Sonntag, 4. Dezember 2016
Catch-22 2016

"A Bigger Splash": Kämpft mit "Baden Baden" um die beste Karaoke-Szene des Jahres

Meine Liste der 22 Lieblingsfilme 2016 ist bestimmt von der Berlinale, einem wachsenden Desinteresse für den Hollywoodmainstream und natürlich viel zu wenig gesehenen Filmen. Aber bis Ende Dezember, wenn die Top Ten-Liste kommt, ist noch etwas Zeit. Ein Einblick von Michael Müller

Ich habe gestern das Around the World in 14 Films-Festival in der Berliner KulturBrauerei besucht. Und als ich auf dem schwarzen Kunstledersofa im Q & A zwischen dem Regisseur und Filmpaten des Abends, Edward Berger („Jack“, „Deutschland 83“), und dem „Personal Shopper“-Regisseur Olivier Assayas versank, dachte ich in der letzten Reihe ein bisschen über das Filmjahr 2016 nach. Schließlich hatte ich wegen dieses Screenings extra mit meiner traditionell früh veröffentlichten Catch-22-Liste ein paar Tage gewartet.

Reingeschafft hat es „Personal Shopper“ letztlich zwar nicht, aber ich konnte dem neuen Assayas viel abgewinnen. Ich meine, hey, in einer der ikonografischsten Szenen dieses Filmjahres tänzelt Kristen Stewart zu Marlene Dietrichs melancholischem Hobellied durch eine Wohnung. „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich“, heißt es in dem Chanson, den die Dietrich so tief intoniert hat, dass ich glaubte, Zarah Leander zu hören. „Personal Shopper“ ist ein Zeitgeistfilm und ein Generationsporträt. Die Protagonistin lebt in einer unwirklichen Welt, jobt als Surrogat, der Mode für einen anderen Menschen einschätzen muss, aber nicht tragen soll. Gleichzeitig ist der Film auch ein waschechter Geisterfilm mit schönem Doppelgänger-Motiv, der einen ganz eigenen Rhythmus und intime Spannung besitzt.

In jeder Einstellung merkt man dem Film seine Könnerschaft an, dass der Regisseur genau wusste, was er wie bezwecken wollte. Bei Assayas fehlen mir letztlich aber doch immer ein wenig die Emotionen, das richtige Umarmen des Genres, das sich Fallenlassen in die Handlung. Er ist mir immer schon zu sehr der etwas zu kühl analysierende Filmkritiker von früher geblieben, der mehr auf die Subtexte denn auf die dramaturgische Dichte schielt. Er schreibt die Filmkritik zu seinen Werken immer gleich mit. Und das sage ich als jemand, der „Demonlover“ damals in seiner Top Ten hatte. Es gibt viel zu bewundern an „Personal Shopper“, und vielleicht wächst er im Nachglühen meines Bewusstseins weiter. Diese zweiundzwanzig Filme bedeuteten mir 2016 aber zum jetzigen Zeitpunkt noch mehr.

Die Liste erscheint weiterhin im Gedenken an die altehrwürdige Filmzeitschrift Steadycam, die diese Zahlentradition einmal eingeführt hat.

Catch-22 2016:

AGONIE – David Clay Diaz
ALLES WAS KOMMT – Mia Hansen-Løve
ANOMALISA – Charlie Kaufman
BADEN BADEN – Rachel Lang
A BIGGER SPLASH – Luca Guadagnino
CREEPY – Kiyoshi Kurosawa
DEADPOOL – Tim Miller
EVERYBODY WANTS SOME – Richard Linklater
GLEISSENDES GLÜCK – Sven Taddicken
HEDI – Mohamed Ben Attia
A LULLABY TO THE SORROWFUL MYSTERY – Lav Diaz
MORRIS FROM AMERICA – Chad Hartigan
DER NACHTMAHR – Akiz
NEWS FROM PLANET MARS – Dominik Moll
MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU – TÄTER, OPFER, ERMITTLER
A QUIET PASSION – Terence Davies
ROOM – Lenny Abrahamson
SON OF SAUL – László Nemes
SOY NERO – Rafi Pitts
STAR TREK BEYOND – Justin Lin
TONI ERDMANN – Maren Ade
WILD – Nicolette Krebitz


Links: - Catch-22 2015, - Das Hobellied

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