Sonntag, 13. August 2017
Jeanne-d'Arc-Musical von Bruno Dumont auf Arte

Trailer zu „Jeannette“ von Bruno Dumont

Nach der UFA-Retrospektive ist es der nächste Glanzpunkt im Programm von Arte: Der Sender strahlt ziemlich zeitnahe zur Weltpremiere in Cannes das Jeanne-d'Arc-Musical von Bruno Dumont aus.

Eben lief Bruno Dumonts gefeiertes Jeanne-D'Arc-Musical „Jeannette“ noch in der Directors Fortnight von Cannes. Schon strahlt der Sender Arte den Film am 30. August um 23.30 Uhr im Programm aus und packt ihn eine Woche lang in die Mediathek. Der Herausgeber des britischen Filmmagazins Little White Lies, David Jenkins, twitterte im Mai: „Best improvised industrial goblin emo treatise on teen theological anguish I've ever seen. Easily.“ Er nannte „Jeannette“ den bis dato besten Festivalfilm in Cannes 2017.

Arte schreibt: Inspiriert von Charles Pégys Werken „Jeanne d’Arc“ (1897) und „Le mystère de la charité de Jeanne d’Arc“ (1910) inszeniert Regisseur und Drehbuchautor Bruno Dumont die ländliche Kindheit der französischen Legende und katholischen Heiligen. Zusammen mit dem Komponisten Igorrr und dem Choreographen Philippe Decouflé erschafft er einen modernen Musicalfilm. Die historischen Figuren werden von jungen Laiendarstellern verkörpert, die zu einer Mischung aus Pop, Elektro, Symphonie und Hard Rock singen und tanzen.

Ich habe mich über die Jahre vom Skeptiker zum Bruno-Dumont-Fan entwickelt. Maßgeblich für diesen Wandel war die zum Schreien komische und originelle TV-Serie „Kindkind“ aus dem Jahr 2014. Darin geht es um einen Kuhmordfall in der französischen Provinz. Und dann wiederum doch gar nicht. Ich kann auch einiges mit Juliette Binoches feinsinnigem Portrait der französischen Bildhauerin und Malerin Camille Claudel in Dumonts gleichnamigen Film anfangen.

Weiterer Geheimtipp: Auch am 30. August läuft um 20.15 Uhr auf Arte der israelische Film „Ich habe ein Gedicht“. Es geht dabei um die Beziehung einer Kindergärtnerin zum fünfjährigen Yoav, der bereits eine ausgeprägte poetische Ader besitzt. Es ist die deutsche TV-Premiere des israelischen Films, der im Jahr 2014 in der Critics Week von Cannes seine Weltpremiere feierte – und sehr positiv besprochen wurde. Meines Wissens kam der nie in die deutschen Kinos.

Links: - 100 Jahre UFA auf Arte, - Cannes-Highlights 2017

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Samstag, 12. August 2017
Kettcar sind zurück - Video zu "Sommer '89"

"Sie kamen für Udo Lindenberg"

Am 13. Oktober erscheint das neue Album "Ich vs. Wir". Das Video ist gut gemacht, aber es sind die mitreißenden, epischen Lyrics von Kettcar, die den Song "Sommer '89" für Negative Space qualifizieren. Das Hamburger Label Grand Hotel van Cleef feiert damit sein 15-jähriges Jubiläum. Einen vor den Latz geknallt: Ein Hoch auf Spaghetti-Legende Lee Van Cleef!

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Freitag, 11. August 2017
Arte feiert 100 Jahre UFA mit Marlene Dietrich und Veit Harlan

Hitler und Goebbels bei der UFA | Bundesarchiv, Bild 183-1990-1002-500 (CC-BY-SA 3.0)
Der Sender Arte wagt sich zum 100. Geburtstag der UFA an einen Schwerpunkt zum Film des Dritten Reiches. Es laufen sogar zwei Veit-Harlan-Filme, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden sind.

Um den 100. Geburtstag der UFA, dem berühmtesten deutschen Studio der Filmgeschichte, zu feiern, zeigt der Sender Arte eine 15-teilige Filmreihe. Der Programmschwerpunkt wird gestaffelt in den Monaten August, September und Dezember zu sehen sein. Zum einen laufen absolute Klassiker der deutschen Filmgeschichte wie der restaurierte „Münchhausen“, „Der blaue Engel“ oder „Der letzte Mann“. Gleichzeitig legt die Auswahl besonderen Wert auf die Filme, die im Dritten Reich entstanden sind. Es wird umfangreiches Zusatzmaterial auf der Webseite von Arte geben, zum Beispiel Portraits zu einzelnen Regisseuren. Außerdem gelangen ausgewählte Filme auch in die Mediathek.

Das ist mutig. Wann hat man schon mal eine Reihe zur deutschen Filmgeschichte im Fernsehen gesehen, in der zwei Veit-Harlan-Filme laufen. Zumal es die letzten beiden Filme sind, die Harlan im Zweiten Weltkrieg gedreht hat. „Kolberg“ ist ein echtes Propaganda-Machwerk, das über der Festung La Rochelle abgeworfen wurde, um die drohende Niederlage der Deutschen noch herumzureißen. „Opfergang“ dagegen ist ein spannendes, teils meisterhaftes Melodram, das zum Beispiel der slowenische Filmphilosoph Slavoj Zizek zu seinen Lieblingsfilmen zählt. Dazu passt auch die aktuelle Dokumentation „Hitlers Hollywood“ des Filmkritikers Rüdiger Suchsland und die Dokumentation „Wege zu Kraft und Schönheit“ von 1925, die bereits einem Körperkult frönt, dem die Nationalsozialisten auch wieder sehr zugetan waren. Kein Zufall, dass hier bereits die nackte Leni Riefenstahl herumturnt.
Wo ist Werner Hochbaum?
Die Liste der Filme hinterlässt den Eindruck, dass die Programmierer am liebsten nur Filme gezeigt hätten, die vom „Ministry of Illusion“ produziert wurden, wie der amerikanische Hochschulprofessor Eric Rentschler das Kino der Nazis in seinem Standardwerk betitelte. Aber pflichtschuldig mussten zum Ufa-Geburtstag eben auch ein paar Kanon-Klassiker drum herum gebaut werden. Bei Reinhold Schünzel hätte man auch gleich tollkühn zu „Amphitryon“ greifen können. Wo ist Gustav Ucickys „Der Postmeister“, wo Werner Hochbaums „Ein Mädchen geht an Land“? Ich verstehe aber auch sofort, warum man beim Namen UFA an bestimmten ikonografischen Meilensteinen gar nicht vorbeikommen kann und will. Wobei Georg Tresslers toller Abenteuerfilm „Das Totenschiff“ schon sehr nach dem einen Alibifilm ausschaut, der die ganzen 1950er-Jahre repräsentieren muss.

Das ist sicherlich eine der spannendsten Retrospektiven, die in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen gelaufen sind. Hier gibt es wahnsinnig viel zu entdecken. Jeder Regiename lädt mit der eigenen Filmografie zu weiteren lohnenswerten Expeditionen in die deutsche Filmgeschichte ein, die wiederum ins europäische und amerikanische Kino führen.

Das Arte-Programm im Überblick (soweit bekannt):

28.08. - Münchhausen (Josef von Baky)
28.08. - Maschinenraum des deutschen Films (Sigrid Faltin)
28.08. - Wege zu Kraft und Schönheit (Wilhelm Prager)

01.09. - Der letzte Mann (Friedrich Wilhelm Murnau)
01.09. - Zu neuen Ufern (Douglas Sirk)
01.09. - Der Mann, der seinen Mörder sucht (Robert Siodmak)
04.09. - Die Liebe der Jeanne Ney (Georg Wilhelm Pabst)
04.09. - Der Mann, der Sherlock Holmes war (Karl Hartl)
11.09. - Titanic (Herbert Selpin)
xx.09. - Viktor und Viktoria (Reinhold Schünzel)
xx.09. - Glückskinder (Paul Martin)

04.12. - Kolberg (Veit Harlan)
11.12. - Der blaue Engel (Josef von Sternberg)
xx.12. - Das Totenschiff (Georg Tressler)
xx.12. - Opfergang (Veit Harlan)
xx.12. - Hitlers Hollywood (Rüdiger Suchsland)
xx.12. - Verbotene Filme
Kurz- und Werbefilme

Link: - Arte-Dossier: 100 Jahre UFA, - Peter Pewas

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Locarno-Entdeckungen 2017
I. „Contes de juillet“ (Guillaume Brac)

© Locarno Film Festival
„Contes de juillet ist einer meiner zwei diesjährigen Lieblingsfilme in Locarno.“ (Lukas Foerster, Perlentaucher)
Nur 68 Minuten geht der neue Film von Guillaume Brac. Er handelt von Studentinnen im Großraum Paris, die einen Sommertag verleben. Unvergesslich ist mir das Werk, das Brac davor gedreht hat: die bittersüße Liebesgeschichte „Tonnerre“ mit Filmgöttin Solène Rigot. Über seinen neuen Film „Contes de juillet“ schreibt der Schweizer Kritiker Rafael Wolf von Radio Télévision Suisse: „Befreiend, vergnüglich, ein Hauch von frischer Luft.“
II. „Good Manners“ (Marco Dutra & Juliana Rojas)

© Locarno Film Festival
„The picture itself is a hybrid of art house and genre cinema, combining sharp social commentary with grand guignol fantasy.“ (Neil Young, The Hollywood Reporter)
Es gibt gewisse Referenzfilme im Genrebereich, die entlarvend sind: Wenn etwa auf einem Festival ein Horrorfilm als der neue heiße Scheiß verkauft wird und der Vergleich zu „The Babadook“ fällt, weiß ich, dass ich einen Bogen darum machen werde. Diese Form von Arthouse-Horror, wo der Subtext direkt zur Handlung gemacht wird, halte ich für eine Fehlentwicklung. Zum einen schadet sie dem Subtext, weil er dann mit dem Vorschlaghammer auf den Zuschauer einwirkt. Zum anderen nimmt es den Spaß aus dem Genre.

Wenn dagegen, wie jetzt bei „Good Manners“ in Locarno, der Vergleich zum schwedischen Vampirfilm „Let the Right One In“ fällt, bin ich sofort Feuer und Flamme. Das zeugt von Geschmack des Kritikers, in diesem Fall Neil Young. Gleichzeitig ist es ein Hinweis auf eine kluge, frische Herangehensweise an das Genre. Der brasilianische Werwolf-Film, der im Original „As Boas Maneiras“ heißt, wurde auf der Piazza Grande mit einer Warnung aufgeführt: Dieses Werk enthalte Szenen, die sensible Zuschauer schockieren könnten.
III. „A Skin So Soft“ (Denis Côté)

© Locarno Film Festival
„Denis Côté hat nichts zu sagen, er schaut und lässt den Zuschauer entdecken. Eine eingeölte, tätowierte, unnatürlich angespannte Oberfläche. Das ist Kino.“ (Jean-Michel Frodon, Slate.fr)
IV. „Freiheit“ (Jan Speckenbach)

© Locarno Film Festival
„Der Film macht seinen Titel zum gesuchten Zustand, den alle suchen, und mit dem sie alle herzlich wenig anfangen können.“ (Michael Sennhauser, SRF)
V. „The Dead Nation“ (Radu Jude)

© Locarno Film Festival
„Jude has pulled off that rare feat of crafting a highly accessible but complex, ambiguous and significant work of cinematic art.“ (Neil Young, The Hollywood Reporter)
Was die Kritiker über Locarno denken:

Der Kritiker des Hollywood Reporter, Boyd van Hoeij, lobt in seinem Fazit das Schweizer Kino. „Dene wos guet geit“, „Goliath“ und „Die göttliche Ordnung“ haben ihn besonders beeindruckt. Jean-Baptiste Morain vom französischen Filmmagazin Les Inrockuptibles dagegen schwärmt – ganz ohne patriotischen Hintergedanken, wie er sagt – vom französischsprachigen Kino: „Laissez bronzer les cadavres“, „9 Doigts“, „Milla“ und „Madame Hyde“ sind seine Entdeckungen in Locarno.

Der Kritiker der Cahiers du Cinema, Nicholas Elliot, empfand die Jacques-Tourneur-Retrospektive als so stark, dass es für die aktuellen Filme schwierig war, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Am besten gelungen sei das bei „Madame Hyde“ mit Isabelle Huppert und dem brasilianischen Film „Good Manners“. Das habe auch daran gelegen, dass sich bei beiden Werken glücklicherweise der Schatten Tourneurs in der Inszenierung abzeichnete.

Link: - München-Entdeckungen 2017, - Locarno-Kritikerschaft

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Samstag, 5. August 2017
Die aufregende Ungewissheit im Oscarrennen

Guillermo del Toros neuer Film "The Shape of Water" | © Fox Searchlight

Wer gewinnt am 4. März 2018 den Oscar für den besten Film? Schönerweise ist das Rennen noch ganz offen. Aber mit den Herbstfestivals in Venedig, Telluride und Toronto wird sich das schlagartig ändern. Ein Überblick von Michael Müller

Ich denke gerne an die Zeiten zurück, als William Goldmans Satz "Nobody knows anything" im Oscarrennen noch etwas gegolten hat. Der berühmte Drehbuchschreiber ("Die Braut des Prinzen", "Die Unbestechlichen") und Buchautor ("Adventures in the Screen Trade") fasste gut zusammen, was alle Menschen in Hollywood dachten: Niemand weiß wirklich genau, was wie funktioniert und am Ende in der eigenen Oscarkampagne aufgehen wird. Aber die Zeiten haben sich geändert: Heutzutage analysiert eine ganze Industrie von Oscar-Blogs die Ereignisse so genau, dass spätestens im Dezember bereits alles klar scheint, was im folgenden Februar bzw. März passieren wird. Deswegen mag ich die jetzige Phase besonders, in der noch fast nichts vorgegeben und alles möglich ist.

Bislang gibt es nur den obligatorischen Sundance-Darling und den "guten" ernsthaften Blockbuster. Der Liebesfilm "Call Me by Your Name" von Luca Guadagnino ist nicht der typische amerikanische Independent-Film, der jedes Jahr aus Sundance ins Oscarrennen einsteigt. Das wäre die Komödie "The Big Sick". "Call Me by Your Name" ist aber europäischer, reifer und besser. Tatsächlich ist er der mit Abstand beste Film des Jahres, der eher aus Verlegenheit seine Weltpremiere in Sundance feierte. Verpasste Nominierungen für Film, Regie, Hauptdarsteller (Armie Hammer), Nebendarsteller (Michael Stuhlbarg), Drehbuch (James Ivory) oder etwa Song (Sufjan Stevens) wären eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit.
"Dünkirchen" erinnert an "Master and Commander"
Beim ehrenvollen Blockbuster handelt es sich natürlich um Christopher Nolans Kriegsfilm "Dünkirchen". Ich muss sagen: Ich bin nicht der größte Fan, schätze aber insgesamt doch diese Art von anspruchsvollem Popcornkino als Gegengewicht zu den sonstigen Hollywoodproduktionen. Aber das ist nicht nur wegen seiner technischen Perfektion der erste ernstzunehmende Anwärter für den Oscar als bester Film. Peter Weirs vergleichbar steife Großproduktion "Master and Commander", die unbekannte Geschichte lebendig machte, erhielt im Jahr 2004 zehn Oscarnominierungen und gewann für beste Kamera und Schnitt. Nolans Film ist eine pure Kinoerfahrung mit dem tickenden Hans-Zimmer-Score, dem fehlenden Feind und der experimentell angehauchten Verquickung der drei Handlungsebenen. Dafür gab es nicht zu unrecht fast durch die Bank weg Hymnen von den wichtigen amerikanischen Kritikern.

Die ersten Indizien, welche Herbstfilme wichtig werden, liefern die drei elementaren Festivals am Anfang der Oscarsaison: Venedig, Telluride und Toronto. Legt man den Wettbewerb von Venedig über die Programmauswahl von Telluride, ergibt sich bereits Anfang September ein gutes Bild, über welche Werke noch am Ende des Jahres gesprochen wird. Soweit gibt es nur die Filme im Wettbewerb von Venedig: Alexander Paynes Schrumpfungs-Satire "Downsizing" mit Matt Damon und Kristen Wiig, Darren Aronofskys Film "mother!" mit seiner Partnerin Jennifer Lawrence, George Clooneys Coen-Paraphrase "Suburbicon" und der neue Guillermo-del-Toro-Film "The Shape of Water".
Del Toros Oscar-Comeback?
Zu letzterem sagte Venedig-Festivalchef Alberto Barbera gegenüber dem Branchenblatt Screen Daily, es sei der beste del-Toro-Film, den er seit "Pan's Labyrinth" gedreht habe. Der Film erzählt in den 1960er-Jahren von einer Liebesgeschichte zwischen einer stummen Reinigungskraft (Sally Hawkins) und einer fremdartigen Wasserkreatur (Doug Jones), die vom US-Militär festgehalten wird. Die Amerikaner hoffen, das Geschöpf als Waffe im Kalten Krieg einsetzen zu können. Es ist das erste Mal seit "Pan's Labyrinth" der Fall, dass del Toro wieder in den Wettbewerb eines A-Festivals eingeladen wurde. In den vergangenen Jahren starteten so unterschiedliche Filme wie "Gravity", "Spotlight", "Birdman" oder "La La Land" ihren Siegeszug in Venedig.

Zwischem dem ältesten Filmfestival der Welt in Venedig und dem schnuckelig verschneiten Telluride-Festival in den Bergen von Colorado ist ein richtiger Kampf um die Weltpremieren der potenziellen Oscarfilme entstanden. Das Branchenblatt Variety spekuliert deshalb auch, dass die amerikanischen Vertreter in Venedig sehr früh programmiert werden. So könne Telluride dem Festival nicht die Exklusivität einiger Titel mit so genannten Sneak Previews streitig machen. Venedig läuft vom 30. August bis zum 9. September, Telluride startet bereits am 1. September. Der aktuelle Oscargewinner "Moonlight" feierte beispielsweise dort seine Weltpremiere. Das Festival in Toronto läuft wiederum vom 7. bis zum 17. September. Dort werden die ersten Eindrücke aus Venedig und Telluride konkretisiert und demokratisiert, weil dort nicht nur die Branchenblätter, sondern fast alle amerikanischen Filmkritiker hinfliegen, die etwas auf sich halten.

Link: - Deutsche Oscarkandidaten 2018

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Donnerstag, 3. August 2017
Pre-Shortlist der deutschen Oscar-Kandidaten

„Western“ von Valeska Grisebach | © Komplizen Film
Eine Vorauswahl für den deutschen Oscar-Kandidaten hat keinen klaren Favoriten. Aber Valeska Grisebachs Comeback wäre ein würdiger Vertreter und Lars Eidinger ein Geheimtipp.

Der deutsche Film, der das Land in der Oscar-Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ vertreten wird, steht am 24. August fest. Die jetzt veröffentlichte Liste der elf Filme ist noch nicht die Shortlist, die eine Jury zusammengestellt hat, sondern eine Vorauswahl von Mitgliedern der deutschen Filmszene. In der Jury, welche dann die endgültige Entscheidung treffen wird, sitzt beispielsweise der Mitbegründer der Woche der Kritik in Berlin, Dennis Vetter.

* AMELIE RENNT (Tobias Wiemann)
* AUS DEM NICHTS (Fatih Akin)
* DIE BLUMEN VON GESTERN (Chris Kraus)
* GLEISSENDES GLÜCK (Sven Taddicken)
* IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS (Matti Geschonneck)
* JONATHAN (Piotr J. Lewandowski)
* JUGEND OHNE GOTT (Alain Gsponer)
* MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN (Marc Rothemund)
* PAULA (Christian Schwochow)
* WESTERN (Valeska Grisebach)
* WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS (Simon Verhoeven)

Ehrlich gesagt sehe ich bei den ausgewählten deutschen Filmen keine potenzielle Oscarnominierung. Die größten Chancen würde ich allerdings Valeska Grisebachs Werk „Western“ einräumen. Die Abenteuergeschichte um deutsche Bauarbeiter in Bulgarien besitzt dank seiner Weltpremiere in Cannes bereits internationales Renommee und hat bedeutende Fürsprecher unter den englischsprachigen Filmkritikern. „Gleißendes Glück“ mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck war einer meiner Lieblingsfilme des vergangenen Jahres. Aber der ist zu finster und kantig, als dass er sich für eine Oscarkampagne eignen würde. Mein Geheimtipp auf eine Nominierung als deutscher Kandidat ist Chris Kraus' Film „Die Blumen von gestern“, von dem ich sehr schöne Dinge gehört habe. Außerdem spielt Hauptdarsteller Lars Eidinger einen Holocaustforscher.

Nachtrag (11.08.): Magnolia Pictures hat die Verleihrechte von „Aus dem Nichts“ für Nordamerika gekauft und will den Film noch dieses Jahr in die US-Kinos bringen. Mit der Schauspielauszeichnung für Diane Kruger in Cannes und ihrer Geschichte um die verpasste Nominierung für „Inglourious Basterds“ könnte der neue Fatih-Akin-Film zumindest nicht chancenlos im Oscarrennen um eine Nominierung als bester fremdsprachiger Film sein.

Link: - Die aufregende Unwissenheit im Oscarrennen

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Montag, 31. Juli 2017
Trash ist Gold

Die Kunst des Trash: Trailer zu „The Disaster Artist“ mit James Franco

Mancher Trash ist reinstes Gold. Filme, die billig produziert wurden und auch genau so daher kommen, kennen wir alle. Je später der Abend, desto grandioser die Unterhaltung. Endlich hat sich mal ein Filmwissenschaftler mit dem Phänomen Trash-Film beschäftigt. Ein Artikel von Jörn Schumacher

Im vergangenen Jahr brachte der Forscher Keyvan Sarkhosh seine Studie „Enjoying trash films“ heraus. Der Mann arbeitet beim „Max-Planck-Institut fur empirische Ästhetik“ in Frankfurt am Main. Ja, diese Menschen forschen tatsächlich daran, wieso Kunst beim Menschen einen Kitzel hervorruft; sei es nun ein Gedicht, ein Bild oder ein Film.

„Wieso schaut man sich sowas an?“, fragte Sarkhosh seine Studienteilnehmer. Die waren ausgemachte Trash-Fans. Die erste Auffälligkeit: 90 Prozent der Teilnehmer an der Studie waren Männer, im Durchschnitt 35 Jahre alt. Der typische Trashfilmfan ist also männlich. Offenbar liegt das daran, dass es sehr oft um exzessive Darstellung von Sex und Gewalt geht, vermutet der Wissenschaftler.

Die häufigsten Filme, die als typische Trashfilme genannt wurden, waren „Sharknado“, „The Toxic Avenger“ und „Plan 9 from Outer Space“ von Ed Wood.

Zweite wichtige Erkenntnis: Das Publikum dieser Trashfilme ist keineswegs dumm. „Die Testpersonen stellten sich als überdurchschnittlich gebildet heraus“, sagte Sarkhosh im Magazin der Max Planck-Gesellschaft (Ausgabe 1/2017). „Sie haben viele Kulturinteressen, gehen ins Theater oder Museum und schauen sich Spartenkanale wie Arte an.“ Drei Viertel der Studienteilnehmer haben entweder Abitur oder einen Hochschulabschluss.
Erinnerung an Teenagerzeiten
Und warum nun schaut man so etwas? „Aus Langeweile am Mainstream, aus Frustration uber das sich immer wieder reproduzierende Hollywood“, stellt die Studie fest. Sarkhosh sagt: „Für die Liebhaber von Trashfilmen ist das Wort Trash ein Qualitätsmerkmal. Es wertet den Film eher auf.“

Trash-Fans schauen diese Filme gezielt und sehr bewusst und analysieren sie auch anschließend fleißig in Filmforen. Offenbar ist es so: Wer schlecht Gemachtes sieht, versteht besser, wie gut Gemachtes funktioniert. Oder anders ausgedrückt: Wer einem schlechten Film zusieht, versteht auf einmal besser, warum ein guter Film gut ist.

Und dann kommen natürlich noch die vielen Anspielungen auf frühere (Trash-)Filme hinzu. Wir mögen es offenbar, „aus ästhetischem Interesse“ die „Umsetzung von Klischees oder Anspielungen aus bereits gesehenen B-Movies“ zu genießen, drückt es der Experte aus. Die Ästhetik-Experten sprechen hier vom „Familiaritätsprinzip“, das angeblich „eine der stärksten Determinanten ästhetischen Gefallens“ ist.

In der Mythologie tritt der Satyr Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. auf
Sich an etwas zu ergötzen, was allgemein als „hässlich“ gilt, gab es schon immer. Schon in der Antike hätten Darstellungen etwa von Satyrn, Monstern mit Glatzen und Tiermerkmalen, einen ähnlichen Effekt gehabt, sagt der Wissenschaftler. Fur Kenner von Trashfilmen bedeute „guilty pleasure“ – die vermeintlich schuldige Lust am Abartigen – eine Art cineastisches Fest der Geschmacklosigkeit, welche nach Sarkhosh zur Kultur des Karnevalesken gezählt werden kann, also zu einer „Gegenkultur, in der unorthodoxe Freiheiten möglich sind“.

Sarkosh selbst empfiehlt als besonders trashigen Leckerbissen „Rabbits“ aus dem Jahr 1972. Hier mutieren Kaninchen zu menschenfressenden Bestien. In der Hauptrolle: Janet Leigh aus Hitchcocks „Psycho“. „Ein unglaublich charmanter Film, obwohl er einfach nur peinlich ist“, sagt der Filmwissenschaftler. Er trifft damit wahrscheinlich den Nagel auf den Kopf, warum man Trash (manchmal) so mag.
Wissenschaft sucht Wohlfühlfilm
Übrigens: Keyvan Sarkhosh führt schon wieder eine neue Studie durch: Diesmal geht es um das Phänomen „Wohlfühlfilm: Genre-Merkmale und emotionale Effekte eines populären Filmtypus“. Was macht den zuckersüßen, rosaroten und Happy-End-sicheren „Feel-good-Movie“ à la „Pretty Woman“ oder „Dirty Dancing“ so unwiderstehlich? Offenbar konsumiert ein bestimmtes Publikum diese Filme gezielt eben wegen eines bestimmten „Wohlfühl-Faktors“. Ich lehne mich hier einmal weit aus dem Fenster und vermute, dass dieses Mal die Männer nicht in der Mehrzahl sein werden.

Das „Institut für empirische Ästhetik“ in Frankfurt am Main sucht übrigens immer mal wieder Versuchsteilnehmer. Manche Studien kann man online mitmachen, für andere muss man nach Frankfurt reisen. Auf der Webseite des Instituts kann man aktuelle Aufrufe zu Experimenten finden. Vielleicht darf man sich dort demnächst im Dienste der Wissenschaft dem „Wohlfühlfilm“ hingeben.

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Dienstag, 25. Juli 2017
„Argentinischer Russ Meyer“ in Frankfurt wiederentdeckt

Regisseur Armando Bó mit seiner Muse Isabel Sarli („La Leona“)
Das Filmkollektiv Frankfurt und das Hofbauer-Kommando laden zur Wiederentdeckung des argentinischen Exploitation-Regisseurs Armando Bó ein. Vom 18. bis 20. August zeigen sie in Frankfurt am Main die größte Bó-Hommage außerhalb Argentiniens.

„Vier Männer zerfleischen sich im Kampf um Isabel Sarli, Argentiniens bombastischen Superstar jener Zeit. Implodierende Seelen neben explodierenden Figuren in einem Kaleidoskop lateinamerikanischer Befindlichkeiten.“ So schwärmte der epd-Filmkritiker Hans Schifferle von Armando Bós Film „Naked“ (1966). Und wenn der beste deutsche Filmkritiker von einem Regisseur schwärmt, den ich gar nicht kenne, werde ich hellhörig.

Wer ist Armando Bó? 1914 in Buenos Aires geboren, begann Bó seine Karriere als Schauspieler und unabhängiger Produzent. Zwischen 1954 und seinem frühen Tod 1981 inszenierte er 30 Spielfilme. Das Filmkollektiv Frankfurt und das Hofbauer-Kommando präsentieren jetzt die umfangreichste Bó-Hommage außerhalb Argentiniens. Am Wochenende vom 18. bis 20. August laufen zehn Spielfilmen, allesamt in 35mm-Unikatskopien, davon sieben als Deutschlandpremiere und eigens untertitelt, im Festsaal des Frankfurter Studierendenhaus und im Deutschen Filmmuseum. Die Werkschau bietet einen umfassenden Einblick in Bós Œuvre, indem auch zwei politische Komödien und ein Fußballfilm zu sehen sind sowie eine Dokumentation über die immensen Eingriffe der Zensur in seine Filme.

In Argentinien sei Bó als der Populärregisseur schlechthin bekannt und geliebt, schreibt das Filmkollektiv Frankfurt. Seine Filme genießen unter den wenigen Kennern außerhalb der spanischsprachigen Welt den Ruf eines „argentinischen Russ Meyer“.

Die Filme werden von Einführungen begleitet, und Gabriela Trujillo (Cinémathèque française), Expertin für südamerikanischen Avantgardefilm, wird unter anderem den subversiv-experimentellen Charakter von Bós Spielfilmen in ihrem Kurzvortrag am Samstag, den 19. August, um 22.30 Uhr beleuchten.

Freitag, 18. August

17.00 Uhr – CARNE SOBRE CARNE (2008) Dokumentation (Festsaal)
19.00 Uhr – EMBRUJADA (1969-76) (Festsaal)
22.30 Uhr – TROPISCHE SINNLICHKEIT (= Lujuria tropical, 1964) (Deutsches Filmmuseum)

Samstag, 19. August

14.00 Uhr – LA MUJER DEL ZAPATERO (1965) (Festsaal)
16.00 Uhr – DESNUDA EN LA ARENA (1969) (Festsaal)
18.30 Uhr – EL TRUENO ENTRE LAS HOJAS (1958) (Festsaal)
22.30 Uhr – Kurzvortrag (20min, in Engl.) von Gabriela Trujillo
anschließend: FIEBRE (1972) (Deutsches Filmmuseum)

Sonntag, 20. August

14.00 Uhr – PELOTA DE CUERO (1963) (Festsaal)
16.00 Uhr – LA SENORA DEL INTENDENTE (1967) (Festsaal)
19.00 Uhr – FUEGO (1968) (Festsaal)
21.00 Uhr – NAKED (= La tentación desnuda, 1966) (Festsaal)

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Oberhausen zu einem der coolsten Filmfestivals der Welt gewählt

Oberhausen: vor der Lichtburg / LauraO, Wikipedia (CC BY-SA 3.0)
Das coolste Filmfestival Deutschlands? Der Hofbauer-Kongress? Das Around the World in 14 Films? Das Filmfest München? Nicht, wenn es nach dem amerikanischen Independent-Magazin MovieMaker geht.

Das Filmmagazin MovieMaker hat die 25 coolsten Filmfestivals der Welt gewählt. Darunter befinden sich vor allem jede Menge kleinere US-Festivals, was vielleicht eher etwas über die Reisekasse der Jury aussagt. Bei der Wahl des ausgezeichneten Genre-Mekka in Texas, dem Fantastic Fest, kann man nur zustimmen. Aber sie empfehlen beispielsweise auch das kolumbianische Festival in Cartagena, das Filme in alten Krankenhäusern, Kirchen und Gefängnissen zeigt. Ganz begeistert ist die Jury von den Oberhausener Kurzfilmtagen. Ständig laufe man hier in Freunde und fühle sich nie allein, weil es ein kleines, familiäres Festival sei. Hier gebe es nicht nur interessante Gäste und Panel-Diskussionen sowie spannende übergreifende Filmthemen, sondern auch die filmhistorischen Anfänge solcher berühmter Regisseure wie Martin Scorsese, Roman Polanski und Michel Gondry zu bestaunen.

Link: - Hans Schifferle über die 63. Kurzfilmtage

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Donnerstag, 13. Juli 2017
Gedankensammlung zu Tarantinos Projekt über die Manson-Morde

Foto: Sir Mildred Pierce, flickr (CC BY 2.0)
Quentin Tarantinos nächster Film dreht sich um die Manson-Morde. Brad Pitt, Jennifer Lawrence und Margot Robbie sind angefragt. Ein paar Gedanken und Verweise:

* „Natural Born Killers“ sollte ursprünglich Tarantinos Debütfilm werden. Die Serienkiller, die Medien, Hollywood und das Pop-Phänomen waren also immer schon da. Nur: Oliver Stone verfilmte Tarantinos 1989 geschriebenes Drehbuch. Stones Änderungen verabscheute Tarantino. Er verabscheute überhaupt den Prozess, dass jemand sein Kunstwerk bearbeiten durfte. Es war ein Stachel, der bis heute tief sitzt. Mit dem neuen Projekt über die Manson-Morde schließt sich für Tarantino ein Kreis.

* Karina Longworth war die beste Filmkritikerin der Vereinigten Staaten von Amerika. Dann sagte sie sich vom Tagesgeschäft los, schrieb Bücher für die Cahiers du Cinema und traf den Regisseur Rian Johnson. Aber sie rief den sehr hörenswerten Podcast You Must Remember This ins Leben. Innerhalb des Podcast startete sie im Jahr 2015 eine zwölfteilige Podcastreihe zu den Manson-Morden. Wer Interesse hat, diesen Fall aus allen nur erdenklichen Perspektiven durchleuchtet zu sehen und sich auch für die popkulturellen Dimensionen des Ganzen interessiert, ist hier richtig. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass diese Podcast-Reihe zumindest Tarantinos Dringlichkeit an dem Projekt beeinflusst haben könnte.
Tarantinos Urangst war die Manson-Family
* Der erste Film, der Tarantino als kleinen Jungen traumatisiert hat, heißt „Last House on the Left“ von Wes Craven. Als er den Film damals als Fünftklässler im Autokino sah, wurde ihm richtiggehend schlecht vor Angst. Denn dieser Terrorfilm spiegelte die größte Befürchtung des kleinen Quentin, der mit seiner Mutter in Los Angeles wohnte: Fremde Menschen, die in dein Haus einbrechen, deine Familie als Geiseln nehmen, terrorisieren und ermorden. Manson lebte mit seinen „Jüngern“ zu der Zeit auf einer Ranch nicht unweit von Los Angeles, die ein früheres Filmgelände war. Wenn Tarantino jetzt einen Film über die Manson-Morde dreht, setzt er sich auch mit einer seiner Urängste auseinander.

* Auf dem Filmfestival von Busan im Jahr 2013 sagte Tarantino: „Ein Serienkillerfilm würde meine eigene Abartigkeit zu sehr offenbaren. Der Planet Erde kann meine Version eines Serienkillerfilms nicht ertragen.“

* Der Filmkritiker Owen Gleiberman schrieb zu 40 Jahre Manson-Morde einen sehr anregenden Text für Entertainment Weekly. Darin empfahl er das TV-Biopic „Helter Skelter“ aus dem Jahr 2004. Wer sich noch gar nicht auskennt, findet dort eine erste interessante Interpretation der Biografie von Charles Manson.

* 2014 berichtete das Branchenblatt Variety, dass der „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis und der Regisseur und Rockmusiker Rob Zombie einen Film zu Charles Manson planen. Irgendwie hat das nichts mit Tarantino zu tun, ich fand es trotzdem interessant. ;)
Hollywood Reporter stört den Künstler
* Wenn man mal davon ausgeht, dass Tarantino wirklich nach dem zehnten Film seine Regiekarriere an den Nagel hängt, steigt auch der Druck und die Erwartungshaltung. Was sind die letzten beiden Filme, mit denen sich der Kalifornier in die Filmgeschichte eintragen will? Der allerletzte Film könnte für den Amerikaner John Brown reserviert sein. Es war Tarantino, der diverse große Regisseure für ihre schwachen letzten Werke kritisiert hat. Und er ist immer dann schwach, wenn er sich entspannt und zu sicher fühlt. Bei seinem vorletzten Film und der Manson-Thematik ist so viel Druck da, dass sich Tarantino nicht gehen lassen kann. Er ist ein Regisseur, der besser wird, umso größer der Druck ist.

* So wie man liest, ist Tarantino verstimmt, dass der Hollywood Reporter, noch bevor er mit dem Drehbuch fertig geworden ist, die frohe Kunde in die Welt getragen hat: Tarantino macht Manson. Das berichtet jedenfalls die Filmjournalistin Anne Thompson, die mit Tarantino bei Facebook befreundet ist. Wollen wir hoffen, dass das nicht wieder zu einem Herumgeeiere wie bei „The Hateful Eight“ führt.

* Bei der Vergegenwärtigung von Mansons wahnsinnigen Theorien über die schwarze Weltherrschaft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Tarantinos Manson-Film höchstwahrscheinlich noch deutlich politischer wird als „The Hateful Eight“. Tarantino jagt den Zeitgeist, will politische Stimmung und Geschichte einfangen, wie das etwa „Bonnie und Clyde“ Ende der 1960er-Jahre geschafft hat. In diesem Falle wird das bein Manson auch der Zeitgeist eines Donald Trump sein.
Biopic-Vorbild Elvis Presley
* Tarantino hat sich jetzt jahrelang mit dem Übergang vom alten zum neuen Hollywood beschäftigt. Ganz besonders fixiert war er auf das Filmjahr 1970. Bei dieser Rückschau war das Mark-Harris-Filmbuch „Pictures at a Revolution“ maßgeblich. Es würde mich von daher wundern, wenn Tarantino den Hollywood-Aspekt nicht auch jenseits der Polanski-Tate-Achse entscheidend einsetzen wird.

* Biopics gehören zu Tarantinos unbeliebtesten Genres. Das Leben von A bis Z nachzuerzählen, sei dramaturgisch mit einem Film nicht auf interessante Art und Weise zu lösen. Das würde eine stinklangweiliger Film werden. „Wenn ich einen Film über Elvis Presley mache, drehe ich keinen Film über sein ganzes Leben. Ich würde einen einzelnen Tag herausgreifen, zum Beispiel als Elvis zum amerikanischen Label Sun Records ging. Ich würde einen ganzen Film über den Tag machen, bevor Elvis bei Sun Records aufschlug. Und der Film würde damit enden, wenn er durch die besagte Tür läuft.“

* Ich habe mir zur Einstimmung das Buch „The Girls“ von Emma Cline bestellt. Darüber waren alle Teilnehmer des neuen Literarischen Quartetts im vergangenen Jahr völlig aus dem Häuschen. Da war auch noch der unersetzbare Maxim Biller dabei. Es ist keine Manson-Biografie oder ein Sachbuch über die Family, sondern ein Roman, der an die Manson-Morde angelehnt ist und seinen Fokus auf die jungen Frauen legt, die in diesem Zirkel unterwegs waren.

Link: - Tarantino verlobt mit Israelin Daniella Pick

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Montag, 10. Juli 2017
Was Tarantinos Verlobung für die israelische Filmgeschichte bedeutet
Der 54-jährige US-Regisseur Tarantino schlägt das nächste Kapitel in seinen Leben auf: Nach seiner Verlobung mit dem israelischen Model Daniella Pick ist offen, wie es mit seiner Karriere weitergeht. Die israelische Filmgeschichte wird sicher profitieren. Eine Analyse von Michael Müller

Quentin Tarantino hat sich verlobt. Die Auserwählte ist das singende israelische Model Daniella Pick. Die 33-Jährige ist die Tochter des isarelischen Popstars Svika Pick, der seine größten Erfolge in den 1970er-Jahren feierte. Ruhm heimste er auch als Songschreiber für den Eurovision Songcontest ein: Er schrieb beispielsweise den israelischen Gewinnersong von Dana International im Jahr 1998.

Kennengelernt haben sich Pick und Tarantino bei der Promo-Tour für "Inglourious Basterds" im Jahr 2009. Da besuchte der Regisseur zum ersten Mal im Leben Israel. "Es stimmt, wir sind glücklich und aufgeregt", gab Pick die Verlobung gegenüber der israelischen Tageszeitung "Yediot Aharonot" zu.


Bubblegum-Pop aus Ramat HaScharon

Dieser Gossip findet auf der Seite Negative Space Platz, weil es erstens Tarantino ist, es zweitens wohl ziemlich sicher Einfluss auf seine zukünftigen Filmprojekte haben wird und die Möglichkeit erhöht, dass Tarantino demnächst vermehrt in die israelische Filmgeschichte eintaucht. Da ich mich auch beruflich mit Israel beschäftige und gerade das Kulturleben dort sehr spannend finde, schaue ich rosigen Zeiten entgegen.
Fingerabdrücke in der Filmgeschichte vorhanden
Ich werde also die Augen offen halten, ob Tarantino und Pick ab kommenden Donnerstag auf dem Jerusalemer Filmfestival (13.-23.07.) unterwegs sind. Schließlich erhielt der Regisseur erst im vergangenen Jahr dort von der Festivalchefin und Leiterin der Jerusalemer Cinematheque, Noa Regev, einen Ehrenpreis überreicht. Tarantino bedankte sich mit dem hebräischen Slang-Wort "sababa", was so viel wie "cool" bedeutet und zeigte eine restaurierte 35mm-Fassung seines Klassikers "Pulp Fiction". In seiner Rede sagte er weiter: "Es ist etwas Besonderes diesen Preis in Jerusalem zu erhalten, am Fuße der Altstadt unter freiem Himmel. Gott segne euch alle!"

Es existieren auch schon erste Fingerabdrücke, die Tarantino in der israelischen Filmgeschichte hinterlassen hat: Im Jahr 2013 besuchte er das koreanische Filmfestival in Busan. Dort sah er den israelischen Thriller "Big Bad Wolves" von den Regisseuren Aharon Keshales und Navot Papushado. Das sind zwei Shootingstars aus der wachsenden israelischen Genrefilmszene. Im Jahr 2010 hatten die beiden bereits mit ihrem Debüt, dem Slasherfilm "Rabies", international für Aufsehen gesorgt. Aktuell arbeiten sie an einer Art Spaghetti Western, der "Once Upon a Time in Palestine" heißen soll und während der britischen Mandatszeit, noch vor der Staatsgründung Israels, in Palästina spielt. Tarantino adelte jedenfalls "Big Bad Wolves" in Busan als besten Film des Jahres und fragte einen der beiden Regisseure in einem Q & A aus. So ein Qualitätsstempel schmückt DVD-Hüllen und verkauft Filme in die ganze Welt.


Israelischer QT-Geheimtipp: "Höllenkommando" (1970)

Aus filmhistorischer Sicht noch etwas spannender fand ich aber Tarantinos Aussagen auf dem Jerusalemer Filmfestival 2016, die er gegenüber der Nachrichtenagentur "Tazpit Press Service" machte: Da drückte er nämlich seine Liebe für den israelischen Men-on-a-Mission-Film "Höllenkommando" aus. Das schnörkellose Werk des berüchtigten Regisseurs und Produzenten Menahem Golan aus dem Jahr 1970 handelt von Israelis, die Kameraden aus einer arabischen Gefängnisfestung herausholen wollen. Den englischen Verleihtitel "Eagles Attack at Dawn" stellte er als Referenzpunkt gleichbedeutend neben Genreklassiker wie "Die Kanonen von Navarone" oder "Das dreckige Dutzend", als er seinen Film "Inglourious Basterds" auf einer Pressekonferenz in Tel Aviv vorstellte.
Ist Quentin "Eis am Stiel"-Fan?
Außerdem empfahl Tarantino gegenüber der Presseagentur einen weiteren israelischen Golan-Film, nämlich "Operation Entebbe" aus dem Jahr 1977. In dieser auf realen Tatsachen basierenden Geschichte um die israelische Flugzeugbefreiung in Uganda spielen mit Klaus Kinski und Sybil Danning auch zwei deutschen Darsteller nicht unbedeutende Rollen. "Der ist sehr gut", sagte Tarantino. Zu gerne würde ich auch seine Meinung zu den legendären "Eis am Stiel"-Filmen hören, deren Erfolg überhaupt erst die glorreichen Zeiten der Cannon-Filme von Golan und Yoram Globus in den 1980er-Jahren ermöglicht hat. Sein Kumpel Eli Roth verehrt die "Eis am Stiel"-Filme abgöttisch. Da könnte es eventuell auch noch Nachhilfe geben.

Aber die israelische Filmgeschichte ist reichhaltig: Angefangen bei den heroischen Propagandafilmen, die in den 1950er-Jahren gedreht wurden, über die Kunstfilme der 1960er-Jahre, die sich an die Nouvelle Vague anlehnten, bis zu den so genannten Boureka-Filme der 1970er- und 1980er-Jahre. Das waren Unterhaltungsfilme, die nach den gleichnamigen gefüllten Blätterteigtaschen heißen. Ganz zu schweigen von den Stalag-Pulp-Geschichten, die von den damaligen Groschenromane beeinflusst waren.

Offen ist, was die Verlobung für Tarantinos Filmkarriere bedeutet. Der Kalifornier sprach bislang immer nur von seinen Filmen als Babys. Das könnte sich zukünftig ändern, wenn man den Gerüchten Glauben schenken mag, dass die Beziehung zwischen Tarantino und Pick auch immer wieder aussetzte, weil sich die beiden in der Babyfrage nicht einig wurden. Sie wollte Kinder, er vorerst noch nicht. Das scheint nicht mehr zu gelten. Zwei Filme wollte er nach "The Hateful Eight" noch drehen, damit die magische Zehn voll ist. Ein konkretes Projekt ist aktuell nicht am Horizont auszumachen.

Links: - QT feiert 1970, - 35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

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Donnerstag, 29. Juni 2017
Filmfest-München-Entdeckungen 2017
„Die Freibadclique“ (Friedemann Fromm)

© Filmfest München
„Die außer­ge­wöhn­liche Verfil­mung eines außer­ge­wöhn­li­chen Sommer-Romans mit einer wunder­baren Riege von Jung­s­chau­spie­lern“ (Rüdiger Suchsland, Artechock)
„Blind & Hässlich“ (Tom Lass)

© Filmfest München
„Forsches wie verträumtes Coming-of-Age-Drama vom Münchner Multitalent Tom Lass“ (Süddeutsche Zeitung)
„Fikkefuchs“ (Jan Henrik Stahlberg)

© Filmfest München
„Ein wunderbarer Film mit einem wunderschönen Titel“ (Patrick Wellinski, Deutschlandfunk Kultur)
„A Thought of Ecstasy“ (RP Kahl)

© Filmfest München
„Ein Erotik-Wüsten-Thriller in bester Noir- und Pulp-Tradition“ (Harald Mühlbeyer, kino-zeit.de)
„Das Verschwinden“ (Hans-Christian Schmid)

© Filmfest München
„Eine achtteilige Serie, der eine angenehme gespannte Ruhe eigen ist, der es dennoch nicht an Innendruck fehlt.“ (Elmar Krekeler, Die Welt)
„Die Vierhändige“ (Oliver Kienle)

© Filmfest München
„Paranoia-Thriller à la Polanski, klar auf internationalem Niveau“ (Patrick Wellinski, Deutschlandfunk Kultur)

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