Donnerstag, 18. April 2019
Noch kein Tarantino im bereits saftigen Cannes-Wettbewerb

Adèle Haenel in „Portrait of a Lady on Fire“ | © Pyramide Films
Den Cannes-Wettbewerb 2019 zeichnet bisher ein fehlender Tarantino, mehr Regisseurinnen als in den vergangenen Jahren und eine gute Mischung aus Alt und Jung aus. Von Michael Müller

Der am heißesten erwartete Film „Once Upon a Time in Hollywood“ ist noch nicht im Cannes-Wettbewerb. Quentin Tarantino arbeitet fieberhaft daran, seine Interpretation des amerikanischen Jahres 1969 mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio rechtzeitig fertigzustellen. Cannes-Chef Thierry Frémaux hält dem Regisseur einen seiner zwei Ergänzungs-Slots frei, weiß aber, dass es eng wird. An Venedig kann der Film schönerweise nicht verloren gehen, denn der offizielle Kinostart ist bereits am 26. Juli.

Kurzzeitig kam nach der Programmbekanntgabe am Donnerstag das Gerücht auf, dass Sony Fremaux als Ersatz Greta Gerwigs neuen Film „Little Women“ anbieten würde. Dem schob aber Industrie-Insiderin Anne Thompson auf IndieWire schnell einen Riegel vor: „Little Women“ sei ein Weihnachtsfilm und sowieso noch nicht fertig. Außerdem seien Gerwig und ihr Mann Noah Baumbach mit der Geburt ihres ersten Kindes beschäftigt. James Grays Sci-Fi-Film „Ad Astra“ mit Brad Pitt und Tommy Lee Jones wurde auch im Wettbewerb erwartet, ist aber laut Fremaux noch nicht fertig.
Viel abgeworbener Berlinale-Kram
Die Berichterstattung zeigt, dass bisher die spektakulären, alles bestimmenden Hollywood-Projekte an der Croisette fehlen. Aktuell stürzt man sich deshalb auf das Elton-John-Biopic „Rocketman“, das außer Konkurrenz gezeigt und den britischen Musiksuperstar auf den Roten Teppich bringen wird. Der Ruf erhärtet sich, dass Cannes trotz Spike Lees letztjährigem Triumph mit „BlacKkKlansman“ für Hollywood ein hartes Pflaster geworden ist. Erinnert sei nur an den schwierigen Start für David Robert Mitchells Film „Under the Silver Lake“, der erst an diesem Wochenende unter schlechten Vorzeichen seinen US-Kinostart angeht. Schmerzhaft für Fremaux war sicherlich auch die Erkenntnis, dass Hirokazu Koreedas neuer Film „The Truth“ mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ludivine Sagnier wohl Venedig-Chef Alberto Barbera ins Netz gehen wird.

Ansonsten ist aber viel dabei, was man sich bereits auf der Berlinale gewünscht hatte: Terrence Malicks deutschsprachiges Babelsberg-Projekt „Radegund“ zum Beispiel, das jetzt „A Hidden Life“ heißt; Pedro Almodóvars Comeback „Pain & Glory“, das bereits im März in den spanischen Kinos angelaufen ist; der Gewinner des Goldenen Bären 2014, der Chinese Diao Yinan mit „The Wild Goose Lake“, der in Berlin mit „Black Coal, Thin Ice“ triumphierte; Ira Sachs („Frankie“) und Jessica Hausner („Little Joe“) wären sicherlich auch in Berlin gegangen. Aber auch ihnen ist die größere Bühne gegönnt.

Der Festival-Insider Cédric Succivalli hatte bereits einige der Wettbewerbskandidaten richtig vorhergesagt: Almodóvar und Malick, Jim Jarmuschs Zombie-Eröffnungsfilm „The Dead Don't Die“, die Gebrüder Dardenne („Young Ahmed“), Ken Loach („Sorry We Missed You“) und Corneliu Porumboiu („The Whistlers“). Dass der sicher geglaubte Pablo-Larraín-Film „Ema“ nicht im Wettbewerb auftaucht, hat wohl mit dem Umstand zu tun, dass ihn sich Netflix kurzfristig unter den Nagel gerissen hat. Das heißt: Auch den sehen wir wahrscheinlich in Venedig wieder.
Frauen langsam auf dem Vormarsch
Gerade auch was den französischen Regie-Nachwuchs angeht, war Succivalli gut informiert: Céline Sciammas „Portrait of a Lady on Fire“ und Mati Diops „Atlantique“ sagte er richtig vorher. Die französisch-senegalische Diop ist Debütantin und wahrscheinlich doch die erste schwarze Regisseurin im Cannes-Wettbewerb. Sciamma hat hingegen mit Filmen wie „Tomboy“ und dem sehenswerten Coming-of-Age-Film „Mädchenbande“ bereits für Aufsehen gesorgt. In „Portrait of a Lady on Fire“ geht es um eine Malerin, die das Hochzeitsbild einer jungen Frau (Adèle Haenel) im Frankreich des 18. Jahrhunderts malen soll. Dabei kommen sie sich näher.

„Chambre 212“: Vincent Lacoste & Chiara Mastroianni | © Les Films Pelléas
Zusammen mit Hausner und Justine Triet („Sibyl“) macht das ganze vier Regisseurinnen im Wettbewerb. Die Nebenreihen hinzugenommen, sind es sogar 13 Regisseurinnen. Für Fremaux ein Rekord, weil er die letzten Jahrzehnte nie über zehn kam. Zusätzlich prangt die kürzlich verstorbene französische Regie-Legende Agnès Varda auf dem offiziellen Festivalplakat. Natürlich muss die Qualität stimmen. Dieter Kosslick schaffte es in seinem letzten Berlinale-Jahr, fast einen ausgeglichenen Wettbewerb im Februar zwischen Männern und Frauen auf dem Regiestuhl zu präsentieren. Abgesehen von einer Titelschlagzeile der taz brachte ihm die Wettbewerbsauswahl letztlich aber viel Häme ein. Bei „nur“ vier Regisseurinnen wird in Cannes wieder genauer hingeschaut.

Die wichtigste Nebenreihe Un Certain Regard sieht ziemlich attraktiv besetzt aus. Genannt seien nur einmal die Männer, die auf den ersten Blick am spannendsten wirken, nämlich Albert Serra („Liberté“), Kantemir Balagov („Beanpole“), Christoph Honoré („Chambre 212“) und Bruno Dumont („Joan of Arc“). Für Cineasten kann Cannes 2019 zum Fest werden, so wie es alljährlich angelegt ist. Erwähnt werden müssen in diesem Zusammenhang auch die beiden Wettbewerbsfilme „Parasite“ von Bong Joon-ho, der nach seinem Netflix-Gastspiel „Okja“ wieder zurück zur traditionellen Kinoauswertung gefunden hat, und „Bacurau“ von Kleber Mendonca Filho & Juliano Dornelles.

Das Festival an der französischen Riviera, das noch allgemeinhin als das wichtigste Filmfest der Welt gilt, findet vom 14. bis 25. Mai statt.

Die 19 Wettbewerbsfilme (nach Priorität geordnet):

I. Hot
THE WILD GOOSE LAKE – Diao Yinan
PORTRAIT OF A LADY ON FIRE – Céline Sciamma
BACURAU – Kleber Mendonca Filho & Juliano Dornelles
PARASITE – Bong Joon-ho
LITTLE JOE – Jessica Hausner
FRANKIE – Ira Sachs

II. Wild Horses
ATLANTIQUE – Mati Diop
IT MUST BE HEAVEN – Elia Suleiman
LES MISERABLÈ – Ladj Ly
SIBYL – Justine Triet

III. Oldies
A HIDDEN LIFE – Terrence Malick
PAIN & GLORY – Pedro Almodóvar
--
YOUNG AHMED – Luc & Jean-Pierre Dardenne
MATTHIAS & MAXIME – Xavier Dolan
THE DEAD DON'T DIE – Jim Jarmusch
OH MERCY – Arnaud Desplechin
THE TRAITOR – Marco Bellocchio
SORRY WE MISSED YOU – Ken Loach
THE WHISTLERS – Corneliu Porumboiu

... comment