Montag, 27. Februar 2017
SigiGötz-Entertainment-Heft #29 am Kiosk

© SigiGötz-Entertainment
Die beste Filmzeitschrift der Welt ist zurück. In Ausgabe Nummer 29 schreibt Hans Schifferle ("Die 100 besten Horror-Filme") über Kurt Nachmanns Chef d’Œuvre "Die nackte Gräfin". Nachmann ist einer der spannendsten Regisseure und - vor allem - Drehbuchschreiber der entscheidenden deutschen Nachkriegsjahrzehnte. Ein paar Filmtitel gefällig? "Ferien mit Piroschka", "Die Wirtin von der Lahn", "Der Schrei der schwarzen Wölfe", "Ein echter Hausfrauenfreund" und "Vanessa".

© SigiGötz-Entertainment
Außerdem als Themen: Christoph Huber, der den Film "Lebensborn" einer Neubewertung unterzieht: Stefan Ertl, der die SGE-Glamour-Bibliothek um zehn neue Bände (von Rolf Eden bis Peter Scholl-Latour) erweitert; Sepp Knarrengeier, der einen frischen Pantheon der Filmregisseure vorstellt; Ulrich Mannes, der ein Gespräch mit SGE-Glamour- und Cover-Girl Hedi Jobe protokolliert. Weiters ein Doppelnachruf von Rainer Dick (Ann Smyrner & Sieghardt Rupp) und ein einzelner Nachruf von Viktor Rottaler (Jaki Liebezeit).

Das neue Heft gibt es zum Selbstkostenpreis von 3 Euro 50 plus Versand im Internet unter nachfolgendem Link zu bestellen.

Link: - SigiGötz-Entertainment bestellen

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Sonntag, 26. Februar 2017
4. Terza Visione eröffnet im Sommer mit "Danger: Diabolik"


Der Umzug von Nürnberg nach Frankfurt am Main war länger bekannt. Jetzt stehen aber auch das Datum und der Eröffnungsfilm des wichtigsten Genrefestivals zur italienischen Filmgeschichte in Deutschland fest.

Das stilprägende Festival für den italienischen Genrefilm, das Terza Visione, zieht für seine vierte Ausgabe von Nürnberg nach Frankfurt am Main um. Vom 27. bis 30. Juli zeigen die Festivalleiter Andreas Beilharz und Christoph Draxtra wieder seltene und liebgewonnene Italo-Perlen. Eröffnet wird das Terza Visione dieses Mal im Deutschen Filmmuseum mit der Mario-Bava-Agentenperle "Danger: Diabolik". Banausen kennen den italienischen Superschurken als Hommage aus dem Beastie Boys-Musikvideo "Body Movin'". Cineasten aber wissen, dass "Danger: Diabolik" eine der besten Comicverfilmungen der Filmgeschichte ist. Das weitere Programm wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben. Durch den Umzug ins Frankfurter Filmmuseum gibt es nicht nur ein klimatisiertes Kino im Sommer und mehr Platz zur Verfügung, sondern auch eine verbesserte Kopien-Situation, die auf das ein oder andere ganz besondere Schmankerl hoffen lässt.

Der italienische Piratenfilm wurde zum Beispiel mit dem Meisterwerk "Maciste im Kampf mit dem Piratenkönig" auf dem 1. Terza Visione im Jahr 2014 wiederentdeckt - und damit Regisseur Domenico Paolella ein kleines Denkmal gebaut. Kurator Christoph Draxtra über den Regisseur: "Für den Piratenfilm italienischer Provenienz war Domenico Paolella, was John Ford für den amerikanischen Cowboyfilm war."

Links: - 4. Terza Visione, - 2. Terza Visione, - 1. Terza Visione

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Dienstag, 21. Februar 2017
Berlinale-Wettbewerb 2017: Eine Handvoll berauschender Filme

"On Body and Soul" © Internationale Filmfestspiele Berlin
Auf den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb wurde viel eingeprügelt. Nicht nur, weil der Clooney Schorsch Urlaub hatte und sich Hollywood rar machte, sondern auch, weil die qualitative Dichte fehlte. Bei genauerer Betrachtung gab es jedoch mehr als eine Handvoll besonderer Filmerfahrungen zu entdecken. Ein Fazit von Michael Müller

Mária (Alexandra Borbély) sitzt in der Badewanne. Aus ihrem CD-Player ertönt der melancholische Song „What He Wrote“ von der britischen Folk-Sängerin Laura Marling. Den ganzen Tag hat sie im Plattenladen verbracht, hat sich CD um CD angehört. Aber nichts gefiel ihr. Mária kann nichts mit Musik anfangen – das Leben ist ihr generell fremd. „What He Wrote“ nahm sie nur mit, weil es der Lieblingssong der Verkäuferin ist, die endlich den Laden schließen will.

Im Berliner Friedrichstadtpalast ist das am Sonntag, dem abschließenden Besuchertag zum halben Eintrittspreis, der Moment, bei dem gleich zwei Zuschauer kollabieren. Als der erste auf einer Liege herausgetragen wird, gibt es bereits den nächsten Schrei. Dieses Mal ist es eine junge Frau, der schwindelig geworden ist. An der Hand wird sie herausgeführt. Der Umstand, dass diese beiden Zusammenbrüche mit dem Gewinner des Goldenen Bären, dem ungarischen Spielfilm „On Body and Soul“, zu tun haben, ist nicht gewiss, aber angesichts der Intensität der lang ausgespielten Szene in der Badewanne auf der Leinwand naheliegend. Die bizarre Liebesbeziehung zwischen den beiden Mitarbeitern eines Schlachtbetriebs, die sich über ihre Träume kennenlernen, geht an die Nieren.

Der Legende nach soll der amerikanische Regisseur Steven Spielberg zu seinem Produzenten gesagt haben, als ihm dieser vom Herzinfarkt eines Zuschauers in einem Test Screening von „Der weiße Hai“ erzählte: „Sehr gut! Das bedeutet, der Film funktioniert.“ Auch über Quentin Tarantino und „Reservoir Dogs“ kursieren ähnliche zynische Anekdoten.

"Colo" © Alce Filmes
Was zeichnet einen schwachen Wettbewerb aus?
Unter dem Dach des Friedrichstadtpalastes in der Loge rang ich mit meinen Gefühlen, fragte mich, wo ich nach diesen beiden Unglücksfällen, die mehr oder weniger schnell durch die herbei geeilten Rettungskräfte unter Kontrolle gebracht schienen, mit meiner Energie hin sollte. Bis dahin war nämlich Ildikó Enyedis Film einer der besten des Berlinale-Wettbewerbs gewesen. Die abscheulich schöne, Herzen zerquetschende Badewannenszene, deren traurige Qualität fast nicht auszuhalten ist, hob „On Body and Soul“ noch in eine höhere Sphäre, die der Film auch in seinen letzten Minuten bewahrt. Hätte ich diesen Film am Anfang des Festivals gesehen, wie es von Festivalchef Dieter Kosslick geplant war, und nicht erst am allerletzten Tag der Berliner Festspiele: Mein Eindruck des viel gescholtenen Wettbewerbs wäre ein anderer gewesen.

Die Urteile zum Herzstück der Berlinale, den 24 internationalen Filmen im Wettbewerb, fielen recht vernichtend aus. Wiedermal wurden Rufe nach dem Rücktritt des Festivalchefs laut, der vor kurzem erst seinen Vertrag für weitere drei Jahre bis 2019 verlängert hatte. War das wirklich ein schlechter Wettbewerb? Oder war der Wettbewerb nur schwächer als im vergangenen Jahr? Wie viele Filme braucht es, um von einem guten Jahrgang zu sprechen? Ich glaube, der Filmjahrgang 2017 hatte wieder eine gute Handvoll bemerkenswerter Wettbewerbsfilme zu bieten. Was den Gesamteindruck aber runterzog, war die Masse von Wettbewerbsbeiträgen, die wenig bis gar nicht funktionierten.

"Ana mon amour" © Internationale Filmfestspiele Berlin
Der starke Rumäne kam zu spät
Jedes A-Festival, selbst der Wettbewerb in Cannes, hätte sich glücklich geschätzt, ein Werk wie Aki Kaurismäkis „The Other Side of Hope“ in seinem Programm zu haben. So war auch Kaurismäkis halbernsthafter Protest über den Silbernen Bären für die beste Regie, den er dadurch ausdrückte, dass er für die Dankesrede seinen Platz nicht verlassen wollte und den Bären als Mikrofonattrappe verwendete, mehr als nachvollziehbar. Seine Flüchtlingskomödie schafft den unendlich schweren Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch. Mit solch einer Leichtigkeit von solch einem schweren Thema zu erzählen, ist eine große Kunst.

Călin Peter Netzers rumänisches Beziehungsdrama „Ana, mon amour“, das auf Ingmar Bergmans Spuren wandelt, griff erst verspätet, einen Tag vor der Preisverleihung, in den Wettbewerb ein. Zahlreiche der internationalen Kritiker sahen die elegant elliptische Erzählstruktur, die im Leben eines Studentenpärchen gekonnt vor und zurück springt, gar nicht mehr. „Ana, mon amour“ ist einer der stärksten Filme des Jahrgangs, der von Aufopferung für eine Beziehung erzählt, von psychischer Krankheit und krankhafter Eifersucht, bei dem die Beichte eine so große Rolle spielt wie die Psychoanalyse. Das ist ein aufregender Film, bei dem die Schauspieler an ihre körperlichen Grenzen gehen, wo klar wird, dass es in diesem rumänischen Mikrokosmos zwischen tief religiösen Eltern, Kindheitstraumata und Haarausfall um das große Ganze geht.

Auch ein Coming-of-Age-Film: "Colo" © Alce Filmes
Bitteres Schlachtfest "Logan"
Dazu gesellte sich ein unscheinbarer Film wie der portugiesische Wettbewerbsbeitrag „Colo“. In seiner Langsamkeit und Kontemplation hat er die meisten Kritiker und Zuschauer entnervt zurückgelassen. Aber Teresa Villaverde hat genauer hingeschaut, hat die Armut in einer kleinen Familie so subtil und erdrückend geschildert, dass der Zustand beinahe ein eigener Charakter im Film wird. „Colo“ ist ein Film der Widerstände, die ich mir in einem internationalen Wettbewerb wünsche; bei dem ich anfangs gegen die eigene Müdigkeit kämpfen musste, bei dem ich mich aber bei den sensiblen Einstellungen und teils atemberaubenden Bildkompositionen in ganz sicheren Hände fühlte. „Colo“ ist ein Werk, das bleiben wird.

Nehme ich zu „On Body and Soul“, „The Other Side of Hope“, „Ana, mon amour“ und „Colo“ noch den exzellenten chilenischen Wettbewerbsbeitrag „A Fantastic Woman“ und Alain Gomis‘ stark nachbrennenden „Félicité“ hinzu, sind das sechs großartige Werke, die ich jeder Zeit einem Cineasten mit Geschmack empfehlen könnte; Filme, die bereichern, die Lust auf internationales Kino machen, herausfordern und eigene Wege begehen. Noch gar nicht erwähnt habe ich in diesem Zusammenhang James Mangolds bitteres Schlachtfest „Logan“, einen „X-Men“-Blockbuster, der endlich wieder unter die Haut geht und berührt.

Ich will hier keine Schönfärberei betreiben: Bei dem spanischen Wettbewerbsbeitrag „El Bar“ habe ich mich zum Beispiel gefragt, warum der Thriller, der unter einem Haufen Unsympathen in einer Bar spielt, nicht besser auf den hinteren Seiten des Fantasy Filmfest-Programmheftes gelandet ist. Bei dem brasilianischen Wettbewerbsbeitrag „Joaquim“, der mit einer famosen Eröffnungsszene beginnt, in der ein aufgespießter Kopf die Geschichte erzählt, schwebte die Frage im Raum, warum das Filmteam ein halbfertiges Werk präsentierte, was mit bescheidenen Stilmitteln sehr wenig zu sagen hatte.

"A Fantastic Woman" © Internationale Filmfestspiele Berlin
Vergesst nicht Wolf Donner!
Der Auftragskillerfilm „Mr. Long“ ist netter Kitsch, der dann und wann funktioniert, aber niemals eine über zweistündige Laufzeit rechtfertigt. Von Agnieszka Hollands Öko-Thriller „Pokot“ mit dem dämlichsten Schwarzweiß-Figurenschema seit Ewigkeiten – da die guten Tierschützer, dort die diabolischen Jäger – und einer Miss Marple in der Hauptrolle mit nervigem Astrologie-Tick will ich gar nicht erst anfangen. Dagegen könnte man aber auch sofort Hong Sangsoos Ennui-Meditation „On the Beach at Night Alone“ oder Josef Haders „Wilde Maus“ anführen, die wiederum durchaus Spaß gemacht haben.

Von allen Seiten wird an Dieter Kosslicks Stuhl gesägt. Gegenwind ist auch nicht die schlechteste Witterungsbedingung, um wach und aggressiv zu bleiben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur gerne an den Zeit-Kritiker Wolf Donner, der im Jahr 1976 die Leitung der Berlinale von Alfred Bauer übernahm und nach drei Jahren völlig ausgebrannt und überfordert das Handtuch schmiss. Donner verfrachtete mit den besten Hintergedanken das Festival aus dem Sommer in den bitterkalten Februar. Ich sage nur: Dieser Berlinale-Wettbewerbsjahrgang, bei dem ich nicht wie Kritiker der Tageszeitungen pflichtschuldig alles sehen und ertragen musste (z. B. „The Midwife“, „Viceroy’s House“), war kein schlechter. Er war nicht berauschend, er war in der Dichte nicht so stark wie das vorherige Jahr. Auch besitzt er nicht das eine herausragende Meisterwerk. Aber er hat bei einem genaueren Blick teils berauschendes Kino geboten.

Sechs Wettbewerbs-Empfehlungen (alphabetisch)

* ANA, MON AMOUR (Călin Peter Netzer)
* COLO (Teresa Villaverde)
* A FANTASTIC WOMAN (Sebastián Lelio)
* FÉLICITÉ (Alain Gomis)
* ON BODY AND SOUL (Ildikó Enyedi)
* THE OTHER SIDE OF HOPE (Aki Kaurismäki)

Links: - Negative-Space-Preise, - Perspektive-Hits

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Montag, 20. Februar 2017
Berlinale 2017: Ein Blick auf die Perspektive Deutsches Kino

"Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" © faktura film
Die Highlights der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale waren ein weiblicher Robert De Niro, ein sozialistischer Wes Anderson und ein Rachefilm, der die Vorzeichen vertauscht. Michael Müller schaut sich auf dem Festival den deutschen Nachwuchs an.

Ein Möchtegern-Regisseur (Julian Radlmaier), der sich in eine kanadische Studentin (Deragh Campbell aus „I Used to Be Darker“) verliebt und deshalb ein sozialistisch geprägtes Filmprojekt auf einer Apfelplantage erfindet; ein Ex-Rocker (Peter Kurth), der zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat, nach seiner Knastzeit nochmal neu anfangen will, aber von seiner Vergangenheit in der Form des trauernden Ehemanns (Karl Markovics) der ermordeten Frau und des Kindes eingeholt wird; eine Fliesenlegerin, die ihr tristes Dasein dadurch aufbricht, dass sie anfängt, ihre Alltagssituationen als Schauspielübung zu begreifen. Ersterer Film ist „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“, zweiterer heißt „Zwischen den Jahren" und letzterer ist der Kurzfilm „Gabi“. Zusammen waren das die Highlights der diesjährigen Berlinale-Nebenreihe Perspektive Deutsches Kino.

Interessanterweise funktionierten die politisch überambitionierten Werke in der Perspektive wie „Tara“, „Kontener“ oder „Mikel“ am wenigsten. Alle drei Kurzfilme wurden in einem Block gezeigt. Sie verband die Flüchtlingsthematik. Sektions-Leiterin Linda Söffker fasste das schon selbst ganz passend auf der Bühne zusammen: Mal lobte sie, wie die Hauptdarstellerin in der Sci-Fi-Dystopie „Tara“, in der die Menschen wegen der Zustände aus Deutschland fliehen müssen, stilvoll Zigaretten rauchte. Mal war Söffker begeistert von der Lichtarbeit in dem tristen Bauernhof-Film „Kontener“, wo zwei Polinnen in Brandenburg den Hofroutinen nachgehen. Auch der Film „Mikel“ über den nigerianischen Flüchtling, der sich in Deutschland für bescheidene Bezahlung abrackert, besitzt vor allem den Willen, gut gemeint und sozial relevant zu sein. Einzelne Filmelemente glänzen. Darüber hinaus fehlten aber die dramaturgischen Bögen oder auch schlicht eine gewisse Lebendigkeit der Welten und Figuren.

© Nicolaas Schmidt / Oskar Sulowski / Frank Dicks
Eierschalen auch bei Max Ophüls im Angebot
Ein Beispiel hätten sich die drei Kurzfilme der Perspektive an dem diesjährigen Max-Ophüls-Preis-Gewinner „Siebzehn“ nehmen können. Traditionell wird der am letzten Tag der Berlinale, am Zuschauertag, präsentiert. Auch hier sind noch die Eierschalen hinter den Ohren der Debütanten klar erkennbar. Nur ist „Siebzehn“, ein Liebesreigen unter Teenagern aus der niederösterreichischen Provinz, ein rundes Filmerlebnis. Wie die Kritik schon in Saarbrücken festgestellt hatte, ist das ein Kino, das die Sehnsüchte der jungen Menschen über Blicke einfängt. Fantasien werden filmische Wirklichkeit, wenn die Regisseurin Monja Art die Gedanken der Protagonisten verbildlicht. Die souveräne wie zerbrechlich wirkende Hauptdarstellerin Elisabeth Wabitsch ist der Trumpf des beschwingt-melancholischen Jugendfilms.

Die tolle Deragh Campbell in "Selbstkritik" © faktura film
Was aber wirklich aus diesem Jahrgang der Perspektive Deutsches Kino bleiben wird, ist die Selbstironie, mit welcher der Regisseur und Hauptdarsteller Julian Radlmaier einen waschechten teutonischen Wes-Anderson-Film auf einer Apfelplantage geschaffen hat. Das ist ein ähnlicher Humor, gleich starre Einstellungen, die sich in Bewegungskino auflösen, der Surrealismus in Alltagssituationen, der Einfluss des europäischen Kunstkinos gepaart mit der Wehleidigkeit junger Menschen, die nie in ihrem Leben richtig arbeiten mussten. „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ sprudelt über vor tollen Ideen. Die erste zwei Drittel, die tatsächlich aus der Perspektive eines Vierbeiners erzählt werden, sind so stark, kreativ und unwiderstehlich in ihrem komischen Personal und der Zuspitzung der Situationen auf der Apfelplantage, dass das schwächere letzte Drittel, das sich ein wenig in der Metaebene verliert, nicht so stark ins Gewicht fällt.

© Sophie Linnenbaum / Tim Schenkl / Carina Neubohn
Rache-Struktur aufgebrochen
Auch toll war „Zwischen den Jahren“ von Lars Henning. Das ist echtes, viriles Genrekino, das die Strukturen und Rollenverteilungen des klassischen Rachethrillers auflöst. Der Ex-Rocker Becker, vom Tatort-Schauspieler Peter Kurth zum Niederknien gut und um seine Existenz kämpfend gespielt, muss sich den Schatten seiner Vergangenheit stellen. Der Österreicher Karl Markovics spielt den Mann, dessen Frau und Tochter der ehemalige Häftling ermordet hat. Bei der intensiven Auseinandersetzung rührt „Zwischen den Jahren“ große Fragen nach Schuld und Vergebung an und ist dabei eine so rotzige und authentische Milieuschilderung, dass es eine Freude ist.

"Zwischen den Jahren" © Frank Dicks
Der vielleicht beste Film der Perspektive stammt aber von Jana Bürgelin und heißt „Millennials“. Die groß angekündigte Generationsschilderung hat mich dabei weniger interessiert. Wobei dies alles gut eingefangen ist: Die überhöhten Ansprüche an Beziehungen, die egozentrischen Neigungen einer jungen Schicht, die durch die Arbeitswelt und die technische Fortentwicklung immer weiter verstärkt wird, die Einsamkeit und Orientierungslosigkeit bei scheinbarer freier Auswahl. Nein, mich hat vor allem Anne Zohra Berracheds 30-jährigen Figur Anne interessiert.
Die biologische Uhr tickt bei den Millennials
Berrached lief mit ihrem zweiten Spielfilm „24 Wochen“ im vergangenen Jahr im Berlinale-Wettbewerb. „Millennials“ wirkt jetzt wie das Hintergrundrauschen zu diesem Film: Wir sehen eine junge Filmemacherin, die „24 Wochen“ castet und vorbereitet. Gleichzeitig lässt sie den Zuschauer angstfrei bei intimsten Vorgängen teilnehmen: beim Besuch des Gynäkologen, bei der Selbstbefriedigung im eigenen Bett oder beim Botox-Aufspritzen der Lippen für eine Premierenparty. Klar, ist das ein Spielfilm, die Figur Anna ist nicht die wirkliche Regisseurin Berrached. Der Eindruck bleibt, dass hier eine Künstlerin so tief blicken lassen will, um so genau wie möglich über den Zustand der biologisch tickenden Uhr aufzuklären.

"Gabi" © Clara Rosenthal
Wie ein wilde Hirschkuh
Mehr beeindruckt hat mich eigentlich nur das Schauspiel von Gisa Flake im 30-Minüter "Gabi". Die Darstellerin, die man eventuell noch mit der Sitcom "Bully macht Buddy" oder den Wickie-Filmen von Bully Herbig assoziiert, darf als Fliesenlegerin "Gabi" frei aufspielen. Ihr Azubi übt mit ihr das Schlussmachen seiner Noch-Freundin. In der Realität funktionieren die Trockenübungen des Azubis natürlich nicht, aber Gabi hat Blut geleckt. Einem Robert De Niro gleich vernichtet sie ihre Umgebung mit der neu gewonnenen Leidenschaft fürs Schauspielen. Das ist so bewegend und gleichzeitig urkomisch anzusehen, weil ihre Figur sich mit den fiktiven Situationen den Frust vom Leibe spielt, als Mensch voller Sehnsüchte ewig ignoriert worden zu sein.

Sechs Empfehlungen (alphabetisch)

* FINAL STAGE (Nicolaas Schmidt)
* MILLENNIALS (Jana Bürgelin)
* GABI (Michael Fetter Nathansky)
* SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES (Julian Radlmaier)
* SIEBZEHN (Monja Art)
* ZWISCHEN DEN JAHREN (Lars Henning)

Links: - Negative-Space-Preise, - Offene Wunde dt. Film

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Negative-Space-Preise der Berlinale 2017
Der Werner-Hochbaum-Preis für den besten Film geht an:
  • "Call Me by Your Name" (Luca Guadagnino)

© Sony Pictures Classics
Der Eberhard-Schroeder-Preis für die beste Regie geht an:
  • Teresa Villaverde ("Colo")

© Alce Filmes
Der Rod-Taylor-Preis für den besten Hauptdarsteller geht an:
  • Kida Khodr Ramadan ("4 Blocks")

© Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company
Der Ludivine-Sagnier-Preis für die beste Hauptdarstellerin geht an:
  • Gisa Flake ("Gabi")

© Clara Rosenthal
Der Richard-Fleischer-Preis für neue Perspektiven auf das Weltkino geht an:
  • Eduardo Casanova ("Pieles")

© juancarlosmaurisanchez
Der Brigitte-Lahaie-Preis für Sinnlichkeit geht an:
  • Candy Flip ("Fluidø")

© Jürgen Brüning Filmproduktion / J.Jackie Baier
Der Amy-Nicholson-Preis für Kickass Cinema geht an:
  • "Tiger Girl" (Jakob Lass)

© 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma
Der Ulrike-Ottinger-Preis für das Gesamtkunstwerk geht an:
  • Anne Zohra Berrached ("24 Wochen" & "Millennials")

© Florian Mag
Die zehn besten Berlinale-Filme 2017 (alphabetisch)

* 4 BLOCKS (Marvin Kren)
* ANA, MON AMOUR (Călin Peter Netzer)
* CALL ME BY YOUR NAME (Luca Guadagnino)
* COLO (Teresa Villaverde)
* FLUIDØ (Shu Lea Cheang)
* ON BODY AND SOUL (Ildikó Enyedi)
* THE OTHER SIDE OF HOPE (Aki Kaurismäki)
* PIELES (Eduardo Casanova)
* SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES (Julian Radlmaier)
* TIGER GIRL (Jakob Lass)

Links: - "Colo", - "Pieles", - "Tiger Girl", - "Gabi" & "Millennials"

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Berlinale 2017: Dominik Grafs Doku "Offene Wunde deutscher Film"

© Internationale Filmfestspiele Berlin
Der deutsche Film in all seinen Ausprägungen war eigentlich das Aufregendste an der diesjährigen Berlinale. Mit Dominik Grafs Doku "Offene Wunde deutscher Film" konnte man beispielsweise auf Spurensuche nach sehenswertem deutschen Genrekino in früheren Jahrzehnten gehen. Eine Filmkritik von Michael Müller

Die Dominik-Graf-Doku „Offene Wunde deutscher Film“, die Fortsetzung von „Verdammte Liebe deutscher Film“, ist wie ein unsortierter Gemischtwarenladen über eine alternative deutsche Filmgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte. Sie glänzt immer wieder mit goldenen Anekdoten-Nuggets und macht jede Menge Spaß, obwohl sie wild hin und her springt: Eben erzählt noch Klaus Lemke davon, wie er in den 1960er-Jahren mit Mick Jagger abhing, da geht es schon um den NDW-Film „Gib Gas – Ich will Spaß!“ mit Nena und Markus in den 1980er-Jahren. Zwischendrin erklärt der Filmkritiker Olaf Möller fünf Minuten lang den deutschen Heimatfilm. Gelegentlich schaltet sich auch Graf selbst aus dem Off mit Zitaten ein.

Ob das Chaos Teil des Erzählkonzepts ist, kann jeder für sich entscheiden. Es lenkt auf jeden Fall gekonnt davon ab, dass es sich bei „Offene Wunde deutscher Film“ größtenteils um Talking Heads vor der Kamera handelt. Womöglich war das inhaltliche Vorbild der Gang der beiden Protagonisten in Lemkes Film „Rocker“ über die voll befahrene und nicht abgesperrte Straße, den auch Graf in einem Ausschnitt präsentiert. Wildheit war die Idee. Der Fokus sollte von daher auf dem Inhalt und den ausgewählten Persönlichkeiten liegen, die Graf repräsentativ für das deutsche Genrekino ins Schaufenster stellt. Es geht um Filmemacher wie Roger Fritz („Mädchen, Mädchen“), Peter F. Bringemann („Theo gegen den Rest der Welt“), Carl Schenkel („Abwärts“), Wolfgang Petersen, Wolfgang Büld („Manta, Manta“), Eckhart Schmidt („Der Fan“), Achim ‚Akiz’ Bornhak („Das wilde Leben“), Nikolai Müllerschön („Der rote Baron“) und Georg Tressler („Sukkubus“).
Vorbild SigiGötz-Entertainment
Wenn man so will, ist das die Dokumentation zum alternativen deutschen Filmkanon, den die Kultzeitschrift SigiGötz-Entertainment vor einigen Jahren aufgestellt hat. Nicht zufällig ist mit Rainer Knepperges auch ein SGE-Autor als Experte von Graf befragt worden. Kritisch könnte man hinterfragen, ob es denn diesen alternativen Blick auf die deutsche Filmgeschichte braucht. Müssen die in England produzierten Direct-to-DVD-Sexploitationfilme eines Wolfgang Büld um Männer fressende Vaginas unbedingt ein größeres Publikum finden? Das ist aber wohl der falsche Denkansatz. „Offene Wunde deutscher Film“ will zeigen, dass es immer eine Kontinuität im deutschen Genrefilm gegeben hat und es regelmäßig außergewöhnliche Arbeiten und Talente gab, dass diese Fortführung des Genres aber meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit und auf privates Betreiben einzelner Heroen geschah.

Die Deutschen haben – das kann man so laut der Doku vereinfachen – seit der Nazizeit (?) einen Hau weg und größte Probleme mit dem Medium Film, gerade, wenn es um die Darstellung des Bösen und um echtes Genrekino geht. Ein interessanter Fakt, den die Doku thematisiert, ist zum Beispiel, dass die Zeitschrift Filmkritik in ihrer Besprechung des James-Bond-Films „Man lebt nur zweimal“ es nicht zustande gebracht hat, den Namen der deutschen Schauspielerin Karin Dor zu erwähnen. Alles Kommerzielle war verpönt und wurde intellektuell abgelehnt.
Kleines Denkmal für Carl Schenkel
Richtiggehend aufgesogen habe ich die biografischen Körnchen und Anekdoten zu Carl Schenkel, dem Regisseur des 1980er-Jahre-Aufzugs-Thriller „Abwärts“. Dessen Karriere hat mich immer fasziniert. Zumal mein Vater passionierter Schachspieler ist und früher einmal eine Schwäche für den Christopher-Lambert-Film „Knight Moves“ hatte. Das brachte mich dazu, diesen wundervoll bizarren Film viel zu früh im Leben sehen zu können. Das sind bekanntlich die Filmerfahrungen, die bleiben und prägen. Da ist es zweitrangig, ob das Meisterwerke sind, sondern ob sie magische Szenen und Momente für das Unterbewusstsein hinterlassen haben. Im Delphi-Palast war bei der Weltpremiere von "Offene Wunde deutscher Film" am Freitagabend ein vereinzeltes Graf’sches Lachen zu hören, als einer der Produzenten pointiert erzählte, wie es zu Schenkels verfrühtem Ableben gekommen ist. Die Stichworte lauten körperaufbauende Präparate.

Auch sehr hellhörig wurde ich bei dem deutschen Filmtraumpaar Werner Enke und May Spils, die zusammen den 1960er-Jahre-Blockbuster „Zur Sache, Schätzchen“ aus dem Nichts geschaffen hatten. Da verpasste ich leider schon ihr Frühwerk bei der letztjährigen Berlinale-Retrospektive zum Filmjahr 1966. Allein dieser Aspekt der deutschen Filmgeschichte wäre eine eigene Doku wert gewesen. Das ist eben auch das wehmütige Element des Films, dass nämlich trotz der fast zwei Stunden Laufzeit vieles nur angerissen wird.

Die neue Graf-Doku predigt zu Bekehrten. Sie ist nicht unbedingt an Einsteiger und Neugierige gerichtet, sondern sie beschwört einen Geist, der unter einer bestimmten Gruppe deutscher Cineasten angesagt ist. Ich habe das mit Vergnügen gesehen, bezweifle aber, ob das die Dokumentation ist, wenn sie auf Arte ausgestrahlt wird, die neue Generationen für dieses Kino zu begeistern weiß. Aber jetzt, wo die Doku draußen ist, gibt es einen neuen Orientierungspunkt, der auch als Startpunkt für Diskussionen und noch spannendere Entdeckungen genommen werden kann. Es ist einfach gut, dass es „Offene Wunde deutscher Film“ gibt. Der Filmtitel ist sowieso über allem erhaben.

Links: - "4 Blocks", - "Aus einem Jahr der Nichtereignisse"

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Donnerstag, 16. Februar 2017
Berlinale 2017: Marvin Krens Gangster-Kracher "4 Blocks"

© Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company
Eine neue deutsche TV-Serie wagt sich in die Untiefen des Gangstergenres mit seinen unzähligen Meilensteinen, die nur schwer abzuschütteln sind. Das will Marvin Kren mit "4 Blocks" auch gar nicht erreichen, sondern die Tradition in Neukölln mit einem libanesischen Familienclan fortführen. Serien-Gourmet Michael Müller hat die ersten beiden Episoden gesehen.

Der Wiener Regisseur Marvin Kren, der seit einiger Zeit zu den großen deutschsprachigen Genre-Hoffnungen zählt, stutzt kurz auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele. Hatte er da in Gegenwart der TNT Serie-Produzenten von seinem neuen Baby „4 Blocks“ als Film und nicht als TV-Serie gesprochen. Umso herzhafter drückte er anschließend die beiden auf die Bühne gekommenen Verantwortlichen des Pay-TV-Senders.

Anhand der anderen Menschen, die auf die Bühne gestürmt gekommen waren, ließ sich am Mittwochabend eigentlich ganz gut ablesen, welches Gewicht diese Serienproduktion für Szene und Industrie hat: Frederick Lau, Ronald Zehrfeld, der Jung-Produzentenstar Quirin Berg, Rapper wie Massiv oder Charakterdarsteller wie Oliver Masucci klatschten sich ab. Die Stars des Cast füllten beinahe die gesamte Bühne. Die Leute hinter der Kamera machten gut die Hälfte des Publikums im Haus der Festspiele aus.
"4 Blocks" muss Ramadans Durchbruch werden
Star des Abends war aber sicherlich Kida Khodr Ramadan. Die TV-Serie „4 Blocks“ müsste, wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, der endgültige Durchbruch für den Schauspieler mit dem formvollendeten Bart werden. Ramadan ist eventuell noch am meisten bekannt durch seine Rolle in der Eko Fresh-Serie „Blockbustaz“ auf ZDF Neo. In „4 Blocks“ geht es um einen libanesischen Gangsterclan in Neukölln, der von der Polizei infiltriert und von konkurrierenden Rockerbanden in seinem Revier unter Druck gesetzt wird. Ramadan spielt dabei unheimlich charismatisch das Familienoberhaupt, das – warum lange darum herumreden – an Tony Soprano angelehnt ist. Der Bademantel, die menschliche Familienseite, aber auch der knallharte Geschäftsmann – alle vorhanden, nur die Psychiaterin fehlt. Das kann aber noch kommen. Schließlich gab es am Mittwoch nur die ersten beiden Episoden zu sehen.

Diese beiden Folgen haben aber sofort süchtig gemacht: Wenn auch der Drehbuchkniff um Frederick Laus Undercover-Einsatz im libanesischen Clan etwas sehr konstruiert wirkt, weil gerade erst einer der Brüder verhaftet wurde und es keinen Sinn macht, einen Fremden mit wackeliger Vergangenheit in die Familiengeschäfte hineinzulassen. Nur ist das Kleinstaaterei. Es ist der Gestus der Produktion, mit der Actionszenen inszeniert und Genremomente heraufbeschworen werden. Es sind die geilen Schauspieler, die grenzenlose Lust versprühen, die faszinierenden Charaktere, die ein Eigenleben entwickeln, die kulturellen Feinheiten von Neukölln – all das lässt „4 Blocks“ frisch erscheinen.

Der Regisseur Kren ist ein Macher. Als Debütfilm drehte er für ein Ultra-Low-Budget den sehenswerten Zombiefilm „Rammbock“. „Blutgletscher", die schöne Reminiszenz auf „Das Ding aus einer anderen Welt“ in der John-Carpenter-, aber auch der Howard-Hawks-Interpretation, war eine konsequente Weiterentwicklung. Den Sat.1-Film „Mordkommission Berlin 1“ haben nicht sonderlich viele wahrgenommen, obwohl es eine ganz famose Neuinterpretation des Gangster-Reigens war, den Fritz Lang in den 1920er-Jahren in Berlin etabliert hatte. Jetzt also hartes, testosterongeschwängertes Männerkino als 6-teilige TV-Serie, die es nicht zu verpassen gilt.

Links: - "Tiger Girl", - "Offene Wunde deutscher Film"

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Mittwoch, 15. Februar 2017
Berlinale 2017: Die portugiesische Wild Card "Colo"

© Alce Filmes
Das aufregende portugiesische Kino lebt. Teresa Villaverdes Film „Colo“ ist im Wettbewerb eine der positivsten Überraschungen. Unwahrscheinlich souverän erzählt die Portugiesin ganz ohne Pathos von der Last der Armut. Eine Filmkritik von Michael Müller

Wie stellt man im Kino Armut da? Die größte Qualität des portugiesischen Wettbewerbsbeitrags „Colo“ liegt wohl darin, dieses dumpfe, betäubende Gefühl der Verzweiflung auf eine bedrückende Weise ohne jegliches Pathos eingefangen zu haben.

Der Vater (João Pedro Vaz) legt sich, nachdem er mehrere Nächte umhergeirrt ist, auf sein Bett. Die Tochter bittet er, ihm eine gesalzene Tomate zu bringen. Es ist eine gigantische Tomate, wie man sie selten zu sehen bekommt. Der Vater isst sie nicht nur einfach, er saugt sich seinen verloren gegangenen Lebenssaft aus der Frucht. Er hat keine Ventile, um seinen Frust los zu werden. Jeden Tag bekommt er sein Scheitern erneut vor Augen geführt, weil kein Busgeld für die Tochter da ist, seine Frau weitere Jobs annehmen muss oder Kerzen angezündet werden, weil die Stromgesellschaft den Saft abgetreten hat.
Armut ist eine tödliche Krankheit
Das erzählt die Portugiesin Teresa Villaverde, die früh in ihrer Karriere Lorbeeren auf den wichtigsten Festivals der Welt, um dann von der Bildfläche zu verschwinden, ganz nebenbei in kleinen Gesten und fehlenden Selbstverständlichkeiten. Villaverde beschreibt vor allem feinfühlig und mit großem Respekt, indem sie der Familie Abstand zur Kamera gewährt. Sie verzichtet fast auf Großaufnahmen der Gesichter. Der Druck auf der Familie ist aber in jeder Szene zu spüren. Das funktioniert umso imposanter, weil anfangs möglich erscheint, dass der Vater an einer tödlichen Krankheit leidet. Weiter gedacht ist dem tatsächlich so.

Zwei Bilder haben sich auf ewig eingebrannt: Wie die Tochter (Shootingstar: Alice Albergaria Borges) mit ihrer Freundin in der Nacht am Ufer sitzt und die Kamera seitwärts vorbeifährt. Die Freundin hat der Tochter gestanden, dass sie schwanger ist. Im Gras teilen die beiden sich jetzt ein bisschen das Leid. Der andere Moment zeigt den Vater am Strand. Er hat mit dem Gedanken gespielt, einen Schulfreund mit einem Taschenmesser zu erpressen, weil dieser ihm keinen Job geben wollte. Nachdem der Schulfreund den Vater jedoch überwältigt hat und getürmt ist, zieht sich der Vater nackt aus und steigt in die Fluten. Selbstmord ist in dieser Wirklichkeit immer eine Option, mehr als eine Möglichkeit, sogar ein logischer Ausweg aus der Misere.
Aufregende Bildsprache
Was gibt es Schlimmeres für einen Vater, als seine Nutzlosigkeit für die Familie festzustellen. Er ist ein liebender Vater, den aber die scheinbar ausweglose Jobsituation zu Boden drückt. Einmal sitzt er in der Badewanne. Mit einem schmutzigen Eimer schüttet er sich das Badewasser über den Kopf. Er lässt den Eimer auf dem Kopf, als ob er sich vor der Welt verstecken will. Seine Tochter platzt ins Bad. Der Vater ist peinlich berührt und entschuldigt sich umgehend. Die Tochter, sagt es sei doch nichts passiert.

Villaverdes „Colo“ besitzt eine aufregende Bildsprache, steigert seine Intensität von Szene für Szene. Ein schleichendes Grauen erfasst den Zuschauer in den lang ausgespielten Szenerien von atemberaubender visueller Schönheit. "Colo" ist gleichzeitig noch ein Coming-of-Age-Film und ein Länderporträt der wirtschaftlich angeschlagenen Region. Es sind dem Film Preise zu wünschen.

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Berlinale 2017: Wettbewerb beschleunigt mit Kaurismäkis "The Other Side of Hope"

"The Other Side of Hope" © Sputnik Oy
Soweit so gut: Offenbar lasse ich in diesem Jahr häufig die schwächeren Wettbewerbsfilme aus und genieße die rar gesäten Highlights. Neuester Kandidat ist Kaurismäkis Film "The Other Side of Hope". Negative Space-Chefkritiker Michael Müller zieht Halbzeitbilanz.

Der Wettbewerb der Berlinale nimmt Fahrt auf. Es wäre auch schrecklich, wenn er es nicht täte, denn er ist bald vorbei. War Josef Haders Journalistenporträt „Wilde Maus“ zwar ziemlich unterhaltsam, aber ultrakonventionell erzählt, bedeutete „Felicite“ von Alain Gomis am Samstag schon eine ganz andere Klasse. Vor allem die zweite Hälfte des Films, der eine verzweifelte Mutter im Kongo dabei begleitet, wie sie versucht, das Geld für die Operation ihres kranken Jungen aufzutreiben, begeistert.

Aus den verzweifelten Taten der Mutter in der ersten Filmhälfte, bei denen sie sich – alle Schamgrenzen verdrängend – zum Beispiel vor den örtlichen Oligarchen auf den Boden schmeißt und bettelt, wird dann ein ganz anderer, fast meditativer Film. Dazu tragen die hypnotischen, zerdehnten Gesangsauftritte der Hauptdarstellerin bei, die Gomis mal in rotes oder grünes Licht taucht, sie in Gedanken abschweifen und wild träumen lässt.
Chilenische Superheldin ohne Superkraft
Der erste Favorit auf den Goldenen Bären kommt aus Chile. „A Fantastic Woman“ von Sebastian Lelio trifft keinen falschen Ton. Die Geschichte um die Transsexuelle Marina (Bärenkandidatin: Daniela Vega), die nach dem plötzlichen Tod ihres deutlich älteren Liebhabers, Schikanen und Demütigungen durch die Gesellschaft erdulden muss, ist makellos erzählt. Dabei ist sie keine Superheldin. Ihre Superkraft besteht darin, selbst in den emotional herausforderndsten Momenten der Arroganz und dem Hass ihren Stolz und ihre Würde entgegenzustellen.

Auch „The Other Side of Hope“ ist ein richtig guter Film, der jedem Wettbewerb eines A-Festivals gut zu Gesicht gestanden hätte. Was man auch daran merkt, dass er plötzlich fertig ist und man gerne noch etwas länger zugesehen hätte. Zu schade. Am besten einfach nochmal sehen. Der finnische Auteur Aki Kaurismäki orientiert sich bei seinem Humor bekanntermaßen an der Komödienschule von Buster Keaton. Umso ernster die Protagonisten schauen, umso weniger sie lächeln, umso witziger sind die Aktionen für die Zuschauer.
Wunschtraum Gastronom
Der finnische Handelsvertreter Wikström hängt sein früheres Leben an den Nagel: Den Ehering legt er bei seiner Frau wie einen Hotelschlüssel auf dem Tisch ab. Der Triumph bei einer Hinterzimmer-Pokerpartie ermöglicht ihm, seinem Lebenstraum nachzugehen, nämlich ein eigenes Restaurant aufzumachen. Nur dumm, dass er nichts von Gastronomie versteht. Hinzu kommt das Personal, dass die Gutmütigkeit des Mannes aufs Vortrefflichste auszunutzen versteht.

Khaled ist aus Syrien geflohen. Bis auf seine verschollene Schwester ist seine gesamte Familie in Aleppo umgekommen. Jetzt durchläuft er die Asylantragsmaschinerie in Finnland. Als sein Antrag abgelehnt wird, flüchtet er vor der Polizei in den Hinterhof des Restaurants, wo ihn der ehemalige Vertreter erst verprügelt, um ihn dann in seine Restaurant-Familie aufzunehmen.

Es war ein großer Coup, als Dieter Kosslick frühzeitig im Dezember verkünden konnte, dass der neue Kaurismäki nicht – wie gewöhnlich – in Cannes, sondern in Berlin aufschlagen würde. Es ist zwar keine Weltpremiere, weil der Film davor bereits in den finnischen Kinos angelaufen war, was nur der kleine Schönheitsfehler bei diesem tollen Wettbewerbsbeitrag ist.
Ein utopisches, liebenswertes Universum
„The Other Side of Hope“ ist nach "Le Havre" der zweite Teil der losen Hafen-Trilogie und als Tragikkomödie perfekt: In seinem Ton, seiner melancholischen Sehnsucht aller Protagonisten, die zugleich todtraurig und irgendwie glücklich wirken. Der Humor ist reichhaltig, meist visuell, häufig herrlich skurril. Als das Ordnungsamt gleich am zweiten Tag nach der Wiedereröffnung unter dem neuen Besitzer auftaucht, verstecken die Mitarbeiter Khaled in der Damentoilette. Das machen sie mitsamt seinem Staubsauger, der noch läuft, als die Beamten den Laden mehr oder weniger motiviert unter die Lupe nehmen. Nachdem der Spuk vorbei ist, kommt Khaled mit dem Restaurant-Hund aus der Toilette und erzählt, wie er ihn während seines Aufenthalts zum Islam bekehrt hat.

Der Ex-Vertreter ist auch so sympathisch, weil unter der anfänglich angedeuteten harten Schale des Durchschnittsfinnen eine zutiefst menschliche und hilfsbereite Persönlichkeit lauert. Fast lässt er sich mit Wohlwollen von seinen Mitarbeitern, der schon recht alten blonden Praktikantin, dem Koch, der nur Konservendosen öffnen kann und dem Kellner, der weiß, wo es die besten gefälschten Ausweise gibt, abziehen. In diesem utopischen, liebenswerten Universum wirken die finnischen Rassisten, der fette Glatzkopf und sein Gefolge, die Khaled terrorisieren, wie ein Fremdkörper. Am Anfang des Films werden sie von Obdachlosen verjagt, die gegen Diskriminierung mit ihren Fäusten einstehen.

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Dienstag, 14. Februar 2017
Berlinale 2017: Der besondere Film "Pieles"

© Internationale Filmfestspiele Berlin
Erst war das Berlinale-Publikum in Schockstarre, am Ende jubelte es dem jungen Spanier Eduardo Casanova zu. Sein außergewöhnlicher Debütfilm "Pieles" geht an Geschmacks- und Schmerzgrenzen. Ist das Voyeurismus oder Kunst? Eine Filmkritik von Michael Müller

Auf der Bühne steht Eduardo Casanova. Der 25-jährige Spanier mit den wasserstoffblond gefärbten Haaren hat am Tag zuvor die Weltpremiere seines Films „Pieles“ auf der Berlinale gefeiert. Er trage deswegen heute ein Justin-Timberlake-Shirt, weil er einen Hangover habe. Das Publikum lacht. Casanova spricht kein Englisch, aber viele im Publikum verstehen Spanisch. Dann macht die Übersetzerin ihren Job und Casanova kassiert nochmal Lacher der Zuschauer. Der Nachwuchsregisseur hat unverkennbar auch Alleinunterhalter-Qualitäten. In so jungen Jahren schon so souverän auf der großen Bühne zu agieren, beeindruckt. Und es macht skeptisch, wie ernst und aufrichtig er seinen Film meint.

Denn „Pieles“, was übersetzt „Häute“ bedeutet, ist harter Tobak. Das ist ganz sicher kein Film, der für jeden gemacht ist. Die Frage müsste sogar lauten, für welches Publikum er überhaupt gedacht ist. Eine Warnung für Zartbesaitete sei hier schon ausgesprochen. „Pieles“ ist ein besonderer Film. Er zeigt zum Beispiel ein Mädchen, bei der anatomisch etwas verkehrt herum ist. Anus und Mund sind vertauscht. Regisseur Casanova flunkert nach der Vorführung, dass er sich diese Erkrankung bei einer Tüte Gras ausgedacht habe. Wahrscheinlicher ist es, dass er die Idee bei der Zeichentrickserie „South Park“ geklaut hat. Auch das ist legitim.

Wenn das Mädchen gegen den Willen ihres Vaters in ein Cafe geht, nimmt sie für die Suppe einen Schlauch und einen Trichter mit. Ihr Vater schenkt dem Mädchen zum Geburtstag eine Einhornmaske für das gesamte Gesicht, die sie fortwährend auf der Straßen tragen soll. Wenn sie denn schon unbedingt rausgehen müsste ...
Ohne Beine, ohne Augen
Aber in Casanovas Episodenfilm sammeln sich verschiedene Besonderheiten: Etwa ein junger Mann, der davon träumt, sich die Beine abzuschneiden und eine Meerjungfrau zu werden. Es gibt eine Prostituierte, die weder Augen noch Augenhöhlen besitzt und sich anstelle dessen kleine Diamanten ins Gesicht setzt. Zu ihr trauen sich nur die absoluten Härtefälle mit den absonderlichsten sexuellen Vorlieben.

Es wird schon in der ersten Szene eines Pädophilen bei einer Puffmutter klar: Das ist ein Film, der keine Gefangene macht, der provozieren, wehtun, vielleicht sogar aufrütteln will. Das ist nicht Tod Brownings Horrorklassiker „Freaks“, bei dem tatsächliche Menschen mit körperlichen Besonderheiten wie etwa die Frau ohne Unterleib oder die „Nadelköpfe“ am Tisch sitzen und „One of Us“ intonieren.

Aber ehrlich gesagt geht „Pieles“ zumindest in diese Richtung, auch wenn viel mit Masken und Prothesen gearbeitet wurde. Es gibt zum Beispiel auch eine übergewichtige Dame, Kleinwüchsige und andere Menschen, die nicht dem klassischen Schönheitsideal der Filmindustrie entsprechen. Aber das Herz und die Sensibilität von Eduardo Casanova liegen näher beim frühen Todd Solondz, besonders bei seinem ultraharten Meisterwerk „Happiness“.
Mit Udo Jürgens ins Herz geschossen
Am Anfang und am Ende des Films erklingt die spanische Cover-Version von Udo Jürgens’ Schlager-Klassiker „Was ich dir sagen will“. Die Outfits der Darsteller und das Set-Design sind in Rosa und Violett gehalten. In bizarren Zeitlupenstudien flattert ein Penis und spanische Flaggen im Wind. Nur ist sofort klar: Casanova übt in seinem Debütfilm nicht, wie es der Kanadier Xavier Dolan seit einigen Jahren in den internationalen Wettbewerben tun darf. Es ist ein Frontalangriff auf unsere genormte Leistungsgesellschaft, eine beißende Kritik an der Geschmacksdikatur von immer utopischeren Schönheitsidealen. Das Ganze ist schmerzhaft komisch und eine emotionale Achterbahnfahrt, die nichts ausspart.

Die Grenzen von Gut und Böse sind in „Pieles“ aufgehoben. Ein Protagonist hat zum Beispiel ein Faible für deformierte Menschen. Seine Freundin, deren Gesichtshaut verschoben ist, macht mit ihm Schluss, weil er nicht sie, sondern nur ihre Hauterkrankung sexuell attraktiv findet. So bekommt die Floskel, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, auch ganz neue Facetten.

Das Erstaunliche an „Pieles“ ist, dass trotz der schrillen Inszenierung (hier bitte die Pedro-Almodóvar-Reminiszenzen einfügen) viele der Figuren funktionieren, man als Zuschauer mit ihnen leidet und fühlt und letztlich sogar das Gefühl entsteht, der Film hätte zu einem profunderen Umgang mit menschlichen Körpern beigetragen.

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Sonntag, 12. Februar 2017
Berlinale 2017: Doku-Perle "Aus einem Jahr der Nichtereignisse"

Willi dreht seine Runde © joon film
Willi Detert ist einer der Stars der noch jungen 67. Berlinale. Der fast 90-Jährige ist der Protagonist der sehr sehenswerten Dokumentation "Aus einem Jahr der Nichtereignisse". Eine Filmkritik von Michael Müller

André Bazin, der Ziehvater der Cahiers du Cinema und Schutzheiliger der Nouvelle Vague, gesteht dem Medium Film eine ganz besondere Bedeutung zu. In seinem Buch "Was ist Film?" erklärt er, dass die Erfindung des Films nur die logische Weiterentwicklung des menschlichen Strebens sei, unsterblich zu werden. So wie schon die Höhlenmenschen mit ihren Wandzeichnungen einen bleibenden Eindruck auf dieser Erde hinterlassen wollten, sei der Film das Medium, was diesem Menschheitstraum im 20. Jahrhundert am nähesten gekommen sei.

Gummilatschen im Gartenmatsch. Eine vor Überforderung aufquietschende Gehhilfe, die Willi Detert mit Entschlossenheit durchs Unterholz treibt. Geht nicht, gibt's nicht. Der fast 90-Jährige, der allein auf seinem Bauernhof in Norddeutschland lebt, ist der Hauptdarsteller der Dokumentation "Aus einem Jahr der Nichtereignisse". Wenn Willi will, kommt er auf seinem Hof noch überall hin, selbst da, wo das Kamerateam bereits aufgegeben hat. Und allein ist er nicht wirklich. Hat er doch seine Tiere, vor allem die Katze Muschi und die Erinnerungen an ein langes Leben.
Ein Mann von Welt
Die beiden deutschen Regisseure Hans-Christian Schmid und Dietrich Brüggemann warten geduldig vor dem Arsenal-Kino, um auch noch Plätze zu erhaschen. Die Vorstellung im Forum ist nahezu ausverkauft. Auf der Leinwand ist Willi auf Englisch untertitelt. Das gibt den "Nichtereignissen" ein internationales Flair – und hilft auch beim Verstehen. Das ist nicht nur Willis Dialekt und seiner charmant schnoddrigen Art geschuldet, sondern auch den technischen Umständen, unter denen diese Dokumentation entstanden ist.

Später erzählen die beiden Filmemacher der Doku, Ann Carolin Renninger und René Frölke, warum sie unbedingt mit einer Kamera drehen mussten, die am Stück nur eine halbe Minute aufzeichnen kann. Sie erklären auch die Schwarzbilder und die Tonaussetzer. Aber eigentlich will man das gar nicht mehr wissen. Das grobkörnige, unscharfe Zeitdokument spricht für sich. Es hat Willi Detert verewigt; seine Alltagsroutinen; den Besuch eines Geburtstags mit Marzipantorte; den Gang zur Gefriertruhe; das Kraulen seiner Katze; die Kriegserinnerungen an Monte Cassino. "Aus einem Jahr der Nichtereignisse" dampft das Leben auf das Wesentliche runter. Es ist ein kontemplatives Highlight der diesjährigen Berlinale.

Link: - Lukas Foerster über Aus einem Jahr der Nichtereignisse

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Berlinale 2017: "Tiger Girl" – Ein Film wie eine Naturgewalt

© 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma
Der erste richtige Einschlag der Berlinale war der deutsche Film "Tiger Girl" von Jakob Lass. Dagegen sah der Wettbewerb der ersten Tage eher blass aus. Eine Filmkritik von Michael Müller

Der stellvertretende Chefredakteur von Blickpunkt:Film, Thomas Schultze, hat seine Hintergrundgeschichte zu „Tiger Girl“ in der Berlinale-Ausgabe mit der Überschrift „Martial Arthouse“ betitelt. Das ist gar nicht verkehrt, obwohl es aus dem Presseheft stammt. Es ist ein interessantes Synonym für den neuen Jakob-Lass-Film „Tiger Girl“. Der walzt in seinem Unterhaltungslevel und seiner technischen Virtuosität über die Zuschauer wie eine Naturgewalt: „Tiger Girl“ ist energetisch, sexy, roh und voller Lebenslust.

Lass hat nach seinem Debütfilm „Love Steaks“ den nächsten Schritt gemacht, wobei es fast mehr ein eleganter Sprung ist. Er hat sich bei seiner Geschichte um zwei junge Berliner Damen, die gegen die Konventionen und die Obrigkeit rebellieren, aus der German-Mumblecore-Ecke katapultiert. „Tiger Girl“ befindet sich jetzt in einem Zwischenraum, den es in Deutschland eigentlich gar nicht gibt, nämlich im cineastisch berauschenden Mainstream. Das heißt nicht, dass das von Constantin Film produzierte Werk ein garantierter Hit wird. Dass er es aber verdient hätte, von einer größeren Öffentlichkeit gefeiert zu werden, steht außer Frage.
Verdient sich seine Italowestern-Momente
Vanilla (Maria Dragus) ist viel zu lieb. Sie widersetzt sich nie, weicht immer allen Konflikten aus. Als sie bei der Polizeiaufnahmeprüfung scheitert, versucht sie es zur Überbrückung mit einer Ausbildung zur Sicherheitskraft. Aus ihrem höflichen Dornröschenschlaf weckt sie Tiger (Ella Rumpf) auf. Die überlebt so mehr oder weniger auf der Straße – auch wenn sie ein stilechtes Wohnmobil hat –, indem sie das System anarchisch unterwandert. Einmal erklärt sie zum Beispiel einen Schrankenautomaten eines Parkplatzes für außer Betrieb und kassiert kurzerhand so die Parkgebühren. Tiger ist eine Mischung aus Punk, Pippi Langstrumpf und Tyler Durden.

„Tiger Girl“ ist aber eben nicht wieder ein dreister, zwanzig Jahre zu spät kommender deutscher „Fight Club“-Klon, sondern er lässt an ganz andere Vergleiche denken: Walter Hills „The Warriors“, „Hitcher – Der Highway-Killer“, manchmal sogar „Uhrwerk Orange“, vor allem in den atemberaubenden, pointierten Zeitlupenstudien. Wenn die beiden Mädels durch die Straßen Berlins ziehen, Passanten aufmischen und die Kamera auch mal den auf dem Kopf stehenden Blickwinkel eines Baseballschlägers einnimmt, dann sind das vor allem auch visuelle Qualitäten, die den Vergleich zulassen. Es spricht für das Genregespür des Regisseurs Lass, dass es zwei waschechte Italowestern-Momente im Film gibt, es aber kein schlichtes Zitate-Kino ist. Die Figuren, die Situationen und die Könnerschaft hinter der Kamera füllen diese Bilderschule mit neuem Leben.
Hauptmann von Köpenick des 21. Jahrhunderts
Der Film zelebriert die Anarchie nicht nur, mit der Tiger Vanilla ansteckt. Er setzt sich auch kritisch mit ihr auseinander, zeigt neben den spaßigen Seiten des Regelbrechens auch die zerstörerische Kraft, die – wie ein entfesselter Golem – nicht mehr eingefangen werden kann. Lass zerlegt die anarchische Grundhaltung von Tiger in seine destruktiven Bestandteile. Zumal Gewalt hier auch dank der epochalen, Eastern-verdächtigen Soundeffekte brutal weh tut. Aber natürlich rüttelt der Film auch an der Obrigkeitshörigkeit der Deutschen, dem Fetisch für Uniformen. Ein "Hauptmann von Köpenick" des 21. Jahrhunderts.

Es gibt mehrere Realitätsebenen: Der Film hat die Abenteuer der beiden Protagonistinnen, die lange von der Realität geschont werden. Hier schwebt und fliegt die Kamera, da pumpen Hip-Hop-Songs die Atmosphäre auf. Gleichzeitig erzählt der Film auch den tristen Alltag in der Sicherheitsschulung mit viel Humor und vor allem einem Ausbilder (Orce Feldschau), der für diese Rolle geboren wurde. Es ist dieser Wechsel aus Hyperrealität und beinahe dokumentarischer Genauigkeit, der den Reiz von „Tiger Girl“ ausmacht.

Beide Hauptdarstellerinnen sind Glücksgriffe. Ella ‚Tiger’ Rumpf besitzt eine unbezahlbare Qualität für das Sprechen deutscher Dialoge: Sie improvisiert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das klingt alles echt, roh, aber nicht ohne eine gewisse Poesie und nach viel Sprachrhythmus. Vor allem sind die Gedanken nicht ohne eigene Moral. Aber genau so sollte sich deutsches Genrekino im besten Fall immer anfühlen: frisch, lebendig und frei.

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Samstag, 11. Februar 2017
Berlinale 2017: Die doppelte Huppert zur Eröffnung

Lolita Chammah in "Barrage" © Red Lion
Vor lauter Filmeschauen gibt es kaum Zeit zur Reflexion: Für den Isabelle-Huppert-Film "Barrage" lohnt es sich aber, kurz inne zu halten. Eine Filmkritik von Michael Müller

Für Dieter Kosslicks Eröffnungsfilm "Django" war ich zu spät angereist. Die eher lauwarme Rezeption in der Fachpresse ließ mich dann diese Auslassung eher leicht verschmerzen. Mein Eröffnungsfilm war die doppelte Huppert. Mutter und Tochter sind gemeinsam auf der Leinwand in der französischen Co-Produktion "Barrage" zu sehen, bei der die Länder Luxemburg und Belgien mitfinanziert haben. Laura Schroeders Film, der in der Forum-Sektion läuft, bietet Isabelle Hupperts erste Rolle seit ihrem triumphalen Doppelschlag aus dem vergangenen Jahr mit "Things to Come" und "Elle".

Dem ersten eigenen Festivalfilm kommt eine besondere Bedeutung zu. Er setzt bekanntlich die Erwartungshaltung und Stimmung, für das, was da noch kommen wird. "Barrage" eröffnete verheißungsvoll.

Der Name Schroeder bürgt für Qualität. Vor allem, wenn der Umlaut nicht ausgeschrieben wird. Eberhard Schroeder war nämlich einer der spannendsten und kreativsten Sexploitation-Regisseure der Report- und Schulmädchen-Filme der 1970er-Jahre. Er verfilmte Guy de Maupassant („Madame und ihre Nichte“) und brachte sich mit Gas um, als sein erster ernsthafter Film ohne nackte Haut floppte („Als Mutter streikte“). Die Luxemburgerin Laura Schroeder ist mit Eberhard wohl weder verwandt noch verschwägert. Aber sie ist eine Schroeder, über die in der Zukunft noch viel geschrieben und gesprochen werden wird. Immerhin vereint sie in ihrem zweiten Spielfilm Isabelle Huppert mit ihrer Tochter Lolita Chammah. Auch da: Was für ein Name! Französischer geht es kaum.
Patchwork unter der Lupe
„Barrage“ ist ein Familiendrama, das die Familiengrenzen auflöst. Umso weniger der Zuschauer von den genauen Verhältnissen und Hintergründen der drei Protagonistinnen weiß, umso besser funktioniert der Film. Denn „Barrage“ gewinnt durch seine Andeutungen und dadurch, dass der Zuschauer die offen gelassenen Hintergründe zu Ende denkt. Elisabeth (Isabelle Huppert) kümmert sich um die kleine Alba (Thémis Pauwels). Diszipliniert arbeiten die beiden gemeinsam an der Vorhand des aufstrebenden Tennistalents. Der Tagesablauf des Mädchens ist perfekt auf Schule und Tenniskurse abgestimmt, bis Catherine (Lolita Chammah) wieder in ihr Leben tritt.

Die Patchwork-Familie befindet sich auf der Berlinale unter dem Vergrößerungsglas. Auch der Film "Back for Good" aus der Perspektive deutsches Kino untersucht etwas gröber und plumper das Erziehungskonzept über verschiedene Generationen und wechselnde Bezugspersonen hinweg. Sowohl "Barrage" als auch "Back for Good" spielen mit dem Image des nach Hause kommenden Menschen, der sich hinter Fassaden und Masken zu verstecken versucht. Die Wahrheiten sind zu schmerzhaft, als dass sie direkt thematisiert werden könnten. Catherine steht einmal im Supermarkt vor einer Auswahl Sonnenbrillen. Nachdem sie eine aufgezogen hat, ahmt sie lustvoll einen Popsstar auf der Bühne nach. In fremden Rollen fühlt sie sich wohler als in der eigenen Haut.

Schroeders Film lebt von seinen drei Hauptdarstellerinnen. Unvermeidbar ist natürlich der optische Vergleich der Huppert mit Lolita Chammah. Aber Chammah versteckt sich schauspielerisch nicht. Sie ist die eigentliche Hauptrolle, die einige wunderbare Tanzmomente und fast zärtliche Szenen mit der kleinen Alba hat. Chammahs Figur des gefallenen Engels fasziniert wegen ihrer Ambiguität. Bis zum Schluss ist nicht ersichtlich, ob sie sich um die Familie kümmern, sie testen oder zerstören will. "Barrage" ist ruhig erzählt; mit sicherer Hand für einen zweiten Spielfilm; der Film ist aber vor allem bittersüß gefärbt und ob seiner Talente vor und hinter der Kamera verheißungsvoll.

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Mittwoch, 8. Februar 2017
Couragierter Berlinale-Startschuss

Wettbewerbsbeitrag "Félicité" © Andolfi
Am Donnerstag eröffnet das Biopic "Django" die Filmfestspiele von Berlin. Es könnte die politischste Berlinale seit langem werden. Ob das gut ist, wird sich zeigen müssen.

Festivalleiter Dieter Kosslick spielte den Ball ganz flach, als er auf der Pressekonferenz zur offiziellen Verkündung des Berlinale-Programms das Motto des Festivals festlegte. Eigentlich sei es nur der Titel der Nebenreihe "Berlinale Talents", aber eigentlich könnte das Wort auch für die gesamte Veranstaltung stehen: Courage. Kosslick hatte es bis zum Schluss gewissentlich vermieden, über den neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu sprechen. Aber letztlich konnte er nicht widerstehen. Nur wollte er keine großen Reden schwingen, sondern lieber sein Programm sprechen lassen.

Die Berliner Filmfestspiele, die immer schon das politischste der drei großen A-Festivals waren, entstanden aus der Motivation heraus, in einer trüben Zeit den Menschen das "Schaufenster der freien Welt" zu präsentieren. So ist es über die Jahrzehnte geblieben. Und es wird einer der narrativen Stränge sein, die das Festival selbst wie auch die Journalisten bespielen werden. Sexismus, Rassismus, Homophobie, Kolonialismus und die gesellschaftlich Abgehängten werden Themen sein. Den aktuellen politischen Entwicklungen wird ein weltoffenes, liberales Kino entgegengesetzt. Die Frage wird aber auch sein: Reicht es, wütend zu sein, zu protestieren und aufzubegehren? Oder findet die Auseinandersetzung auch die passenden ästhetischen Formen und Mittel. Gut gemeint, ist eines der schlimmsten Prädikate, die einem Film angeheftet werden können.
Winter Is Coming
Von den Namen her ist alles angerichtet. Es muss klar sein: Das wird nicht die Berlinale der Superstars und Hollywoodfilme sein. Kosslick hätte sehr gerne Martin Scorseses Film "Silence" und den Denzel-Washington-Film "Fences" außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt. Aber die Termine passten nicht. Die Namen, über die wir in den kommenden anderthalb Wochen sprechen und schreiben werden, heißen Călin Peter Netzer, Hong Sangsoo, Alain Gomis, Aki Kaurismäki oder Sebastián Lelio. Es läuft zumindest James Mangolds X-Men-Film "Logan" als Weltpremiere im Wettbewerb. Mit seiner irritierenden kammerspielartigen Düsternis scheint er dort auch hinzugehören. "Winter is coming", heißt es in der immer noch besten aktuellen TV-Serie "Game of Thrones". Es soll am ersten Berlinale-Wochenende wahnsinnig kalt werden.

Die Berlinale eröffnet am Donnerstag mit dem Biopic "Django" über die Jazzlegende Django Reinhardt, die als Sinti wegen ihrer Herkunft von den Nazis verfolgt wurde. Kosslick dachte für die Eröffnung auch laut über das Biopic "Der junge Karl Marx" von Raoul Peck nach. Jener Peck, der als aussichtsreicher Oscar-Kandidat für den besten Dokumentarfilm mit "I Am Not Your Negro" an den Start geht. Der sozialdemokratisch geprägte Festivalchef glaubt, dass Marx' Hauptwerk "Das Kapital" nichts von seiner Aktualität bis heute eingebüßt hat. Das lässt sich nun auch filmisch mit August Diehl in der Berlinale-Special-Reihe überprüfen.
Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?
Auch ein wichtiges Narrativ werden Filme von Frauen sein. Auf sie liegt im Wettbewerb ein besonderes Augenmerk. Was haben Filmemacherinnen wie Teresa Villaverde, Sally Potter, Agnieszka Holland, Ildikó Enyedi oder Gurinder Chadha nach teils langen filmischen Pausen zu erzählen. Braucht es automatisch fünfzig Prozent Regisseurinnen in der wichtigsten Reihe eines A-Festivals. Oder sollen gleich alle Preise an weibliche Filmschaffende gehen, so wie es der Bayerische Filmpreis dieses Jahr in der Regiekategorie andeutete, um die Jahrzehnte der Missachtung wieder auszugleichen. Wettbewerbe von A-Festivals können teils noch chauvinistischer sein als die Filmindustrie an sich. Da wird mit harten Bandagen gekämpft.

Ein weiterer Fokus wird auf den deutschen Filmen liegen. Es wird gemunkelt, Volker Schlöndorff könnte mit "Rückkehr nach Montauk" zu alter Stärke zurückfinden. Was macht die Berliner Schule? Wer schaut alle vier Filme von Heinz Emigholz im Forum und wer findet die Zeit für die viereinhalbstündige Fassbinder-Miniserie "Acht Stunden sind kein Tag". Was macht die Perspektive Deutsches Kino? Und wer hat auch den Max-Ophüls-Preisträger "Siebzehn" auf seiner Most-Wanted-Liste ganz oben dabei. Es wird Zeit, dass es losgeht.

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