Samstag, 24. September 2016
Deutsche Filmgeschichte neu schreiben

© Deutsches Filminstitut DIF e.V.
Die Locarno-Retrospektive zum deutschen Nachkriegsfilm, die im August lief, kommt im Oktober ins Deutsche Filmmuseum nach Frankfurt. Die Reihe von zwanzig Filmen ist ergänzt und thematisch erweitert worden. Nach den Vorführungen wird dringend eine Überarbeitung der deutschen Filmgeschichte angeraten, findet "Negative Space"-Redakteur Michael Müller.

„Die meisten Filme, die ich damals geguckt habe, würde man heute als Eskapismus-Filme bezeichnen: Wörthersee, Gunther Philipp, Peter Weck und natürlich Peter Alexander.“ Das erzählt der heutige Berlinale-Chef Dieter Kosslick im Jahr 2007 bei einem schummerigen Gespräch mit Gero von Boehm. Kosslick dachte damals laut darüber nach, eine Retrospektive zu diesen Unterhaltungsfilmen der 1950er- und 1960er-Jahre zu machen. Eine Berlinale-Rückschau über Heimatfilme zum Beispiel, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Seelen der Menschen wieder heilen mussten. Oder auch über die Komödien der Zeit, die mit relativ schlichten Mitteln die Deutschen wieder zum Lachen brachten. Aus Kosslicks Traum, den die eigenen frühen Kinoerfahrungen speisen, ist bis heute leider keine Retrospektive geworden. Neidvoll muss Kosslick deshalb diesen August nach Locarno geblickt haben, als das Festival mit einer über 70 Filme starken Retrospektive das deutsche Nachkriegskino feierte. Noch neidvoller müsste der Blick aber jetzt ausfallen, wenn der Berlinale-Chef auf das schaut, was das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main daraus weiterentwickelt hat.

„Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963“ hieß nicht nur die Retrospektive in Locarno, sondern auch das sehr lesenswerte Begleitbuch des Deutschen Filminstituts, das zeitgleich erschien. Nur war diese Veranstaltung in der Schweiz aufgrund der Wegstrecke quasi ausschließlich für Tageskritiker und Über-Cineasten geeignet. Es hatte schon was, wenn der Sight & Sound-Kritiker Jonathan Romney von dort twitterte: „One of my Locarno highlights: DER VERLORENE (1951), b/w drama directed by and starring Peter Lorre. He's even stranger in German.“ Oder die britische Filmkritikerin Carmen Grey plötzlich vom deutschen Regisseur Wolfgang Staudte schwärmen zu hören: „Post-war denial can't erase a Wehrmacht deserter soldier's body in KIRMES (1960). What a wonderful film!“ Aber letztlich waren es doch die gleichen Rosinen, die sich bereits Joe Hembus und seine Mannen in den legendären Citadel-Büchern der frühen 1980er-Jahre als Highlights der deutschen Unterhaltungsindustrie herausgepickt hatten.
Poetischer, sinnlicher und abgründiger als sein Ruf
Umso schöner ist es, dass das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt zwar wichtige Filme der Locarno-Reihe jetzt über den gesamten Oktober verteilt nachspielt („Rosen blühen auf dem Heidegrab“, „Kirmes“), aber auch – nach Absprache mit dem Locarno-Kurator Olaf Möller – eine große Zahl an weiteren entdeckungswürdigen Werken nachlegt. Das Anliegen dieser Schau ist es, zu zeigen, dass das Kino der Adenauer-Ära sich bei genauerem Hinsehen als vielgestaltiger, ambivalenter und brüchiger erweist, als gängige filmhistorische Erzählungen glauben machen wollen. In den Augen der Programmierer ist es vor allem politischer, poetischer, ästhetisch ambitionierter und abgründiger, wilder und sinnlicher als sein Ruf. Die Filmschau in Frankfurt richtet den Blick etwas weg vom Genre des Kriminalfilms, der noch in Locarno im Mittelpunkt stand. Frankfurt legt einen starken und somit gewagten Akzent auf den verpönten Heimatfilm. Das kann nur spannend werden.

Eröffnet wird die Frankfurter Retrospektive, das verspricht das Presseheft, von zwei Meisterwerken: Helmut Käutners „Schwarzer Kies“ und Harald Brauns „Der gläserne Turm“. Zu den meisten Filmen wird es thematisch passende Kurzfilme im Programm geben. Der Locarno-Kurator und Filmkritiker Olaf Möller wird einen Großteil der Einführungen sprechen. Im November ist eine Fortsetzung des Programms angekündigt, unter anderem mit Helmut Käutners „Die Rote“ und Peter Pewas‘ „Viele kamen vorbei“. Das Programm in Frankfurt ist so umfangreich und die Texte zu den einzelnen Werken so gut geschrieben, dass ich einen längeren Blick in das unten verlinkte Programmheft empfehlen kann. Ich freue mich besonders auf alle Filme von meinem neuen Spezi Harald Braun ("Der gläserne Turm", yes) und Rolf Hansen sowie die abseitigeren Entdeckungen, von denen ich noch nie gehört habe (z. B. "Schwedenmädel", "Klettermaxe", "Die Frauen des Herrn S."). Auch auf die Spezialvorführungen ("Nackt, wie Gott sie schuf") bin ich gespannt.

Eine erste Oktober-Übersicht:

Sonntag, 09.10.

PÜNKTCHEN UND ANTON (BRD 1953, Thomas Engel)
15:00 Uhr - außer Konkurrenz

DER GLÄSERNE TURM (BRD 1957. R: Harald Braun)
17:30 Uhr - Einführung: Olaf Möller

SCHWARZER KIES (BRD 1961. R: Helmut Käutner)
20:15 Uhr - mit Vorfilm - Einführung: Olaf Möller

Montag, 10.10.

DAS DORF UNTERM HIMMEL (BRD 1953. R: Richard Häussler)
19:00 Uhr - mit Vorfilm - Einführung: Olaf Möller

DAS LIED VON KAPRUN (BRD 1955. R: Anton Kutter)
21:15 Uhr - mit Vorfilm - Einführung: Olaf Möller

Dienstag, 11.10.

EINE FRAU FÜR'S LEBEN (BRD 1938/50. R: Rolf Hansen)
17:00 Uhr - Einführung: Olaf Möller

AUGEN DER LIEBE (BRD 1944/51. R: Alfred Braun)
19:00 Uhr - Einführung: Olaf Möller

SCHWEDENMÄDEL (BRD/Schweden 1955. R: T. Engel & H. Bergström)
21:00 Uhr - Einführung: Olaf Möller

Mittwoch, 12.10.

NACHTWACHE (BRD 1949. R: Harald Braun)
18:00 Uhr - Einführung: Olaf Möller

AUFERSTEHUNG (BRD/I/F 1958. R: Rolf Hansen)
20:30 Uhr - Einführung: Olaf Möller

Freitag, 14.10.

ROSEN BLÜHEN AUF DEM HEIDEGRAB (BRD 1952. R: Hans H. König)
18:00 Uhr - Einführung: Christoph Huber

Samstag, 15.10.

DIE FRAUEN DES HERRN S. (BRD 1951. R: Paul Martin)
15:30 Uhr - mit Vorfilm - Einführung: Rainer Knepperges

ALRAUNE (BRD 1952. R: Arthur Maria Rabenalt)
20:15 Uhr - mit Vorfilm - Einführung: Rainer Knepperges

Sonntag, 16.10.

ROSE BERND (BRD 1957. R: Wolfgang Staudte)
13:00 Uhr - Einführung: Christoph Huber

KLETTERMAXE (BRD 1952. R: Kurt Hoffmann)
17:00 Uhr - Einführung: Christoph Huber

Montag, 17.10.

BARBARA - WILD WIE DAS MEER (BRD 1961. R. Frank Wisbar)
18:00 Uhr - Einführung

Dienstag, 18.10.

VENUSBERG (BRD 1963. R. Rolf Thiele)
20.30 Uhr - Mit Vorfilm und Einführung

Donnerstag, 20.10.

ZWEI UNTER MILLIONEN (BRD 1961. R. Victor Vicas & Wieland Liebske)
18 Uhr

Sonntag, 23.10.

KIRMES (BRD 1960. R. Wolfgang Staudte)
18 Uhr - Mit Einführung

Freitag, 28.10.

DER ROTE RAUSCH (BRD 1962. R: Wolfgang Schleif)
20.30 Uhr - Mit Vorfilm und Einführung: Torgil Trumpler


Links: - Programmheft, - Programmübersicht Oktober

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