Sonntag, 4. Juni 2017
Serien-Tipp „Girl Cave“


Die neue Funk-Serie „Girl Cave“ rockt. Nach den ersten zwei Episoden lässt sich festhalten: Selten wurde in deutscher Sprache die Coming-of-Age-Geschichte zärtlicher erzählt.

Letztlich rechnen sich Coming-of-Age-Filme doch immer auf die Frage herunter, wie gut einem die Protagonisten gefallen und wie stark die Musikauswahl ist. Nach der zweiten Folge der neuen achtteiligen Web-Serie „Girl Cave“, die für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot Funk entstand, ist es nicht übertrieben, von einem Film zu schreiben. „Girl Cave“ lebt nicht von Cliffhangern oder davon, Figuren in immer gleichen Verhaltensmustern zu zeigen. Showrunner Memo Jeftic und Regisseur Till Kleinert („Der Samurai“) erzählen mit filmischen Mitteln eine zusammenhängende Geschichte, indem sie drei junge Frauen auf eine Reise schicken. Am Ende steht wohl der Ausbruch aus der Provinz oder zumindest eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit.

Während die drei Protagonistinnen in der zweiten Folge durchexerzieren, wie sie jeweils eine Bank überfallen würden, läuft Musik aus „Cowboy Bebop“, „Die Familie mit dem umgedrehten Düsenantrieb“ und ein Song aus John Woos Heroic-Bloodshed-Klassiker „The Killer“. Es ist nicht irgendein Song aus „The Killer“, sondern das berüchtigte Liebesthema von Chow Yun-Fat und der blinden Sängerin aus dem Nachtclub. „Girl Cave“ wiederum nimmt den Song, um die erotischen Gefühle zweier männlicher Manga-Figuren in der Fan-Fiction von Zada (Yasmin Slama) zu unterstreichen. Oder Fanfic, wie es noch treffender heißt. Das ist zum einen kreativ, weil Sally Yehs Song so bestimmt noch nie eingesetzt wurde. Es erinnert aber auch an den stets vorhandenen homoerotischen Subtext in John Woos epischen Männerfreundschaften. Allein an diesen drei Musikreferenzen lässt sich zeigen, dass „Girl Cave“ keine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte ist.
Sei zärtlich, Bär Balu!
Heiko Pinkowski spielt den Vater der 16-jährigen Protagonistin Julija (Fine Kroke). Pinkowski ist eigentlich die Stammbesetzung in den German-Mumblecore-Filmen von Axel Ranisch („Dicke Mädchen“, „Ich fühl mich Disco“). Ein kräftiger bärtiger Mann, der in „Girl Cave“ so weich wie der Bär Balu daherkommt. Ich sehe Pinkowski unwahrscheinlich gerne. Hier ist er der ruhende Familienpol, der sich allein um Julija kümmern musste, als sich seine Frau in der Welt selbstverwirklichen wollte. „Ich mag Vögel, deine Mutter aber das Fliegen“, sagt er einmal zu Julija. Die Serie beginnt damit, dass Julija vom Tod ihrer Mutter erfährt.

Zartheit. Das fällt mir selten bei Coming-of-Age-Geschichten oder deutschen TV-Serien ein. Aber „Girl Cave“ ist von einer solchen Zartheit bestimmt, wenn es um seine Protagonisten geht. In jeder Einstellung ist die Liebe für seine drei Teenagerinnen in der Provinz zu spüren, die etwas anders als die andern sind. Aber dieser zarte Blick gilt auch für den brummigen Vater oder auch nur kurz aufblitzende Nebenfiguren wie den exzentrischen Notar aus der ersten Folge oder die ausgedachten Sidekicks bei Julijas fiktivem Banküberfall.
Manga-Nerdtum für Fortgeschrittene
Ich musste „Girl Cave“ zu allererst mit der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ vergleichen. Bora Dağtekins Serie habe ich lange vor dem Kinofilm und den „Fack ju Göhte“-Blockbustern sehr geliebt. Da besaß nämlich jemand eine frische Stimme, einen originellen Cast und die notwendigen visuellen Fähigkeiten, das auch umzusetzen. Bei Coming-of-Age-Geschichten muss man so nah an seinen Protagonisten sein, dass es auch weh tut, man peinlich berührt ist und sich gelegentlich fragt, ob das jetzt nicht zu intim ist. All das sehe ich auch bei „Girl Cave“ und den drei Hauptdarstellerinnen Fine Kroke, Yasmin Slama, Maja Lindner.

Dem seit Jahren andauernden Serien-Hype stehe ich skeptisch gegenüber. Das ist auch ein wenig ein Selbstschutz, weil ich gar nicht die Zeit hätte, drei Staffeln einer neuen Serie zu schauen, um dann festzustellen, dass ich eigentlich gar nicht die Figuren leiden kann. Aber ich muss festhalten: Im Februar auf der Berlinale begeisterte mich die TNT-Serie „4 Blocks“. Und ich kann jetzt auch sehr viel mit „Girl Cave“ anfangen. Sie eint das Selbstbewusstsein, mit dem sie das Genre bespielen und mit frischen Ideen und authentischen Momenten füllen. Das sind schon zwei sehr empfehlenswerte deutsche Serien.

Neue Episoden von „Girl Cave“ erscheinen freitags um 16 Uhr auf dem YouTube-Kanal. Die erste Staffel ist auf acht Folgen angelegt.

Links: - Girl Cave Kanal, - Jeftics Kinochiwa-Podcast

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