: Samuel Schneider © David Clay Diaz
Harald Schmidt hat mal scharfzüngig behauptet, Kulturvölker sollten wissen, wozu sie gemacht wurden: Niemand brauche zum Beispiel österreichische Rapper oder japanische Opernsänger. Burgtheater, "Küss die Hand" und "Habe die Ehre" seien da doch viel passender. Und so gerne man in diesem Fall zustimmen würde, hat mich David Clay Diaz‘ Film „Agonie“ in der Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale eines Besseren belehrt.

Da rappt nämlich der gerade aus dem Grundwehrdienst des österreichischen Bundesheer heimgekehrte Alex (Alexander Srtschin) vor einem Kumpel. Im breitesten Wiener Dialekt. Es ist eine sehr brachiale, repetitive Hasstirade auf seine Ex-Freundin, die auf Facebook ein aufreizendes Foto von sich veröffentlicht hat. Zuerst irritiert noch das Wienerische, schnell stoßen auch die Fäkalausdrücke ab. Aber umso länger man zuhört, ja im Kino quasi gezwungen ist zuzuhören, umso mehr spürt man durch die Performance die traurige Existenz des Amateur-Rappers.
Warum sich für Yuppies und Prolls interessieren?
So ging es mir auch generell mit David Clay Diaz‘ Film „Agonie“, der die Geschichte zweier junger Männer in Wien parallel erzählt, die sich aber nie treffen. Gleich zu Anfang sagt der Film, dass am Ende einer dieser Männer seine Freundin zerstückelt und in der Stadt in verschiedenen Müllcontainern verteilt haben wird. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich bis dahin noch im Kinosaal sitzen würde. Zu platt und eindimensional erschienen mir beide Figuren.

Alex, der ehemalige Soldat und Fitness-Freak, der jede freie Minute im Solarium oder in der Kickbox-Halle verbringt. Oder auch Christian (Samuel Schneider), der deutsche Jura-Student, der eine blonde Sexbombe als Freundin hat. Wo sollen da die Tiefe und Plastizität der Figuren entstehen. Aber umso länger man dem österreichischen Hasstiraden-Rap lauscht und umso genauer man sich die Leben dieser beiden Menschen anschaut, umso mehr interessante Anhaltspunkte glaubt man zu finden.

Das offensichtlichste Vorbild für den Regisseur David Clay Diaz war Gus Van Sants Amoklauf-Film „Elephant“. Diaz erwähnt im Interview die buddhistische Parabel von den fünf Blinden, die einen Elefanten an verschiedenen Körperstellen betasten und jeweils ein ganz anderes Tier vor sich zu haben glauben. Ja, diesen Geist des vorurteilsfreien Beobachtens atmet „Agonie“. Er erinnert aber auch an den frühen Michael Haneke, als er noch nicht so didaktisch, aber schon ästhetisch radikal arbeitete („Benny’s Video“).
Haarrisse auf der Seele
Umso länger „Agonie“ läuft, umso spannender werden diese beiden Männer. Sie haben Probleme wie viele junge Menschen: Druck von allen Seiten; von der Familie, den Freunden, dem Umfeld, den Medien; sie führen anstrengende Beziehungen oder erleiden schmerzvolle Trennungen. Sie schauen Gewaltvideos im Internet oder machen Popcorn im Kino. Aber Diaz zeigt, wie bei Christian und Alex der Druck nicht entweichen kann, sondern immer näher an die Explosion heranrückt.

Es sind Kleinigkeiten, die auffallen. Mikroskopische Kränkungen, die sich wie Haarrisse auf der Seele manifestieren. Zum Beispiel hat der Jura-Student Christian Sex mit seiner blonden Freundin – wie sie es so aus den Internetpornos kennen. Aber irgendwie läuft es nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Zuerst leckt sie sein Bein bis zur Fußspitze, danach nimmt sie ihn in die Löffelstellung. Auf ganz sanfte Art und Weise ist hier sofort klar, wer in der Beziehung die Hosen an hat. Oder der Ex-Soldat Alex prügelt sich mit einem Kumpel auf dem Zimmerboden. Sie spielen die muskelbepackten Wrestling-Helden wie Brock Lesnar und die noch härteren Ultimate Fighter aus dem TV nach. Alex verliert die Dominanz, wird zu Boden gedrückt. Letztlich haben die beiden einen kurzen, irritierenden Moment gemeinsamer Zärtlichkeit.

Und so gibt es unzählige Punkte, an denen man sich denkt, dass hier was schief läuft, ohne es genau bestimmen zu können. Es sind vor allem Kränkungen, die diese von der Gesellschaft gestählten Egos nicht verarbeiten können. David Clay Diaz ist damit eine kraftvolle, hypnotische Charakterstudie zweier Individuen gelungen, die sehr schmerzvoll an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. Samuel Schneider ist eine echte Schauspiel-Entdeckung, in deren Ruhe der Wahnsinn lauert. Und „Agonie“ war tatsächlich einer der Filme, die man auf der Berlinale 2016 gesehen haben musste.

Links: - Berlinale-Rückblick 2016, - Geheimtipp "Baden Baden"

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Berlinale-Kritik: “Baden Baden” (Rachel Lang)

Ana (Salomé Richard) singt Karaoke © Chevaldeuxtrois
Der amerikanische Filmkritiker James Monaco wird heute vornehmlich mit der eher drögen Pflichtlektüre „Film verstehen“ in Verbindung gebracht, mit der Uni-Anfänger in den ersten Semestern gequält werden. Dabei war der Mann in den 1970er-Jahren eine ganz und gar aufregende Erscheinung in der Filmwissenschaft. Monaco schrieb erst das bis heute noch beste Buch über die Nouvelle Vague („The New Wave“). Und er legte dann eines der lebendigsten und aufregendsten Bücher über das New Hollywood-Kino nach („American Film Now“).

Berüchtigt sind daraus die Karten-Schaubilder, in denen Regisseure, Schauspieler und Drehbuchschreiber wie Sterne ihren Platz im Hollywood-Pantheon zugewiesen bekamen. Mein liebster Abschnitt in „American Film Now“ stammt aber aus dem Kapitel über Paul Mazursky. Der Regisseur wird leider häufig vergessen, wenn von der Renaissance des Hollywood-Kinos geschwärmt wird. Und die Stelle geht so: „Wie die Opfer aus den Slapstick-Filmen scheinen es Mazurskys Figuren gar nicht zu merken, dass sie verhauen, getreten, geohrfeigt und über den Haufen gerannt werden. Sie sind Stehaufmännchen, die immer weitermachen und dabei die ganze Zeit grinsen. Mazurskys Welt ist wie die von Woody Allen, nur ohne Angst.“
Lena Dunham, Greta Gerwig, Rachel Lang?
An diese drei Sätze musste ich immer wieder denken, als ich Rachel Langs süchtig machende Slacker-Komödie „Baden Baden“ im Berlinale-Forum sah. Die Protagonistin Ana (Salomé Richard) ist 26 Jahre alt. Nach einem missglückten Film-Set-Job als Fahrerin kehrt sie zurück in ihre Heimatstadt Straßburg. In der ersten Szene des Films, eine minutenlange Einstellung ohne Schnitt, wird sie vom Aufnahmeleiter zur Sau gemacht. Sie habe sich mehrfach verfahren, sei mit dem Star Stunden zu spät am Set erschienen. Er brüllt sie aus Leibeskräften an. Vor lauter Tränen bekommt sie nicht einmal mehr den Rückwärtsgang rein. Schnitt. Etwas später an der Hotelbar treffen sich die beiden wieder. Der Job ist zwar futsch, aber das ist kein Grund, nicht noch mal gemeinsam anzustoßen.

Ana ist so schnell wieder oben, wie sie unten war. In Straßburg lebt sie ihr Leben – wild, sexuell und ohne Rücksicht auf Verluste. Außerdem will sie ihrer Großmutter, die im Krankenhaus liegt, ein neues Bad einbauen. Das wird ihr Projekt für den Sommer. Auch wenn sie davon noch weniger Ahnung hat als von dem Shuttle-Service am Film-Set. Der Film „Baden Baden“ reiht sich ein in eine popkulturelle Schlange mit der Kult-Serie „Girls“, Greta Gerwigs Komödie „Frances Ha“ oder Andrea Arnolds Drama „Fish Tank“ – allesamt Coming-of-Age-Geschichten über Frauen. Und oberflächlich betrachtet erzählt „Baden Baden“ keine gänzlich neuen Facetten. Es ist indes die Haltung der Protagonistin, die den Film so bemerkenswert macht, weil sie sich nicht wie die amerikanischen Geschwister neurotisch an Woody Allen anlehnt.

Die Protagonistin in „Baden Baden“ ist ein punkiges Stehaufmännchen, mit kurzen Wuschelhaaren und Jeans-Shorts, die angstbefreit macht, worauf sie Lust hat. Und sie macht eklige Dinge, die aber kreativ sind, wie zum Beispiel Erbsen und Möhren mit Ketchup zu essen. Oder mit dem ewig besten Freund in einer Hostel-Dusche zu schlafen und diesem, als er sie auf die Nase küssen will, in den Mund zu schnäuzen.
Der nächste große Superstar aus Frankreich
Ana zelebriert den Stillstand, ahnt aber auch, dass in diesem Sommer ein Kapitel zu Ende gehen wird. Mit Charme bezirzt sie einen Baumarkt-Mitarbeiter, ihr beim Einbau des neuen Bads unter die Arme zu greifen, obwohl der davon so wenig Ahnung hat wie sie. Es tauchen zahlreiche weitere Männer in Anas Leben auf: Ewige Anwärter, große Lieben, neue Verehrer und Gelegenheits-Flirts. Nichts Dauerhaftes. Meist nur Kompensation und Ablenkung vom Alltag. Freiheit bedeutet für sie, in einem teuren und viel zu schnellen Leih-Porsche den französischen Popsong „Unisexe“ auf der Autobahn zu schmettern, bis die Polizei einschreitet.

Ich bin ein bisschen befangen: Unter anderem, weil Ana irgendwann in der Küche zu Adam Greens Song „Dance with Me“ schäkert. Auch, weil „Baden Baden“ mit einer ganz famosen Karaoke-Szene endet. Und ich liebe leidenschaftlich schlecht vorgetragene Karaoke-Szenen in Filmen. Für mich ist dieses Guilty Pleasure inzwischen ein eigenes Subgenre. Und „Baden Baden“ belegt im ausgedrückten Lebensgefühl und dem Moment des Glückes einen der vorderen Ränge.

Die Ana-Schauspielerin Salomé Richard ist schlicht - tja - bezaubernd. Als Mensch und als Schauspielerin. Womöglich ist sie nach Ludivine Sagnier, Chiara Mastroianni und Solène Rigot das nächste große Ding aus Frankreich. Französische Filmgöttinnen üben eine besondere Faszination aus. Vielleicht auch, weil die einheimischen Filmemacher verstehen, ihnen im Gegensatz zu Hollywood gerade auch nach dem 40. Lebensjahr die besten Rollen auf den Leib zu schreiben (siehe Juliette Binoche, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert). Ähnlich faszinierend ist es aber, ihnen beim Durchstarten zuzuschauen.

Links: - Berlinale-Rückblick 2016, - Geheimtipp "Creepy"

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Donnerstag, 25. Februar 2016
Berlinale-Kritik: „Creepy“ (Kiyoshi Kurosawa)

Der Skorpion (Teruyuki Kagawa) © Shochiku Company
Die Klopeks. Ein Familienname, der hängen bleibt, wenn man das Joe Dante-Meisterwerk „Meine teuflische Nachbarn“ gesehen hat. Seitdem auch in der realen Welt ein Synonym für Nachbarn, die sich irgendwie auffällig verhalten. Menschen, die sich abschotten, erst nachts den Müll herausbringen und in ihren Kellern höchst seltsame Geräusche verursachen. Zusammen gefasst Menschen, die jeder auf eine Art in seiner Nachbarschaft wiederfindet. Und ein Menschenschlag, dem jetzt auch der japanische Genre-Regisseur Kiyoshi Kurosawa in seiner fabelhaften Hitchcock-Variation „Creepy“ ein Denkmal gesetzt hat.

„Creepy“, der auf der Berlinale in der Special-Nebenreihe zu sehen war, beginnt mit einer Geiselnahme in einer Polizeistation. Der ermittelnde Polizist Takakura (Hidetoshi Nishijima) hat den Angeklagten im Verhörraum in die Ecke gedrängt. Seine Taten sind offensichtlich, die Beweislast ist erdrückend. In einem unachtsamen Moment schlüpft der potenzielle Serienkiller aus der Tür, nimmt eine weibliche Geisel und bedroht diese mit einer Gabel am Hals. Die Situation scheint klar zu sein. Es gilt zu verhandeln – über Fluchtfahrzeuge und Geld. Takakura unterschätzt aber die Psyche des Täters: Der denkt nicht an Flucht, nutzt lieber die Gelegenheit, dem Polizisten die Gabel in den Rücken zu jagen und im Kugelhagel abzutreten. Die Fabel vom Skorpion und dem Frosch kommt einem dabei in den Sinn. In diesem filmischen Universum wird nicht die Logik regieren, sondern der Instinkt. Was für schlechte Zeiten für rationale Ermittler!
Anleitung zum Unglücklichsein
Einige Zeit später, Polizist Takakura ist mit seiner liebreizenden Frau Yasuko (Yûko Takeuchi) umgezogen. Er hat den Job an den Nagel gehängt und doziert jetzt lieber an der Universität. Und eigentlich hätte das Paar nun die Möglichkeit für ein ruhigeres, glücklicheres Leben. Dann wäre es allerdings kein Kiyoshi Kurosawa-Film. Ein Regisseur, der mir das erste Mal in der Welle japanischer Geister-Horrorfilme der 2000er-Jahre aufgefallen ist. Die Protagonisten seines Films „Pulse“ waren so depressive Teenager, dass ihr Ableben durch ein ominöses Internet-Video geradezu wie eine Befreiung wirkte. Kurosawas Figuren scheinen das Unglück zu suchen. Sie werden von ihm magisch angezogen. Weder Mann noch Frau halten bei ihm die idyllische Zweisamkeit allzu lange aus.

Takakuras Frau Yasuko stellt sich in der Nachbarschaft mit einer selbst gemachten Kleinigkeit vor. Sie wandert von Haustür zu Haustür. Und es wurmt sie, dass der Mann gegenüber ihr die Tür nicht öffnen will. Immer wieder versucht sie es, bis sie ihn endlich antrifft. Der Nachbar ist ein eigenbrötlerischer Kerl, der von sozialen Situationen überfordert ist. Vor Yasukos Hund rennt er davon wie vor einem Ungeheuer. Er beherrscht keinen Small Talk und macht die komischsten Andeutungen. Er ist, wie dem Zuschauer mit zunehmender Zeit immer klarer wird, der verhaltensauffälligste Nachbar in der Filmgeschichte seit den Klopeks. Tatsächlich noch bizarrer und auffälliger. Zu beobachten, wie sich dieser Nachbar (genial: Teruyuki Kagawa) immer größere Böcke leistet und wie Yasuko trotzdem versucht, den nachbarschaftlichen Frieden als Schein zu wahren, ist köstlich anzuschauen. Mir doch egal, ob da einer aus der Irrenanstalt ausgebrochen ist, so lange er nur meinen Auflauf für schmackhaft befindet.
Mr. Kurosawa, wie haben Sie das gemacht?
Aber ihr Ehemann ist nicht besser: Takakura langweilt schnell der Universitätsalltag. Mit einem anderen Professor macht er sich lieber privat an die Aufklärung eines nie aufgelösten Mordfalls. Es ist nicht nur die gekonnte Machart, das ökonomische Erzählen und die Bildsprache, die „Creepy“ an Hitchcock erinnern lassen. Es sind vor allem die Obsessionen seiner Protagonisten, die Kurosawa ganz dicht an das Herz des Suspense-Meisters rücken. Ja, Takakura ermittelt eventuell auch, weil er den Fall auflösen will. Aber die Menschen interessieren ihn dabei nicht wirklich. Er benutzt sie als Material. Seine Brutalität kommt gerade in den Gesprächen mit Zeugen und Angehörigen zum Ausdruck. Schnell wird aus einer Unterhaltung ein Verhör, immer befindet sich der Zeuge auch auf der Anklagebank. Spielerisch tänzelt die Kamera dabei durch den Raum und taucht seinen Privatdetektiv in immer dunklere Schatten. Takakura hat auch kein Problem damit, Unschuldige körperlich anzugehen, nur um ein bisschen schneller in seiner Besessenheit voranzukommen.

In „Creepy“ schaufelt sich das von außen so perfekt wirkende Ehepaar sein eigenes Grab schon selbst. Die unzähligen Leichen, die der verhaltensauffällige Nachbar drüben im Keller haben könnte, können an den emotionalen Abgrund der beiden niemals heranreichen. Bei Kurosawa ist ein kleiner Flur eines Familienhauses der größte Alptraum, weil er weiß, was dahinter kommt. Einmal steht Yasuko in diesem Flur des Nachbarn. Und die Spannung ist so groß, dass sie fast nicht mehr auszuhalten ist. Weil alles hinter diesem Vorhang vorkommen kann. Da sind wir nicht mehr weit entfernt vor dem Vorhang in Tobe Hoopers Klassiker „The Texas Chainsaw Massacre“. Dort ist man inzwischen richtig gehend erlöst, dass es nur der olle Leatherface ist, der sich eine der Protagonistinnen holen kommt. „Creepy“ geht einen Schritt weiter. Ich will nicht behaupten, dass der Film perfekt ist. Das Schlussdrittel zerfasert ein wenig. Es räumt sich die eine oder andere Ungereimtheit ein. Aber hey, was für ein teuflisch guter Horrorfilm und was für eine todtraurige Patchwork-Familie das doch letztlich ist.

Link: - Berlinale-Rückblick 2016, - Geheimtipp "Baden Baden"

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Montag, 22. Februar 2016
Prügelknabe, Schatz oder Schlappschwanz - der Neue Deutsche Mann auf der Berlinale 2016

Highlights: "A Lullaby", "A Quiet Passion", "Agonie" & "Baden Baden"
Ein Berlinale-Rückblick so lang wie ein Lav Diaz-Film: über deutsche Sprache und den ziemlich starken Wettbewerbs-Jahrgang 2016.

Man spricht deutsch auf der Berlinale. Weniger am ungewöhnlich mild temperierten Potsdamer Platz, wo im internationalen Reigen aus Touristen und Weltpresse eigentlich eine Art Esperanto gepflegt wird. Gemeint sind die Protagonisten auf den Leinwänden des Festivals, die einen Hang zu deutschen Ausdrücken entwickelt haben. Der tschechische Panorama-Eröffnungsfilm „I, Olga Hepnarova“ ist ein typischer Vertreter der von Wieland Speck kuratierten Nebenreihe. Er ist schwarzweiß fotografiert, voller freizügiger Szenen und rauchender Menschen, ungeschickt distanziert erzählt sowie etwas zu plump moralisch angelegt. Die Protagonistin Olga (das Natalie Portman-Lookalike Michalina Olszanska) basiert auf einem realen Vorbild. Olga Hepnarova war die letzte Frau, die in der Tschechoslowakei im Jahr 1975 per Todesstrafe gehängt wurde.

Im Gerichtssaal rechtfertigt sie ihren terroristischen Akt gegen Passanten auf dem Bürgersteig mit dem deutschen Wort ‚Prügelknabe‘. Denn als genau diesen habe die Gesellschaft sie wegen ihrer Homosexualität behandelt. Ihrer Argumentation will man nicht so recht folgen. Und man glaubt auch, dass Regisseure wie Miloš Forman den Freiheitskampf gegen das kommunistische System bereits in den 1960er-Jahren deutlich besser und interessanter erzählt haben. Aber das Wort bleibt haften.
Keine einfachen Formeln
Themen- und Motivsuche erweisen sich jedes Jahr wieder als trügerisches und künstliches Gebilde auf der Berlinale. Die Medien lechzen immer nach einfachen Formeln, nach Zuspitzungen und Konflikten. War das jetzt ein Jahr der starken Frauenrollen oder der schwachen Männerrollen – und wen interessiert das eigentlich? War es dann doch eher das Jahr der Flüchtlingskrise, weil Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Fire at Sea“ den Goldenen Bären gewann?

Im okayen deutschen Film „Meteorstraße“ wie im tollen französischen Film „Baden Baden“ zieht es zwei Figuren mit Migrationshintergrund in die Fremdenlegion. Ist das schon ein Thema oder bedarf es mindestens drei, vier Filme mit ähnlichen Motiven? Festival-Chef Dieter Kosslick hatte im Vorfeld das Recht auf Glück als Oberthema der Berlinale ausgegeben. Und so banal und eigentlich immer zutreffend das auf den ersten Blick erscheint, so sehr verfestigte sich über die Woche dieses Dogma. Zum Beispiel beim tunesischen Wettbewerbsbeitrag „Hedi“, der zu Recht als bester Erstlingsfilm und für den besten Hauptdarsteller (Majd Mastoura) ausgezeichnet wurde. Am Strand gräbt da die Animateurin Rym (Rym Ben Messaoud) die Titelfigur Hedi ein und formt ihrem Urlaubs-Flirt spielerisch riesige Sandbrüste. Als das ein kleines Touristenmädchen sieht, fragt es auf Deutsch: „Ist das dein Schatz?“ Das kann die Animateurin nur bejahen. Was für eine beiläufige Liebeserklärung in deutscher Sprache, die der Eingegrabene natürlich nicht versteht.

Isabelle Huppert in "Things to Come" (aka "L'avenir") © CG Cinéma
Merkels Schlappschwänze
Isabelle Huppert umgibt sich in Mia Hansen-Løves Film „Things to Come“ als Philosophie-Lehrerin, der das vertraute Leben abhandenkommt, mit deutscher Sprache. Sie gibt Werkausgaben zu Theodor W. Adorno und Arthur Schopenhauer heraus, die eingestellt werden sollen, weil sie sich weigert, ihre Buch-Cover wie Haribo-Tüten aussehen zu lassen. Wenn die Huppert Auto fährt, erklingt Franz Schuberts „Im Abendrot“.

Und wenn in der außer Konkurrenz gezeigten Dominik Moll-Komödie „News from Planet Mars“ vom EU-Gipfel berichtet wird, heißt es dort: Angela Merkel habe ihre männlichen Kollegen mit dem deutschen Wort ‚Schlappschwänze‘ gebrandmarkt, weil sie immer alles allein stemmen müsse. Der Versuch, thematisch übergreifende Trends in Motiven, Hintergründen oder Figuren zu finden, ist dann eben doch auch eine persönliche Geschmackssache. Und wenn man es nicht wie Volker Kauder, sondern wie Gerhard Polt meint, kommt man sogar mit dem deutschen Sprachmotiv durch.
Tarantinos "The Hateful Two"
„Die Berlinale verliert immer weiter an Bedeutung“, poltert der Viennale-Chef Hans Hurch im SWR2-Gespräch mit dem nickenden Filmkritiker Rüdiger Suchsland. Das Festival sei reaktionär, zynisch und dumm und nehme sich selbst nicht mal ernst. Da haben sich aber auch zwei gefunden. Bei viel zu leisem Mikrofon-Ton wird die Entscheidung, Lav Diaz‘ achtstündigen Film „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ einzuladen, auch noch als reiner Opportunismus abgetan. Ich habe Rüdiger Suchsland früher sehr gerne gelesen. Aber wenn er über die Berlinale im Allgemeinen oder Dieter Kosslick im Speziellen spricht, kommt da nur noch Gift und Galle zum Vorschein. Vor zwei Jahren schrieb Suchsland nach der Vertragsverlängerung von Kosslick einen Artikel, der den Titel „Der ewige Kosslick“ trug. Ob bewusst oder unbewusst gewählt, war die Assoziation zum berüchtigten Propagandafilm der Nationalsozialisten schlicht geschmacklos.

Tatsächlich ließ sich während des Festivals eine Eigentümlichkeit hinsichtlich des Wettbewerbs feststellen. Wenn man morgens im Pressezentrum brav die Branchenblätter Screen Daily und den Hollywood Reporter aufschlug oder gelegentlich auch einen Blick auf den Bewertungs-Chart des Tagesspiegel warf, fiel auf: Nahezu jeder Wettbewerbsfilm hat seine Anhänger gefunden. Zum Beispiel „Letters from War“, der portugiesische Schwarzweißfilm, der mit Hilfe von Liebesbriefen die Gräueltaten der Portugiesen im Angola-Kolonialkrieg beschreiben will. Jener eben schon erwähnte Rüdiger Suchsland war begeistert. Auch der Tagesspiegel-Kritiker Jan Schulz-Ojala schwärmte. Obwohl ich die portugiesische Sprache liebe, empfand ich „Letters from War“ dagegen als künstlerische Totgeburt.

Der portugiesische Beitrag "Letters from War" © O Som e a Fúria
Ernst Jünger in Angola
Einerseits von einer angenehmen Frauenstimme verlesene Briefe aus dem Off, andererseits hochstilisierte, teils atemberaubend schöne Schwarzweißbilder. In der Häufung und Wiederholung verliert das Ganze allerdings schnell an Reiz. Zumal die Liebesbriefe des Protagonisten an seine Zuhause weilende Frau weniger Liebesbriefe als Briefe der Selbstliebe sind. So sehr schwelgt der Militärarzt in den eigenen Formulierungen, so wenig scheinen die Schmeicheleien ausschließlich für die Frau bestimmt. Und das Schlimme: Es gibt auch keinen qualitativen Unterschied zwischen den Liebesbekundungen zur Frau und den blumig-imperialistischen Beschreibungen des Kolonialkrieges. Wenn man so will: ein Ernst Jünger-Epigone auf Portugiesisch. In Schönheit gestorben. Trotzdem würde ich sagen, dass dieses Filmexperiment in den Wettbewerb eines A-Festivals gehört.

Wohin man blickte, gab es Verteidiger von Wettbewerbsfilmen. Konsensfilme, die alle liebten, fand man fast keine (vielleicht am ehesten André Téchinés „Being 17“ und Hansen-Løves „Things to Come“). Die BZ-Kritikerin Anke Westphal gab dem einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag „24 Wochen“ die Höchstwertung und einen schwärmerischen Text mit dem Titel „Ein Film von großer Wucht“. Der Film mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel in den Hauptrollen um Komplikationen in der Schwangerschaft fand auf jeden Fall einen Resonanzboden auf der Berlinale. Ich weiß nicht, ob dieser Film im Wettbewerb laufen musste, weil er ästhetisch eher irrelevant ist. Ich weiß nicht einmal sicher, ob das ein guter Film ist. Was ich dagegen weiß: „24 Wochen“ ist ein packendes, mitreißendes Stück Kino, bei dem ich zwei Mal Tränen in den Augen hatte.

Selbst der krude kanadische Beitrag „Boris without Béatrice“, der von einem arroganten Geschäftsmann erzählt, der regelmäßig fremdgeht, hatte eine Anhängerin. Artechock-Kritikerin Dunja Bialas verteidigte den Film, in dem Regisseur Denis Côté auf Michael Haneke für ganz Arme machte.

"Midnight Special": "Starman" meets "Close Encounters" © WB
Wenig Hollywood, trotzdem unterhaltsam
Der Wettbewerb hatte eine erstaunlich dichte Qualität. Wenige Ausreißer nach unten, noch weniger nach ganz oben, aber sehr häufig interessant, sehenswert und anregend. Es gab vor allem eine Vielfalt in den ästhetischen Macharten zu bewundern. Und es hätte auch über die Nebenreihen die Möglichkeit gegeben, den Wettbewerb noch wertvoller zu gestalten, aber dazu etwas später mehr. Der einzige Hollywoodfilm der Konkurrenz, Jeff Nichols‘ Spielberg-Carpenter-Hommage „Midnight Special“, war zwar kein richtig großer Wurf. Dafür waren die Figuren zu schemenhaft angelegt. Aber was für ein meisterliches Sounddesign und was für einen treibend hypnotischen Soundtrack besaß der Film. „Midnight Special“, die Geschichte um einen außergewöhnlichen Jungen, hinter dem der Staat und die Kirche her sind, war immer genau dann bei sich, wenn er sich vom Plot und den Figuren löste und einfach Action, audiovisuelles Spektakel und eine wabernde Stimmung sein konnte.

Danis Tanovics opulenter Ensemble-Film „Death in Sarajevo“, der mich am stärksten an die Hollywoodversion von Vicki Baums Literaturklassiker „Menschen im Hotel“ erinnerte, gewann den Großen Preis der Jury. Auch hier fehlte der Schuss Genialität. Aber was für ein vitalisierendes Bewegungskino brennt Tanovic hier ab. Selten ruht die Kamera, immer gleitet sie den Protagonisten belauernd hinterher. Sie ist wie der Sicherheitsmann, dem aufgetragen wurde, den französischen Ehrengast zu beschützen. Aus altem kommunistischen Reflex macht der aus dem Security-Job eine traditionelle Beschattung. Und es ist spannend, den unterschiedlichen Parteien zu lauschen, sei es dem Historiker auf dem Dach, der über die mindestens zwei Herzen spricht, die in der post-jugoslawischen Gesellschaft schlagen. Oder seien es die Gangster, die es sich im Keller gemütlich gemacht haben und losschlagen, wenn mal wieder ein Arbeiteraufstand des Personals ansteht.

Trine Dyrholm in "The Commune" © Henrik Petit
Mäuschen spielen bei Meryl
Oder Thomas Vinterbergs Film „The Commune“, der von einem dänischen Paar erzählt, das in den 1970er-Jahren eine Wohngemeinschaft eröffnet, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Wenn man so will, ist das das erzählerische Gegenstück zu „Things to Come“. Wenn sich Isabelle Huppert wegen des fremd gehenden Mannes neu erfinden muss, zerstört Trine Dyrholms Charakter die eigene Liberalität. Sie war es, die die Kommune im geerbten Haus gründen wollte. Sie ist es, die nach Ulrich Thomsens Seitensprung glaubt, dass die Gemeinschaft und vor allem sie selbst das aushalten könnte. Man hätte zu gerne Mäuschen gespielt bei der Schauspielerin-Entscheidung der Jury. Wie die Jury-Präsidentin Meryl Streep wohl argumentiert haben muss, dass letztlich nicht die Huppert, sondern Dyrholm den Preis bekam. Einer meiner liebsten Schauspieler-Momente ist in „The Commune“ allerdings, als die Tochter den Vater auf frischer Tat ertappt. Thomsen, der ein herrlich schreckliches Toupet trägt, das nach Betrug schreit, will aus dem Bad kommen. Er erblickt seine Tochter aus dem Augenwinkel und versucht sich doch tatsächlich noch irgendwie in der Luft durch einen ungelenken Körperkniff zu verstecken. Vielmehr muss man über diesen Charakter nicht wissen.

Auch die richtig großen Filme des Wettbewerbs gingen auf die Suche nach dem persönlichen Glück ihrer Protagonisten. Über Mia Hansen-Løves Film „Things to Come“ habe ich schon ein bisschen geschrieben. Ein Film, der mit Abstand wächst, weil er wahrscheinlich mit das bittersüßeste Ende des Jahres bereithält. „Things to Come“ will ich schnell wiedersehen. Hansen-Løve versteht es, die Alltäglichkeit als kleine Wunder zu zerlegen. Es ist atemberaubend, der Huppert dabei zuzusehen, wie ihrer Figur, der engagierten Philosophie-Lehrerin, alle Sicherheitsleinen von eben auf jetzt weggezogen werden und sie sich neu behaupten und erfinden muss. Als sich die Huppert in ihrer dunkelsten Stunde im Kino Kiarostamis Film „Die Liebesfälscher“ anschaut, wird sie von einem Proll angegraben. Er rückt ihr immer mehr auf die Pelle, verfolgt sie in der Nacht nach Hause, will zudringlich werden. Nach einem kurzen Moment der Irritation lacht sie ihn einfach weg. Als Frau, die „Die Klavierspielerin“ und in „Die Ausgebufften“ war, stellt das keine echte Herausforderung dar. Ich glaube, dass „Things to Come“ noch nicht an Hansen-Løves Meisterstück „Der Vater meiner Kinder“ heranreicht. Vielleicht sehe ich das in ein, zwei Jahren anders.

Hedi und Rym lernen sich kennen ("Inhebek Hedi") © Nomadis
Der Arabischer Frühling als Alien
Ein früher Liebling im Wettbewerb war der tunesische Debütfilm „Hedi“. Die Titelfigur soll verheiratet werden. So wünscht es sich die Mutter, die alles arrangiert hat. Auf einer Arbeitsreise nutzt Hedi die Gunst der Stunde und beginnt eine Affäre mit einer Animateurin. Seine Anmache im Hotel wird wohl als missglückteste in die Filmgeschichte eingehen. Die Magie des Films, der von den Gebrüder Dardenne präsentiert wird, besteht unter anderem darin, dass die beiden trotzdem oder gerade deswegen ein Paar werden.

Der Film ist ganz dicht an seinen Protagonisten dran, zeichnet jede Gesichtsregung wie ein Seismograph auf. Mal wirkt Hedi mit seiner Halbglatze und dem Lebensunmut uralt, mal in nass-klebender Badehose wie ein Schuljunge. Er vereint in seinem Leben das schlechteste aus beiden Welten. Die emotionale Taubheit des Alters mit der Unreife der Jugend. Einmal sieht man von ihm, der die Welt gerne mit seinen Comics erobern würde, eine Zeichnung. Es ist eine triste Schwarzweiß-Skizze, die nach einer dystopischen Zukunft aussieht. Der Protagonist des Comics erinnert dabei an Hedi. Nur hat das Geschöpf einen riesigen unförmigen Schädel wie ein Alien oder ein Baby. Ein Fremder auf der Erde, ein Fremder im Leben. Ein Außenstehender im bislang fremd bestimmten Leben durch seine alles dominierende Mutter. Es fällt nicht schwer, die Parallele von Hedis Situation auf die des Arabischen Frühlings zu übertragen. Und die Melancholie der Geschichte verstärkt sich noch, wenn man sie mit den Entwicklungen der nordafrikanischen Revolutionen abgleicht.
Szenenapplaus für den Planeten Mars
Das muss man Dieter Kosslick auch anrechnen: Bei all dem Drama und der Tristesse, die im Wettbewerb fast unvermeidlich erscheinen, taucht dann ganz unverhofft eine extrem unterhaltsame Komödie wie „News from Planet Mars“ am Horizont auf. Am ehesten lässt sich der Film von Dominik Moll, der eigentlich berüchtigt ist für seine subtilen Thriller, mit einer ungewöhnlichen Bill Murray-Hollywoodperle wie „Was ist mit Bob?“ vergleichen.

Der unwiderstehliche François Damiens, einer meiner französischen Lieblingsdarsteller, spielt einen treusorgenden, emotional aber ständig überforderten Familienvater. Die Ex-Frau hat die beiden Kinder bei ihm außerplanmäßig abgegeben, weil sie in Brüssel vom EU-Gipfel als Außenreporterin berichten muss. Dazu kommen der Hund der exzentrischen Schwester und ein durchgeknallter Arbeitskollege (Vincent Macaigne, seit dem Film „Tonnerre“ ein weiterer französischer Lieblingsdarsteller), der ihm mit einem Beil das Ohr abgeschlagen hat und zum Dank bei ihm einzieht. Das ist im besten Sinne eine altmodisch erzählte schwarze Komödie, bei der ganz Billy Wilder-artig alle Erzählstränge im Schlussdrittel gekonnt zusammen geführt werden. Der Humor ist teils herrlich geschmacklos und grotesk. Ein sehr sympathischer Rausch von einer Komödie, die sogar den einzigen Szenenapplaus einheimste (Stichwort: Hund), den ich dieses Jahr auf der Berlinale mitbekommen habe.

Gottesdienst unter der Erde ("A Lullaby to the ...") © Bradley Liew
Das sanfte Achtstunden-Monstrum
„Wie war es?“, fragte die aufgekratzte Deutsche Welle-Reporterin auf der Treppe des Berlinale-Palastes, als gerade einmal die Halbzeit von Lav Diaz‘ achtstündigem Schwarzweiß-Epos „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ eingeläutet wurde. Mir kam nur ein „No, please“ über die Lippen. Ein „I respectfully refuse, it’s far too early to call“ wäre angebrachter gewesen. Aber vier zeitlupenhaft erzählte Stunden philippinischer Revolutionskampf gegen die spanischen Besatzer kann einen schon in so eine Art emotionalen Tunnel versetzen. Als Mindestziel hatte ich mir die Halbzeit gesetzt, es anfangs mehr als sportive Herausforderung betrachtet, weil ich glaubte, dass das sowieso nicht mein Film sein würde. Die allererste Stunde war hart, die letzten beiden der über acht Stunden vergingen wie im Flug.

Ich weiß immer noch nicht so ganz, was ich von Diaz‘ Wiegenlied halten soll. Auf jeden Fall kann ich das nicht hier im sowieso schon zu langen Rückblick ausformulieren. Allein über das Licht und die Winde könnte man Studien schreiben. Aber ich greife mal einen Aspekt heraus: Sichtbare Gewalt gibt es in diesem Lav Diaz-Film beinahe gar nicht auf der Leinwand. Selbst wenn die Macheten gezückt werden, passiert das Geschnetzel außerhalb des Bildes. Eigentlich komisch für einen Film, der von den spanischen Kriegsgräuel gegen die Philippinen erzählen will, oder? Mitnichten! Diaz legt nämlich ganz untypisch den Fokus auf die Zurückgebliebenen. Schließlich begleiten wir einen Großteil des Films die Witwe eines der ermordeten philippinischen Revolutionsführer, die seinen Leichnam sucht. Es geht Diaz sehr um das Entsetzen und den Horror in den Köpfen derer, die zurückbleiben und weiterleben müssen.

Bezeichnend ist dafür eine frühe Szene: Soldaten zielen mit ihren Waffen auf Zivilisten. Man hört den Feuerbefehl, die Schüsse und die Schreie. Aber keiner der Zivilisten fällt. Plötzlich wird die Situation klar. Die Zivilisten wohnen einer Erschießung bei, die im Off passiert. Die Soldaten mit den ausgerichteten Gewehrläufen dienen der Abschirmung des tatsächlichen Mordes. Genau darum geht es Diaz, um die Gefühle der Angehörigen, der Vergewaltigten und Misshandelten, die von den Schüssen nicht getroffen werden und sie trotzdem fast mehr spüren als die Opfer selbst.

"Soy Nero": Aus dem Dschungel kommst du nur im Sarg ©PallasFilm
Geheimtipp "Soy Nero"
Mein Joker für den am meisten unterschätzen Film des Wettbewerbs geht derweil an „Soy Nero“ von Rafi Pitts. Der junge Mexikaner Nero will illegal in die USA einreisen. Man sieht sein wiederholtes Scheitern und seine daraus resultierende einzige Option, amerikanischer Staatsbürger zu werden. Der so genannte Dream Act besagt, dass Einwanderer, die für die USA als Soldaten kämpfen, ein Anrecht auf eine Green Card haben. Der amerikanische Traum als staatlich verordneter Alptraum. So kann man immerhin als echter Amerikaner im Sarg nach Hause kommen.

Ich fand, „Soy Nero“ ist ein nahezu makelloser Film, fesselnd von der ersten bis zur letzten Minute. Er besitzt einen der besten, weil härtesten Schnitte der Filmgeschichte seit dem Vietnamkriegs-Epos „Die durch die Hölle gehen“. Er hat teils bizarre, teils sehr real wirkende Nebenfiguren, die Nero auf seinem gnadenlosen Road Trip ins Herz der Finsternis begleiten. Wie Nero in der Silvesternacht das Feuerwerk als Ablenkung ausnutzt, um an der Polizei vorbeizurennen, hat sich bei mir visuell wahnsinnig eingebrannt.

Und „Soy Nero“ kommunizierte vortrefflich mit dem einzigen Retrospektiven-Film, den ich auf der Berlinale gesehen habe, nämlich James Whales Hollywoodfilm „The Road Back“. Die Erich Maria Remarque-Fortsetzung, die wegen deutscher Interventionen im Jahr 1937 aus dem Verkehr gezogen wurde, erzählt das Leid der heimkehrenden deutschen Soldaten von der Ersten Weltkriegs-Front. Um einige Jahre nimmt der Film da emotional das viel und auch zu Recht umfeierte William Wyler-Meisterwerk „The Best Years of Our Lives“ vorweg. Die Soldaten passen nicht mehr in diese Welt der abgerissenen Schulterklappen und Soldatenräte. Zwischenmenschlich ist bei ihnen so viel kaputt gegangen, dass sie sich eigentlich nur wohl fühlen, wenn sie sich untereinander als Kameraden treffen und über die Welt den Kopf schütteln. Auf eigenartige Weise zeigten „Soy Nero“ und „The Road Back“ die verschiedenen Seiten der gleichen Medaille.

Gewinner des Goldenen Bären: Gianfranco Rosi ("Fire at Sea") ©RaiCinema
Das Meisterwerk des Wettbewerbs
Bleibt mir noch übrig, meinen Hut zu ziehen vor Gianfrancos Meisterwerk „Fire at Sea“. Als Pietà der Flüchtlingskrise hat es der Screen Daily-Kritiker Lee Marshall bezeichnet. Die Woche der Kritik, eine Berlinale-Gegenveranstaltung, eröffnete letztes Jahr zum ersten Mal mit dem Dokumentarfilm „Burn the Sea“ über die Flüchtlingskrise. Das sind sehr ähnlich klingende Filme, aber völlig unterschiedliche Konzepte. Während „Burn the Sea“, der sicherlich auch die besten Absichten hatte, ausschließlich einen Protagonisten monologisieren lässt, ist der Berlinale-Gewinner „Fire at Sea“ das totale Gegenteil. Gianfranco Rosi lässt nicht über die Thematik reden, er zeigt. Es ist ein unvergleichlicher, schmerzlicher Bilderrausch, der tief unter die Haut geht.

Klugerweise ist der Film zweigeteilt: Zum einen porträtiert er die Menschen, die auf der Insel Lampedusa leben. In den Augen des Regisseurs sind das sehr großzügige Menschen, einfache Fischer, für die alles, was über das Meer kommt, erst einmal prinzipiell gut ist. Mit dieser Haltung kümmern sie sich um die Flüchtlinge. Das ist die Andockstation für den Zuschauer, das ist unsere Perspektive auf die Flüchtlingskrise. Die Mutter, die in der Küche das Essen macht und die neuesten Opferzahlen über das Radio vernimmt. Diesen Menschen setzt Rosi ein Denkmal. Liebevoll gleitet die Kamera die Küsten entlang. Man sieht den kleinen Protagonisten der Inselszenen, einen Jungen, herzhaft schmatzend Spaghetti essen. Beim Schleuderschießen stellt dieser ein Augenproblem fest. Der Doktor verordnet ihm gegen das lahme Auge eine Piratenklappe für das gesunde. Das Gehirn soll so lernen, beide Augen gleichmäßig einzusetzen. Die europäische Blindheit auf dem Auge, das die Flüchtlingskrise lange kommen sah, ohne zu handeln.

Und dann geht Rosi auf die Flüchtlingsschiffe, zeigt Verletzungen, die bei der Mischung aus Salzwasser und Benzin auf der Haut entstehen. Er lässt uns den verzweifelten Funkverkehr mithören, er ist in den Flüchtlingslagern. Er geht weit über die Schmerzgrenze hinaus. Und man ist bereit mitzugehen, weil man sich in sicheren Händen fühlt und seinem Blick auf die Realität vertraut. „Fire at Sea“ ist ein ganz außergewöhnliches Kunstwerk, was noch lange Zeit nachhallen wird.

Es gäbe noch so viel mehr zu schreiben, um meine traditionelle Floskel zu bemühen. Und vielleicht mache ich das noch mal separat für Movies & Sports in der Form einiger Einzelkritiken. Denn es würde sich lohnen. Kiyoshi Kurosawas exzellenter Horrorfilm „Creepy“ und das sublime Emily Dickinson-Biopic „A Quiet Passion“ von Terence Davies verdienen eigentlich eine gesonderte Würdigung. Zumal die beiden Filme ein bisschen in der Special-Nebenreihe versteckt wurden. Hätte man den Wettbewerb noch besser machen wollen, hätte man zum Beispiel „Boris without Béatrice“ und „The Patriarch“ dagegen eintauschen können. Es ändert indes nichts an ihrer Qualität. Auch müsste ich noch eine Lanze für den knallharten deutsch-österreichischen Film „Agonie“ und die traumhafte Slacker-Komödie „Baden Baden“ brechen. Der Tag wird kommen.


Zehn Berlinale-Empfehlungen (alphabetisch)

* AGONIE (David Clay Diaz)
* BADEN BADEN (Rachel Lang)
* CREEPY (Kiyoshi Kurosawa)
* FIRE AT SEA (Gianfranco Rosi)
* HEDI (Mohamed Ben Attia)
* A LULLABY TO THE SORROWFUL MYSTERY (Lav Diaz)
* NEWS FROM PLANET MARS (Dominik Moll)
* A QUIET PASSION (Terence Davies)
* SOY NERO (Rafi Pitts)
* THINGS TO COME (Mia Hansen-Løve)

Runners-Up: Goat, Midnight Special, 24 Wochen, The Commune, Death in Sarajevo

Links: - "Agonie", - "Baden Baden", - "Creepy", - "A Quiet Passion"

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Sonntag, 7. Februar 2016
Berlinale-Filmtipps 2016

"Bildnis einer Trinkerin" © Autorenfilm-Produktionsgemeinschaft
Ausgespart habe ich als Tipps lediglich die Filme, die im Wettbewerb laufen werden. Die allgemeine Ablehnung des selbigen unter den ach so hippen Festivalgängern ist berüchtigt. Wer sich die vergangenen Jahre allerdings dort heran getraut hat, weiß um die Schätze, die dort zu heben sind. Nur: Mittlerweile ist das Namensaufgebot des Wettbewerbs (Mia Hansen-Løve, Denis Côté, Lav Diaz, Thomas Vinterberg, Jeff Nichols) so stark und das vermeintlich egale Starkino („Alone in Berlin“, „Hail, Caesar“, „Genius“) so unterrepräsentiert, dass es da keine Verteidigungsschrift mehr braucht. Die Wettbewerbsfilme werden selbstständig ihre Aufmerksamkeit generieren. Wer aber jenseits des Wettbewerbs auf der Suche nach Berlinale-Filmtipps ist, der könnte hier Anregungen finden:

Die Betörung der blauen Matrosen (Ulrike Ottinger, Teddy 30)

Die deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger gehört jetzt schon zu meinen cineastischen Entdeckungen des Jahres. Eine feministisch-lesbische Filmemacherin des Neuen Deutschen Films, deren Werke so artifiziell, surreal und wunderschön gerieten, dass sie gerade auch Feministinnen ablehnten. Richard Linklater hat sie für mich wiedergefunden. Die Berlinale zeigt dieses Jahr ihre zwölfstündige Dokumentation „Chamissos Schatten“. Wer es etwas handlicher haben will, besucht ihren 48-minütigen Kurzfilm „Die Betörung der blauen Matrosen“, der anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Teddys gezeigt wird. Ottinger weiß, wie man eine mythische Aura bewahrt: Die DVD ihres Klassikers „Bildnis einer Trinkerin“ kostet auf ihrer eigenen Website zum Beispiel schlappe 80 Euro.

Kate Plays Christine (Robert Greene, Forum)

Der stellvertretende Blickpunkt:Film-Chefredakteur Thomas Schultze maulte nach Sundance sinngemäß: Warum läuft eigentlich keiner der richtig geilen US-Filme auf der Berlinale? Das sei früher mal anders gewesen. Klar, Kenneth Lonergans Oscar-Kandidat „Manchester by the Sea“ kann man nicht früh genug zu sehen bekommen. Aber sonst: Wenn auch das schwarze Sklavendrama „Birth of a Nation“ eine neue Rekordbörse für Sundance-Verhältnisse amortisierte, herrscht über die Qualität des Films alles andere als Einigkeit. Und auf eine furzende Daniel Radcliffe-Leiche („Swiss Army Man“) kann ich ehrlich gesagt durchaus verzichten.
Aber es gibt sie ja, die Sundance-Filme, die es auf die Berlinale geschafft haben. Über den Metafilm „Kate Plays Christine“, der den Selbstmord der Fernsehfrau thematisiert, die für den 1970er-Jahre-Klassiker „Network“ das Vorbild war, hört man sehr viel Gutes. Man macht wahrscheinlich auch nichts falsch, wenn man Andrew Neels „Goat“, James Schamus‘ „Indignation“ oder Ira Sachs‘ „Little Men“ schaut, die allesamt in Sundance gelobt und teilweise sogar gefeiert wurden.

Playgirl (Will Tremper, Retrospektive)

Wenn ich nach Lav Diaz‘ Kunstbrocken „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ noch die Kraft haben sollte, würde ich sehr gerne Will Trempers „Playgirl“ auf großer Leinwand sehen. Auch, weil es davor May Spils‘ Kurzfilm „Das Portrait“ zu sehen gibt. Überhaupt May Spils. Man kennt ihren riesigen Zuschauererfolg „Zur Sache, Schätzchen“ und die sehenswerte Fortsetzung „Nicht fummeln, Liebling!“ Aber ich wüsste gerne mehr über sie, wie sie sich in dieser knallharten Männerwelt der 1970er-Jahre am Boxoffice durchsetzte, um dann wie ein Stern zu verglühen.
Für Filmgeschichts-Freaks und Cineasten hat die diesjährige Retrospektive mit Filmen wie „Jimmy Orpheus“, „Der sanfte Lauf“ oder „Schonzeit für Füchse“ schon etwas zu bieten. Aber die Frage muss gestattet sein: Warum eigentlich nicht als Thema das Jahr 1967 anstatt 1966? Fände ich viel spannender. Kostprobe gefällig? Nur ein paar deutsche Filmtitel des Folgejahres: „Die Schlangengrube und das Pendel“, „Tob Job“, „Die blaue Hand“, „Tätowierung“, „Der Mönch mit der Peitsche“, „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, „Mädchen Mädchen“, „48 Stunden bis Acapulco“, „Liebesnächte in der Taiga“, „Heißes Pflaster Köln“, „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“, „Das Rasthaus der grausamen Puppen“ und „Das Geständnis eines Mädchens“. Uff. Vielleicht schaffe ich Will Trempers „Playgirl“ nicht. Dann bliebe noch Michael Ballhaus‘ Ehrung mit „Working Girl“ (gerade von Amy Nicholson im The Canon-Podcast als sehr unterschätzter Frauenfilm-Klassiker gewürdigt) oder James Whales Kriegsfilm „The Road Back“, die in anderen Retro-Sektionen laufen werden.

Wir sind die Flut (Sebastian Hilger, Perspektive Deutsches Kino)

„24 Wochen“ ist der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb. Wer also junges deutsches Kino sucht, muss in die Sektion Perspektive Deutsches Kino. Das vergangene Jahr brachte uns das Wunder „Der Bunker“, im Jahr davor feierte „Der Samurai“ hier seine Geburtsstunde. Am ehesten schaut der Film „Wir sind die Flut“ wie die nächste deutsche Genreperle aus. Das dystopische Setting, nicht der übliche Coming-of-Age-Ansatz. Und Lana Cooper spielt eine der Hauptrollen. Das spricht seit „Lovesteaks“ für Qualität. Ansonsten wirken die deutschen Berlinale-Filme in ihren Titeln etwas saft- und kraftlos. Selten mehr als ein Wort: „Lotte“, „Liebmann“, „Meteorstraße“, „Agonie“ und „Toro“. Der österreichische Max Ophüls Festival-Gewinner „Einer von uns“, der auch auf der Berlinale läuft, hat drei Wörter. Ein Omen?

Son of Joseph (Eugène Green, Forum)

Den Eugène Green-Film “Son of Joseph” nenne ich stellvertretend für alle hoffentlich verrückten, ästhetisch gewagten, einfach anderen Filmerfahrungen der Berlinale 2016. Man wird mit Depardieu durch den Wald wandern können („The End“ aka „The Wandering“), vielleicht gibt man auch den Filmen, die im arabischen Raum spielen („A Maid for Each“ aus dem Libanon klingt spannend), eine echte Chance. Oder man geht zur Hachimir Madness ins Arsenal-Kino, um japanische 8mm-Punkfilme zu feiern. Oder man besucht die Woche der Kritik mit Grandrieux („Despite the Night“) und Zulawski („Cosmos“). „Théo et Hugo dans le même bateau” soll laut Wieland Speck eine schöne Jacques Rivette-Hommage sein. Wo doch die Nouvelle Vague ihre ersten Weihen auf der Berlinale genossen hat, wäre das ein schöner Bogenschluss.

Baden Baden (Rachel Lang, Forum)

Der Rachel Lang-Film “Baden Baden” ist meine Wild Card. Allein, um diesen Titel zu wählen, braucht es Eier so groß wie ein Volkswagen. Die Bilder, die bisher verröffentlicht wurden, sehen fantastisch aus. Auf den Film habe ich einfach Lust. Das kann natürlich auch völlig nach hinten losgehen. Aber dafür ist die Berlinale eben auch da. Versucht doch die Panorama-Doku „The Lovers and the Despot“ über das von Kim Jong-il entführte südkoreanische Starschauspieler-Paar. Der Hollywood Reporter-Kritiker Todd McCarthy mochte den sehr. Oder ihr gebt dem ghanaischen Film „Nakom“ eine Chance. Oder ihr schaut euch den umfeierten australischen Film „Girl Asleep“ an. Oder ihr versucht den chilenischen Film „Plants“, der interessant ausschaut. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Wild Card-Plätze unbegrenzt. Noch zwei Rate-Versuche ins Blaue: “Don’t Call Me Son” von Anna Muylaert, deren letzter Film “The Second Mother” sehr viel Lob bekommen hat. Oder auch der Panorama-Eröffnungsfilm „I, Olga Hepnarova“ über die Frau, die als letzter Mensch in der Tschechoslowakei per Todesstrafe umgebracht wurde.

Links: - Goldener Bär für Iran?, - Mehr Ulrike Ottinger

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Samstag, 6. Februar 2016
Hollywood Reporter Neil Young tippt "Soy Nero" als Bärensieger

"United States of Love" © Oleg Mutu
Gewinnt wieder ein Iraner den höchsten Preis der Berlinale? Wenn es nach dem Hollywood Reporter-Journalisten Neil Young geht, müsste Rafi Pitts mit seinem Film "Soy Nero" den Goldenen Bären gewinnen. Young berechnet für jedes große A-Festival die Chancenquoten der jeweiligen Wettbewerbsfilme. Pitts Film über junge Mexikaner, die sich freiwillig für den amerikanischen Militärdienst melden, um an eine Green Card zu kommen, erhält von Young eine 4:1-Quote. Der Iraner, der international aufwuchs, ist zum dritten Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten, was vor allem bedeutet, dass sein Stil Dieter Kosslick gefällt. Je nach Presse-Echo oder eigenen Seherfahrungen bessert Neil Young sein Chancen-Ranking auf.

Zum jetzigen Zeitpunkt aber, wo noch niemand irgendetwas über die Qualität der Filme weiß, setzt er auf Platz zwei seiner Charts Mia Hansen-Løves Film "Things to Come" mit Isabelle Huppert (5:1). Und man lese und staune: Auch dem achtstündigen philippinischen Schwarzweißfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" räumt er Chancen auf einen Sieg ein (6:1). Etwas schade ist immer, dass der Filmjournalist Neil Young die Begründungen weglässt. Warum ist bei ihm zum Beispiel Danis Tanovićs neuer Film "Death in Sarajevo" auf Platz 4 (7:1)? Weil Tanovics Film "No Man's Land" 2002 einen Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann? Oder weil sein Film "An Episode in a Life of an Iron Picker" 2013 den Großen Jury-Preis im Berlinale-Wettbewerb errang? Weiß Young vielleicht doch schon mehr?
Geheimtipp Polen übersehen
Was er auf jeden Fall nicht weiß, ist die Chancen des polnischen Wettbewerbskandidaten "United States of Love" richtig einzuschätzen. Den führt Young nämlich unter ferner liefen auf einem der letzten Plätze mit einer Quote von 25:1. Ein Fehler, wie ich finde. Die Berlinale begreift sich als politischstes unter den A-Festivals. Die repressiven Maßnahmen der neuen polnischen Rechts-Regierung sind nicht an der Weltöffentlichkeit vorbei gegangen. Zumal mit Małgorzata Szumowska eine polnische Regisseurin in der Jury sitzt. Eine Jury, die von Frauen dominiert werden wird (vier Frauen und drei Männer). Den Vorsitz hat die Schauspielgöttin Meryl Streep. Kein anderer darstellender Mensch hat in seinem Leben mehr Oscarnominierungen als sie gesammelt. Jurypräsidenten suchen schon nach Wettbewerbsfilmen, mit denen sie sich identifizieren können. Und da der polnische Film "United States of Love" gleich mehrere weibliche Hauptrollen aufbietet, wäre das ein Aspekt, den man berücksichtigen müsste. Auch, dass der Film gegen Ende des Festivals gezeigt wird, könnte ihn frisch in den Hinterköpfen der Jury belassen.

Links: - Neil Youngs Ranking, - Wettbewerb, - Berlinale 2015

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Dienstag, 2. Februar 2016
Berlinale-Programm online - Was wir wissen

Lav Diaz' Film "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" © Bradley Liew
* Der neue, heiß erwartete Lav Diaz-Film "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" geht 485 Minuten. Das sind ganze acht Stunden. Was ein Kunstfilm-Brocken! Aber keine Sorge: Es soll eine 60-minütige Pause geben! Wie twitterte doch der Filmkritiker Jonathan Romney so treffend: "With intermission? C'mawwwn - what do they think we are? Tarantino fans?"

* Weil ich am vorvorletzten Tag der Berlinale schon wieder abreisen muss, verpasse ich leider einige der Filmprojekte, auf die ich mich eigentlich am meisten gefreut habe: Dominik Grafs Doku "Verfluchte Liebe deutscher Film", den vielleicht besten Boxfilm aller Zeiten auf großer Leinwand ("Fat City"), die französische Schauspielerin Solène Rigot nach der Filmperle "Tonnerre" endlich wiederzusehen ("Saint Amour"), Ulrike Ottingers zwölfstündige Doku "Chamissos Schatten" in drei Teilen anzuschauen und den wahrscheinlichen Gewinner des Goldenen Bären ("United States of Love").

* Es gilt, die Berlinale-Historiker zu fragen: Aber mit der Nominierung des britischen Filmkritikers Nick James als Jurymitglied scheint mir doch ein gewisses Novum eingetreten zu sein. Sehr spannende Wahl, Dieter Kosslick! Zumal der Sight & Sound-Herausgeber gerade in den letzten Jahren zu einem der treuesten und sachlichsten Begleiter des Festivals geworden ist. Ich vermisse jetzt schon seine Twitter-Einschätzungen zu den diesjährigen Wettbewerbsfilmen. [Eine kurze Recherche ergab: Paul Schrader war zwar 2007 Jury-Präsident, wohl aber eher in seiner Funktion als Regisseur und Drehbuchschreiber. Allerdings fanden sich bereits in Dieter Kosslicks Amtszeit im Jahr 2002 mit Peter Cowie und Kenneth Turan zwei waschechte Filmkritiker in der Jury.]

* Es gibt eine Gelegenheit, Akiz' Münchner Filmfest-Überraschung "Der Nachtmahr" nachzuholen.

* Das Programm sieht wirklich reichhaltig aus. Jetzt bedarf es in den nächsten Tagen den perfekten Schlachtplan!

Links: - Woche der Kritik, - Ottingers Doku-Opus, - Wettbewerb

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Montag, 1. Februar 2016
Kultfilm "Der Perser und die Schwedin" kommt

© Forgotten Film Entertainment
Am 31. Januar endete die Crowdfunding-Kampagne für den deutschen Film "Der Perser und die Schwedin". Die angestrebten 8.750 Euro Budget wurden zwar nicht erreicht. Aber dank des Engagement der Unterstützer sieht sich Forgotten Film Entertainment in der Lage, den Film doch herauszubringen. Bis zum 14. Februar haben Nachzügler noch die exklusive Möglichkeit, auch eine DVD des Films für 25 Euro vorzubestellen.

Links: - Homepage, - Mehr zum Perser und die Schwedin

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