Freitag, 8. Februar 2019
12 Jahre nach Grisebach-Debüt im Wettbewerb: „Systemsprenger“ schlägt auf der Berlinale ein

Monströs: Helena Zengel als Benni | © kineo Film / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer
Endlich einmal präsentiert die Berlinale den Filmkritikern und Zuschauern gleich zu Anfang ein echtes Highlight: Nora Fingscheidts deutscher Debütfilm „Systemsprenger“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt.

Bei Filmen gibt es nur noch wenige Tabus. Zu viel hat man über die Jahre gesehen und erlebt. „Kannibalen des Auges“ nannte der deutsche Filmkritiker Hans Schifferle einmal zutreffend Cineasten. Ich konnte zum Beispiel noch nie Einstiche von Spritzen in der Realität und auf der Leinwand ertragen. Im Zweifelsfall hilft die Hand vorm Auge oder sie werden halt kurz geschlossen. Was bis heute aber gar nicht bei mir geht, sind Filmszenen, in denen Kinder ihre Eltern schlagen. Psychologisch lässt sich das bestimmt erklären. Aber bei mir ist da einfach nur tiefe Abscheu und auch Ekel vorhanden, bei dem sich alles in den Eingeweiden zusammenzieht. In Takashi Miikes berüchtigtem Film „Visitor Q“ gibt es unerträgliche Szenen, in denen der Sohn seine Mutter verprügelt. Ich weiß nicht, ob das die Respektlosigkeit gegenüber dem Geschenk des Lebens durch die Eltern ist oder das genetische Gründe hat – Kinder, die ihre Eltern schlagen, sind auf jeden Fall ein wunder Punkt.

Genau da setzt auch Nora Fingscheidts Debütfilm „Systemsprenger“ im Berlinale-Wettbewerb am Freitag an. Das ist ganze 12 Jahre nach Valeska Grisebachs furiosem Film „Sehnsucht“ über einen einsamen Polizisten in der Brandenburger Provinz. So lange hat es gedauert, bis sich der nun abtretende Festivaldirektor Dieter Kosslick nochmal traute, einen deutschen Erstlingsfilm in der wichtigsten Reihe zu zeigen. Es geht um die 9-jährige Benni (Helena Zengel), die von unbändigen Aggressionen heimgesucht wird und sich häufig nicht anders zu helfen weiß als Gewalt einzusetzen. Deswegen wohnt sich auch nicht mehr Zuhause bei ihrer Mutter und den zwei Geschwistern, sondern wird von Kindereinrichtung zu Pflegefamilie herumgereicht. Keine Therapie will bei Benni helfen, die eigentlich Bernadette heißt, aber wie ein Lausbube, der keiner Fliege ein Haar krümmen könnte, aussieht. Sie bekommt mit dem kernigen Micha (Albrecht Schuch) einen neuen Schulbegleiter zur Seite. Große Hoffnungen ruhen auf ihm aber nicht. Experimentelle Medikamente mit starken Nebenwirkungen und eine Kindereinrichtung in Afrika scheinen der letzte Ausweg zu sein.
Realistischer Horror, der unter die Haut geht
„Systemsprenger“ ist eine Art Horrorfilm geworden. „We Need to Talk About Kevin“ ohne den diabolisch überhöhten Terroristensohn, aber mit einem echten Monstrum von Kind, was nichts für seine Gewaltausbrüche kann. Das ist umso schwieriger als Zuschauer zu akzeptieren. Warum holt die Mutter das Kind nicht wieder zurück in die Familie? Ist vielleicht mangelnde Liebe das Problem? Schnell klärt der Film aber darüber auf, was dann passieren würde. Benni büchst aus ihrer Betreuungsstelle aus, belügt eine Autofahrerin, um sich nach Hause bringen zu lassen. Es dauert nur eine kurze Zeit, bis die Mutter in die Wohnung zu den Kindern kommt, die Situation aus dem Nichts heraus eskaliert und Benni mit einem schweren Gefäß auf der am Boden liegenden Mutter einprügelt. Ohnmacht und Hilflosigkeit sind vorherrschende Gefühle.

Die Erkrankung der Systemsprenger gibt es wirklich. Als Auslöser im Film wird spekuliert, dass die Disposition bei Benni als Säugling entstand, als ihr schmutzige Windeln ins Gesicht gedrückt wurden. Das ist harter Tobak. Wie der gesamte Film einer Tortur gleicht, weil auf der einen Seite die Einsamkeit des Kindes und auf der anderen Seite die regelmäßige Gefährdung von anderen Menschen steht. Kleinste Hoffnungspflänzchen werden umso brutaler zerschlagen. Regiedebütantin Fingscheidt bringt für dieses emotional schwierige Thema eine unglaublich souveräne Schauspielführung mit an Bord. Shooting Star Albrecht Schuch („Bad Banks“, „Gladbeck“) ist sowieso schon ein Schauspielriese.

Aber wie er sich als leicht zu erzürnender Sozialarbeiter um Benni kümmert und dabei das Wohl seiner eigenen Familie aufs Spiel setzt, ist gerade im gemeinsamen Waldcamp großartig anzuschauen. Endlich hat Schuch mit dem beängstigenden Naturtalent Helena Zengel eine ebenbürtige Gegenspielerin gefunden. Hiernach kann er eigentlich nur noch von Quentin Tarantino entdeckt, James-Bond-Bösewicht in der Tradition von Gert Fröbe und Curd Jürgens oder der neue Schimanski werden. Den Silbernen Bären für das beste Schauspiel hat aber Gabriela Maria Schmeide („Die Friseuse“, „Frau Müller muss weg“) verdient. Ihre mitfühlende und immer hilfsbereite Sozialarbeiterin Frau Bafané ist das eigentliche Herz des Films. Wenn selbst sie als Fels in der Brandung nicht mehr mit Benni weiter weiß, bricht gleich das ganze Publikum mit ihr zusammen.
Erinnert an „Punch-Drunk Love“-Farbenspiel
Es ist aber vor allem auch die dynamische Kameraarbeit, welche die Energien auf den Zuschauer überträgt. Keine egalen Shaky-Action-Cams. Wenn hier die Kamera wackelt, hinterhersprintet und die junge Protagonistin aus dem Bild zu verlieren scheint, ist das die perfekte visuelle Entsprechung zu dem tragischen Schicksal des Mädchens. Auch gibt es immer wieder nur Bilder, die in eine Farbe getaucht sind und Bennis Emotionen darstellen. Paul Thomas Anderson hat das auch mal sehr gelungen in der Tragikkomödie „Punch-Drunk Love“ eingesetzt. „Systemsprenger“ nimmt den Zuschauer mit in den Kopf der kranken Protagonistin. Regisseurin Fingscheidt mutet uns viel zu. Aber Teil dieser emotionalen Achterbahnfahrt zu sein, ist jeden Schmerz wert. Zumal Fingscheidt immer wieder den Humor während des Terrors und der Lähmung findet.

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