Samstag, 31. August 2019
Instant-Klassiker „Joker“ auf dem Lido

Phoenix unzufrieden mit dem Gotham-Nahverkehr | © Warner Brothers
Am Samstag ist Todd Phillips' „Joker“ wie eine Bombe im Venedig-Wettbewerb eingeschlagen. Jurypräsidentin Lucrecia Martel wird dafür keinen Goldenen Löwen springen lassen – obwohl das nicht ungerechtfertigt wäre.

Todd Phillips' „Joker“ ist next level shit. Er erzählt die Vorgeschichte einer der ikonischsten Figuren der Kinogeschichte noch einmal – aber dieses Mal richtig: Logisch in die bisherigen biografischen Schlaglichter der Figur eingewoben, aber mit viel mehr Fleisch und Emotionen, so dass es ganz neu und frisch wirkt. Psychologisierungen von Superschurken enden oft in Entzauberungen. Eigentlich gewinnen Figuren wie Michael Myers oder Blofeld nichts hinzu, wenn man ihnen zum Beispiel eine schwere Kindheit anheftet. Phillips hat es aber auf magischeweise geschafft, die Biografie des Jokers auszufüllen, ohne die Figur dadurch zu banalisieren. Das Böse erwächst aus den Menschen selbst. Sie tragen es immer als Teil mit sich. Dass das Konzept aufgeht, mag an einem unfassbar dichten und perfekt konstruierten Drehbuch und der mitreißend hypnotischen Inszenierung liegen. Es ist natürlich aber auch der Verdienst von Hauptdarsteller Joaquin Phoenix.

Nach Jack Nicholson in Tim Burtons „Batman“ dachte man schon, dass niemand mehr diese diabolische und gleichzeitig charmant-witzige Figur anrühren sollte. Das Gleiche galt dann für Heath Ledger, der mit seinem verschwitzten und fletschenden Anarcho-Dandy in „The Dark Knight“ Nicholson fast ein wenig alt aussehen ließ. Legendär sind seine wechselnden Hintergrundgeschichten, die er den Menschen als Motivation hinhält, warum er zum Joker wurde. Phoenix wiederum hat sich den geschminkten Punk völlig neu erschlossen. Er wirft sich voll und ganz in die Rolle. Ja, er hat dafür viele Kilos abgenommen. Aber das ist es nicht. Phoenix hatte sich gerade in den vergangenen Jahren viel zu sehr auf sein Äußeres verlassen, ließ teils seine Bärte die Arbeit machen. Aber in „Joker“ scheint jeder seiner Muskel, jede Regung genau richtig eingesetzt, um den Lebenswahnsinn und den Weltekel der Figur sowie ihren Wandel wie ein Seismograph nachzuzeichnen. Und Phoenix tanzt bei blassem Mondschein mit dieser teuflischen Figur – er schwebt geradezu.
Mit neuen Augen gesehen
Ein großer Teil meines Spaßes war es, mit so wenig Vorwissen wie möglich mir Jokers Geschichte erzählen zu lassen. Diesen Spaß will ich keinem Zuschauer nehmen. Nach diesem Film wird man aber die Figur mit völlig anderen Augen sehen. Damit meine ich nicht mit mehr Empathie für die Verbrechen und das Chaos, das der Joker in Gotham City verursacht. Aber Phillips hat aus Burtons Comic-Joker und Nolans Weltschmerz-Punk eine emotional viel tiefere Figur werden lassen, die nicht nur handelt, weil sie einfach die Welt brennen sehen will. Das wird auch das Zusammenspiel mit Bruce Wayne interessanter machen – wenn bei den Fortsetzungen denn Leute wie Phillips und seine Co-Drehbuchschreiber Scott Silver beteiligt sind.

Das turbokapitalistische Hollywood besteht heutzutage so viel aus dem Aufwärmen von bereits Gesehenem, vom Setzen auf Nostalgie und dem Glaube daran, dass der Zuschauer sowieso einfach nur immer wieder das Gleiche sehen will, dass „Joker“ wie ein Schock wirkt. Da hat sich wirklich jemand getraut, neue Geschichten um eine bekannte Figur herum zu erzählen. Man wünschte sich, viel mehr Filmemacher würden das tun. Es kommt nur eben superselten vor, dass jemand so viele gewinnbringende Ideen hat, um eine vermeintlich bekannte Geschichte in seinen Details fortzuschreiben.

Klar, sind Phillips' Vorbilder wie „Taxi Driver“ oder „King of Comedy“ von Scorsese unübersehbar. Aber sein „Joker“ ist im auf Fortsetzungen angelegten Comic-Universum ironischerweise etwas ganz Einzigartiges geworden, teils auch, weil er das Wissen der Cineasten um die Klassiker gegen sie verwendet. „Joker“ ist ein intensives, aufzehrendes Charakterportrait, das gleichzeitig Hollywood-Popcornkino ist, weil hier das Drehbuch, die Schauspieler und die Emotionen die Spezialeffekte und Action-Set-Pieces sind. Endlich knüpft Phillips an die Genialität seines Debütfilms, der Dokumentation „Hated: G.G. Allin and the Murder Junkies“ über einen der anarchischsten Punks unser Zeit an. Mit dem Joker hat er nach langem Suchen eine ebenbürtige Figur gefunden.

Links: - Baumbachs Marriage Story, - Kore-edas Verité

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