Freitag, 18. Februar 2011
Berlinale-Ticker: 18. Februar
Nett: Der schwache "Daily Show"-Epigone "Heute-Show" versuchte, die Berlinale im Speziellen und Kunstfilme im Allgemeinen zu parodieren. Nun sind die Ansprüche im deutschen Fernsehen so niedrig, dass man sich bereits über den Versuch freut. Zu Ehre kamen Ausschnitte aus "Come Rain, Come Shine" und "The Turin Horse". Sandra Hüller wurde wegen ihres Spielfilms "Brownian Movement" für einen doch ziemlich geschmacklosen Gag missbraucht. Einziger kleiner Lichtblick war dann Martin Sonneborns Kiezkino-Besuch, der verpixelte Hardcore-Bilder ins Öffentlich-Rechtliche brachte. Auch nett war Hans-Ulrich Pönacks Wutrede im D-Radio Kultur. Ehrlicher und authentischer hat sich auch Bastian Reinhardt nicht nach der historischen Stadtderby-Niederlage aufregen können. Pönacks Rede steht exemplarisch für all diejenige, die glauben, man würde automatisch durch das Schlechtfinden des Berlinale-Wettbewerbs ein guter Kritiker werden. Hebt der Mann doch tatsächlich den schwächsten Coen-Film als besonderes Highlight hervor.

Neuer Schwung: Auf der Zielgeraden deutet sich, wie so häufig im Festivalgeschehen, noch mal eine neue Wendung an. Das könnte man zumindest denken, wenn man Mike Goodridge (Screen Daily) über "The Forgiveness of Blood" liest: "A richly textured portrait of a society in 2011 still bound by a centuries-old code of law. As in MARIA, Marston’s second feature is shot in the local language and marked by knockout performances from non-actors. The final film playing in the Berlinale competition this week, it is also one of its strongest." Andreas Borcholte behauptet ebenso, dass der Film ein "echtes Highlight in diesem durchwachsenen Berlinale-Jahrgang" war. Auch nicht so schlecht, was Ray Bennett (THR) über "Lipstikka" zu sagen hat: "Canadian director Jonathan Sagall’s London-set drama, competing at Berlin, is an intriguing and gripping story of two women whose lives are affected in different ways after a dramatic incident." Und die so genannten Highbrow-Kritiker wie zum Beispiel Ekkehard Knörer (Perlentaucher) berauschten sich am Joel Silver-Actionthriller "Unknown", wenn auch aus niederen Beweggründen.

Kosslick-Lob: "Keine halbgaren Menscheleien aus Skandinavien, kein High-Budget-Trash, mit dem Stars auf den roten Teppich geschaufelt werden. Stattdessen Filme, die sich offenbar verschworen haben, den Zuschauer durch das Panoramafenster tief hinein in ihre Welt zu ziehen, indem sie die Kamera ganz nah auf Menschen und Gesichter richten", schreibt Katja Nicodemus (Zeit). Auch von ihr noch mal im Zwiegespräch mit Miesmuschel Jörg Taszman auf D-Radio Kultur hinsichtlich eines ersten Fazits ausformuliert.

Panorama: "Über uns das All" mit Sandra Hüller soll sehr toll sein. Neben dem Tagesspiegel waren auch kino-zeit.de und critic.de ziemlich angetan.

Endlich die erste brauchbare Reaktion auf Lee Yoon-ki und seinen neuesten Film "Come Rain, Come Shine": "Although not without its faults, the elegantly shot work marks another step forward in the career of director Lee Yoon-ki, one of the most significant Korean auteurs to debut in the post-OLDBOY era", schreibt Darcy Paquet (Screen Daily). Ich werde die Tage "My Dear Enemy" nachholen, den ich schon seit der vorletzten Berlinale sehen wollte. Derek Elley und Dieter Kosslick sei Dank! Übrigens ist Tim Robey (Daily Telegraph) auch für Lee Yoon-ki im Wettbewerb. Einer meiner Lieblingskritiker, Derek Elley von Film Business Asia, ist leider vom Glauben abgefallen und verreißt "Come Rain, Come Shine". Na, vielleicht lag das an der Presse-DVD ...

To-Watch-Liste (Wettbewerb):
SCHLAFKRANKHEIT - Ulrich Köhler
INNOCENT SATURDAY - Alexander Mindadze
NADER & SIMIN - Asghar Farhadi
THE TURIN HORSE - Béla Tarr
OUR GRAND DESPAIR - Seyfi Teoman
KOMMT REGEN, KOMMT SONNENSCHEIN - Lee Yoon-ki
WER WENN NICHT WIR - Andres Veiel
PINA - Wim Wenders
ALMANYA - Yasemin Samdereli
THE FORGIVENESS OF BLOOD - Joshua Marston (NEU)
MEIN BESTER FEIND - Wolfgang Murnberger
LES CONTES DE LA NUIT - Michel Ocelot
UN MUNDO MISTERIOSO - Rodrigo Moreno
THE FUTURE ist ursprünglich ein Sundance-Film, muss also nicht noch mal aufgeführt werden. Und bei THE FORGIVENESS OF BLOOD und LIPSTIKKA warte ich auf - positive - Reaktionen. Vielleicht dann bei der Preisverleihung, die meistens Kandidaten ins Blickfeld rückt, die man noch nicht so auf dem Radar hatte.

Doku-Schmoku: Folgende interessant klingende Dokus sind auf meinen Zettel gewandert: Die Jungs vom Bahnhof Zoo, Khodorkovsky, The Big Eden, The Black Power Mixtape 1967-1975, The Terrorists, Twenty Cigarettes, Unter Kontrolle, The Ballad of Genesis and Lady Jaye

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