Freitag, 13. Januar 2017
Revolver #35 - Cinephilie in Deutschland heute

Revolver #35 in bester Gesellschaft
Der Negative Space-Redakteur Michael Müller hat sich zum ersten Mal ein Revolver-Magazin gekauft. Der Anlass sind die Helden der berüchtigten Hofbauer-Kongresse, die über Cinephilie in Deutschland Auskunft gaben.

Das Revolver-Magazin. Heimathafen der Berliner Schule. Nie meine Art der Filmliebe gewesen, dachte ich. Das hat sich mit der 35. Ausgabe geändert. Ein episches Gespräch über Cinephilie in Deutschland steht im Kern des kleinen Taschenbuchs von einer Filmzeitschrift, das mich schon in seiner kompakten Form sofort in seinen Bann zog. Fast ausschließlich mir bekannte Namen der deutschen Filmszene sprechen 155 Seiten lang über den Zustand, heutzutage Cineast in diesem Land zu sein. Das Revolver-Heft #35 ist dabei eine ganz wertvolle Bestandsaufnahme, aber auch ein Generationsportrait von Gleichgesinnten geworden, die sich in den vergangenen Jahren still und heimlich als Avantgarde des deutschen Cineastentums herausgeschält haben.

Der Regisseur und Filmkritiker Christoph Hochhäusler („Dreileben“, „Falscher Bekenner“) hatte – unter Mithilfe des künftigen Filmemachers Gary Vanisian – im Februar 2016 nach Berlin geladen. Die Namen der Beteiligten sagen wohl eher Insidern der Szene etwas: Andreas Beilharz, Sano Cestnik, Christoph Draxtra, Lukas Foerster, Kurt Karate, Sven Safarow, Silvia Szymanski und eben jener Gary Vanisian. Auf die ein oder andere Weise kenne ich alle diese Persönlichkeiten. Und doch eben auch nicht, weil die Beteiligten in diesem Interview recht tief in ihre persönlichen Biografien blicken lassen. Die Erwartung war aber, dass sich diese Filmwissenschaftler, Kritiker, Schriftsteller, Festivalmacher und angehenden Regisseure aufgrund der bloßen Anzahl auf den virtuellen Beinen stehen würden. Das Gespräch jedoch funktioniert ganz fabelhaft: Jeder Beteiligte bekommt den Raum, um zu scheinen und sich auszudrücken. Vielleicht mit Ausnahme von Silvia Szymanski, die als einzige Frau am Tisch und für den Michael-Althen-Preis nominierte Filmkritikerin sicherlich auch noch mehr hätte beisteuern können.
Wie ein gut inszeniertes Epos
Das Revolver-Gespräch ist gut sortiert, aufgegliedert nach Oberbegriffen wie „Mission“, „Ersatz“ oder „Liebe“; immer scheint eine Person im Vordergrund zu stehen; es gibt sogar eine Intermission im Mittelteil. Ständig gibt es das Gefühl, dass das Gespräch noch länger und intensiver war, dass aber eine übergeordnete Hand eingeschritten ist und das Ganze im Nachhinein neu inszeniert hat. Die meisten der Namen sind im Dunstkreis des berüchtigten Hofbauer-Kongresses bekannt geworden. Das ist ein Filmfestival in Nürnberg, das den deutschlandweiten Ruf genießt, die wertvollste Filmparty des Jahres zu sein. Die Hofbauer-Kongresse widmen sich vor allem der deutschen Filmgeschichte der 1960er- und 1970er-Jahre. Wer Schlager- und Nudistenfilme, Krautploitation und FWU-Bildungsfilme in ausverkauften Vorstellungen mit dem fachkundigsten Publikum der Republik sehen will, muss nach Nürnberg pilgern. Andreas Beilharz und Christoph Draxtra zeichnen sich hauptsächlich für das Programm verantwortlich. Zum aktuellen Kongress am ersten Januar-Wochenende war aber zum Beispiel auch die Fachexpertise des eingeladenen Buio-Omega-Clubs aus Gelsenkirchen gefragt. Sano Cestnik, Kurt Karate und Sven Safarow gehören zu der mit dem Kongress eng verbundenen Webseite Eskalierende Träume. Der Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster, die Schriftstellerin Silvia Szymanski und der Festivalmacher Gary Vanisian sind Stammzuschauer eben dieser Kongresse.

Ihre Auseinandersetzung mit dem Medium Film, wie schwierig es heutzutage in Deutschland ist, daraus eine Profession zu machen, wie sehr aber auch die gemeinsame Erfahrung diese Gruppe von Interessierten zusammengeschweißt hat – davon erzählt die Revolver-Ausgabe. Ein Reiz dabei ist sicherlich, dass hier die von Christoph Hochhäusler verkörperte Berliner Schule auf die nächste Generation von Cineasten trifft. Wie sich die Erfahrungen und Referenzpunkte unterscheiden, wo sie sich dann auch wieder ähnlich sind. Es ist ja nicht so, dass es eine homogene Gruppe von Menschen ist, sondern es jeweils Persönlichkeiten mit teils recht unterschiedlichen Filmphilosophien sind. Das, kombiniert mit den angerissenen Lebensläufen, die ein Generationsportrait ergeben, den Filmreferenzen und Zitaten verschiedener Vorbilder, schafft die Ahnung des wertvollen Fußabdrucks, den diese Menschen hinterlassen könnten, wenn sie denn an den filmhistorischen Schnittstellen der Macht säßen.
kino.de-Superstar Kurt Karate
Bei Silvia, die zu kurz kam, weiß ich, dass ich bei Hard Sensations im Ausgleich dafür ihre Filmkritiken lesen kann. Aber gerade bei Andreas Beilharz und Kurt Karate hatte ich persönlich beim Lesen das Gefühl, dass noch größere Redeanteile nicht geschadet hätten. Das mag damit zusammenhängen, dass ich beide schon seit meiner kino.de-Zeit Anfang der 2000er-Jahre kenne. Darüber kann ich so frei von der Leber weg schreiben, weil meine kümmerlichen Anfänge gar nicht mehr nachzurecherchieren sind. Denn kino.de hatte irgendwann die glorreiche Idee, die gesamte Community und ihre abertausenden von Beiträge von heute auf morgen zu löschen. Stattdessen verknüpfte die Seite sich mit Facebook und ließ fortan die Like-Roboter die Arbeit einer lebendigen Gemeinschaft übernehmen.

Gerade Kurt Karate, der bei kino.de Liberty Valance hieß und den ich als Anfänger in seiner fortgeschrittenen Ausdrucksform und den genauen Beobachtungen sehr bewunderte, in diesem Reigen der Revolver-Zeitschrift wiederzufinden, machte besonders Spaß. Er ist, wenn man so will, der cineastische Aussteiger der Runde, der nochmal eine ganz andere Perspektive auf die Cinephilie mitbringt. Was sehr witzig ist, weil Kurt bereits in den kino.de-Tagen zu den ersten Aussteigern gehörte, der eine Auszeit von den Suchtaspekten dieses Metiers nahm. Heute hat er einen sehr entspannten Zugang zum Medium gefunden, veröffentlicht dann und wann in seiner Freizeit zum Beispiel bei critic.de einen Text und taucht wieder ab.

Was ich letztlich nur schreiben wollte: Ich habe die 35. Ausgabe des Revolver-Magazins mit großem Genuss gelesen. Ich kann es nur jedem empfehlen, der sich im deutschsprachigen Raum mit Film auseinandersetzt. Es ist eine sehr lesenswerte Bestandsaufnahme, die sogar einmal recht interessant in die Untiefen des Films des Dritten Reiches abgleitet. Ich werde noch viel darin blättern. Vielleicht funktionieren die Dialoge bei mir aber auch vor allem so gut, weil ich die Menschen hinter den Namen kenne. Ich glaube, dass es aber fast noch wertvoller für Menschen sein könnte, die mit diesen Namen bislang noch nichts anfangen konnten.

Links: - Revolver #35 bestellen, - Hofbauer-Kongresse

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