Dienstag, 10. Oktober 2017
Rangliste Filmfest Hamburg 2017

Cinemaxx am Dammtor | © Filmfest Hamburg / Cordula Kropke
Unser Blog Negative Space war zum ersten Mal auf dem Filmfest Hamburg vertreten, das vom 5. bis 14. Oktober stattfand. Wenn auch die Anreise aufgrund des Orkans Xavier schwierig bis stürmisch verlief, kann der Besuch des Filmfests insgesamt als großer Erfolg gewertet werden. Das Filmfest Hamburg ist das deutsche Festival, was es zu besuchen gilt, wenn man zeitnahe an diversen Attraktionen der beiden bedeutendsten Herbstfestivals in Venedig und Toronto interessiert ist.

Hier lief praktisch einem Monat nach seiner Weltpremiere in Venedig der wundervolle Oscar-Kandidat „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Auch die am Lido begeistert gefeierte Frederick-Wiseman-Dokumentation „Ex Libris: New York Public Library“ war im Hamburger Programm vertreten. Die Macher haben eine anregende Mischung aus Filmen der internationalen Festivals von Sundance, Rotterdam, Cannes, Locarno, Karlovy Vary und Toronto hinbekommen. Besonders angetan waren wir von der französischsprachigen Sektion Voilà!: Mit „Jeune femme“, „120 BPM“ und „L'amant double“ aus Cannes sind gleich drei Sektionsvertreter unter unseren Lieblingsfilmen des Filmfests gelandet.
Exklusive Filmtitel rar gesät
Kritischer kann man auf die Weltpremieren zurückblicken, die Hamburg aufgeboten hat. Das Filmfest ist kein A-Festival mit internationalem Wettbewerb, sondern ein Filmstaubsauger, der die Highlights der größeren Festivals einsammelt. Exklusive Filmtitel musste man schon sehr genau suchen. Fand man sie aber beispielsweise im russischen Film „Mathilde“ oder im deutschen Film „Es war einmal Indianerland“, waren sie wie im ersteren Fall sehenswert oder wie im letzeren Fall ärgerlich. Vielleicht müsste man da, ähnlich wie es das Filmfest München in den vergangenen Jahren sehr gut gemacht hat, einheimischen Talenten eine besonders attraktive Plattform geben. Richtig spannende deutsche Filmprojekte haben wir im Angebot eher vermisst. Dafür punktete das Filmfest weiter mit sehr freundlichen Mitarbeitern, einer entspannten Atmosphäre und nicht überlaufenen Pressevorführungen.

Es folgen die Twitter-Kurzbesprechungen, die Negative Space während des Filmfests geschrieben hat. Im Blog sind sie aber jetzt in eine wertende Reihenfolge gebracht und inhaltlich teils deutlich ergänzt worden:

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★★★★★ (Meisterwerk)

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI: Ein waschechtes Meisterwerk des Hollywood'schen Erzählkinos. Ich habe gelacht und geweint. Regisseur und Drehbuchschreiber Martin McDonagh („In Bruges“) hat das Wunder vollbracht, eine erinnerungswürdige Szene an die nächste zu reihen – und sich noch langsam dabei zu steigern. Lest nichts über den Inhalt!

EX LIBRIS: NEW YORK PUBLIC LIBRARY: Ein fast 200-minütiger Doku-Monolith über die öffentliche Bibliothek New Yorks, die den Trip nach Hamburg allein schon wert war. Frederick Wiseman erzählt von einer Vorzeige-Institution der Aufklärung in all ihren Facetten: Es reicht von einem launigen Q & A mit Elvis Costello, der mit einer Greil-Marcus-Kritik konfrontiert wird, bis zu Internetkursen für sozial Benachteiligte und Weiterbildungen für Blinde. Die Doku zeigt die weit verzweigten Verästelungen der New Yorker Bibliothek in die Gesellschaft und feiert Bildung als höchstes Gut und geistiges Menthol für die Menschheit. Wissen ist Macht und „Ex Libris“ ein dokumentarisches Meisterstück, das nie langweilig wird.

„L'amant double“ | © Mandarin Production / Jean Claude Moireau
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★★★★½ (Meisterlich)

JEUNE FEMME: Ein vor französischer Lebensfreude übersprudelnder Selbstfindungstrip der 31-jährigen Paula in Paris. Eine magische, fast süchtigmachende Filmerfahrung. Paula wird von ihrem wohlhabenden Künstlerfreund vor die Tür gesetzt. Fortan muss sie wieder auf eigenen Füßen stehen, eine Unterkunft und Arbeit finden. Hauptdarstellerin Laetitia Dosch zuzuschauen, wie sie sich lustvoll leidend freistrampelt, ist der wahre Genuss des Films. Es gab in den vergangenen Jahren zahlreiche tolle Selbstfindungstrips junger Frauen auf der Leinwand zu bewundern („Frances Ha“, „Baden Baden“, „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“). Aber französischer und sinnlicher als „Jeune femme“ war keiner.

BABYLON BERLIN: Die ersten beiden Episoden auf großer Leinwand aneinandergeschnitten, als seien sie ein richtiger Film. Sie sind mehr als das: Sie sind verheißungsvoll, appetitmachend und episch. Tom Tykwer ist endlich zurück. Ich liebe das Casting (Volker Bruch, Liv Lisa Fries), wie historische Persönlichkeiten (Adenauer, Trotzki) in die Geschichte eingebunden sind und die Weimarer Republik zum Leben erweckt wurde. Die morbid-laszive Nachtklub-Musiknummer „Zu Asche, zu Staub“ von Severija Janusauskaite wird mit Sicherheit in die Fernsehgeschichte eingehen.

THE FLORIDA PROJECT: Es ist ein Drahtseilakt, Filme über soziale Brennpunkte zu drehen und sie nicht schlicht einer Zirkusattraktion gleich auszubeuten. Dieser Balanceakt gelingt Regisseur Sean Baker in einem Apartmentkomplex mit Billigwohnungen nahe Disney World, wo die jungen Protagonisten Monnee, Jancey und Scooty mit ihren Eltern die Sommerferien durchleben. Weil der Film wundervoll konsequent auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten bleibt, funktioniert es. So ist es ein Sommer, der wegen schmerzhafter Veränderungen, aber auch Eis auf dem Lobbyfußboden, Spucke auf der Windschutzscheibe und nicht eingepackten Brüsten am Swimming Pool erinnert wird. Eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller ist das Mindeste, was Willem Dafoe für seine Rolle als liebenswerter Manager Bobby erwarten kann. In seinem Wesen ist viel angelegt, was den Menschen menschlich macht. Eine unglaublich warme, nur scheinbar unspektakuläre Performance.

120 BPM: Stark nachwirkendes, hypnotisches Porträt der mutigen Aktivistengruppe Act Up Paris, die Ende der 1980er-Jahre über AIDS aufklärte. Die Verbindungslinie zwischen Sex und Tod ist vielleicht nie zwingender und eindringlicher inszeniert worden. Der Gewinner des Großen Preis der Jury in Cannes ist auch Frankreichs Oscar-Kandidat. „120 Beats Per Minute“ ist ebenso eine feine Ansammlung einiger der spannendsten französischsprachigen Schauspieltalente der jungen Generation: Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel und Antoine Reinartz.

L'AMANT DOUBLE: Sehr erotischer und abgründiger Psychothriller, der extrem unterhält. François Ozon in Bestform und auf den Spuren Brian De Palmas, was Splitscreens, Doppelgänger-Motive und nackte Haut angeht. Der Film taucht tief in die Psyche und damit in die sexuellen Fantasien von Chloé Fortin ab, die eine Affäre mit dem Zwillingsbruder ihres Freundes beginnt. Unheimlich dicht inszeniert. Fühlt sich leicht wie eine Fingerübung an, verlangt seinen Hauptdarstellern wie Marine Vacth aber körperlich und schauspielerisch alles ab.

THE KILLING OF A SACRED DEER: Wahnsinnig unangenehmer, beunruhigender Film. Praktisch das Alte Testament ohne Gott. Ich grüble noch.

THE CAKEMAKER: Deutsch-israelisches Crying Game. Sarah Adler: erste Kandidatin für einen Hauptpreis. Bester Filmkuss des Jahres.

MRS. FANG: So möchte man sterben. Oder nicht. Im Kreis der Familie. An Alzheimer. Wang Bings Doku schaut genau hin, wahrt aber Würde.

„Battle of the Sexes“ | © Twentieth Century Fox of Germany
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★★★★ (Herausragend)

LICHT: Stark. Vielschichtiges Künstlerporträt über Menschenwürde in Mozarts Vienna – mit einer zum Niederknien guten Maria Dragus.

CRASH TEST AGLAÉ: Charmantes Roadmovie aus Frankreich im Wes-Anderson-Stil. Für ein Debüt beachtlich. Éric Gravel ist vorgemerkt.

BATTLE OF THE SEXES: Unterhaltsames Oscarmaterial (Emma Stone!) über ein Tennis-Showmatch der 1970er, das für Gleichstellung wirbt.

THE RIDER: Simpel gestricktes Charakterporträt eines gebrochenen Rodeoreiters. Bewegend, weil authentisch. Aufregende Dressurszenen.

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★★★½ (Sehenswert)

MATHILDE: Altmodisches, opulentes Kostümkino über den letzten Zaren Nikolaus. Mochte ich. Schön, Michalina Olszanska wiederzusehen.

LUCKY: Hommage an die Legende Harry Dean Stanton. Nicht ohne Makel (David Lynch), aber so entwaffnend nah dran und würdevoll.

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★★★ (Brauchbar)

COCOTE: Sehr viele Gebete & Geschrei. Aber eine audiovisuelle Wucht aus der Dominikanischen Republik. Etwas für die Härtesten der Harten unter den Cineasten. Ein christlicher Gärtner kehrt in die Heimatstadt zurück, um den Tod seines Vaters zu betrauern. Familienmitglieder drängen ihn zu einem Racheakt gegen den örtlichen Gangsterchef. Auf 16mm gedreht, teils schwarzweiß, teils atemberaubende 360-Grad-Kamerabewegungen und tolle Arbeit mit Klangteppichen, die aus späteren Szenen bereits in die aktuelle Szenerie ragen und sie so verfremden.

„Submergence“ | © NFP Marketing & Distribution*
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★★½ (Ansätze)

SUBMERGENCE: Alicia Vikander und James McAvoy gerne beim Turteln zugeschaut. Aber dann muss Wim Wenders Terrorismus bekämpfen. Schade.

LOVE BIRDS: Unspektakuläres Nackidei-Filmchen aus Israel, das trotz gerade mal 70 Minuten viel über Längen zu erzählen weiß.

BEACH RATS: Sundance-Film über sexuelle Selbstfindung, dem das Alleinstellungsmerkmal fehlt. Dickinson sieht aus wie Fernando Torres.

NUR GOTT KANN MICH RICHTEN: Auweia! Die Unlogik der Figuren schmerzt. Nur in der Action ganz in seinem Element. Schade um Frankfurt!

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★★ (Anstrengend)

ES WAR EINMAL INDIANERLAND: Die deutsche Romanverfilmung über einen jungen Boxer gibt sich alle Mühe, gehasst zu werden. Die wirr vor- und zurückgespulte Geschichte ist auf eine anstrengende Art kindisch verspielt, weil der Film die nervöse Aufmerksamkeitsspanne eines Fünfjährigen besitzt. Der Boxer steht zwischen zwei Frauen, einem egalen Wettkampf, auf den das Ganze motivationslos zustrebt, einem durchgeknallten Vater und einem noch durchgeknallteren besten Freund. Irgendwie taucht auch Bjarne Mädel in unterschiedlichen Rollen auf, was mit David Foster Wallace zu tun hat. Eingebildete Indianer und ein Flower-Power-Fest in Osteuropa gibt es auch. Alles ein bisschen schade, weil bei den hölzernen Dialogen doch gute Techniker hinter der Kamera gearbeitet haben und Schauspieltalente (Emilia Schüle, Clemens Schick) vor der Kamera für einen besseren Film da gewesen wären.

THE FIRST LAP: Das ist ein superzäher koreanischer Beziehungsfilm, dem die Leichtigkeit eines Auteur-Vorbilds wie Hong Sang-soo völlig abgeht. Ein Paar besucht seine Eltern. Schmerzhaft entschleunigte, starr gefilmte Gesprächszenen werden aneinander gereit. Der Erkenntnisgewinn bleibt indes bescheiden: Konservative Eltern machen Druck, was Hochzeit und potenzielle Kinder des seit Jahren zusammenlebenden Paares angeht. Im Hintergrund der Tristesse köchelt der gesellschaftliche Protest gegen die koreanische Präsidentin Park Geun-hye, die 2017 wegen Korruptionsvorwürfen ihres Amtes enthoben wurde.

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