Montag, 15. Oktober 2018
Was 2019 alles auf der Berlinale laufen könnte

Harmony Korines „The Beach Bum“ | © Neon

Wer kommt zu Kosslicks Berlinale-Abschiedsgala? Terrence Malick, Harmony Korine und François Ozon klingen passend. In der deutschen Filmszene hat der Festivaldirektor sogar freie Auswahl.

Die 69. Berliner Filmfestspiele vom 7. bis 17. Februar 2019 werden eine besondere Berlinale. Es sind die vorerst letzten roten Teppiche für den Festivaldirektor Dieter Kosslick, dessen Autobiografie „Schön auf dem Teppich bleiben“ passenderweise auf den kommenden Januar verschoben wurde. Emsig wird an seinem letzten Programm gewerkelt, von dem noch nichts nach außen gedrungen ist. Sein Nachfolger Carlo Chatrian schaut Kosslick dabei über die Schulter und kann eventuell auch bereits Insidertipps weiterreichen. Namen, Produktionsschmieden und Kinostarts geben jedenfalls schon Hinweise, was eventuell laufen könnte.

Das potenzielle Schwergewicht ist der neue Terrence-Malick-Film „Radegund“ über den österreichischen Bauer Franz Jägerstätter, der aus Gewissensgründen seinen Wehrmachtsdienst im Zweiten Weltkrieg verweigerte. Erwartet wurde Malick bereits in Cannes und Venedig. Jetzt scheint das Werk des Heidegger-Übersetzers, der "Radegund“ unter Mitwirkung des Filmstudios Babelsberg auf Deutsch gedreht hat, aber fertig zu sein. Der Cast ist erlesen und würde bereits für das Blitzlichtgewitter des ersten Wochenendes ausreichen: August Diehl, der Belgier Matthias Schoenaerts, Bruno Ganz, Jürgen Prochnow, Franz Rogowski, Alexander Fehling und Shootingstar Max Mauff.
„The Beach Bum“ als Weltpremiere?
Beinahe für Venedig fertig war Harmony Korines neuer Film „The Beach Bum“. Festivaldirektor Alberto Barbera schwärmte in höchsten Tönen von Matthew McConaugheys Performance, die er oscarwürdig nannte. Mit einem Kinostart am 22. März ist Korine prädestiniert für den Doppelschlag Sundance im Januar und Berlinale im Februar. Wobei es von Kosslick natürlich ein Coup wäre, wenn er „The Beach Bum“ exklusiv im Wettbewerb als Weltpremiere zeigen könnte. Zumindest hat Korine eine große Affinität zu Werner Herzog. Aber wenn er eine Geschichte mit einem Filmfestival hat, dann ist das der Lido.

Zwei andere international bedeutende Namen sind aufgrund der Kinostarttermine nicht unwahrscheinlich: Jordan Peeles Film „Us“ mit Lupita Nyong’o startet am 14. März. Noch wahrscheinlicher ist François Ozons Werk „Alexandre“, der am 20. Februar in Frankreich in die Kinos kommt. Es soll um sexuellen Missbrauch und die Katholische Kirche gehen. Die Berlinale und Ozon pflegen eine fruchtbare Beziehung. Viele seiner Filme zeigte er schon am Potsdamer Platz.

Eine große Überraschung wäre es, wenn Tim Burtons Disney-Realverfilmung von „Dumbo“ nach Berlin käme. Der weltweite Kinostart am 4. April würde das anbieten. Nur haben die immens erfolgreichen Realfilme von Disney einen solchen Slot nicht nötig. Es wäre eine Geste Burtons für Kosslick. Zwei weitere internationale Wild Cards wären Pablo Larrains „Ema“ und Julie Delpys „My Zoe“ mit Gemma Arterton und Daniel Brühl.
Von Schipper bis Lamberto Bava
Was deutsche Produktionen angeht, wird Kosslick aus dem Vollen schöpfen können: Angefangen bei Sebastian Schippers „Roads“ bis Jan Ole Gersters neuer Zusammenarbeit mit Tom Schilling („Lara“). Bekommt Fatih Akin die Heinz-Strunk-Verfilmung „Der goldene Handschuh“ bis Februar fertig oder spekuliert er auf Cannes? Ein sehr heißer Kandidat ist indes Burhan Qurbanis Version von „Berlin Alexanderplatz“ mit Albrecht Schuch und Jella Haase, die am 11. April in den deutschen Kinos startet.

Weitere deutsche Namen, die aber auch auf anderen Festivals wie Locarno aufschlagen könnten, wären: Angela Schanelec („Ich war zuhause, aber ...“), Nikias Chryssos („A Pure Place“), Anne Zohra Berrached („Geliebt“), Marco Kreutzpaintner („Der Fall Corlini“) und Christian Schwochow („Deutschstunde“). Zwei weitere internationale Joker wären Jessica Hausners neuer Film „Little Joe“ und Jayro Bustamantes „Temblores“. Negative Space wünscht sich auf jeden Fall den neuen Lamberto-Bava-Horror „Twins“ mit Lars Eidinger und Gerard Depardieu.

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Donnerstag, 11. Oktober 2018
Eckhart-Schmidt-Hommage in Frankfurt am Main

„Das Wunder“ mit Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf & Sibylle Rauch

Zu seinem Geburtstag bekommt der deutsche Genre-Regisseur Eckhart Schmidt eine Hommage spendiert, die acht seiner Filme nach Frankfurt am Main bringt.

Der deutsche Genrespezialist und Kultfilmer Eckhart Schmidt wird am 31. Oktober schon 80 Jahre alt. Das wäre eine gute Gelegenheit, Olaf Möllers und Hans Schifferles Schmidt-Buch „Ritual und Romantik“ hervorzuholen. Zu seinen Ehren zeigt das Filmkollektiv Frankfurt aber auch zusammen mit dem deutschen Filminstitut einige Wochen nach seinem Geburtstag acht seiner Werke. Darunter befinden sich Klassiker sowie auch seltene Perlen. Das Programm ist mit zusätzlichen Vorfilmen garniert.

Am 24. November laufen im Studierendenhaus in Frankfurt am Main „Atlantis“ (14 Uhr), „Das Gold der Liebe“ (16 Uhr), „Der Fan“ (20.15 Uhr) und „Loft“ (22.30 Uhr). Am 25. November zeigt das Filmkollektiv „Das Wunder“ von 1985 mit Dagmar Lassander, Raimund Harmstorf und Sibylle Rauch um 12.30 Uhr. Der Film hat eine wunderbar italienisch-sleazige Atmosphäre. Darauf folgt um 15 Uhr „E.T.A Hoffmanns Der Sandmann“ und um 17.30 Uhr „24/7 Sunset Boulevard“. Zum Abschluss gibt es im Deutschen Filmmuseum um 20.15 Uhr Schmidts neuen Film „Mein schönster Sommer“ aus seiner italienischen Trilogie.

Im Jahr 1968 startete Eckhart Schmidt zu Zeiten der Report- und Lederhosenfilme mit Werken wie „Atlantis“, „Erotik auf der Schulbank“ und „Männer sind zum Lieben da“ durch. Er gehörte als Filmkritiker in den 1960er-Jahren zur Gegenbewegung des Neuen Deutschen Films, die wieder echte Genrefilme machen wollte. Einer seiner größten Zuschauererfolge und ein Kultfilm war der meisterhafte Slasher „Der Fan“ mit Désirée Nosbusch. Als Regisseur erfand er sich in jedem Jahrzehnt neu. Sehr empfehlenswert ist zum Beispiel auch sein Direct-to-DVD-Serienkillerfilm „Hollywood Fling“ aus dem Jahr 2011.

Links: - Italienische Trilogie, - Hollywood Fling

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Dienstag, 9. Oktober 2018
Oscars: 87 Werke konkurrieren in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film"

Trolle bei den Oscars: Ali Abbasis "Border" | © Neon

Mittlerweile ist die Vorschlagsliste der einzelnen Länder zum besten fremdsprachigen Film bei den Oscars ebenbürtig mit der eigentlichen amerikanischen Top-Ten-Liste. Der Film "Roma" ist Frontrunner. Daumen gedrückt werden für Schweden, Südkorea und Israel.

Insgesamt wurden für die Oscar-Kategorie "bester fremdsprachiger Film" 87 Werke eingereicht. Großer Favorit auf eine der fünf begehrten Nominierungen ist der eigentlich außer Konkurrenz mitspielende Film "Roma" für Mexiko. Alfonso Cuarón dürfte mit seinem Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig sicher gesetzt sein. Da lautet eher die Frage, wie viele Nominierungen darüber hinaus "Roma" bekommen kann.

Zu den weitere Favoriten zählt "Cold War" von Paweł Pawlikowski, der Polen im Oscarrennen vertreten wird. Das Werk wurde im Mai auf dem Festival von Cannes für den besten Regisseur ausgezeichnet. "Shoplifters" von Hirokazu Kore-eda konnte die Goldene Palme gewinnen und ist in seiner Heimat Japan ein riesiger Publikumserfolg geworden.
Daumendrücken für "Burning" und "Border"
Negative Space drückt die Daumen für die wahnsinnig tolle Haruki-Murakami-Verfilmung "Burning" aus Südkorea, das schwedische Genre-Wunder "Border" und den israelischen Beitrag "The Cakemaker". Letzterer Film ist eine halbe deutsche Produktion, weil das Werk von Ofir Raul Graizer seine Liebesgeschichte in Berlin beginnen lässt und der Hauptdarsteller Tim Kalkhof heißt.

Ein Geheimfavorit könnte Ruth Beckermanns Dokumenation "Waldheims Walzer" sein, die sich mit der braunen Vergangenheit und Gegenwart Österreichs auseinandersetzt. Das Werk feierte im Februar auf der Berlinale seine Weltpremiere. "Girl" aus Belgien über einen Transgender-Menschen könnte auch ein Dark Horse sein.

Außenseiter-Chancen haben ebenso Kambodscha ("Graves without a Name") und Kolumbien ("Birds of Passage"). Auch in der Verlosung sind aus Ungarn "Sunset", aus der Türkei "The Wild Pear Tree" und aus Rumänien "I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians". Deutschland wird von Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Werk ohne Autor" vertreten. Hier ist die Liste mit allen eingereichten Filmen zu finden. Die Oscars 2019 finden am 24. Februar statt.

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Nemes, Hansen-Løve und "Glaubensberg" auf den Hofer Filmtagen

Wieder ein One-Shot? László Nemes' "Sunset" | © Playtime

Der langjährige Leiter der Hofer Filmtage, Heinz Badewitz, ist 2016 überraschend verstorben. Aber das Festival für den deutschen Filmnachwuchs glänzt unter der neuen Leitung von Thorsten Schaumann auch mit internationalen Produktionen.

Vom 23. bis 28. Oktober finden die 52. Hofer Filmtage statt. Jetzt ist das internationale Programm mit 20 Filmen aus 15 Ländern bekannt gegeben worden. Zu den Highlights gehört László Nemes' Film "Sunset", der in Venedig seine Weltpremiere feierte. Das neue Werk des Regisseurs, der vor einigen Jahren mit "Son of Saul" für Furore sorgte, spielt im Budapest des Jahres 1913. Mit Spannung wird auch Thomas Imbachs Werk "Glaubensberg" über ein Geschwisterpaar erwartet, das in Locarno gefeiert wurde.

Zu empfehlen ist auf jeden Fall auch Mikhaël Hers' Film "Amanda", der den Blog Negative Space schon in der Orrizonte-Reihe von Venedig begeisterte. Spannend werden sicherlich ebenso die neuen Arbeiten von Mia Hansen-Løve ("Maya") und Marielle Heller ("Can You Ever Forgive Me") sein. Das vollständige Programm gibt es hier.

Die Retrospektive ist dieses Jahr dem französischen Altmeister Barbet Schroeder gewidmet. Eröffnet werden die Filmtage mit "Glück ist was für Weicheier" von Anca Miruna Lăzărescu. In der deutschen Reihe starten bekannte Regienamen wie der "4 Blocks"-Star Kida Kodr Ramadan ("Kanun"), Veit Helmer ("Vom Lokführer, der die Liebe suchte") und die Schauspielerin Katharina Wackernagel ("Wenn Fliegen träumen"). Hier gibt es alle deutschen Beiträge.

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Sonntag, 7. Oktober 2018
Das Filmfest Hamburg 2018 – Von feurigen Schwestern und überforderten Männern
© Universal Pictures International | Twentieth Century Fox of Germany | Indie Sales
Das Filmfest Hamburg hat mit Werken wie „First Man“, „Roma“ und „The Favourite“ wieder frischeste Oscar-Ware geboten. Als Gesellschaftsspiegel offenbarte die Filmauswahl aber auch den sich verschiebenden Geschlechter-Fokus. Ein Rückblick von Michael Müller.

Das Jahrtausende währende Zeitalter des Mannes geht langsam, aber stetig zuende. Diesen Eindruck kann man auch gewinnen, wenn man auf dem diesjährigen Filmfest in Hamburg vom 27. September bis 6. Oktober unterwegs war. Die gesellschaftliche Wachablösung durch die Frau wird hier in all ihren Facetten dokumentiert, bestaunt, zelebriert und manchmal sogar ein wenig betrauert. Auch wenn lange noch nicht Regie-Quoten von 50 Prozent erreicht sind, erzählen erfreulicherweise viele der von der Hansestadt eingeladenen Filme von dem, was Frauen bewegt. Männer sind im Programm meist Stichwortgeber, Statisten, Lustobjekte, antiquiert oder von ihrem Aufgaben als neuer Typus Mann überfordert. Oder sie kommen in den Filmen gleich gar nicht mehr vor. Manchmal wird der machohafte Mann als Relikt einer vergangenen Zeit noch ausgestellt, wobei dieser Blick zumindest in einer Dokumentation eine wehmütige Seite hat.

Der alternde Sigmund Freud (Bruno Ganz) sagt über die Frauen in dem etwas reißbrettartigen, aber durchaus unterhaltsamen Film „Der Trafikant“, sie seien wie Zigarren: „Wenn man zu stark an ihnen zieht, entziehen sie sich dem Genuss.“ Der Film spielt in Wien zur Zeit des Anschlusses von Österreich durch Nazi-Deutschland. Der Trafikant Otto Trsnjek (Johannes Kirsch) verkauft in einem kleinen Eckladen hauptsächlich Zigarren und Tageszeitungen des gesamten politischen Spektrums. Für besondere Kunden greift er aber auch unter die Ladentheke, um „zärtliche Magazine“ in neutraler Verpackung anzubieten. Der Besitzer versteht sein Geschäft als Tempel des Genusses, der Lust und des Lasters, in dem Diskretion das oberste Gebot ist. Er sagt: „Wenn eine Zigarre schlecht ist, schmeckt sie nach Pferdemist. Wenn sie sehr gut ist, schmeckt sie wie die ganze Welt.“

Tatsächlich ist das Interessanteste am „Trafikanten“ weder der historische Hintergrund noch die Ladengepflogenheiten oder der pubertierende Dorfjunge Franz (Simon Morzé), der im Geschäft zu arbeiten beginnt und dabei den berühmten Psychologen Freud trifft – und sich in Liebesdingen beraten lässt. Es ist die böhmische Figur der Anezka (Emma Drogunova). Bekannt ist dieses Klischee einer Frau aus deutschen Filmklassikern wie „Ich denke oft an Piroschka“: ein ständig sexuell verfügbares Mädchen, das keinerlei Gegenleistung erwartet. Anezka mag zwar mit böhmischen Dialekt sprechen und den Dorfjungen „Burschi“ nennen. Aber diese Frau, die in eine tristen Hinterhofwohnung mit ihrer vielköpfigen Familie überlebt, nimmt sich genau das, was sie will. Sie weiß, wie das Schweinesystem funktioniert und was sie einbringen und opfern muss, um nicht in der Gosse zu landen oder zu verhungern.

Anezka (Emma Drogunova) weiß, was sie will | © Tobis Film GmbH
Abends tanzt sie im Nachtklub „Schwarzer Kater“ für die Winnetou-Leseratten als halbnackte Indianerin einen Fächertanz. Zwischendrin vernascht sie Franz mit dem schönen „Popperl“, der sein Monatsgehalt für sie im Biergarten und auf dem Rummel raushaut. Während der Junge ihr wie ein Hündchen hinterherläuft und sich dabei eher mittelgute Beziehungsratschläge bei Professor Freud abholt, arbeitet Anezka bereits wieder an einer besseren Zukunft für sich und ihre Familie. Etwas schade ist, dass ihrer Figur letztlich noch eine unsympathisch opportunistische Volte angeheftet wird. Aber ihr unbändiges Spiel trägt auf jeden Fall den Film, der immer etwas besser inszeniert und mit Original-Sets ausgestattet ist, als man sich das bei solch einer Produktion erwartet.
Gekonnter Griff in die Erdnussschale
Der argentinische Popstar Martina (Antonella Costa) besitzt eine etwas ins Stocken geratene Karriere. Hinzukommen seit längerem Probleme, sexuell erregt zu werden. In dem Film „Dry Martina“ reist deshalb die Titelheldin wegen fehlender Feuchtigkeit nach Chile. Dort macht sie sich auf die Suche nach dem wuschelhaarigen, braunäugigen One Night Stand, der in ihr längst vergessen geglaubte Gefühle wieder geweckt hat. Darum herum zimmert das Werk einen unmotivierten und umständlich erzählten Plot um neue Familienverbindungen zwischen Argentinien und Chile.

Ein weiblicher Fan von Martina (Dindi Jane) behauptet, ihre Schwester zu sein. Aber auch dieser Erzählfaden löst sich in Wohlgefallen auf. Eigentlich geht es in dieser lateinamerikanischen Mainstreamkomödie um die Lust der Frau. Es geht um ihren gelangweilten zielsicheren Handgriff in die Erdnussschale, wenn der Sex zu monoton abläuft. Und es geht um schwarze Fuck Buddys, die natürlich Hip Hop hören und Drogen verticken. „Dry Martina“ zeigt, dass eine spannende Thematik und zwei tolle Hauptdarstellerinnen nicht automatisch einen guten Film ausmachen.

Wie ein Dachs (Olivia Colman) | © Twentieth Century Fox of Germany
Die größte und spaßigste Frauenschau auf dem Festival, das im kommenden Jahr laut des Senators für Kultur und Medien, Carsten Brosda, eine „substantielle Erhöhung des Budgets“ erhalten soll, war Yorgos Lanthimos’ Werk „The Favourite“. Am Hofe der englischen Königin Anne (Pflicht-Oscarnominierung für Olivia Colman) des frühen 18. Jahrhunderts gibt es einen Wettstreit um die Gunst der Herrscherin. Lady Sarah (Rachel Weisz) ist der eigentliche Liebling der Königin. Die Position macht ihr aber in einen herrlich genussvoll inszenierten Intrigenspiel die Hofdame Abigail (Emma Stone) streitig. Etwas schade ist, dass das der erste Lanthimos-Film ist – das Drehbuch schrieben Deborah Davies und Tony McNamara –, der auf die surreal überspitzt weitergedachten Szenarien und wilden Ideen eines typischen Lanthimos verzichtet.

Dafür macht es viel Spaß, den drei Frauen beim sexuellen Machtspiel zuzuschauen. Männer wie der Oppositionsführer Harley (Nicholas Hoult) sind nur noch Bauern in einem Schachspiel, die es so elegant wie möglich zum eigenen Vorteil zu bewegen gilt. Oder sie dienen als Möglichkeit, den politischen Stand und die strategische Position mit einer Heirat zu verbessern. Dabei geht Lanthimos mit Kubrick'schen Fischaugen und Swift'scher Spitzfindigkeit der Frage nach, welches die wahre Liebe ist: Die Person, die einem immer nur das sagt, was man hören will oder der Mensch, der einen auch darauf hinweist, wenn man sich wie ein Dachs geschminkt hat.
Männer, Frauen & Kettensägen
Auch in dem Hollywood-Horrorfilm „Halloween“ geht es weniger um den Serienkiller Michael Myers, den Rob Zombie in seiner Version vor einigen Jahren küchenpsychologisch mit einer schwierigen Kindheit erklären wollte. David Gordon Green („Prince Avalanche“, „Pineapple Express“) legt den Fokus auf die Biografie von Laurie Strode (Jamie Lee Curtis). Die inzwischen ergraute Großmutter lebt immer noch in Angst vor Myers' Rückkehr in einem hochgerüsteten Sicherheitshaus. Ihre Tochter trainierte sie schon in jüngsten Jahren zur Selbstverteidigung. Das brachte ihr zwei Scheidungen und eine zerrüttete Beziehung mit dem Kind ein. Aber wie wir schon seit Carol J. Clovers Filmbuch-Klassiker „Men, Women & Chain Saws“ wissen, handelt es sich beim Boogeyman eigentlich um eine Verkörperung der weiblichen Defloration-Angst. Man wünscht Curtis einfach die Wiederbegnung mit ihrem Schatten, zumal John Carpenter aufregende neue Score-Elemente in den klassischen Synthesizer-Soundtrack eingebaut hat.

In zwei voneinander getrennten Filmen erzählt das sehenswerte kanadisch-israelische Dokumentationsprojekt „In the Desert“ vom Leben arabischer und jüdischer Bauern am selben Berg im Westjordanland. Das rückständige Rollenverständnis von Frau und Mann in der arabischen Familie steht im starken Kontrast zu sonstigen Schilderungen auf dem Filmfestival. Hier putzen, kochen, pflanzen, backen und ackern noch die Erst- und Zweitfrau des Patriarchen, bis sie vor Erschöpfung umfallen. Während sich das Familienoberhaupt im Zelt Tee und Baklava reichen lässt und zur Arbeit nach Israel reist.

Im Alltag dieser Araber spielt der Staat Israel oder Premierminister Benjamin Netanjahu eine extrem untergeordnete Rolle, obwohl die Ernte in einem Gebiet angebaut wird, wo israelische Militärübungen stattfinden. Es geht in der Familie vor allem um Konfliktthemen wie die Entscheidung, in diese Einöde gezogen zu sein, besseres Wohnen, Fernsehempfang, den Neid zwischen den unterschiedlichen Familienzweigen und die richtige Methode, ein Schaf zu melken und Käse in einem Tiermagen herzustellen. Das ist angenehm wertfrei von den Kameras eingefangen und manchmal so nah an seinen Protagonisten dran, dass es wehtut und peinlich berührt.

„Schönstes Paar“: Luise Heyer & Maximilian Brückner | © One Two Films
Die neu ins Leben gerufene deutsche Reihe Große Freiheit sorgte zum Start auf dem Filmfest für keine Schlagzeilen. Dafür war die Auswahl mit nur sechs Filmen zu bescheiden; es gab keine Weltpremiere im Aufgebot; stattdessen zum Beispiel Filme aus dem Januar in Rotterdam wie „Ella & Nell“. In diesem Roadtrip sind Männer ganz abwesend. Zwei ehemalige Schulfreundinnen machen einen gemeinsamen Waldausflug. Die Bilder sind lyrisch, die Dialoge improvisiert. Wer noch nicht Kelly Reichardts „Old Joy“ gesehen hat, wird das auch originell finden. Nur, dass hier die Themen deutschlandtypisch um Esoterik und Kücheneinrichtungen kreisen.
Rape & Revenge in Berlin Mitte
Gewinner der neuen Sektion war Sven Taddickens Film „Das schönste Paar“, der seine Weltpremiere in Toronto gefeiert hatte. Es ist ein ziemlich involvierendes Rape & Revenge Movie mit einem Berlin-Mitte-Lehrerpärchen, bei dem das eigentliche Rachemotiv scheinbar wegtherapiert wurde. Aber die Decke der menschlichen Sozialisation ist eben nicht sonderlich dick. Während die vergewaltigte Liv (Luise Heyer) nach der Therapie eine Art Frieden mit der Situation geschlossen hat, zeigt Taddicken ihren Freund Malte (Maximilian Brückner), der an den heutigen Normen der Versöhnung und des Ausgleichs zu zerbrechen droht, als der Peiniger wieder auftaucht. „Du hättest Eier zeigen können, wenn du es einfach vergessen hättest“, lautet Livs Vorwurf an den nach Rache dürstenden Malte.

Die extrem sehenswerte Dokumentation „M“ ist nach seinem Protagonisten Menachem Lang benannt. Der wurde in seiner ultra-orthodoxen Gemeinde in Bnei Brak bei Tel Aviv als Kind und Jugendlicher von verschiedenen Rabbinern sexuell missbraucht. Frauen sind in dieser Reise in die düstere Vergangenheit weitgehend als Protagonisten abwesend. Es gibt die französische Regisseurin des Films, Yolande Zauberman, die sich immer mal wieder lakonisch in den Off-Kommentar einschaltet. Aber eigentlich ist das eine Männerangelegenheit, bei der Menachem in die Nachbarschaft und auf den Friedhof zurückkehrt, wo er vergewaltigt wurde. Es dauert nicht lange bis sich in der Nacht dort weitere Opfer und Täter einfinden. In den bewusst unscharfen Bildern spiegeln sich die puren Emotionen und eine Dringlichkeit, diese Geschichte erzählen zu müssen. Der Titel ist auch als Reminiszenz an den Weimarer Tonfilm-Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gedacht, wo es ebenso um einen Kinderschänder geht.

Der französische Film „Little Tickles“ beschäftigt sich auch mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs. Die eigentlich unerträglichen Übergriffe gegenüber der achtjährigen Odette durch einen Freund der Eltern werden erzählerisch aufgebrochen: Denn die Geschichte schildert die erwachsene Odette ihrer Therapeutin, die zusammen die Erinnerungen kommentieren, auseinandernehmen und stoppen, wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist. Das kreative und mutige Konzept trägt „Little Tickles“, der aber in seiner subjektiven Schuldzuweisung gegenüber Odettes Mutter jegliche Differenziertheit vermissen lässt.

„Roma“: Auf den Spuren von Fellini | © Netflix
In Alfonso Cuaróns schwarzweißem Oscarkandidaten „Roma“, den das Filmfest dank Netflix auf der großen Leinwand zeigen durfte, sind die Männer im Mexiko der 1970er-Jahre die Nebenfiguren: Das indigene Hausmädchen wird von ihrem Lover noch in der Kinovorstellung des französischen Komödienklassikers „Drei Bruchpiloten in Paris“ verlassen, als er davon hört, dass sie schwanger ist. Das Familenoberhaupt der gut situierten Familie wiederum, um deren Alltag sich das Dienstmädchen kümmert, zelebriert seine tägliche Ankunft mit dem Auto wie ein König. Dabei läuft er letzlich über Hundescheiße und stößt in der zu engen Garage mit dem Außenspiegel an. Die eigene Wahrnehmung und die Realität passen schon in der damaligen Filmrealität nicht so recht zusammen.

Das Filmfest Hamburg bot viele weibliche Coming-of-Age-Geschichten. Die besten zwei immer wieder gespielten Songs hatte wohl der unebene kanadische Salinger-Epigone „Genesis“. Die beste Songszene bot der chilenische Film „Too Late to Die Young“: Die Protagonistin singt leidenschaftlich mit ihrer Ziehharmonika auf der Bühne der im Wald zurückgezogen lebenden Kommune den Song „Eternal Flame“. Darüber geblendet sind Bilder von ihrer Motorradfahrt mit dem älteren Lover, der ihre Liebe nicht so erwidert, wie sie sich das vorgestellt hat. Die spanisch- und portugiesischsprachige Sektion Vitrina gehörte wegen ihres Mutes zum Experimentieren zu den attraktivsten Reihen in Hamburg. Sektionsleiter Roger Alan Kozer war bei einer seiner Einleitungen euphorisiert, dass er sogar Cuarón an die Elbe lotsen konnte. Er trauerte nur etwas der verpassten Chance nach, nicht den neuen Film von Carlos Reygadas („Our Time“) bekommen zu haben, obwohl er persönlich mit dem Mexikaner befreundet ist.
Körper werden zu Landschaften
In dem expliziten und wilden chilenischen Roadtrip „Die feurigen Schwestern“, der eines der am meisten nachwirkenden Werke des Filmfests war, haben Frauen sich eine ideale Welt ohne Männer geschaffen. Das andere Geschlecht kommt nur noch als Aggressor vor, aus dessen gewalttätigen Fängen die Frauen befreit werden müssen. Akzeptiert sind in diesem Liebesreigen Transgender-Menschen. Dildos in jeglicher Ausprägung erinnern an das männliche Geschlecht, das in dieser Utopie nicht mehr gebraucht wird. Die nackten Körper der Frauen werden hier zu epischen Landschaften, die ihren leidenschaftlichen Befreiungskampf widerspiegeln. In einem halb legalen Trailer wurde diese Reise der Lust mit dem Deborah-Thema der Claudia Cardinale aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ angekündigt. Es sind Outlaws der Liebe, die gegen gesellschaftliche Traditionen mit Körpereinsatz in einer Kirche, in Hotelzimmern und in einer Finca rebellieren, wo scheinbar alle chilenischen It-Girls der LGBT-Community zusammengekommen sind – und sich an alternativen Lebensweisen ausprobieren.

„Dogman“ Marcello Fonte | © Alamode Filmdistribution
Männer waren in den Kinos des Hamburger Filmfests vor allem überfordert: Besonders der alleinerziehende oder geschiedene Patchwork-Daddy stand im Fokus. In Erinnerung bleiben werden der koreanische Dichter, der in Hong Sangsoos Film „Hotel by the River“ auf Einladung des Besitzers kostenlos im Hotel Heimat eingecheckt hat. In schwarzweißen Schneebildern und mit dem üblichen feuchten Umtrunk in Gesellschaft seiner beiden erwachsenen Söhne erzählt der Film von der Kluft zwischen Mann und Frau – und wie der Graben in einer Ehe gleich noch viel größer wird. Der Vater, der getrennt von seiner Frau lebt, weiß seinen Kindern auch nicht mehr mitzugeben, als zwei hastig zusammen gesuchte Stofftiere, die so gar keine Ähnlichkeit mit ihren menschlichen Äquivalenten haben.
Dunkle Seite des Herzens
Besser ist die Beziehung in Garrones Film „Dogman“ zwischen dem Hundesitter Marcello (Darstellerpreis in Cannes: Marcello Fonte) und seiner kleinen Tochter, die sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal nicht in Italien Urlaub zu machen. Angesichts der Tatsache, dass den Hundemann das Schicksal weder mit Aussehen noch Verstand reich gesegnet hat, ist die Fürsorge und Liebe aber vorbildlich, die er seinem Kind angedeihen lässt. Aber der geschiedene Marcello hat auch eine dunklere Seite in seinem Herzen, die nach einem aufregenderen und besseren Leben giert, was ihm in der Beziehung mit einem ultrabrutalen Gangster zum Verhängnis wird.

Den wahrscheinlich doch beste, weil mitreißendste Film über einen alleinerziehenden Vater haben die Israelis gedreht: „Geula“ feierte seine Weltpremiere in Karlovy Vary und gewann den Publikumspreis in Jerusalem. Der Film erzählt von Menachem (Moshe Folkenflik), dessen Tochter zum Überleben eine experimentelle und teure Chemotherapie braucht. Der ultra-orthodoxe Jude war früher Sänger in einer Rockband. Um an das Geld für die Behandlung zu kommen, trommelt er die alte Gang wieder zusammen, um auf Hochzeiten abzuliefern. Ganz simpel, aber einfühlsam und zärtlich schildern die Filmemacher Joseph Madmony und Boaz Yehonatan Yakov den moralischen Konflikt, wie ein strengreligiöser Witwer wieder zurück ins Leben drängt – sei es auf der kleinen Bühne oder auf dem Beziehungsmarkt.

„Nice Girls Don't Stay for Breakfast“ | © Little Bear Inc.
Der vielleicht prächtigste Hamburger Filmtempel, das Passage-Kino, war am Tag der Deutschen Einheit ein würdiger Ort für die Festivalpremiere der Dokumentation „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“. Das Interview-Dokument über den Hollywoodschauspieler Robert Mitchum zeigt ihn als Relikt einer vergangenen Zeit. Der berühmte Modefotograf Bruce Weber hatte ihn bereits in den 1990er-Jahren mit der Unterstützung von Supermodels interviewt. Dann verstarb aber Mitchum und Weber verließ die Lust, das Material zu veröffentlichen. Es ist ein beeindruckendes, locker-leichtes und sehr unterhaltsames Zeitdokument, das er mit selbst eingesungenen Songs des Hollywood-Beau garniert hat.

Mitchum wurde berühmt und von Cineasten vergöttert, weil er scheinbar mühelos der Schauspieler mit nur einem Gesichtsausdruck war, der aber in jeder Situation passte. Tatsächlich war seine unterkühlte und minimalistische Art zu spielen dann das Vorbild für die nächsten Generationen von Schauspielern, von denen Regisseur Weber auch einige vor die Kamera bekommen hat: Clint Eastwood schweigt, Johnny Depp öffnet sich, Benicio del Toro schwärmt und Danny Trejo stellt heraus, wie sich Mitchum für die Haftbedingungen in amerikanischen Gefängnissen eingesetzt hat. Noch schönere Geschichten erzählen Frauen wie Polly Bergen („Ein Köder für die Bestie“) vor der Kamera, die eine ganz andere, geheime Seite Mitchums offenbaren.
Jungssachen machen
Diese Erlebnisse stehen im Kontrast zu der machohaften Persona, die Mitchum auch vor Webers Kamera aufrecht erhält und mit sexistischen Sprüchen unterstreicht, die heute Karrieren beenden würden. Man kann sich aber auch durch die zahlreichen wunderschönen Szenen aus Mitchums Filmen des Eindrucks nicht erwehren, dass „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“ nicht nur eine Hommage sein sollte, sondern auch einen wehmütigen Abgesang auf einen antiquierten Typus Mann anstimmt, der aus der Welt verschwindet.

Der Weltraumpilot Neil Armstrong (Ryan Gosling) in Damien Chazelles neuem Film „First Man“ ist auch ein aus der Zeit gefallener Typus Mann: Er ist ein großer Schweiger und Profi, der Taten sprechen lässt. Hollywoodlegenden wie Raoul Walsh und Howark Hawks hätte dieser Protagonist gefallen. Er ist ein Mann, der nicht über den Tod seiner kleinen Tochter sprechen kann. Das vermeintlich letzte Gespräch mit seinen Söhnen will er am liebsten als unpersönliche Pressekonferenz gestalten, bevor er zum Mond aufbricht. Einmal bezeichnet seine Ehefrau Janet (Claire Foy) das Raketenprogramm der NASA aus Angst, ihren Mann zu verlieren, als gigantisches Kinderspiel von nicht erwachsen werden wollenden Jungen. Aber was für ein rauschhaftes, bombastisches und cineastisches Kinderspiel hat Chazelle daraus inszeniert. Das ist Kino. Das ist ein Kinderspiel, bei dem die Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur die sowjetische Gegenseite im Blick hatten. Die Mondlandung sowie der Film „First Man“ sind Stoffe, aus denen die Träume der zukünftigen Generation gewoben werden.

Links: - Negative-Space-Preise 2018, - Filmfest-Podcast 2017

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Samstag, 6. Oktober 2018
Negative-Space-Preise Filmfest Hamburg 2018
Der Werner-Hochbaum-Preis für den besten Film geht an:
  • „Die feurigen Schwestern“ (Albertina Carri)

© Berlin Collection
Der Eberhard-Schroeder-Preis für die beste Regie geht an:
  • Damien Chazelle („First Man“)

© Universal Pictures International
Der Ulrike-Ottinger-Preis für das Gesamtkunstwerk geht an:
  • Yolande Zauberman & Menachem Lang („M“)

© Indie Sales
Der Richard-Fleischer-Preis für neue Perspektiven auf das Weltkino geht an:
  • Avner Faingulernt („In the Desert – A Documentary Diptych: Omar’s Dream“)

© Skene - Border Films
Der Rod-Taylor-Preis für den besten Darsteller geht an:
  • Moshe Folkenflick („Geula“)

© Transfax Film Production
Der Ludivine-Sagnier-Preis für die beste Darstellerin geht an:
  • Luise Heyer („Das schönste Paar“)

© One Two Films
Der Brigitte-Lahaie-Preis für Sinnlichkeit geht an:
  • Antonella Costa („Dry Martina“)

© Film Factory
Der Amy-Nicholson-Preis für Kickass Cinema geht an:
  • „Der Unschuldige“ (Simon Jaquemet)

© Augenschein Filmproduktion
Der Jan-Harlan-Preis für den besten Dokumentarfilm geht an:
  • „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“ (Bruce Weber)

© Little Bear Inc.
Zehn Filmfest-Hamburg-Lieblingsfilme 2018 (alphabetisch):

* DOGMAN (Matteo Garrone)
* DIE FEURIGEN SCHWESTERN (Albertina Carri)
* THE FAVOURITE (Yorgos Lanthimos)
* FIRST MAN (Damien Chazelle)
* GEULA (Yossi Madmoni & Boaz Yehonatan Yaacov)
* IN THE DESERT – A DOCUMENTARY DIPTYCH: OMAR'S DREAM (Avner Faingulent)
* M (Yolande Zauberman)
* NICE GIRLS DON'T STAY FOR BREAKFAST (Bruce Weber)
* DAS SCHÖNSTE PAAR (Sven Taddicken)
* DER UNSCHULDIGE (Simon Jaquemet)

Link: - Negative-Space-Preise 2017

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Dienstag, 11. September 2018
Jamie Lee Curtis' Halloween-Comeback eröffnet Filmfest Hamburg inoffiziell

Jamie Got a Gun | © Universal Pictures International Germany GmbH
Das Filmfest Hamburg hat sein komplettes Programm für Ende September veröffentlicht. Umso länger man stöbert, umso spannendere Werke findet man.

Der Eröffnungsfilm des Filmfest Hamburg ist das isländische Werk „Gegen den Strom“, das eine Frau zeigt, die für die Umwelt und mit der Adoption eines ukrainischen Kindes kämpft. Mehr Nächstenliebe und Weltverbesserung gehen nicht. Aber sind wir doch mal ehrlich: Noch ein bisschen größer ist die Vorfreude auf David Gordon Greens Fortsetzung von „Halloween“, die alle anderen Fortsetzungen ignoriert und direkt an das Carpenter-Original anschließt. Für die Premiere in Hamburg ist der Superstar Jamie Lee Curtis angesagt. Ein Name, der alles mit Leichtigkeit wegwischt, was heutzutage als Hollywood gehandelt wird: Das Kind von Janet Leigh und Tony Curtis, das dem Slashergenre das Final Girl gestiftet hat; das für Arnold Schwarzenegger in „True Lies“ Tango tanzte und mit Stacy Keach durch den australischen Outback in „Truck Driver“ trampte; die Powerfrau in „Die Glücksritter“, „Perfect“, „Blue Steel“ und „Ein Fisch namens Wanda“. Das ist echte Hollywood-Prominenz.

Das Filmfest, das vom 27. September bis zum 6. Oktober läuft und 138 Filme aus 57 Ländern zeigt, mag ein eher unscheinbares Programm der Herbstfestivals vorgelegt haben. Umso länger man sich aber damit beschäftigt, umso mehr Entdeckungen macht man. Klar, große Highlights werden Yorgos Lanthimos' „The Favourite“ und der Oscar-Frontrunner „Roma“ von Alfonso Cuarón sein, die kurz nach ihren Weltpremieren von Venedig bereits in der Hansestadt laufen. Was für ein Luxus, „Roma“ nicht auf einem Netflix-Laptop sehen zu müssen! Aber es gibt auch sehr viel von Carlo Chatrians letztem Locarno-Programm in Hamburg zu entdecken, bevor er als neuer Berlinale-Chef reüssiert: Zum Beispiel „A Land Imagined“, der den Goldenen Leoparden gewonnen hat; aber auch die israelische Dokumentation „M“ von Yolande Zauberman oder Dominga Sotomayor Castillos umfeierten chilenischen Film „Too Late to Die Young“ oder den kanadischen Coming-of-Age-Geheimtipp „Genesis“.
Der beste deutsche Film im Programm
Interessant ist, dass die neu eingeführte deutsche Sektion Große Freiheit erstmal „nur“ mit sechs Filmen startet. Da wird es die Jury leicht haben, einen Sieger zu küren. Der spannendsten Eintrag dürfte dabei der frisch aus Toronto rübergeholte Film „Das schönste Paar“ von Sven Taddicken sein. Der Regisseur ist sowieso in der deutschen Filmszene recht unterschätzt. Schon sein Debütfilm „Mein Bruder, der Vampir“, der Julia Jentsch entdeckte, war ein kleiner großer Wurf. „Gleißendes Glück“ mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck vor zwei Jahren war vom Wagnis und der Offenheit der Schauspieler in ihren kaputten Existenzen gleich gar nicht mehr richtig zu greifen.

Jan Bonnys (Nicht-)NSU-Film „Wintermärchen“ aus Locarno wird dagegen schmerzlich vermisst. Wollte Bonny oder Hamburg nicht? Jedenfalls läuft das umstrittene Werk stattdessen Anfang Oktober auf dem Film Festival Cologne in der Made in NRW-Reihe. Dafür Freude über die Weltpremiere von Marcus H. Rosenmüllers Biopic „Trautmann“ mit David Kross in der Rolle des legendären deutschen Torhüters, der mit einem gebrochenen Genick für Manchester City auflief – und gleichzeitig zumindest ansatzweise Deutsche und Engländer nach dem Zweiten Weltkrieg miteinander versöhnte. Auch ein bisschen Lust ist vorhanden auf Alexander Kluges Kino-Comeback mit „Happy Lamento“, der wie eine 90-minütige Ausgabe seines Spartenprogramms für die Privatsender ausschaut.

Aber wenn wir schon bei Weltpremieren sind: Das Filmfest Hamburg ist eher ein Best-of-Festival, das wie ein Staubsauger die besten Werke anderer A-Festivals einsammelt. Nur: Letztlich wird man doch auch an den exklusiven Filmen gemessen. Da heißen die Werke dann „In Love and War“, eine spannende deutsch-dänische Co-Produktion mit Tom Wlaschiha und Ulrich Thomsen, die im Ersten Weltkrieg spielt. Weitere Weltpremieren sind „Der Trafikant“ mit Bruno Ganz als alternden Sigmund Freud nach dem deutschen Anschluss Österreichs, die Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Verachtung“, die nach der Millennium-Trilogie ohne Lisbeth Salander klingt und die bestimmt spannende Rasmus-Gerlach-Doku „Sankt Paulis starke Frauen – Reeperbahner*innen“. Es gibt auch „Yuli“, den Film über einen kubanischen Balletttänzer, der aber nicht ganz oben auf der To-Watch-Liste steht.


Chilenischer Festivaltipp „Too Late to Die Young“
Paris oder Madrid – Hauptsache Italien
Wenn im vergangenen Jahr vor allem die französische Sektion Voilà fast durchgehend mit Highlights wie „Jeune femme“, „120 BPM“ und „L'amant double“ begeisterte, scheinen dieses Jahr die meisten Perlen in der Sektion Vitrina zu lauern, in der das spanischsprachige und lateinamerikanische Kino präsentiert wird. Neben dem heiß erwarteten und schon erwähnten Coming-of-Age-Film „Too Late to Die Young“ sind besonders „Die feurigen Schwestern“ vorgemerkt, denen schon ein gewisser cineastischer und freiherziger Ruf vorauseilt. Auch toll klingt „Dry Martina“ – wegen des Plots, aber gerade auch, weil der Debütfilm des Regisseurs „You Think You're the Prettiest, But You Are the Sluttiest“ heißt. Wer sich solche Arthouse-Titel leistet, muss dann auch abliefern.

Wer israelisches Kino und den israelisch-palästinensischen Konflikt spannend findet, wird auf dem Filmfest auf jeden Fall auch fündig: Episch mutet das Dokumentarprojekt „In the Desert – A Documentary Diptych“ an. Die eine Doku erzählt von einem palästinensischen Bauer, die andere Doku erzählt von einem israelischen Siedler ungefähr in der selben Region des Westjordanlandes. Die Filme des selben Regisseurs Avner Faingulernt werden direkt hintereinander gezeigt. Das Werk feierte seine Weltpremiere auf der Doc Aviv. Vergangenes Jahr konnte man in Hamburg mit dem fantastischen „The Cakemaker“ den israelischen Oscar-Beitrag entdecken. Dieses Jahr heißen weitere israelische Filme – neben der bestimmt empfehlenswerten Doku „M“ – „Outdoors“ und „Geula“.
Was aus Cannes läuft – und was nicht
Die gewichtigen Cannes-Filme „Leto“, „Loro“, „The Wild Pear Tree“, „The House That Jack Built“, „Dogman“, „Drei Gesichter“ und „The Image Book“ von Lean-Luc-Godard kann man hier natürlich auch einsammeln. Vermisst werden „Sorry Angel“, den Hamburg an das Filmfest Oldenburg verloren hat, „Knife + Heart“, „Long Day's Journey Into Night“ und „Sauvage“. Auch „Cold War“ läuft wie „Wintermärchen“ zuerst in Deutschland auf dem Film Festival Cologne. Da wächst wohl ein ernsthafter Filmfest-Konkurrent im Herbst heran. Aber man kann natürlich auch nicht alles haben. Ebenfalls interessant ist, dass aus dem deutschen Bereich weder Christian Alvarts Fitzek-Verfilmung „Abgeschnitten“ noch „25 km/h“ mit Bjarne Mädel und Lars Eidinger im Programm auftauchen.

Für die Hollywood-Junkies gibt es jenseits von „Halloween“ mit seinem nagelneuen Carpenter-Score den Venedig-Eröffnungsfilm „The First Man“, Paul Danos Sundance-Regiedebüt „Wildlife“, spannenderweise „A Simple Favor“ von „Brautalarm“-Regisseur Paul Feig mit Anna Kendrick und Blake Lively. Der Independent-Film „We the Animals“ soll toll sein. Hey, es gibt den neuen Frederick Wiseman („Monrovia, Indiana“). Ihr seht: Aus dem Empfehlen kommt man bei diesem Programm gar nicht mehr heraus. Es fühlt sich sehr wertig an. Und letztlich würde es sich wahrscheinlich schon lohnen, nach Hamburg zu kommen, nur um die Dokumentation „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“ über Robert Mitchum frisch vom Lido zu schauen.

Der Filmblog Negative Space wird das Filmfest Hamburg berichtend begleiten. Das Festival zeigt vom 27. September bis 6. Oktober in seinem 26. Jahr 138 Filme aus 57 Ländern in zwölf Sektionen.

Links: - Programm 2018 | - Podcast 2017

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Sonntag, 2. September 2018
Venedig-Tipp: „Amanda“ (Mikhaël Hers)

Onkel und Nichte | © Nord-Quest Films
Jenseits der Wettbewerbs-Schwergewichte, die sowieso bald regulär im Kino laufen oder bei einem Streamingdienst verfügbar sind: Der französische Film „Amanda“ in der Orrizonte-Sektion in Venedig ist eine echte Entdeckung.

Dem Franzosen Mikhaël Hers ist ein wunderschöner Film über den Verlust gelungen. Das mag widersprüchlich klingen. Es entspricht aber seinen Schilderungen einer kleinen Patchwork-Familie in Paris, die ein Terroranschlag auseinanderreißt.

Die junge Lehrerin Sandrine (Ophélia Kolb) zieht ihre Tochter Amanda (Isaure Multrier) ohne Vater groß. Ihr 26-jähriger Bruder David (Vincent Lacoste) unterstützt sie dabei – so gut es geht. Und soweit es sein amouröses Leben als verkannter Künstler, der sich als eine Art Hausmeister für Touristenunterkünfte durchschlägt, zulässt. Denn er hat sich gerade in die gegenüber eingezogene Léna (Stacy Martin) verliebt.

Dem Leben eine spielerische Leichtigkeit abzugewinnen, gehört seit jeher zu den Qualitäten des französischen Films. Mikhaël Hers‘ Schilderungen des Alltags wohnt aber nochmal ein besonderer Zauber inne. Seien es Bruder und Schwester, die mit ihren klapprigen Fahrrädern ein kleines Wettrennen auf den Pariser Straßen hinlegen oder eine SMS, welche die Angebetete im genau richtigen Zeitpunkt erreicht, damit sie sich beim Joggen noch rechtzeitig umdrehen kann. Die Natürlichkeit der Szenen wird auch dadurch unterstützt, dass scheinbar nie Sets abgesperrt wurden und die Protagonisten durch den echten Straßenverkehr manövrieren oder einfach so mal schnell durch den Park gegangen sind. Potenzielle neue Affären mit der nächsten wohl verheirateten Facebook-Bekanntschaft werden hier einfach mal weggelacht.
Wächst an seinen Kleinigkeiten
Umso heftiger reißt ein blutiger Anschlag im Park das Familienglück aus diesem Traum. Die Realität, die Politik und der Terror holen sie ein – überholen die Familie gandenlos. Aus dem rohmer’schen Reigen wird ein Film über die Trauer. Der 26-jährige Vincent, der in den Tag hinein gelebt hat, ist auf einmal verantwortlich für das Kind seiner Schwester. Wie der Film dann diese Trauerarbeit nachzeichnet, wie er sie in Kleinigkeiten aus seinen Protagonisten herausbrechen lässt – etwa, wenn das Kind es einfach nicht wahrhaben kann, dass Vincent die Zahnbürste ihrer verstorbenen Mutter weggeschmissen hat –, macht „Amanda“ zu mehr als nur dem nächsten Feel-Good-Movie aus dem für seine Lebenslust so bewunderten Nachbarland.

Der Verlust wird immer eine offene Wunde bleiben, die niemals ganz geschlossen werden kann. Der Terrorakt hat die Welt verändert. Laute Geräusche erregen jetzt nicht mehr die Aufmerksamkeit, sondern lassen ängstlich zusammenzucken. Es ist auch nicht so, dass Vincent sofort seine neue Rolle versteht – oder auch ausfüllen kann. Wer könnte das schon? Er gibt sein Bestes. Ehrlicherweise spielt er aber aufgrund der ihn überfordernden Situation auch mit dem Gedanken, Amanda in ein Kinderheim zu geben.
Pubertierender Nachwuchsstar macht Sprung
Das ist eine ziemlich bewegender Moment, wenn er auf dem Pausenhof des Internats steht – um ihn herum lauter spielende Kinder – und dem Zuschauer bewusst wird, dass das alles kleine Menschen sind, die ohne Vater und Mutter aufwachsen müssen. Der Film beobachtet auch genau, wie die kleine Amanda den Verlust verarbeitet. Wie sagt man einem Kind so etwas überhaupt? Braucht sie einen Psychologen, Zeit für sich selbst, schnell neue Bezugspersonen, viel Aufmersamkeit? Wie kann man überhaupt in so jungen Jahren diesen Verlust ganz begreifen?

„Amanda“ feierte seine Weltpremiere am 31. August auf dem Venedig-Filmfestival in der wichtigen Nebensektion Orrizonte. Negative Space kann diese bittersüße Familiengeschichte über das Leben in der Trauer nur wärmstens empfehlen. Das ist eine echte Entdeckung, die in ihren besten Momenten mit Mia Hansen-Løves thematisch ähnlich gelagerten Film „Der Vater meiner Kinder“ mithalten kann. Hers hält würdevoll den Zustand des Schocks, der Verarbeitung und des wieder Mutfassens fest.

Der Cast besteht aus diversen wunderschönen sowie talentierten Schauspielern, allen voran Stacy Martin, die als junge Charlotte Gainsbourg in Lars von Triers „Nymphomaniac“ bekannt wurde. Richtig gehend begeistert hat aber die Transformation, die Vincent Lacoste seit seinem Durchbruch als schwerpubertierender Teenie in der auch empfehlenswerten Komödie „Jungs bleiben Jungs“ hingelegt hat.

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Dienstag, 28. August 2018
Venedig-Ticker 2018

„A Star Is Born“ | © Warner Bros. Pictures
Neben Cannes und der Berlinale zählt das Festival von Venedig zu den bedeutendsten Filmfesten der Welt. Tatsächlich ist das älteste Festival der Geschichte in diesem Jahr auf dem Papier sogar das Maß aller Dinge. Absteigend aufgelistet finden sich hier deshalb die Venedig-Filme 2018 aus allen Wettbewerben, die mich persönlich am meisten interessieren. Die eigene Vorfreude wie auch das Kritiker-Feedback vor Ort sorgen für die Abstufungen, die ich mit Sternen von fünf bis zwei kenntlich mache. Der Ticker wird regelmäßig upgedatet. Das Festival läuft vom 29. August bis zum 8. September.

NEU: Luca Fassbinders „Suspiria“, der neue Lanthimos „The Favourite“, Cuaróns Mexiko-Rückkehr „Roma“, Oscar-Kandidat „A Star Is Born“

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★★★★★

„The Favourite“ (Yorgos Lanthimos)
Deutscher Kinostart: 03.01.2019

[Wettbewerb] Da braucht es eigentlich keine Kritiken im Vorfeld. Der Grieche Yorgos Lanthimos ist ein absoluter Lieblingsregisseur dieses Blogs. Mit „The Lobster“ hatte er bereits wieder zur alten Form zurückgefunden. Das erste Mal hat er jetzt das Drehbuch nicht selbst geschrieben. Emma Stone und Rachel Weisz spielen Hauptrollen. Nuff said. Ich schaue „The Favourite“ auf dem Filmfest Hamburg Anfang Oktober. Aber zumindest die hippe Jessica Kiang von The Playlist will ich zitieren: „And here is my bawdy and magnificent favourite, THE FAVOURITE, which could not be more my bag if it were monogrammed JK and contained nothing but old tissues and a lipstick I never wear.“

„Suspiria“ (Luca Guadagnino)
Deutscher Kinostart: 15.11.2018

[Wettbewerb] „Frustrierend“ ist nicht der richtige Ausdruck, um meinen Zustand als Festivalbeobachter zu beschreiben. Aber es fühlt sich doch sehr eigenartig an, die Reaktionen zu einem Wettbewerb in Venedig zu betrachten, wo die meisten Werke bereits „verkauft“ sind. Kein Cineast mit Verstand muss heiß gemacht werden auf ein „Suspiria“-Remake, das der „Call Me By Your Name“-Regisseur mit dem Gestus eines Rainer Werner Fassbinder gedreht hat. Man nimmt also schon die unterschiedlichen Meinungen wahr. Und fragt sich, ob diejenigen, die jetzt behaupten, Guadagninos Neuinterpretation sei besser als Dario Argentos Original, überhaupt Fans des 1977er-Films waren. Ich schaue dich streng an, Robbie Collin vom Daily Telegraph! Aber eigentlich lauten auch hier nur die Fragen: Wann und wo selbst sehen können?

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★★★★½

„Roma“ (Alfonso Cuarón)
Deutscher Kinostart: Netflix

[Wettbewerb] Da braucht es ehrlich gesagt auch keine Filmkritiken. Alfonso Cuarón hatte Carte blanche von Netflix und kehrt mit einem zweistündigen Schwarzweißfilm auf Spanisch in seine Heimat Mexiko zurück. Keine Stars. Der Hype und die Lust ist automatisch da. Hier lautet eher die Frage, ob man sich motivieren können wird, den Film in seinem kurzen Kinofenster auf der Leinwand zu erwischen.

„A Star Is Born“ (Bradley Cooper)
Deutscher Kinostart: 04.10.2018

[Außer Konkurrenz] Hollwood hat den Musical-Stoff von „A Star Is Born“ über einen Profi, der einem schüchternen Nachwuchstalent zum Durchbruch verhilft, immer wieder verfilmt. 1932 machte George Cukor den Anfang. Berühmter ist seine Klassiker-Version von 1954 mit Judy Garland. Es gibt die Geschichte auch mit Kris Kristofferson und Barbra Streisand in den 1970er-Jahren. Jetzt sind Bradley Cooper und Lady Gaga an der Reihe. „Der Film ist absolut brillant und könnte das ganze Festival aufmischen. Er ist ein unglaublicher Zuckerrausch aus tränenreicher Euphorie. Menschen glauben mir nicht, aber es stimmt“, sagt Guardian-Kritiker Peter Bradshaw vor dem Festival in einem kurzen Videocast.

„Lady Gaga electrifies in a Hollywood musical for the ages“, schreibt Robbie Collin vom Daily Telegraph und vergibt die Höchstwertung. Owen Gleiberman erlebt derweil seinen dritten Frühling bei Variety. Der alte Entertainment-Weekly-Recke farbuliert sich gekonnt zum Star unter den Trade-Press-Schreiberlingen: „It’s the fourth remake of the story, but this one has a look and vibe all its own — rapturous and swooning, but also delicate and intimate and luminous.“ Kritiker-Dandy Guy Lodge (Variety) schreibt auf Twitter: „Red-meat melodrama that raised the hairs on my arms exactly where it needed to.“ Stephanie Zacharek vom Time Magazine schreibt auf Twitter: A STAR IS BORN is a terrific modern melodrama.“

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★★★★

„The Sisters Brothers (Jacques Audiard)

[Wettbewerb] Meine französische Lieblings-Kritikerkoryphäe Michel Ciment hat dem Film die Höchstwertung gegeben.

„Sunset“ (László Nemes)

[Wettbewerb] Auch hier gab Michel Ciment die Höchstwertung. Ich kann mich nicht erinnern, dass er in einem internationalen Wettbewerb schon einmal bei vier Filmen fünf Sterne zückte: Roma, The Sisters Brothers, Sunset und The Ballad of Buster Scruggs.

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★★★


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Montag, 27. August 2018
Bully for Oscar? Welche deutschen Filme noch im Oscarrennen sind

Bully macht Geschichtsepos: „Ballon“ ist unter den letzten elf Kandidaten

Wer vertritt Deutschland ab Donnerstag bei den Oscars? Florian Henckel von Donnersmarck, Thomas Stuber, Christian Petzold, Bully Herbig oder die einzige Frau im Aufgebot?

Am Donnerstag wird bekannt gegeben, welcher Film Deutschland in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ beim Oscar vertritt. Wer folgt auf Fatih Akins „Aus dem Nichts“, der es vergangenen Dezember immerhin auf die Shortlist der Academy Awards schaffte und einen Golden Globe gewann? Ein potenzieller Nachfolger wäre Florian Henckel von Donnersmarcks Comeback „Werk ohne Autor“, der im Wettbewerb von Venedig seine Weltpremiere feiert. Wenn er da nicht völlig verrissen wird, hat dieser Startplatz international die größte Strahlkraft. Der Venedig-Wettbewerb ist dieses Jahr mehr wert als Cannes.

Auch noch in der Vorauswahl dabei sind von der Berlinale das Romy-Schneider-Biopic „Drei Tage in Quiberon“, Thomas Stubers „In den Gängen“, „Das schweigende Klassenzimmer“ und Christian Petzolds „Transit“. Stubers meisterliche Großmarkt-Studie hätte den Vorteil, dass er international schon Anklang gefunden hat, wohingegen „Transit“ bei ausländischen Kritikern eher durchgefallen war. „Drei Tage in Quiberon“ war mit sieben Auszeichnungen der große Abräumer beim deutschen Filmpreis.

Weiter dabei unter den letzten elf Kandidaten und in der Verlosung ist der Filmfest-München-Eröffnungsfilm „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, Robert Schwentkes „Der Hauptmann“, der seine Weltpremiere in Toronto feierte, „Die Unsichtbaren“ über die letzten Juden, die sich in den 1940er-Jahren in Berlin versteckten, das Roadmovie „Simpel“ und der internationale Animationsfilm „Teheran Taboo“.
Darf Bully Herbig ran?
Die größte Überraschung ist Michael Bully Herbigs neuer Film „Ballon“ über die Flucht zweier Familie aus der DDR in den Westen. Das ernste Geschichtsepos mit Schauspielern wie Friedrich Mücke, Karoline Schuch, Alicia von Rittberg und David Kross bei den Oscars dabei zu haben, wäre wohl Bullys großer Traum. Ein bisschen zu wünschen wäre es ihm ja, dass er nach einigen bizarren Fehlgriffen wie „Zettl“, „Buddy“ oder „Vier gegen die Bank“ zumindest wieder einen leidenschaftlichen Kinotraum auf die Leinwand hinbekommen hat.

Die Liste (elf Kandidaten):

* 3 TAGE IN QUIBERON (Emily Atef)
* BALLON (Michael Bully Herbig)
* DER HAUPTMANN (Robert Schwentke)
* IN DEN GÄNGEN (Thomas Stuber)
* MACKIE MESSER – DER DREIGROSCHENFILM (Joachim A. Lang)
* DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER (Lars Kraume)
* SIMPEL (Markus Goller)
* TEHERAN TABU (Ali Soozandeh)
* TRANSIT (Christian Petzold)
* DIE UNSICHTBAREN (Claus Räfle)
* WERK OHNE AUTOR (Florian Henckel von Donnersmarck)

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Lanthimos' „The Favourite“ läuft in Hamburg

Emma Stone in „The Favourite“ | © 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.
So langsam werden die Karten für das Filmfest Hamburg aufgedeckt: Der isländische Eröffnungsfilm „Gegen den Strom“ steht, wird aber überstrahlt durch die Premiere von Yorgos Lanthimos' Film „The Favourite“.

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos und das Filmfest Hamburg führen eine innige Beziehung: Nachdem bereits „The Lobster“ und „The Killing of the Sacred Deer“ auf dem Festival in Deutschland gezeigt wurden, läuft sein neuestes Werk „The Favourite“ auch in der Hansestadt. „In seinem Historienfilm entspinnt Lanthimos ein dichtes Netz von Intrigen, Neid und Verrat am englischen Hof des 18. Jahrhunderts“, schreibt das Filmfest Hamburg, das vom 27. September bis 6. Oktober stattfindet. In den Hauptrollen zu sehen sind Olivia Colman, Emma Stone, Nicholas Hoult und Rachel Weisz.

Nach seiner Weltpremiere in Venedig ist „The Favourite“, der bereits als Oscarkandidat gehandelt wird und eines der heißesten Kinotickets des Herbstes ist, nur wenige Wochen danach in Hamburg zu sehen. Der Film läuft in der Sektion Kaleidoskop und kommt voraussichtlich am 3. Januar 2019 durch den Verleih Twentieth Century Fox deutschlandweit in die Kinos. Der erste Trailer erinnert an Kubricks „Barry Lyndon“, die scharfen Aristokratie-Satiren eines Jonathan Swift und die britischen Komödiengiganten Richard Lester und Ken Russell. Es ist das erste Drehbuch, das Lanthimos nicht selbst, sondern Deborah Davis und Tony McNamara geschrieben haben.
„Bella Martha“-Regisseurin in Hamburg
Auch sehr spannend ist der zweite Film, den das Filmfest Hamburg für die deutsche Sektion Große Freiheit bekannt gegeben hat: Nach Aline Chukwuedos Debütwerk „Ella & Nell“ ist Sandra Nettelbecks Komödie „Was uns nicht umbringt“, der in Locarno seine Weltpremiere auf der Piazza Grande feierte, der nächste Kandidat auf die 25.000 Euro Preisgeld. Der Film erzähle von „melancholischer Heiterkeit, Sinnkrisen und Herzensangelegenheiten in der Mitte des Lebens“. Die Hauptrollen spielen August Zirner, Johanna ter Steege und Barbara Auer. „Was uns nicht umbringt“ wird vom Verleih Alamode am 15. November in die deutschen Kinos gebracht.

Eröffnet wird das Filmfest am 27. September von dem isländischen Film „Gegen den Strom“. Der Film von Benedikt Erlingsson erzählt von einer Öko-Terroristin, die gleichzeitig einen Chor leitet und ein Kind aus der Ukraine adoptieren will. Das Drama hatte seine Weltpremiere bei der Woche der Kritik auf dem Filmfestival in Cannes.

Das Filmfest Hamburg findet vom 27. September bis 6. Oktober statt. Das komplette Programm wird am 11. September bekannt gegeben.

Links: - „Ella & Nell“| - Podcast 2017 | - Geheimtipp „Leto“

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Samstag, 25. August 2018
3sat zeigt vergessenes Käutner-Meisterwerk „Schwarzer Kies“

Helmut Wildt in „Schwarzer Kies“ | © ZDF, Gabriele Du Vinage
Der Sender 3sat setzt im September auf deutschsprachige Nachkriegsperlen wie den genialen Film noir „Schwarzer Kies“.

Im September präsentiert der Sender 3sat sieben Schätze aus dem deutschen, österreichischen und Schweizer Nachkriegskino. Das Highlight dürfte Helmut Käutners Film „Schwarzer Kies“ sein, der am 7. September um 22.25 Uhr ausgestrahlt wird. Das Meisterwerk über die dunklen Machenschaften eines Kiesfahrers im Hunsrück wurde im Jahr 2016 in der Retrospektive „Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen BRD von 1949 bis 1963“ auf dem Filmfestival in Locarno international wiederentdeckt. Das Deutsche Filmmuseum brachte diese epochale Filmschau dann nach Deutschland.

Zu den weiteren Werken, die 3sat programmiert hat, gehören Harald Brauns „Der gläserne Turm“ (09.09., 16.50 Uhr) nach dem Roman von Wolfgang Koeppen, die internationale Co-Produktion „Die Vier im Jeep“ mit Ralph Meeker (04.09., 22.35 Uhr), die im Jahr 1951 den Goldenen Bären in Berlin gewann, und Georg Wilhelm Pabsts Hitler-Film „Der letzte Akt“ (05.09., 22.25 Uhr). Alle Filme findet man auf der Seite von 3sat.

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