Sonntag, 1. September 2019
Venedig-Geheimtipp „Madre“

Hauptdarstellerin Marta Nieto | © Malvalanda / Caballo Films / Arcadia
Bei all dem „Joker“-Trubel und Polanski-Bashing sollte nicht vergessen werden, dass in der Nebenreihe Orizzonti mit „Madre“ einer der schönsten und aufwühlendsten Filme des Venedig-Festivals gelaufen ist.

Das Handy klingelt. Da ist der 6-jährige Sohn dran. Der weiß nicht, wo er ist. Hat sich im Urlaub verirrt. Wo sein Vater steckt, weiß er auch nicht. Nur, dass er an einem Strand ist, sein Telefon noch einen Akku-Balken hat und am Horizont ein fremder Mann erscheint, der langsam auf ihn zukommt. Das alles muss Elena (Marta Nieta) am anderen Ende der Leitung mit anhören. Sie ist die Mutter des Kleinen. Das gerade Beschriebene ist die Eröffnungssequenz von Rodrigo Sorogoyens Film „Madre“ – gedreht in einer langen atemlosen Einstellung. Der Madrilene feierte mit dem Film bei anhaltenden Standing-Ovations seine Weltpremiere in der Orizzonti-Reihe. Es ist einer der mir liebsten Filme dieses Venedig-Jahrgangs.

„Madre“ macht nach dem furiosen Beginn einen zeitlichen Schnitt. Nach und nach erfahren wir, was dieser Vorfall mit der Familie angestellt hat. Sorogoyen konzentriert sich dabei ganz auf Elena, die offenbar ein neues Leben begonnen hat. Den Vater gibt es nicht mehr, sie ist umgezogen, lebt jetzt in der Grenzregion zwischen Frankreich und Spanien und arbeitet in einer kleinen Strandbar. Eines Tages trifft sie am Meer einen 16-Jährigen, der ihrem damalig verschwundenen Kind zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie lernen sich kennen – für ihn wird es das Abenteuer seines Lebens, für sie endlich eine Möglichkeit den alten Dämonen zu begegnen, die sie seit Jahren verdrängt.

Es ist vor allem die Machart, die „Madre“ so aus dem Filmangebot herausstechen lässt. Optisch ist es einfach ein wunderschöner Film. Viel ist mit Steadycam-Kameras gefilmt, die immer in Bewegung sind. Die Bilder haben eine dynamische Rundheit. Manchmal beginnt die Kamera auf einer Massenszene am Strand, zoomt immer weiter ins Bild, bis die Protagonistin Elena isoliert sichtbar wird. Die Kamerafahrten verstärken häufig die Emotionen der Handlung. Die paradiesische Urlaubsatmosphäre bildet den größtmöglichen Gegensatz zu Elenas innerem Zustand.
Das emotionale Band zum Zuschauer
Die harte Eröffnungssequenz legt den emotionalen Kern. Als Zuschauer will man verstehen, was dieses Unglück mit Elena angestellt hat. Mit jeder Szene offenbart das der Film langsam, aber stetig durch ihre Taten. Sie hat sich eine neue Identität und ein neues Leben gegeben, das sie aber nur halbherzig annimmt. Die Treffen mit dem 16-jährigen Jungen sind ambiguin geschildert. Worauf das Ganze hinauslaufen soll, weiß keiner der beiden. Nur, dass sie bald nicht mehr ohne einander können, wird klar. Das führt zu Konflikten mit der Familie des Jungen, weil sie nicht nachvollziehen können, was eine bildschöne Mitdreißigerin mit ihrem Kind will. Zumal sie im Feriendorf nur als die Verrückte bekannt ist. Zudem hat Elena einen aktuellen Partner, der von der Situation auch völlig überfordert ist.

Als Eltern das eigene Kind zu verlieren, gehört zu den härtesten Prüfungen, die das Leben aufbieten kann. Gerade, wenn ein Elternteil dafür so offensichtlich verantwortlich gemacht werden kann. Deshalb fühlt man als Zuschauer extrem für Elena, wünscht ihr, dass sie einen Ausweg aus dem Trauma findet. Gleichzeitig ist auch klar, dass eine Affäre mit einem ähnlich ausschauenden Bubi sie auch nicht weiterbringen wird, es aber zumindest ein erster Schritt aus der Lethargie wäre. Aber man ist bereit, mit ihr den Weg zu gehen, soweit sie gehen will und was sie auch entscheidet. Es ist diese innige Verbindung zum Zuschauer, die „Madre“ als Film so emotional befriedigend und auffühlend macht – gerade auch dank Marta Nieta sublimem Schauspiel. Es ist ein wirklich toll erzähltes Melodrama, dessen laue Sommernächte einem noch lange nachhängen.

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Samstag, 31. August 2019
Instant-Klassiker „Joker“ auf dem Lido

Phoenix unzufrieden mit dem Gotham-Nahverkehr | © Warner Brothers
Am Samstag ist Todd Phillips' „Joker“ wie eine Bombe im Venedig-Wettbewerb eingeschlagen. Jurypräsidentin Lucrecia Martel wird dafür keinen Goldenen Löwen springen lassen – obwohl das nicht ungerechtfertigt wäre.

Todd Phillips' „Joker“ ist next level shit. Er erzählt die Vorgeschichte einer der ikonischsten Figuren der Kinogeschichte noch einmal – aber dieses Mal richtig: Logisch in die bisherigen biografischen Schlaglichter der Figur eingewoben, aber mit viel mehr Fleisch und Emotionen, so dass es ganz neu und frisch wirkt. Psychologisierungen von Superschurken enden oft in Entzauberungen. Eigentlich gewinnen Figuren wie Michael Myers oder Blofeld nichts hinzu, wenn man ihnen zum Beispiel eine schwere Kindheit anheftet. Phillips hat es aber auf magischeweise geschafft, die Biografie des Jokers auszufüllen, ohne die Figur dadurch zu banalisieren. Das Böse erwächst aus den Menschen selbst. Sie tragen es immer als Teil mit sich. Dass das Konzept aufgeht, mag an einem unfassbar dichten und perfekt konstruierten Drehbuch und der mitreißend hypnotischen Inszenierung liegen. Es ist natürlich aber auch der Verdienst von Hauptdarsteller Joaquin Phoenix.

Nach Jack Nicholson in Tim Burtons „Batman“ dachte man schon, dass niemand mehr diese diabolische und gleichzeitig charmant-witzige Figur anrühren sollte. Das Gleiche galt dann für Heath Ledger, der mit seinem verschwitzten und fletschenden Anarcho-Dandy in „The Dark Knight“ Nicholson fast ein wenig alt aussehen ließ. Legendär sind seine wechselnden Hintergrundgeschichten, die er den Menschen als Motivation hinhält, warum er zum Joker wurde. Phoenix wiederum hat sich den geschminkten Punk völlig neu erschlossen. Er wirft sich voll und ganz in die Rolle. Ja, er hat dafür viele Kilos abgenommen. Aber das ist es nicht. Phoenix hatte sich gerade in den vergangenen Jahren viel zu sehr auf sein Äußeres verlassen, ließ teils seine Bärte die Arbeit machen. Aber in „Joker“ scheint jeder seiner Muskel, jede Regung genau richtig eingesetzt, um den Lebenswahnsinn und den Weltekel der Figur sowie ihren Wandel wie ein Seismograph nachzuzeichnen. Und Phoenix tanzt bei blassem Mondschein mit dieser teuflischen Figur – er schwebt geradezu.
Mit neuen Augen gesehen
Ein großer Teil meines Spaßes war es, mit so wenig Vorwissen wie möglich mir Jokers Geschichte erzählen zu lassen. Diesen Spaß will ich keinem Zuschauer nehmen. Nach diesem Film wird man aber die Figur mit völlig anderen Augen sehen. Damit meine ich nicht mit mehr Empathie für die Verbrechen und das Chaos, das der Joker in Gotham City verursacht. Aber Phillips hat aus Burtons Comic-Joker und Nolans Weltschmerz-Punk eine emotional viel tiefere Figur werden lassen, die nicht nur handelt, weil sie einfach die Welt brennen sehen will. Das wird auch das Zusammenspiel mit Bruce Wayne interessanter machen – wenn bei den Fortsetzungen denn Leute wie Phillips und seine Co-Drehbuchschreiber Scott Silver beteiligt sind.

Das turbokapitalistische Hollywood besteht heutzutage so viel aus dem Aufwärmen von bereits Gesehenem, vom Setzen auf Nostalgie und dem Glaube daran, dass der Zuschauer sowieso einfach nur immer wieder das Gleiche sehen will, dass „Joker“ wie ein Schock wirkt. Da hat sich wirklich jemand getraut, neue Geschichten um eine bekannte Figur herum zu erzählen. Man wünschte sich, viel mehr Filmemacher würden das tun. Es kommt nur eben superselten vor, dass jemand so viele gewinnbringende Ideen hat, um eine vermeintlich bekannte Geschichte in seinen Details fortzuschreiben.

Klar, sind Phillips' Vorbilder wie „Taxi Driver“ oder „King of Comedy“ von Scorsese unübersehbar. Aber sein „Joker“ ist im auf Fortsetzungen angelegten Comic-Universum ironischerweise etwas ganz Einzigartiges geworden, teils auch, weil er das Wissen der Cineasten um die Klassiker gegen sie verwendet. „Joker“ ist ein intensives, aufzehrendes Charakterportrait, das gleichzeitig Hollywood-Popcornkino ist, weil hier das Drehbuch, die Schauspieler und die Emotionen die Spezialeffekte und Action-Set-Pieces sind. Endlich knüpft Phillips an die Genialität seines Debütfilms, der Dokumentation „Hated: G.G. Allin and the Murder Junkies“ über einen der anarchischsten Punks unser Zeit an. Mit dem Joker hat er nach langem Suchen eine ebenbürtige Figur gefunden.

Links: - Baumbachs Marriage Story, - Kore-edas Verité

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Freitag, 30. August 2019
Venedig-Fundstück des Tages #1

Du hast Mafia, ich hab' Polizei

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Donnerstag, 29. August 2019
Mit „Marriage Story“ befreit sich Baumbach endgültig vom Woody-Allen-Epigonen-Image

Scarlett Johansson und Adam Driver mit Stöpsel | © Netflix
Will man einem Paar zwei Stunden bei der Scheidung zusehen? Unendlich gerne, wenn es so erzählt wird wie in Noah Baumbachs „Marriage Story“.

Der Einfluss von Woody Allen auf das Werk des New Yorker Regisseurs Noah Baumbach ist unübersehbar. Mit seinem Netflix-Film „Marriage Story“ wagt sich Baumbach auch noch zusätzlich an Allens Lieblingsregisseur Ingmar Bergman – insbesondere an „Szenen einer Ehe“, der sogar namentlich im Film referenziert wird. Baumbach war immer dann am besten, wenn sich seine neurotischen Künstlerfiguren von Allen lösten und die eigene Biografie stärker durchschimmerte. Klar, erinnert der klassische Score an „Manhattan“. Ein Dialogfilm über ein Pärchen in New York kann nicht nicht an Woody Allen erinnern. Aber Baumbach emanzipiert sich hier ein weiteres Stück und findet immer mehr den eigenen Ton.

Nun steht die Beziehung zur Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig bei Baumbach in der Realität nicht so auf der Kippe, wie die Beziehung zwischen Adam Driver und Scarlett Johansson andeutet. Tatsächlich haben sie gerade ihr erstes gemeinsames Kind bekommen. Aber in Driver, der einen talentierten New Yorker Theaterregisseur spielt und Johansson, die als Schauspielerin davon träumt, selbst einmal Regie zu führen, sind die Parallelen zum echten Leben greifbar.

„Marriage Story“ braucht etwas, um in Fahrt zu kommen. Er nimmt sich bei mehr als zwei Stunden Laufzeit zurecht seinen Raum. Zuerst erscheinen die Konflikte des immer noch jungen Paares marginal. Umso länger der Zuschauer aber Johanssons Figur und ihren Gedanken folgt, fragt man sich, wie sie in der Beziehung so lange bis hier hin durchgehalten hat. Baumbach widmet sich beiden Perspektiven ausgiebig. Zuerst mehr der Frau, später dem Mann. Es sind vor allem die Kleinigkeiten, die sich zu großen Problemen auswachsen. In einer Welt, in der sich jeder selbst verwirklichen will, bleibt das Gegenüber schon mittelfristig immer auf der Strecke. Das angekratzte Miteinander gerade auch mit ihrem kleinen Jungen zeigt der Film trotz der Konflikte vielleicht auch deshalb geradezu zärtlich.
Was es für einen großartigen Film nur braucht
Billy Wilder sagte mal, dass der Filmemacher dem Zuschauer nur drei erinnerungswürdige Momente schenken müsste, damit der Eindruck eines tollen Films zurückbleibt. „Marriage Story“ hat diese drei Momente. Er hat eine tolle, eigensinnige Atmosphäre, die vor allem auch über die Nebenfiguren hinzukommt. Die Geschichte nimmt weiter an Fahrt auf, wenn die Scheidungsanwälte in Spiel kommen. Eine davon ist Laura Dern. Und sie spielt ihre perfekt gestylte, die weiblichen Gesten und Reize liebende Anwältin mit solch einer Lust und Verve, dass sie dafür eigentlich für einen Oscar als besten Nebendarstellerin in Betracht gezogen werden müsste. Ray Liotta und Alan Alda stehen ihr nicht in Vielem nach. Auch ganz toll ist Johanssons Filmschwester Merritt Wever und Film-Mama Julie Hagerty.

Es ist aber vor allem das letzte Drittel, wenn Emotionen explodieren, Reden auf die Jungfrau Maria gehalten werden und eine Staatsbeamtin Adam Driver zuhause besucht, wo „Marriage Story“ den Zuschauer emotional auszahlt. Dieser bittersüße Film ist leicht und schwer zugleich erzählt. Ich mochte bereits Baumbachs ähnlich gelagerten Netflix-Film „The Meyerowitz Stories“ ziemlich gerne. Das hier ist eine Liga drüber.

Baumbachs „Marriage Story“ läuft am 6. November in ausgewählten amerikanischen Kinos an. Dann ist er weltweit ab dem 6. Dezember auf Netflix zu sehen.

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Auf dem Lido lesen Filmkritiker CIAK

Die Postille CIAK dominiert die ersten zwei Mostra-Tage
Zum Leben eines Cineasten oder Filmjournalisten gehören auf Festivals die täglichen Zeitungen der Trade Papers. Venedig hat aber auch eine brauchbare Hauspostille zu bieten.

Am Donnerstag ist dann auch die erste Ausgabe Variety für die Presse eingetroffen. Deutlich mehr Aufmerksamkeit zieht aber bei mir das zweisprachige Festivalblatt CIAK, das beim Filmfestival von Venedig immer an wartende Journalisten ausgegeben wird und täglich frisch überall ausliegt. Soweit ich das aus dem Impressum herauslesen kann, ist das ein offizielles Festivalprodukt. Was mich natürlich immer am meisten interessiert, ist der Kritikerspiegel. Auch der ist hier doppelt besetzt. Im internationalen Kritikerspiegel tummelt sich zum Beispiel die Positif-Koryphäe Michel Ciment, die immer ein guter Gradmesser ist, was es im Wettbewerb zu sehen gilt. Aber auch Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung ist dabei.

Im italienischen Kritikerspiegel sind die Publikationen Repubblica, Il Corriere Della Sera, Il Folgio, La Nuava Venezia, Il Messagero, Il Gazzetino, Il Fatto Quotidiano, La Stampa und Il Giornale aufgeführt. Der wohlwollend aufgenommene Kore-edas Eröffnungsfilm erhält dort einen Notenschnitt von 3,3. Fünf Sterne sind die Höchstwertung. Giuseppe, mit dem ich mich heute morgen in der Schlange zu Baumbachs „Marriage Story“ unterhalten habe, konnte mir keinen Geheimtipp geben. Er überlegte noch, ob er heute neben dem gesetzten Wettbewerb den italienischen Film „Sole“ in der Orizzonti-Reihe schauen sollte. Er habe das schon Positives gehört. Aber überzeugt klang er nicht. In seinem Programmheft stand noch ein dickes Fragezeichen neben dem Film.

Das Magazin CIAK müssen nicht-englischsprachige Kritiker von hinten zu lesen beginnen. Es gibt ein Interview mit der saudischen Regisseurin Haifaa al-Mansour, die ihren Film „The Perfect Candidate“ im Wettbewerb präsentiert. Venedig-Chef Alberto Barbera erklärt nochmal schnell, warum Pedro Almodóvar gerade jetzt einen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk auf dem Lido erhält. Außerdem findet sich ein geradezu geniales, in Comicform gezeichnetes Poster des koreanischen Meisterwerks „Burning“ zum italienischen Kinostart im Heft. Beim kurzen Blick in Variety fällt auf, dass deren Team jetzt erst mit dem Arbeiten beginnt. Immerhin findet sich ein Interview mit der Australierin Shannon Murphy zu ihrem Wettbewerbsfilm „Babyteeth“ in Ausgabe eins. Und schönerweise ist wieder Owen Gleiberman als Chefkritiker vor Ort.

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Mittwoch, 28. August 2019
Kore-edas „Wahrheit“, Gebbes „Pelikanblut“ & Molls tierisches Comeback

„Only the Animals“: Valeria Bruni Tedeschi und Nadia Tereszkiewicz | © Jean-Claude Lother
Am ersten Festivaltag überrascht in Venedig ein deutsch-französischer Regisseur, der zu Unrecht in die Nebenreihen abgeschoben wurde. Außerdem feierten Katrin Gebbe und Kore-eda Hirokazu ihre Weltpremieren.

Auch Venedig besitzt wie Cannes ein Kastensystem bei den Presse-Akkreditierungen. Augenscheinlich wird das, wenn man sich für die begehrten Filme anstellt. Am Saal Darsena zum Beispiel, der morgens einen Großteil der Wettbewerbsfilme zeigt, bilden sich vier Schlangen. Die exklusivste ganz links schleust etwa Fernsehteams durch. Wobei die Saalwächter die Schlange daneben, wo auch die internationale Presse untergebracht ist, zeitgleich einlassen. Das wichtigste ist sowieso, im Schattenbereich der jeweiligen Schlange anzustehen, weil Venedig bereits früh ordentliche Temperaturen aufweist.

Die sogenannten Trade Papers, also Hollywood Reporter, Variety und Screen Daily lassen an der Mostra am Eröffnungstag noch auf sich warten. Le film Francais kriegt man im Pressebereich und ein Fachblatt, das auf jedem Festival die chinesische Filmindustrie hypt. An die italienischen Kollegen wird in den Schlangen ein einheimisches Print-Produkt ausgeteilt, das ich noch nicht in die Hände bekommen habe. Der Venedig-Besuch soll schließlich auch eine filmkritische Horizonterweiterung sein. Mit Ausnahme von Cédric Succivalli und dem in Italien beheimateten Lee Marshall fallen mir spontan keine italienischen Filmkritiker von Prominenz ein. Wohl auch, weil diese keine Notwendigkeit sehen, auf Englisch zu publizieren. Ähnlich verhält es sich auch mit den französischen Kritikern.
Kore-eda Hirokazu atmet durch
Kore-eda Hirokazus Eröffnungsfilm „La vérite“ ist ein leichter, teils charmanter, sich in Teilen aber auch auf seinen Metaebenen verlierender Start in das Festival. Es ist ein bisschen so, als würde man dem Palmen-Gewinner Kore-eda („Shoplifters“) beim Durchatmen und Genießen zuschauen. Diese erste nicht-japanische Produktion hat er sich in seiner Karriere gegönnt, bevor es wieder an das Besteigen des nächsten Achttausender geht. Catherine Deneuve spielt die Mutter von Juliette Binoche. Die Deneuve gibt dabei eine Schauspielerin im goldenen Herbst ihrer Karriere, die gerade ihre Autobiografie veröffentlicht hat.

Aus diesem Anlass besucht Tochter Binoche mit ihrem Ehemann Ethan Hawke und der kleinen Tochter die Deneuve. Am meisten Spaß machen Deneuves spitzfindinge Kommentare zur Filmwelt, auch Fettnäpfchen von schon verstorbenen Kolleginnen, die noch als Referenzpunkt herhalten müssen. Diese Figur hat scheinbar alles in ihrem Leben der Karriere untergeordnet und bereut nichts. „Ich war eine schlechte Mutter und eine schlechte Freundin, aber eine gute Schauspielerin“, lautet einmal ihr Resümee. Gut funktioniert auch die Spiegelung von Deneuves und Binoches gestörter Mutter-Tochter-Beziehung im Spielfilm, den die Deneuve im Film dreht. Darin geht es wiederum um eine Mutter, die eine tödliche Krankheit hat und deswegen im Weltall leben muss. Während sie auf diese Weise nicht älter wird, trifft sie immer wieder auf ihre Tochter, die erst Teenie, dann erwachsene Frau und letztlich eine Greisin ist. Eine unheimliche Vorstellung.

Orizzonti-Eröffnungsfilm „Pelikanblut“ | © Junafilm / Miramar film
Katrin Gebbe: Nach Cannes also Venedig
Ich liebe Katrin Gebbes Debütfilm „Tore tanzt“. So abgründig und taff war deutsches Kino selten. Mit riesiger Spannung habe ich also ihren neuen Film „Pelikanblut“, der die wichtige Nebenreihe Orizzonti am Mittwoch eröffnete, erwartet. Und ich bin enttäuscht, dass ich die Geschichte um die Reitlehrerin Wiebke (Nina Hoss), die sich dazu entschließt, ein zweites Kind zu adoptieren, nur mochte. „Pelikanblut“ ist motivisch und dramaturgisch ein echter Zwillingsfilm zum Berlinale-Durchbruch „Systemsprenger“. Wieder ein Mädchen mit einem frühkindlichen Trauma, wieder Gewalteskalationen und Entgleisungen, wieder wird eine Familie und der Zuschauer an die Grenze des Zumutbaren geführt, nochmals wird ausgelotet, wie weit eigentlich Mutterliebe gehen kann, darf und muss.

Aber es gibt eine Zweigung, da biegt „Systemsprenger“-Regisseurin Nora Fingscheidt da ab und Gebbe wählt eben einen anderen, ganz eigenen Weg. Und ihr auf diesem Pfad in die Finsternis zu folgen, war spannend im Kino anzusehen – ich fand „Pelikanblut“ nie zäh oder langweilig. Nur letztlich ist der Film eine Mischform geworden, deren verschiedenen Elemente sich nicht befeuern, sondern ihn emotional brechen lassen. Gebbes konsequentes Abgleiten ins Genre ist gekonnt gemacht. Nina Hoss und der Kinderdarstellerin (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo) sind beängstingend gut. Hoss wagt sich angstfrei in Abgründe ihrer Figur. Aber das Genre lässt in diesem Fall den Zuschauer emotional vom Haken. Vielleicht kann ich das mit etwas Abstand nochmal anders sehen – vor allem wenn der Film „Systemsprenger“ nicht mehr so prägend im Hinterkopf ist. Vielleicht ist es dann gerade diese Verquickung aus Grisebachs „Western“ und Grusel-Genreklassikern, die ich besonders zu schätzen weiß.

Dominik Moll (3.v.l.) und seine Filmcrew
Dominik Molls Comeback
Die Überraschung des ersten richtigen Venedig-Tages war, dass der deutsch-französische Regisseur Dominik Moll mich nochmal aus meinem wegen Hitze und Einsatz wohl verdienten Minutenschlaf holte. Sein neuer Film „Only the Animals“ war zu gut, um einzudösen. Molls Karriere ist schon ein wenig eigenartig verlaufen. Es ging so verheißungsvoll mit dem hitchcock'schen Thriller „Harry meint es gut mit dir“ in Cannes los. Fortwährend interessierten sich die Filmfestivals und Zuschauer immer weniger für ihn. Nun hat sein neuer Film am Mittwoch die Reihe Venice Days eröffnet, die ungefähr vergleichbar mit der Directors' Fortnight in Cannes ist. Der Saal Perla im Casino auf dem Lido platzte aus allen Nähten. Zur Weltpremiere war mindestens auch das halbe Filmteam erschienen.

In „Only the Animals“ geht es um einsame Seelen, die versuchen, so gut es geht ihre Sehnsüchte im Alltag zu verstecken. Als eine Frau in einem Schneesturm verschwindet, die mit den Leben all dieser Seelen etwas zu tun hat, legt Moll nach und nach die Geheimnisse der Figuren offen. Er erzählt nicht unbedingt chronologisch, lässt die Geschichten der Protagonisten zu verschiedenen Zeitpunkten ineinander laufen. Mir hat das großen Spaß gemacht, tollen Schauspielern wie Denis Menochet oder Valeria Bruni Tedeschi beim lustvollen Leiden am Alltag zuzusehen. Wie filigran und mit wie viel galligem Humor Moll die Handlungsstränge zusammenzieht, ohne seine Protagonisten dabei ganz bloßstellen zu wollen, sieht man heute immer seltener. Zumal das Ganze mit einer schönen Variation auf einen Billy-Wilder-Klassiker endet. Noch schöner war eigentlich nur Denis Menochets bewusst zur Schau getragenes Desinteresse beim anschließenden Q & A.

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Dienstag, 27. August 2019
Vorglühen auf der Mostra: Negative Space in Venedig

Cliff Booth ist auch schon in Venedig angekommen
In Venedig das Filmfestival zu besuchen, hat etwas von einem Kulturschock. Wie sollen Filmkritiker in diesem Urlaubsparadies Meisterwerke finden können? Ein Vorglühen von Michael Müller

Man weiß, dass man tatsächlich im Flugzeug nach Venedig zu den Internationalen Filmfestspielen unterwegs ist, wenn plötzlich der US-Filmkritiker Justin Chang im Gang auftaucht. Jep, das diesjährige Jurymitglied der Berlinale, einer der zuverlässigsten Filmjournalisten bei den Trade Papers und seit einiger Zeit der Chefkritiker bei der Los Angeles Times und der öffentlich-rechtlichen Radiosendung „Fresh Air“. Auch ihm haben wir dieses Jahr den Goldenen Bären in Berlin für Nadav Lapids „Synonymes“ zu verdanken.

Er sitzt eine Reihe schräg hinter mir. Ihn jetzt anquatschen, denke ich. Aber was dann sagen? „Ich habe eure Juryentscheidungen im Februar geliebt.“ Oder: „Ich wollte mit Ihnen schon immer mal über Ihren christlichen Hintergrund als Filmkritiker sprechen?“ Letztlich komme ich zu der Erkenntnis, dass sich bei dem Fluglärm der Lufthansa sowieso niemand vernünftig unterhalten kann. Vor allem nicht über zwei Reihen hinweg. Außerdem zieht Chang umgehend ein Buch aus seiner Tasche. Den Titel kann ich nicht erspähen. Ich vermute, es wird J. M. Coetzees „Waiting for the Barbarians“ sein, dessen Verfilmung mit Johnny Depp am Ende des Festivals auf uns wartet.

Sant'Elena: Nur fünf Minuten fährt das Vaporetto von hier zum Lido
Sich einmal wie George Clooney fühlen
Vaporetti heißen die flachen Boote, welche die schwitzenden Touristen, die sich kein privates Wassertaxi leisten können, von Anlegesteg zu Anlegesteg in Venedig bringen. Auch bei stärkerem Wellengang hat man nie das Gefühl, dass sie untergehen könnten – auch wenn ständig noch weiter ausgelotet wird, wie viele Menschen auf solch einen Kahn passen können. Aber sitzt man erst einmal in einem dieser Dinger, alle Fenster sperrangelweit offen und die Seebrise in der Nase, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, gerade an einer fast majestätischen Beförderungsmöglichkeit teilzunehmen. So fühlt sich also George Clooney, wenn er alljährlich zum roten Teppich durch die venezianischen Kanäle chauffiert wird. Irgendetwas machen die Venezianer schon richtig.

Elia, der mich zu meinem Apartment führt, findet das nicht. Er ist ein Einheimischer. Er sagt, Venedig ist eher etwas für alte Menschen. Party machen könne man hier nicht. Da müsse man schon in Nachbarorte fahren. Elia hat Deutsch in der Schule gelernt, weil er Französisch noch weniger mochte. „Ich spreche sehr schlechtes Deutsch“, formuliert er fehlerfrei mit einem Lächeln vor sich her. Vielleicht sehe ich ihn nochmal bei den Security-Mitarbeitern des Festivals wieder, meint er. Die Festivalmeile auf dem Lido weist am Anfang und am Ende Verkehrspoller auf. Aber die dort postierten Polizisten wirken so entspannt, dass zwischen Sommerhitze und Eisessen auch nicht einmal der Hauch eines Bedrohungszenarios entsteht. Tatsächlich ist man mit zehn Schritten von der Festivalmeile am Strand angekommen. Das nennen die Italiener also ein Filmfestival? Für Besucher des frostigen Stadtfestivals in Berlin wirkt das wie eine Verhöhnung. In diesem Urlaubsparadies soll mit grimmigen Blick also Filmgeschichte geschrieben werden.

Hinter den Kulissen der Mostra: am Lido-Strand
Hier soll ich über die kommenden Oscar-Kandidaten spekulieren, sagen ob „Marriage Story“ von Noah Baumbach oder „Joker“ von Todd Phillips eher als bester Film nominiert werden. Hier soll ich also der Narrative der amerikanischen Trade Papers folgen, die Venedig-Chef Alberto Barbera für zu wenige Frauen im Wettbewerb und zu viel Roman Polanski und Nate Parker anzählen. Das ist mir zu einfach. Ich will mich generell vor keinen Karren spannen lassen, möge der Anlass auch noch so gut sein.

Ein heißer Oscarkandidat: Baumbachs „Marriage Story“
Erstes Highlight kommt aus Deutschland
Ich will mir ein eigenes Bild machen, mich auf Katrin Gebbe morgen freuen, wenn sie mit „Pelikanblut“ und Nina Hoss die Nebenreihe Orizzonti eröffnet. Dann werde ich vielleicht Barbera vorwerfen können, dass Gebbe in den Wettbewerb reingemusst hätte. Und ja, zwei Frauen in einem der wichtigsten Filmwettbewerbe der Welt sind zu wenig. Aber die 40 Prozent Regisseurinnen im Berlinale-Wettbewerb haben diesem auch nicht helfen können. Kelly Reichardt mit „First Cow“ hätte Venedig sehr gut getan. Aber der ging nach Telluride – vielleicht auch ein Stück weit wegen der Haltung von Barbera; und weil der Film noch keine US-Verleih hat.

Posen vor der 76. Mostra
Es ist mein erstes Venedig-Festival. Der Wettbewerb ist auf dem Papier sehr gut bestückt. Er muss dieses Jahr die Oscar-Last vor allem nicht allein auf seinen Schultern tragen: Telluride hat „Uncut Gems“ von den Safdie Brothers, New York hat Scorseses „The Irishman“, Toronto hat „Jojo Rabbit“ und das AFI wahrscheinlich Greta Gerwigs „Little Women“. Es werden ziemlich sicher elf tolle Tage auf dem ältesten Filmfestival der Welt werden. Ich liebe Überraschungen und eigene Entdeckungen. Ich will nicht nur das Vorgekaute und hoffe auch auf die Nebenreihen Orizzonti und vor allem Venice Days. Ich will die Filmemacher sehen, deren nächste Filme Netflix aufkaufen wird. Und ich wünsche mir, dass die italienische Mischung aus Spielfilm und Doku, „Fulci for Fake“, mindestens halb so gut ist, wie ich sie mir erträume.

Link: - Venedig-Wettbewerb 2019

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Mittwoch, 21. August 2019
„Systemsprenger“ im Oscar-Rennen

„Systemsprenger“ | © Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures
Eines der wenigen Berlinale-Highlights 2019, der Debütfilm „Systemsprenger“, tritt bei den Oscars in die Fußstapfen von „Werk ohne Autor“.

Der Film „Systemsprenger“, der im Februar seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte und den Alfred-Bauer-Preis gewann, wird von Deutschland ins Oscar-Rennen geschickt. Das Debütwerk von Nora Fingscheidt um einen kleinen Jungen, der seine Gewalt nicht kontrollieren kann, kommt am 19. September in die deutschen Kinos. Zur Konkurrenz in der finalen Runde zählten die Filme „Der Junge muss an die frische Luft“, „Der Fall Collini“, „Lara“, „Deutschstunde“, „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ und „Und der Zukunft zugewandt“.

Unter dem Vorsitz des Filmkritikers Frédéric Jaeger von critic.de entschied sich die Jury am Mittwoch für „Systemsprenger“. Regisseurin Fingscheidt sagte: „Wir fühlen uns geehrt und dankbar, dass Systemsprenger Deutschland bei den Oscars vertritt. Nach dem Silbernen Bären auf der Berlinale befindet sich unser Film auf einer weltweiten Tournee. Die erschlagenden Reaktionen der Zuschauer zeigen uns, dass Kino einen Dialog zwischen den Kulturen herstellt, weil es um Menschlichkeit geht.“ Für Negative Space gehörte „Systemsprenger“ zu den wenigen Highlights des Berlinale-Wettbewerbs 2019. Die Filmerfahrung sei eine „emotionale Achterbahnfahrt“ und komme in der Schilderung der sozialen und familiären Problemen und seiner Intensität einem Horrorfilm gleich.

Im Oktober wird die Academy eine Liste mit allen weltweiten Einsendungen für den besten internationalen Film veröffentlichen. Kurz vor Weihnachten gibt es eine Shortlist mit zehn Kandidaten. Fünf davon werden am 13. Januar 2020 für den Oscar nominiert. Die Verleihung ist am 9. Februar. Der im vergangenen Jahr von der Jury vorgeschlagene Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck wurde für einen Oscar nominiert. Davor schaffte es Fatih Akins „Aus dem Nichts“ auf die Shortlist. 2016 wurde auch „Toni Erdmann“ in der Kategorie „bester internationaler Film“ nominiert.

Link: - Systemsprenger-Kritik Berlinale 2019

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Freitag, 2. August 2019
Trailer zu Venedig-Wettbewerbsfilm „The Painted Bird“


Einer der am heißesten erwarteten Venedig-Wettbewerbsfilme 2019, „The Painted Bird“, hat einen Trailer.

„The Painted Bird“ ist ein schwarzweißes Holocaust-Drama des tschechischen Regisseurs Václav Marhoul, das Ende August im Wettbewerb von Venedig gezeigt wird. Es geht um einen jüdische Jungen, der während des Zweiten Weltkrieges sich von einem polnischen Dorf ins nächste rettet und auf unvorstellbare Gewalt stößt. Um die Romanvorlage des polnischen Autors Jerzy Kosiński gab es in den 1980er-Jahren einen Urheberstreit. Kosiński wurde des Abschreibens beschuldigt. Davor war es als eines der authentischsten Zeugnisse des Holocaust gefeiert worden – unter anderem von dem Holocaust-Überlebenden und Autoren Elie Wiesel. Im Cast vom 169-minütigen „The Painted Bird“ befinden sich Schauspieler wie Udo Kier, Stellan Skarsgard und Harvey Keitel.

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Dienstag, 30. Juli 2019
Noch zwei freie Slots in Venedig

Sandler in Venedig? | © Angela George, Wikipedia (CC BY-SA 3.0)
Scorseses „The Irishman“ wurde nicht rechtzeitig fertig und läuft jetzt in New York. Aber zwei weitere Pfeile hat Venedig noch im Köcher.

Es wird noch zwei größere Ergänzungen im Venedig-Programm geben. Das sagte Venedig-Chef Alberto Barbera gegenüber dem britischen Branchenblatt Screen Daily am 26. Juli. In der Verlosung sind unter anderem folgende drei mit Spannung erwartete Filme: „Uncut Gems“ von den Safdie Brothers mit Adam Sandler, James Mangolds Le-Mans-Film „Ford Vs. Ferrari“ mit Christian Bale und Matt Damon sowie „The Two Popes“ von Fernando Meirelles mit Anthony Hopkins als Papst Benedikt und Jonathan Pryce als Papst Franziskus.

Barbera sagte, dass er mit Ausnahme von einem Film, alles bekommen habe, was er haben wollte und rechtzeitig fertig war. Das schloss Martin Scorseses „The Irishman“ bereits aus, weil die Postproduktion-Effekte einfach zu lange dauerten und der Film jetzt einen Monat später seine Weltpremiere auf dem New Yorker Filmfestival feiern wird. Aber sehr gerne gehabt hätte er Kelly Reichardts neuen Film „First Cow“, den die Produktionsfirma A24 lieber exklusiv in den USA auf dem Telluride Festival zeigt, da es noch keinen US-Verleih gibt.

Die 76. Mostra findet vom 28. August bis 7. September statt. Jurypräsidentin ist die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, Ehrenpreisträger der spanische Regisseur Pedro Almodóvar. In den Wettbewerb eingeladen sind bereits neue Filme von Roman Polanski, Olivier Assayas, Kore-eda Hirokazu, James Gray, Steven Soderbergh, Ye Lou, Noah Baumbach, Pablo Larraín und Ciro Guerra.

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Donnerstag, 25. Juli 2019
Venedig-Wettbewerb veröffentlicht

Gong Li in „Saturday Fiction“ | © Ying Films
Hollywood, Netflix, Roman Polanski, der Superhelden-Schurke „Joker“ und die starken Lateinamerikaner lassen auf einen großen Wurf des Venedig-Wettbewerbs 2019 hoffen.

Die deutsche Regisseurin Katrin Gebbe („Tore tanzt“) hat es mit ihrem Film „Pelikanblut“ dann doch nicht in den Wettbewerb geschafft. Aber eigentlich sollte man es feiern, dass sie in der zweitwichtigsten Reihe, der Orrizonte, läuft. Als Frau in den inzwischen wieder so wichtigen Wettbewerb von Venedig zu kommen, bei dem sich die Auteurs nur so drängeln, ist eine echte Herausforderung. Im Vergleich zum Vorjahr steigerte Venedig-Chef Alberto Barbera seine Quote um 100 Prozent. Anstatt nur die Australierin Jennifer Kent („The Nightingale“) einzuladen, gibt es dieses Jahr die erste Saudi-Araberin, Haifaa Al Mansour, die einen Film in ihrer Heimat drehen durfte. „The Perfect Candidate“ ist eine deutsche Co-Produktion mit der Berliner Produktionsfirma Razor Film und dem NDR. Dazu kommt im Wettbewerb die australische Debütantin Shannon Murphy mit ihrem Film „Babyteeth“.

Eigentlich weiß man bei diesem Wettbewerb gar nicht, wo man anfangen soll. Er ist zu attraktiv und vielseitig. Es gibt offene Geschichten, Filme, die nicht laufen, Geheimtipps und Netflix. Es wäre zu einfach, von den Hollywoodfilmen zu schwärmen: James Grays Sci-Fi-Film „Ad Astra“ mit Brad Pitt, Noah Baumbachs Familiendrama „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson und Adam Driver, Steven Soderberghs „The Laundromat“ über die Panama Papers mit Meryl Streep und Todd Phillips' „Joker“ mit Joaquin Phoenix. Das sind die Filme, welche die Schlagzeilen und Klicks bringen und den Oscar Buzz haben. Keine Frage – die werden viel Spaß machen.
Punk Rocker Todd Phillips
Mittlerweile bin sogar ich schon auf Phoenix' Joker gespannt. Das will was heißen, weil ich Superhelden selten so langweilig wie 2019 fand. Aber irgendetwas jenseits des Wettbewerbsslot sagt mir, dieser „Joker“ wird besonders. Vielleicht weil der Regisseur Phillips vor den „Hangover“-Filmen und „Road Trip“ die ziemlich unfassbar Dokumentation „Hated: GG Allin & the Murder Junkies“ gedreht hat. Viel mehr Punk Rock als GG Allin geht nicht. Möglicherweise findet sich von diesem anarchischen Geist etwas in Phillips' Film wieder.

Über die Entscheidung, Roman Polanski mit dem Dreyfus-Affäre-Film „An Officer and a Spy“ in den Wettbewerb einzuladen, wird aufgrund von #metoo bereits jetzt in den Trade Papers die Nase gerümpft. Tatsächlich ist das Werk mit Jean Dujardin einer meiner Most-Wanted-Filme des Herbstes. Wieder arbeitet Polanski mit dem „Ghost Writer“-Drehbuchautor Robert Harris zusammen. Der Prozess um Antisemitismus im Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts ist hochspannend. Man könnte sogar sagen, dass er den Zionismus mitbegründete, weil sich Theodor Herzl durch die Ungerechtigkeit zu seiner Bewegung inspirieren ließ. Dazu habe ich sehr viel Lust auf den neuen Pablo-Larraín-Film „Ema“, der toll aussieht. Ye Lou Schwarzweiß-Poem „Saturday Fiction“ mit Gong Li wurde bereits für die Berlinale gehandelt. Es ist zu hoffen, dass die chinesische Zensur nicht doch noch zwischen die Weltpremiere auf der Mostra kommt.
Lokaler Geheimtipp Marcello
Ansonsten natürlich auch viel Vorfreude auf Roy Andersson („About Endlessness“), Olivier Assayas („Wasp Network“), den Eröffnungsfilm „The Truth“ und Jonfans eleganten Anime „No. 7 Cherry Lane“. Viel Buzz bekommt der Italiener Pietro Marcello mit seinem Film „Martin Eden“, weil sein Vorgängerfilm „Lost and Beautiful“ so großartig gewesen sein soll. Auch bin ich sehr gespannt auf das Holocaust-Drama „The Painted Bird“ des tschechischen Regisseurs Václav Marhoul. Und „Waiting for the Barbarians“ des kolumbianischen Regisseurs Ciro Guerra nach einem Roman von J. M. Coetzee klingt auch toll. Ja, das kann ein großes Fest werden – auch ohne Scorsese und die Safdie Brothers.

Die 76. Mostra findet vom 28. August bis 7. September statt. Jurypräsidentin ist die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, Ehrenpreisträger der spanische Regisseur Pedro Almodóvar. Wir berichten live vor Ort.

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