Donnerstag, 17. April 2014
Cannes-Programm 2014

© Lagency / Taste, Paris
Die deutsche Schlagzeile wird lauten: Kein deutscher Regisseur im Wettbewerb von Cannes. Da das aber der Normalzustand ist, bedarf es eigentlich nicht mehr einer künstlichen Aufregung. Obwohl mich schon sehr interessiert, warum Fatih Akin so kurz vor der Verkündung seinen Film zurückgezogen hat und wann Christian Petzolds "Phoenix" auf der Strecke blieb, so dass es nicht einmal für die Un Certain Regard-Reihe reichte. Wenn keine Ergänzungen mehr erfolgen, scheint mir das mit nur 18 Filmen der dünnste Cannes-Wettbewerb seit langer, langer Zeit zu werden. Der Feminismus-Counter zählt genau zwei Frauen in der prestigeträchtigsten Reihe. Aber mein Blick wandert sowieso mehr in die Un Certain Regard-Liste, nachdem sie uns letztes Jahr so reichhaltig beschenkte ("The Missing Picture", "Der Fremde am See", "Bastards", "Norte"). Da könnte man sich filmpatriotisch über Wim Wenders freuen, wenn man sich denn nicht noch so gut an das "Palermo Shooting"-Debakel erinnerte. Jean-Luc Godard lebt, sogar im Wettbewerb, auch wenn er sich offenbar von der gesprochenen Sprache verabschieden will. Kein Wettbewerb für Cine-Hipster aka US-Blogger, überwiegend gute alte Auteur-Schule. Viel Frankreich, was ich gut finde. Lasst das Stöbern beginnen!

Competition:

LEVIATHAN - ANDREY ZVYAGINTSEV
WILD TALES - DAMIAN SZIFRON
TIMBUKTU - ABDERRAHMANE SISSAKO
LE MERAVIGLIE - ALICE ROHRWACHER
FOXCATCHER - BENNETT MILLER
JIMMY’S HALL - KEN LOACH
MR TURNER - MIKE LEIGH
FUTATSUME NO MADO - NAOMI KAWASE
THE HOMESMAN - TOMMY LEE JONES
THE SEARCH - MICHEL HAZANAVICIUS
ADIEU AU LANGAGE - JEAN-LUC GODARD
CAPTIVES - ATOM EGOYAN
MOMMY - XAVIER DOLAN
DEUX JOURS, UNE NUIT - JEAN-PIERRE & LUC DARDENNE
MAPS TO THE STARS - DAVID CRONENBERG
WINTER SLEEP - NURI BILGE CEYLAN
SAINT LAURENT - BERTRAND BONELLO
SILS MARIA - OLIVIER ASSAYAS

Out of Competition:

GRACE OF MONACO - OLIVIER DAHAN (Opening Film)
GUI LAI - ZHANG YIMOU
HOW TO TRAIN YOUR DRAGON 2 - DEAN DEBLOIS

Un Certain Regard:

PARTY GIRL (Opening Film)
JAUJA - LISANDRO ALONSO
LA CHAMBRE BLEUE - MATTHIEU AMALRIC
INCOMPRESA - ASIA ARGENTO
TITLI - KANU BEHL
ELEANOR RIGBY - NED BENSON
BIRD PEOPLE - PASCALE FERRAN
LOST RIVER - RYAN GOSLING
AMOUR FOU - JESSICA HAUSNER
CHARLIE’S COUNTRY - ROLF DE HEER
SNOW IN PARADISE - ANDREW HULME
DOHEE-YA - JULY JUNG
XENIA - PANOS KOUTRAS
RUN - PHILIPPE LACÔTE
TURIST - RUBEN ÖSTLUND
HERMOSA JUVENTUD - JAIME ROSALES
THE SALT OF THE EARTH - WIM WENDERS & JULIANO RIBEIRO SALGADO
FANTASIA - WANG CHAO
HARCHECK MI HEADRO - KEREN YEDAYA

Directors' Fortnight:

ALLELUIA by Fabrice DU WELZ
NEXT TO HER (AT LI LAYLA) by Asaf KORMAN
GIRLHOOD (BANDE DE FILLES) by Céline SCIAMMA
CATCH ME DADDY by Daniel WOLFE
COLD IN JULY by Jim MICKLE
FIGHTERS (LES COMBATTANTS) Thomas CAILLEY
GETT - THE TRIAL OF VIVIANE AMSALLEM, Ronit & Shlomi ELKABETZ
THE STORY OF PRINCESS KAGUYA by Isao TAKAHATA
A HARD DAY (KKEUT-KKA-JI-GAN-DA) by Seong-Hun KIM
EAT YOUR BONES (MANGE TES MORTS) Jean-Charles HUE
NATIONAL GALLERY by Frederick WISEMAN
LI’L QUINQUIN (P’TIT QUINQUIN) by Bruno Dumont
PRIDE by Matthew WARCHUS
QUEEN AND COUNTRY by John BOORMAN
REFUGIADO by Diego LERMAN
THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE by Tobe HOOPER
THESE FINAL HOURS by Zach HILDITCH
TU DORS NICOLE by Stéphane LAFLEUR
WHIPLASH by Damien CHAZELLE

Critics' Week

“Making Love” (Djinn Carrenard)
“Breathe” (Melanie Laurent)
“The Kindergarten Teacher” (Nadav Lapid)
“Darker Than Midnight” (Sebastiano Riso)
“Gente de bien” (Franco Lolli)
“Hope” (Boris Lojkine)
“It Follows” (David Robert Mitchell) *
“Self Made” (Shira Geffen)
“The Tribe” (Myroslav Slaboshpytskiy)
“When Animals Dream” (Jonas Alexander Arnby) *
“Hippocrate” (Thomas Lilti)

Midnight Screening:

THE ROVER - DAVID MICHOD
THE SALVATION - KRISTIAN LEVRING
PYO JEOK - CHANG

Special Screening:

EAU ARGENTÉE - MOHAMMED OSSAMA
MAIDAN - SERGEI LOZNITSA
RED ARMY - POLSKY GABE
CARICATURISTES – FANTASSINS DE LA DÉMOCRATIE - STEPHANIE VALLOATTO
LES PONTS DE SARAJEVO, film chorale

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Freitag, 11. April 2014
Tarantino-Tribut für Jerry Lewis

Zu heiß gebadet, Jerry?
Diesen Samstag, den zwölften April, widmet der Regisseur Quentin Tarantino der amerikanischen Komiker-Legende Jerry Lewis gleich vier, für die Öffentlichkeit kostenlos zugängliche Kinovorführungen im New Beverly Cinema. Anlässlich Jerrys ehrenvoller Fußabdruck-Verewigung vor dem Chinese Theatre lässt sich der Regisseur nicht lumpen und zaubert aus seinem 35mm-Archiv "At War with the Army", "Hollywood or Bust", "Don't Give Up the Ship" und "Boeing Boeing" auf die Leinwand zurück. Tarantino hat sich in seiner Karriere immer wieder tief vor Jerry Lewis, den er als Nationalheiligtum bezeichnet, verbeugt, am deutlichsten wohl in der Rolle des Bellboy in "Four Rooms". Und auch "Boeing Boeing", eine ganz wundervolle Screwball Comedy aus den 1960er-Jahren, in der Tony Curtis einmal Lewis an die Wand spielen darf, war regelmäßig Teil des eigenen QT-Film-Festivals. Ich nehme vor allem die mir noch unbekannten "At War with the Army" und "Don't Give Up the Ship" als Anregungen mit, nachdem die Viennale im letzten Jahr mit ihrer umfassenden Retrospektive bereits ganze Arbeit geleistet hatte.

Link: - At War with the Army

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Montag, 31. März 2014
Quartals-Top Ten 2014: Vol. 1

"Blackfish": Ein snuffiger Greenpeace-Propagandastreifen für alle
Top-5:

01. DAS LIED VON EIS UND FEUER – George R. R. Martin
02. NYMPH()MANIAC: VOL. 2 - Lars von Trier
03. BLUTGLETSCHER - Marvin Kren
04. BLACKFISH - Gabriela Cowperthwaite
05. THE GRAND BUDAPEST HOTEL - Wes Anderson
Kommentar: Ich habe praktisch noch nichts gesehen. Was mich aber nicht davon abhält, eine Quartalsliste aufzustellen. Wenn ich denn die ersten drei Monate konstant am Ball geblieben bin, dann nur bei der TV-Serie "Community" und der epischen George R. R. Martin-Saga "Das Lied von Eis und Feuer". Ich fand "Nymphomaniac: Vol. 1" sogar noch einfältiger psychologisiert als "Feuchtgebiete". Wenn ich mir schon die mutzenbacher'schen Flegeljahre einer jungen Frau gebe, dann doch gleich von Meistern ihres Faches wie Kurt Nachmann oder Hans Billian. Der zweite Teil dagegen ist von Trier ziemlich meisterlich gelungen. Als ob aus Helen Memel zuerst die Klavierspielerin Isabelle Huppert wird, die später noch in Christina 'They Call Her One Eye' Lindberg morpht. Eine optische wie auch entwicklungstechnische Metamorphose, die mich deutlich mehr interessiert hat. Und der Film hat das witzigste Ende seit langer, langer Zeit. Dass Marvin Kren was kann, zeigte er mir bereits mit dem Micro-Budget-Zombie-Fernsehspiel "Rammbock". "Blutgletscher" ist die konsequente Fortführung dieses Talents, ein Film, der dem Horror wieder einen Körper schenkt. "Blackfish" hatte ich mir dagegen nur angesehen, weil Tieraktivisten im Netz das Gerücht verbreiteten, Wladimir Putin wolle zur Eröffungsfeier in Sotschi Schwertwale das Olympische Feuer anzünden lassen. Pustekuchen. "Blackfish" aber war dann eine Nature-Strikes-Back-Variante der snuffigen "Gesichter des Todes"-Reihe. Aufgezogen wie ein Greenpeace-Propagandastreifen und vielleicht gerade deswegen so faszinierend. Wahrlich ist das ein Reigen aus wackeligen Amateur-Kameraaufnahmen des Grauens, die den Atem stocken lassen. "The Grand Budapest Hotel" empfand ich in seiner deutschen Synchro leider nur als einen schwächeren Wes Anderson-Film, der trotzdem noch meilenweit über Oscar-Schlonz wie "American Hustle", "Twelve Years a Slave" oder "Wolf of Wall Street" thront. Der Versuch zählt, Wes, einen "Tim & Struppi" wie Filmgott Lubitsch gedreht haben zu wollen!

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Sonntag, 23. März 2014
Anixe mausert sich zum Krautploitation-Sender

"Man fasst es nicht!" (Pepe Nietnagel)
Anixe, ein Sender, den die meisten wahrscheinlich gar nicht und wenn doch, dann nur ganz weit hinten auf ihrem Receiver eingespeichert haben, widmet sich fortan dem deutschen Genrekino. Das ist insoweit erfreulich, weil die Spielfilm-Slots auf anderen bekannteren Sendern immer mehr von amerikanischen TV-Serien verstopft werden. Montags ist Klassiker-Tag, dienstags gibt es mit Edgar Wallace (zu Anfang zwei der besten, nämlich "Die blaue Hand" sowie "Das Gesicht im Dunkeln") und Jerry Cotton gleich zwei berüchtigte Krimi-Reihen, mittwochs laufen Heimatfilme, donnerstags Komödien und am Freitag Liebesfilme jeweils zur besten Sendezeit. Über die Jahre hat man sich ja den ein oder anderen deutschen Auteur draufgeschafft, dessen Œuvre man jetzt wieder regelmäßig in vollen Zügen überprüfen kann: ob jetzt Helmut Käutners Neuinterpretation von "Die Feuerzangenbowle" mit Walter Giller und Uschi Glas oder Franz Josef Gottliebs Götz George-Geburtsthilfe bei "Ferien mit Piroschka". Die Nachricht ist schon ein paar Tage alt. Aber weil ich heute ein bisschen in "Die Lümmel von der ersten Bank" im BR reingezappt und wahnsinnig viel Spaß hatte, sei hier noch mal darauf hingewiesen.

Link: - Anixe-Filme

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Mittwoch, 19. März 2014
Filmzeitschrift SGE#24 macht Steadycam Konkurrenz

Happy Birthday, Ol’ Dirty Bastard!
Der SGE-Namenspatron Sigi Rothemund alias Siggi Götz feierte seinen siebzigsten Geburtstag. So ließ sich das Film- und Glamour-Magazin SigiGötz-Entertainment nicht lumpen, organisierte am 14. März im Münchner Werkstattkino eine Galavorführung seines Films "Es war nicht die Nachtigall" und widmete ihm im aktuellen Heft einen ausführlichen Schwerpunkt, den auch die altehrwürdige Filmpostille Steadycam nicht schöner hätte gestalten können. Namhafte Cineasten wie Silvia Szymanski, Sebastian Selig, Christoph Huber, Klaus Lemke, Thomas Groh, das Hofbauer-Kommando und Rolf Aurich würdigen das Werk auf ganz unterschiedliche Weise. Und auch ich hatte das Glück, einen kleinen Text beisteuern zu dürfen. Besonders gelobt werden muss an dieser Stelle natürlich auch das schonungslose Ulrich Mannes-Interview mit der ehemaligen Erotikdarstellerin Sylvie Engelmann, das noch mal einen ganz anderen Blick auf die damalige Sexfilmwelle in Deutschland zulässt. In anderen Worten: Kauft das neue SigiGötz-Entertainment-Heft! Es kostet nur drei Euro, ist aber so wertvoll wie mindestens zehn Empire-Ausgaben!

Link: - SGE bestellen

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Freitag, 7. März 2014
South By Southwest-Ticker 2014
Für zwei, drei Genre-Filmtipps ist das SXSW in Austin eigentlich immer gut. Die letzten beiden Jahre waren dagegen etwas dünn gesät. Einzig und allein "The Cabin in the Woods" wurde entdeckt und entpuppte sich dann bei Licht betrachtet als ziemlicher Stinker für Horror-Newbies. Dafür bleibt das Jahr 2011 noch lange im Gedächtnis, als sowohl "Kill List" als auch "The Innkeepers" hier ihre Weltpremieren feierten. Am meisten gespannt bin ich auf den Daniel Stamm-Film "13 Sins" und das "Stand By Me"-Projekt der "Inside"-Macher Alexandre Bustillo und Julien Maury, das "Among the Living" heißen soll.


★★★

"The Infinite Man" (Hugh Sullivan): "Imagine if Edgar Wright remade TIMECRIMES as a smart & sensitive Australian romantic comedy. Je t'aime je t'aime." (David Ehrlich, Badass Digest) "A smart, funny and oddly romantic indie film." (Mark Adams, Screen Daily) "A lightweight comic fantasy [A-]." (Eric Kohn, indieWIRE)

★★

"Neighbors" (Nicholas Stoller): "NEIGHBORS is heartfelt, hysterical and all kinds of messed up." (Eric Vespe, Aintitcool) "Nicholas Stoller's latest is also his best." (Drew McWeeny, HitFix)



"Chef" (Jon Favreau): "Watching CHEF on an empty stomach was the dumbest thing I've done this year. Wins the Oscar for Grilled Cheese Closeups." (Edgar Wright, "Shaun of the Dead"-Regisseur) "CHEF is a hit. Also made me very confused as to how I've ever had consensual sex (for free!) despite barely being able to cook cereal." (David Ehrlich, Badass Digest) "Favreau's CHEF has a heart the size of Texas." (Drew McWeeny, HitFix) "Favreau's CHEF is a real crowd pleaser, a throwback to simple, fun character-driven indies. Plus copious amounts of food porn." (Eric Vespe, Aintitcool) "CHEF may be my favorite Favreau flick, that said I'm fucking drooling starving now!" (Harry Knowles, Aintitcool) "A lightweight but high-calorie confection." (Joe Leydon, Variety) "Favreau hasn't made a game-changing meal to remember, but a perfect chocolate lava cake." (Amy Nicholson, L.A. Weekly)

[Nachtrag ,16.03.: Na, das war wohl wieder leider nütschts, kleines South-By-Southwest-Fest!]

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Mittwoch, 5. März 2014
Terza Visione - 1. Festival des italienischen Genrefilms
Filmhaus und KommKino Nürnberg präsentieren unter außerordentlicher Mitwirkung des geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega vom 25. bis 27. April das erste Festival des italienischen Genrefilms. Alle Filme werden in 35mm-Kopien zu sehen sein. Das Filmhauskino Nürnberg findet man in der Königsstraße 93. Reservierungen für die Dauerkarte bitte unter info@kommkino.com. Einzeltickets kosten 6,50 Euro, die Dauerkarte 54 Euro. Erfahrungsgemäß lohnen vor allem die Buio Omega-Raritäten, aber auch ansonsten sieht das nach einer wohl kalkulierten Mischung aus Italo-Meilensteinen und schmackhaften Entdeckungen aus. Allein, um einmal eine Edwige Fenech-Sexkomödie auf großer Leinwand und mit diesem euphorisierenden Publikum zu sehen, lohnt schon der Trip:

Freitag, 25.04.

19.00 Uhr DIE MÖRDERKLINIK - Elio Scardamaglia
21.15 Uhr WILLKOMMEN IN DER HÖLLE - Cesare Canevari
23.30 Uhr DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES - Armando Crispino

Samstag, 26.04.

12.30 Uhr DAS BITTERE LEBEN - Damiano Damiani
15.00 Uhr WEHE, WENN DIE LUST UNS PACKT - Mariano Laurenti
17.00 Uhr MACISTE IM KAMPF MIT DEM PIRATENKÖNIG - Dom Paolella
21.15 Uhr BUIO OMEGA ÜBERRASCHUNGSFILM - Ein Zombiespektakel
23.30 Uhr BUIO OMEGA ÜBERRASCHUNGSFILM - Strudel der Erotik

Sonntag, 27.04.

12.30 Uhr BUIO OMEGA ÜBERRASCHUNGSFILM - Ein Rififi-Vergnügen
15.00 Uhr MONDO INFAME - Roberto Bianchi Montero
17.00 Uhr DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani
21.15 Uhr JÄGER DER APOKALYPSE - Antonio Margheriti

Links: - KommKino - Größerer Flyer, - Buio Omega

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Montag, 24. Februar 2014
Der heiße deutsche Filmpodcast-Report - Was Eltern wirklich wissen sollten

Auch Barry Bostwick ("Megaforce") gibt ein Kussdaumenhoch
Ich bin riesiger Podcast-Fan und halte sie ernsthaft für die intravenöse Unterhaltungskunst unserer Zeit. Meine Generation wuchs noch mit den alten „Hui Buh“-Schallplatten der älteren Geschwister auf und besaß dann schon selbst eine unüberschaubare Anzahl von Hörspielkassetten. Populäre Reihen wie „Jan Tenner“, „Masters of the Universe“ oder „Bibi Blocksberg“ schulten unsere Ohren. Aber für dieses auditive Bedürfnis gab es leider lange keine neue Nahrung. Aus dem Kassettenzeitalter entwuchs man – nur die Prägung blieb. Erst jetzt, im fortgeschrittenen Internetzeitalter, entwickelte sich mit den Podcast eine Unterhaltungsform, die ein Äquivalent zu den Lagerfeuererfahrungen von damals schafft.

Podcasten bedeutet Reduktion auf das Wesentliche. Es gibt keine Ablenkung durch Oberflächenreize. Hier zählen nur Fachwissen, Meinung, Argumentation und Überzeugungskraft. Außerdem ist es heute beinahe für jeden Menschen mit Computer ohne großen Aufwand technisch machbar. Als Cineast interessieren mich dabei immer schon vorrangig die Filmpodcasts. Fündig wurde ich in den USA. Zuerst gab es, von einigen kurzlebigen Experimenten abgesehen, hauptsächlich online gestellte Radioshows wie etwa die The Treatment-Sendung des ehemaligen New York Times-Kritikers Elvis Mitchell. Den ersten allwöchentlichen Filmpodcast in Reinkultur, wie man sie heute kennt und schätzt, entdeckte ich dank eines Tipps des Giga-Forum-Users Hase zum „Indiana Jones 4“-Kinostart. Der Slashfilmcast war im Grunde genommen meine damalige Idealvorstellung eines geekigen Endlos-Talks, den man während des Sports, beim Essen oder auf Reisen anstellen konnte. Der Unterhaltungswert der Gespräche stieg interessanterweise mit der Abnahme der filmischen Qualität. Cineastische Dürreperioden, wie etwa die Sommerblockbuster-Jahreszeit, wurden so stark aufgewertet.

Das war im Jahr 2008. Schnell schafften sich, dem Vorbild folgend, auch viele andere amerikanische Filmblogs ihre Nerd-Special-Force an, die kompensierte, was die Blogbetreiber bis dahin vermissen ließen. Eine Inflation des gesprochenen Wortes über Superheldenverfilmungen und HBO-Serien setzte ein. Und nach all den Jahren sind heute gewisse Abnutzungserscheinungen nicht von der Hand zu weisen: Podcast-Mitglieder wurden wegen sozialer Verpflichtungen ein- oder ausgewechselt und Aversionen zwischen Teilnehmern geprägt und weiterentwickelt. Podcasts wie The Film Talk wurden wegen schwerer Erkrankung vorübergehend auf Eis gelegt. Es gab Urheber-Kleinkriege zwischen den Machern und Blogbetreibern wie im Falle von Operation Kino, der neugegründet jetzt Fighting in the War Room heißt. Im Falle des aufgelösten IFC-News-Podcasts verloren die Moderatoren Matt Singer und Alison Willmore gleich ganz ihre Arbeitsplätze und dürfen heute nur noch über Video on Demand-Veröffentlichungen bei Filmspotting SVU parlieren.

Während in den USA also mehr pflichtschuldig die Gespräche auf Autopilot weiterliefen, schwappte das Podcast-Phänomen auch nach Deutschland rüber. Wie Pilze schossen gerade in den letzten Monaten deutschsprachige Filmpodcasts aus dem Boden. Dabei gilt die alte Faustregel, dass popkulturelle Entwicklungen aus Übersee immer ein paar Jahre brauchen, bis sie in unseren Breitengraden Entsprechungen finden. Bezeichnenderweise stammten die ersten richtig brauchbaren deutschen Filmpodcasts, die es vom Unterhaltungsfaktor ziemlich zeitnahe mit den amerikanischen Pendants locker aufnehmen konnten, aus dem Gaming-Umfeld. Die Hamburger Rocket Beans-Clique, die sich vornehmlich aus ehemaligen Mitarbeitern des Senders Giga speist und unter anderem die TV-Show „Game One“ produziert, waren so gesehen deutsche Pioniere, da deren Plauschangriff bereits seit 2009 hochgeladen wird. Filmthemen waren dort immer wieder gern genommene Ausnahmen von der Regel. Es folgten zahlreiche hörenswerte Spin-off-Projekte wie das Audiokommentar-Projekt Audioflick, die Podcast-taugliche Studiosendung Almost Daily oder filmaffine Solo-Projekte wie der Gedankensprung oder die Sexy Cripples. Neuerdings haben die Raketenbohnen aber auch wieder – der guten alten Tradition folgend – mit Kino+ ein eigenes Filmmagazin am Start.

Daran anknüpfend gründeten User des Maniac-Forums 2010 die Celluleute. Mit der Zeit kristallisierten sich dort vier Stammkräfte heraus, deren Spannungsfeld vor allem von den unterschiedlichen Filmhorizonten der Beteiligten zehrt. Es sind dann auch immer wieder Verweise in den Filmpodcasts selbst, die zu weiteren Podcast-Entdeckungen führen: Man hört zum Beispiel den Wollmilchcast, der eine ganz exzellente Helmut Käutner-Besprechungsreihe sein Eigen nennt. Die Moderatorin nimmt zusätzlich mit Freunden den „Community“-Podcast Pillows and Blankets auf. Die daran Beteiligten wiederum tauchen gleichzeitig in Podcasts wie Die Abspanner und Wasting Away auf oder empfehlen nebenbei Bernd Begemanns Filmpodcast-Projekt Die Flimmerfreunde. Auch ein naheliegende Verquickung sind TV-Podcasts, die im Filmressort wildern. Die Serienjunkies bezeichnen sich mittlerweile auch als Filmjunkies und treiben den Anglizismen-Counter in schwindelerregende Höhen. Meistens sind aber die flachen Abstecher in die Filmwelt von Medienpodcasts wie Quotenmeter oder Medienkuh eher zum Vergessen. Mehr erwarte ich mir dahingehend vom Quotenmeter-Ableger Coopers Kaffee, bei dem sich die wertvollsten Mitglieder selbstständig gemacht haben und demnächst durchstarten wollen. Jedenfalls findet man heute, einige Jahre nach der US-Welle, überall, wo man hinklickt, deutsche Podcast-Projekte.

Es kann einfach kein Zufall sein, dass die derzeit beste deutsche Unterhaltungssendung eine Radioshow namens Sanft und Sorgfältig ist, die von den beiden Moderatoren-Supernasen Olli Schulz und Jan Böhmermann wie ein Podcast produziert wird. Die Musik zwischen den Gesprächsblöcken wählt die Redaktion aus, die Moderatoren kümmert sie nicht, weil sie wissen, dass sie später – in der von den Zuhörern bevorzugten Podcastform – wieder herausgeschnitten wird. Und letztlich ist Sanft und Sorgfältig ja auch eine Art Filmpodcast, da die beiden hauptsächlich über die Fernsehbranche ablästern, die in Deutschland nahezu gleichbedeutend mit der hiesigen Kinoindustrie ist. Was mir im Spektrum der deutschsprachigen Filmpodcasts aber noch fehlt, sind Projekte, die sich von der Tagesaktualität und den US-Blockbustern freimachen und sich voll und ganz der Filmgeschichte widmen können. Die Eskalierenden Träumer, die unter anderem die wundervollen Hofbauer-Kommando-Kongresse organisieren, scheinen dafür geradezu prädestiniert zu sein. Haben sie doch eine regelmäßig stattfindende Veranstaltung, von der aus sie per Podcast noch viel besser neu entdeckte oder wieder ausgegrabene Filmperlen propagieren könnten.

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Mittwoch, 5. Februar 2014
Berlinale-Ticker 2014

China-Boom: Neo-Noir "Black Coal, Thin Ice" © Fortissimo Films
Absteigend aufgelistet sind hier die Berlinale-Filme 2014, die mich persönlich am meisten interessieren. Die eigene Vorfreude wie auch das Kritiker-Feedback vor Ort sorgen für die Abstufungen, die ich mit Sternen kenntlich mache. Filme, die auf anderen Festivals wie Sundance bereits entdeckt wurden, führe ich mit Kommentaren nicht noch mal gesondert auf (z. B. Boyhood, Blind, What We Do in the Shadows, Kumiko). Auch Most-Wanted-Filme wie "Snowpiercer" oder "Nymphomaniac", die ihren offiziellen Kinostart bereits vor der Berlinale erlebten, nenne ich nicht. Der Ticker wird mehrmals täglich upgedated:

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Most-Wanted 2014:

01. The Grand Budapest Hotel - Wes Anderson
02. Der Samurai - Till Kleinert
03. Black Coal, Thin Ice - Yi'nan Diao
04. Kraftidioten - Hans Petter Moland
05. Kreuzweg - Dietrich Brüggemann
06. Praia do Futuro - Karim Ainouz
07. Die geliebten Schwestern - Dominik Graf
08. The Kidnapping of Michel Houellebecq - Guillaume Nicloux
09. The Midnight After - Fruit Chan
10. The Second Game - Corneliu Porumboiu

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★★★★★

"The Grand Budapest Hotel" (Wes Anderson): "Think Tintin directed by Ernst Lubitsch." (Robbie Collin, The Telegraph) "Wistful as ever but maybe Wes Anderson's best." (Nick James, Sight & Sound) "Anderson’s most fun film since RUSHMORE." (Dave Calhoun, TimeOut) "It reaches a stratospheric climax in Wes Anderson's body of work." (Cédric Succivalli, ICS) "A vibrant and imaginative evocation of a bygone era, with a brilliant lead performance from Ralph Fiennes that lends Anderson’s latest exercise in artifice a genuine soul." (Justin Chang, Variety) "It's a Wes Anderson movie about Wes Anderson movies and holy shit is it great." (David Ehrlich, Badass Digest) "Dizzy, chintzy and improbably touching." (Guy Lodge, InContention) "Compared to heartfelt MOONRISE KINGDOM, Wes Anderson’s THE GRAND BUDAPEST HOTEL is a lark, but what an elaborately entertaining lark it is." (David Hudson, Fandor) "In a very appealing if outre way, its sensibility and concerns are very much those of an earlier, more elegant era." (Todd McCarthy, THR) "An opulent and strangely moving caper movie." (David Jenkins, Little White Lies) "A marzipan monstrosity." (Stephanie Zacharek, Village Voice) "It’s the most intensely pleasurable curtain-raiser in recent Berlinale history, if not ever. Compared with the grimy liqueur that often gets chosen, it’s like a magnum of house champagne." (Tim Robey, The Telegraph) "Anderson [hat] wieder einmal nach Herzenslust gespielt, gebastelt, schwadroniert, gemalt, und – ganz wunderbar – erzählt." (Brigitte Häring, Sennhauser) "Everything about THE GRAND BUDAPEST HOTEL is a welcome dose of originality." (Eric Kohn, indieWIRE)

[Womöglich der würdigste Berlinale-Eröffnungsfilm der Kosslick-Ära. Noch passender als "The Grandmaster" oder "La Vie en Rose". Ich hatte "Moonrise Kingdom" 2012 auf Platz zwei, hätte "The Grand Budapest Hotel" auch sehen wollen, wenn er verrissen worden wäre. Dazu kommen jetzt Lubitsch, Stefan Zweig und Ruritanien.]

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★★★★½

"Der Samurai" (Till Kleinert): "I'm stunned by the first Berlinale genre masterpiece, best described as DRESSED TO KILL through a Jörg Buttgereit filter. Every genre film festival will want this movie, only the brave will dare show it." (Alan Jones, Fright Fest) "DER SAMURAI gefällt in einer im deutschen Kino selten gesehenen Konsequenz des Exzesses." (Danny Gronmaier, Critic) "Durchaus in Sichtweite zu den bizarren Sudeleien eines Takashi Miike." (Thomas Groh, Perlentaucher) "Ein herrlich blutiger Film." (Patrick Wildermann, Tagesspiegel) "Ein homoerotisch aufgeladener Coming-of-Age-Revenge-Film, alptraumhafter Thriller und wildes Märchen." (Björn Helbig, Kino-Zeit)

[Wäre aufgrund der Bilder und der Hintergrundgeschichte mein einziger Midnight-Geheimtipp gewesen. Umso schöner, dass ihn Fright Fest-Chef Alan Jones gleich am ersten Tag für sich entdeckte.]

"Black Coal, Thin Ice" (Yi'nan Diao): "Brilliantly directed chinese MEMORIES OF MURDER with an oblique focus on gender. Might be that film's equal." (David Ehrlich, Badass Digest) "Sometimes-brilliant neo-noir undone by diffuse script + femme fatale's Paul Dano-ness." (Neil Young, THR) "Occasionally brilliant spin on film noir and femme fatale that goes downhill after a good first half." (Janz Anton-Iago, The Moviejerk) "Perhaps the most innovative of the Chinese films creating buzz in Berlin, it's a salute to the classic Hollywood film noir and an exciting stylistic tour-de-force." (Deborah Young, THR) "The unadorned, unflattering, raw and lifelike portrait of a mid-size Northern Chinese town in winter." (Dan Fainaru, Screen Daily) "Ein Genrefilm, der Funken schlägt." (Michael Kienzl, Critic) "The standout of Berlinale's China-heavy competition is Diao Yinan's gripping art-house noir, BLACK COAL, THIN ICE." (Scott Foundas, Variety) "A consistently entertaining noir policier." (Geoff Andrew, Sight & Sound) "Meisterliches Genrekino." (Felicitas Kleiner, Filmdienst) "An atmospheric serial-killer mystery that's part genre spin and part stylised psychodrama." (Derek Elley, Film Business Asia) "My Berlinale-favs in competion: BOYHOOD, BLACK COAL, THIN ICE, '71, THE GRAND BUDAPEST HOTEL." (Dominik Kamalzadeh, Standard)

[Ich liebe den Filmtitel. Die wenigen veröffentlichten Szenen und Bilder wirken magisch. Chinesisch dominiert war die Berlinale nicht, aber gewisse Duftmarken scheinen sie schon gesetzt zu haben.]

"Kraftidioten" (Hans Petter Moland): "An engaging mix of strikingly snowy Norwegian revenge thriller & dry black comedy." (Geoff Andrew, Sight & Sound) "That was badass! Stellan Skarsgård goes all out revenge in snowy Norway. Very dark, brutally dark humor abound." (Alex Billington, FirstShowing) "Loved IN ORDER OF DISAPPEARANCE. Terrific Nordic gangster noir, with humour as dry as ice. Skarsgård channels Clint Eastwood." (Janz Anton-Iago, The Moviejerk) "There hasn’t been this much blood spilled with this much droll dark humor in a frigid, snowbound landscape since the Coen Brothers fed a hapless Steve Buscemi into a wood chipper in FARGO." (David Rooney, THR) "It's a delightfully sustained and engagingly absurd film." (Mark Adams, Screen Daily) "Ein Highlight." (Daniel Sander, Spiegel Online) "From its double-digit body count to the Dirty Harry-like intensity it feels more like an American crime thriller than virtually anything Scandinavia has produced before." (Peter Debruge, Variety) "Mit den unglaublich schönen und auch witzigen Bildern ist dieser Film ein ganz grosses Vergnügen." (Brigitte Häring, Sennhauser) "Ein echtes Knallbonbon." (Susanne Ostwald, NZZ) "It's the movie Quentin Tarantino might have made if he were charged with building an action film around Stellan Skarsgård and filming it, on a relatively modest scale, in snowiest Scandinavia." (Stephanie Zacharek, Village Voice)

[Molands skurrile, bitter-süße Gangsterfilm-Groteske "Ein Mann von Welt", die vor vier Jahren ihre Weltpremiere auf der Berlinale feierte, gehört zu meinen absoluten Geheimtipps, wenn es um Kultkomödien mit hohem Wiedersehenswert geht.]

"Kreuzweg" (Dietrich Brüggemann): "It's a near note-perfect satire about a teenage girl Catholic fundamentalist who wants to sacrifice herself to God. Film is poised brilliantly between belief and skepticism and is funny and tragic by turns." (Nick James, Sight & Sound) "Wickedly, indeed satanically funny story of a 14-year-old girl's religious trials, beautifully framed by Bruggemann." (Kate Muir, The Times) "A superbly acted, staged & written story of a teenage girl destroyed by family faith." (Geoff Andrew, Sight & Sound) "14 shots about faith-based education. 'Rigour' as sub-Hanekan teaching aid. Smirky, dogmatic and oppressive." (Tim Robey, The Telegraph) "Equal parts CARRIE, WHITE RIBBON & DOGTOOTH + very nasty sense of humour, worked like gangbusters for me." (David Jenkins, Little White Lies) "Loved STATIONS OF THE CROSS. Its incredibly formal denunciation of Christianity was beautiful presented in an engaging post-modern fashion." (Patrick Gamble, CineVue) "A rigorous, stylistically impeccable tale." (Dan Fainaru, Screen Daily) "A remarkable, formally rigorous descent into hell for a German teenage girl." (Boyd van Hoeij, THR) "Großes Kino." (Claudia Lenßen, Tip-Berlin) "Nicht viel mehr als eine Freakshow fundamentalistischer Religiosität." (Felicitas Kleiner, Filmdienst) "Ein radikaler, formal strenger, quälender, aber unheimlich nachwirkender Film." (Peter Zander, Berliner Morgenpost) "Eine Provokation." (Lea van Acken, Filmdienst) "Formal wie inhaltlich herausragend." (Susanne Ostwald, NZZ)

[Die auf der Berlinale nur schwerlich zu begeisternden britischen Filmkritiker sind aus dem Häuschen. Der Backlash allerdings wird nach Brüggemanns letztjähriger Abrechnung mit der Berliner Schule (Stichwort: "Gold") nicht lange auf sich warten lassen.]

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★★★★

"Praia do Futuro" (Karim Ainouz): "Ein Melodram, aber ein men’s film." (Till Kadritzke, Critic) "Low on dialogue, high on gorgeously moody photography, this is a thoughtful, erotically-charged piece." (Jonathan Romney, Screen Daily) "At the Berlinale Competition world premiere of Karim Ainouz' gorgeous PRAIA DO FUTURO." (Ira Sachs, "Love Is Strange"-Regisseur) "Works best as a baroque postcard about the fragile nature of love and the risks we'll take just to get a taste." (Patrick Gamble, CineVue) "Beyond awful, cigarette-paper thin story of transcontinental gay love affair. Metaphors abound." (David Jenkins, Little White Lies) "Der Plot ertrinkt in Schönheit." (Daniela Sannwald, Tagesspiegel) "Aïnouz' Stil erinnert ein wenig an jenen von Claire Denis: wie er die Männerkörper ins Bild rückt, sich an deren Ausdrücken orientiert, die mit der Umgebung zu einer Sensation verschmelzen." (Dominik Kamalzadeh, Standard) "I haven't seen much in Berlin that really got my heart racing, but PRAIA DO FUTURO totally did." (Guy Lodge, InContention)

[Auf einen zweiten Alain Guiraudie zu hoffen, ist wahrscheinlich verwegen, aber selbst aus der Ferne strahlt der Film noch hell aus dem Wettbewerb. Angenehm widersprüchliche Reaktionen vor Ort!]

"Die geliebten Schwestern" (Dominik Graf): "The first great film of Berlinale: Wes Anderson's GRAND BUDAPEST HOTEL. The second? Dominik Graf's BELOVED SISTERS." (Scott Foundas, Variety) "Too long, too wordy, still absorbing epistolary saga of Schiller's love life. Touches of Ruiz, Truffaut's ANNE & MURIEL." (Tim Robey, The Telegraph) "A watchable if overlong and sometimes clunky account of Schiller's relationship with two sisters." (Geoff Andrew, Sight & Sound) "Dominic Graf's epistolary saga SISTERS about great German poet Schiller's menage a trois includes every genius bio cliché." (Nick James, Sight & Sound) "Schwebend, fein gesponnen, so zart wie leidenschaftlich, klug und hinreißend. Kurzum: Es ist ein Film zum Niederknien und Küssen." (Anke Westphal, Berliner Zeitung) "Der Höhepunkt der bisherigen Bärenkonkurrenz!" (Felicitas Kleiner, Filmdienst) "Er hat etwas von den Filmen des Eric Rohmer, ist mehr Lust an der Sprache als Lust an der Lust." (Jan Schulz-Ojala, Tagesspiegel) "Keine Künstler-Überhöhung, sondern menschliche Zweifel in einer kühnen Fusion aus klassischem Melodrama und Modernismus." (Christoph Huber, Die Presse) "Grafs wunderschöner Film lebt vor allem von der Sprache, den bestechenden Dialogen und Schillers Poesie, die alles durchdringt." (Susanne Ostwald, NZZ)

[Der ewige Windmühlenkampf des bei uns nahezu kultisch verehrten Dominik Graf um seinen internationalen Durchbruch wird, aus der Ferne betrachtet, nicht gerade leichter mit drei Stunden Laufzeit und dem Themenfeld Weimarer Klassik.]

"The Kidnapping of Michel Houellebecq" (Guillaume Nicloux): "Droll fly-on-waller mutates to captivatingly cockeyed crime-comedy." (Neil Young, THR) "Nice, wry, relaxed and extremely entertaining. A French literary Curb Your Enthusiasm." (Jonathan Romney, Sight & Sound) "PAIN & GAIN meets MY DINNER WITH ANDRE." (Andrew Grant, Manifesto Film) "Nicloux' Film ist eine freche Komödie." (Dominik Kamalzadeh, Standard) "If, at this year’s Berlinale, there’s a funnier film, I’ll be surprised." (David Hudson, Fandor) "It is fucking hilarious." (Eric Kohn, indieWIRE) "Hilarious semi-biographical story of Houellebecq enjoying being kidnapped. A highlight!" (Tom Cottey, Reflections) "A briskly enjoyable reality comedy." (Scott Foundas, Variety)

"The Midnight After" (Fruit Chan): "A wildly inventive ride that pushes the comedy-horror-fantasy genre in challenging directions." (Derek Elley, Film Business Asia) "It's all over the place, lurching from goofball comedy to pulpy horror to mawkish melodrama." (David Rooney, THR) "A deliriously high-concept and gleefully low-budget horror-comedy." (Maggie Lee, Variety) "Ein eigensinniger, widerständiger Autorenfilm." (Lukas Foerster, Perlentaucher) "THE MIDNIGHT AFTER is basically a mashup of EBOLA SYNDROME and BIO ZOMBIE directed by Samson Chiu. I'm in love." (Jenny Jecke, The Gaffer)

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★★★½

"Stereo" (Maximilian Erlenwein): "Mischt Stil- und Erzählelemente aus David Finchers FIGHT CLUB mit denen eines Hongkong-Gangsterfilms. Ein Jungsfilm für harte Männer. Ein sehr gelungenes Werk." (Rüdiger Suchsland, D-Radio Kultur) "Definitiv nur für Erwachsene." (Jörg Gerle, Filmdienst)

"No Man's Land" (Hao Ning): "Devilishly plotted Western. Brutal, bloody, funny, elegiac and philosophical. Very Coen-esque." (Janz Anton-Iago, The Moviejerk) "Beunruhigt nachhaltig das Publikum und unterhält es zugleich meisterlich." (Alexandra Seitz, tip-Berlin) "This boisterous entertainment by Ning Hao is in a vein of pastiche updated spaghetti Western action that you might call ‘phoney Leone’." (Jonathan Romney, Screen Daily) "The film is slick, relentlessly eventful, bloody and ludicrous, and clearly aimed to appeal primarily to teenage boys." (Geoff Andrew, Sight & Sound)

"'71" (Yann Demange): "Überraschend starker Wettbewerbsbeitrag." (Dominik Kamalzadeh, Standard) "Gripping stuff, THE TROUBLES a la John Carpenter or Walter Hill. The most nocturnal film in Berlinale 2014?" (Jonathan Romney, Sight & Sound) "Stygian thriller about sectarian crossfire, one long night's shredding of nerves. Apocalyptic dread, bold craft. All quite PRECINT 13." (Tim Robey, The Telegraph) "Gritty, grubby, grainy behind-enemy-lines shoot-em-up, didn't work for me at all. Lots of panting." (David Jenkins, Little White Lies) "It's a knockout." (Eric Kohn, indieWIRE) "A very well shot, suspenseful if so-so noir thriller." (Geoff Andrew, Sight & Sound) "Wringing every sweat-bead of tension from its fiercely concentrated narrative." (Guy Lodge, InContention) "Ein dichtes Action-Drama, das Drehbuch ist preiswürdig." (Wenke Husmann, Zeit)

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★★★

"Joy of Man's Desiring" (Denis Côté): "A poetic, hybrid and entirely mesmerising study of industrial life." (Jonathan Romney, Sight & Sound) "If the Harvard Sensory Ethnographic lab remade OFFICE SPACE." (Eric Kohn, indieWIRE)

"Das finstere Tal" (Andreas Prochaska): "DAS FINSTERE TAL ist ein visuelles und tongewaltiges Meisterwerk aus den Alpen, das dichter an Sergio Corbuccis grimmigen LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG ist als an Alfred Weidenmanns bildschönem AN HEILIGEN WASSERN. (Jörg Gerle, Filmdienst) "Es braucht hier kaum Worte, der Film lebt von seinen großartigen Berg- und Gesichtslandschaften." (Peter Zander, Berliner Morgenpost) "Intermittently entertaining, DARK VALLEY scores highly on magnificent photography and atmosphere but loses on limp storytelling." (Jonathan Romney, Screen Daily) "An unoriginal Schnitzel Western. At best an act of cultural ventriloquism, in which a German-language movie speaks with a wholly American genre voice." (Jessica Kiang, The Playlist) "A leaden, humorless affair." (Jay Weissberg, Variety)

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Samstag, 25. Januar 2014
Tarantinos "Forty Lashes Less One"-Projekt

"Gott vergibt ... Quentin nie!"
Da aktuell bekanntlich eine ganz neue Art von Quentin Tarantino-Film zu entstehen scheint, nämlich die des vom Internet gestörten und deshalb abgebrochenen QT-Bastards, der nie das Licht der Welt in seiner geplanten Form erblicken wird, habe ich mir gedacht, an ein anderes noch nicht umgesetztes Western-Projekt von Tarantino zu erinnern. Aber Vorsicht! Spoiler-Alarm!

Im Zuge der Adaption von Elmore Leonards „Rum Punch“ Ende der 1990er-Jahre, woraus der Film „Jackie Brown“ entstand, sicherte sich Tarantino über die damalige Weinstein-Firma Miramax auch die Filmrechte an den Leonard-Büchern „Freaky Deaky“, „Bandits“, „Killshot“ und „Forty Lashes Less One“. Letzterer Titel wird in der Aufzählung gerne vergessen. Dabei war der Western-Roman „Forty Lashes Less One“ vielleicht die spannendste Auswahl: Im Gegensatz zu den drei Crime-Büchern, die alle Ende der 1980er-Jahre entstanden, schrieb Leonard diesen Western Anfang der 1970er-Jahre als Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Rassismus. Wer keine weiße Hautfarbe im Yuma Territorial-Gefängnis besitzt, das den Spitznamen Höllenloch trägt, muss Scheißekübel ausleeren, sich schikanieren und verprügeln lassen. Die beiden Protagonisten, der afroamerikanische Ex-Soldat Harold Jackson und der mexikanisch-indianische Raymon San Carlos, sind anfangs nur Rädchen im System, die von den sadistischen Wärtern wie Sam Fisher oder den Hillbilly-Mithäftlingen, unter denen Frank Shelby der heimliche Chef ist, für Racheaktionen, Ausbruchversuche und Sportwetten auf Leben und Tod missbraucht werden. Shelby lässt die beiden wie wilde Hunde aufeinander hetzen, bis sie sich gemeinsam in der Schlangengrube wiederfinden, einer winzigen Kellerzelle, in die fast kein Lichtstrahl fällt und es vor Ungeziefer nur so wimmelt. Aber anstatt sich gegenseitig umzubringen, beschließen sie, es auf den nächsten Morgen zu verschieben, wenn sie einander wenigstens sehen können und nach all den Schindereien wieder genügend Kraft besitzen, den anderen mit bloßen Händen zu Mus zu hauen.
Das Trauma Elmore Leonard
Quentin Tarantino zählt den erst vor einigen Monaten verstorbenen amerikanischen Autor Elmore Leonard neben J.D. Salinger und Larry McMurtry zu den drei größten literarischen Einflüssen seines Lebens. Sein erstes Drehbuch „True Romance“ war der Versuch, ein eigenes Elmore Leonard-Buch zu schreiben. Die Gleichwertigkeit der Figuren, der erzählerisch freie Umgang mit den unterschiedlichen Zeitebenen, das Kollidieren von Genre und Realität sowie die Dialogkunst hat sich Tarantino allesamt bei Leonard abgeschaut. Und wenn man so will, kann man die zweite Hälfte der Karriere Tarantinos nach „Jackie Brown“ als Emanzipation von diesem Stil betrachten, indem er sich in immer neue, epischere Herausforderungen stürzte und dabei seine Fähigkeiten um Action, Suspense, Horror und Geschichtsaufarbeitung zu erweitern versuchte. Tarantinos eigenauferlegtes Gebot, niemals wieder eine Vorlage zu adaptieren, resultierte aus dem verspäteten Lob, das er damals für „Jackie Brown“ erhielt. Gerade den Film, der nicht gänzlich seinem Geist entstiegen war, priesen die Highbrow-Filmkritiker von Sight & Sound und Film Comment als Tarantinos bestes und reifstes Werk. Für den Filmemacher, der Einzelkind und Autodidakt ist, war es ein untragbarer Zustand, nicht den gesamten Respekt für den Film zugesprochen zu bekommen. Aber wie Tarantino auch inzwischen Abstand von der irren Idee genommen hat, seine Filmkarriere mit genau sechzig Jahren beenden zu müssen, würde sich ein Umdenken hinsichtlich der Vorlagen lohnen. Zumal Tarantinos Wunsch, in späten Jahren als Filmwissenschaftler die Erde zu bewandern, immer ein Traum bleiben wird. Seine Drehbücher bezeugen regelmäßig seine viel zu früh abgebrochene Highschool-Karriere, die er unter anderem gegen den Job eines Kartenabreißers in Pornokinos eintauschte. So könnte Tarantino doch aus Len Deightons Agenten-Trilogie „Game, Set & Match“ eine Miniserie fürs Fernsehen machen. Und er sollte noch unbedingt „Forty Lashes Less One“ nachholen, gerade, wo er jetzt „The Hateful Eight“ auf unbestimmte Zeit verschoben hat.

Mr. Manly: We are all related, because we all come from the first two people in the world, old Adam and Eve, who started the human race. They had children, and their children had children and the children’s children had some more, and it kept going that way until the whole world become populated.
Harold Jackson: Who did the children marry?
Mr. Manly: They married each other.
Harold Jackson: I mean children in the same family.
Mr. Manly: Each other. They married among theirselves.
Harold Jackson: You mean a boy did it with his sister?
Mr. Manly: Oh, yes, but it was different then.
Juden, Zulus und Apachen
Elmore Leonards Roman „Forty Lashes Less One“ hat die auf den Kopf gestellte Qualität des Max Frisch-Romans „Andorra“. Anstelle eines jungen Mannes, dem so lange jüdische Ressentiments von seiner Umwelt entgegengebracht werden, bis er sie selbst zu glauben beginnt, geht die Geschichte hier den umgekehrten Weg. Der frisch installierte Gefängnisdirektor in Yuma, der den Transport der Häftlinge ins neu gebaute Gefängnis nach Florence überwachen soll, heißt Mr. Everett Manly. Eigentlich war er viele Jahre lang Pfarrer der Holy Word Church und verrichtete Glaubensarbeit in Indianerreservaten. Einmal heißt es im Buch, dass dieser zauselige, alte Mann, der die Verunsicherung in Person darstellt, die letzten vierzig Jahre seines Lebens nur Fehler an Fehler gereiht hätte. Seine Glaubenskarriere war eine einzige Enttäuschung. Nie schaffte er es, den Menschen wirklich weiterzuhelfen. Aber jetzt in diesem Höllenloch, wo er die „Erziehungsmethoden“ der Wärter gegenüber Harold Jackson und Raymon San Carlos täglich erlebt, fasst er den Entschluss, diese armen Teufel zu erretten. Schließlich hat er in seinen verstaubten Büchern alles über Zulu-Krieger und Apachen-Indianer gelesen. Und genau an diese Werte möchte er die beiden Häftlinge erinnern, indem er sie Marathon- und Speerwurftraining machen lässt. Wenn sie sich nur auf ihre ererbten Talente besinnen, werden sie aufhören, sich gegenseitig umbringen zu wollen und wieder stolze Geschöpfe werden, die dem weißen Menschen ebenbürtig sind. Und es scheint tatsächlich zu gelingen: Harold und Raymond nehmen das Laufprogramm an, beginnen sich auch bald so zu kleiden und zu schminken wie Zulus und Apachen.

Bob Fisher: When you make a spear out of a trowel, it becomes a weapon.
Mr. Manly: But what if I was the one told them to make the spears?
Bob Fisher: I was afraid you might say that.
Mr. Manly: As a matter of fact, I got them the fishing poles myself. Bought them in town.
Once Upon a Time in Yuma
Vom Oberaufseher Sam Fisher in den Tuberkulose-Trakt des Gefängnis abgeschoben, verrichten Harold und Raymond ihr Wurftraining, das für die Mithäftlinge zu einer Attraktion wird. Zu ihnen gesellt sich die Mexikanerin Tacha Reyes, eine von zwei Frauen im gesamten Gefängnis, die Fisher umquartierte, weil sie seine nächtlichen Eskapaden mit der Blondine Norma Davis störte. „Hey, mister, that’s a funny thing to kill a tarantula with“, rief sie einmal Fisher zu, der Norma wegen einer angeblichen Spinne in ihrer Zelle zur Hilfe geeilt war und gerade die Hose herunterließ. Harold könnte von Idris Elba und Raymond von Dwayne Johnson gespielt werden. Ihr Gegenspieler und Mithäftling Frank Shelby, der mit Tabakwaren und Alkohol das Gefängnis von innen her dirigiert und gleichzeitig seinen großen Ausbruch bei der Verlegung plant, wäre ideal mit dem vergessenen Michael Madsen besetzt. Shelbys rücksichtloser Bruder Virgil sprengt dann Frank und seine Untergegebenen bei einem spektakulären Eisenbahnüberfall mit Dynamit frei, der sofort Erinnerungen an Sergio Leone-Filme wachruft. Wobei die gesamte Geschichte eher an Corbuccis „Die Grausamen“ mit einem guten Schuss „Navajo Joe“ erinnert. Denn der total verwirrte Gefängnisdirektor Mr. Manly schickt, nachdem Shelby mit seiner Bande geflüchtet ist, seinen Zulu-Krieger und seinen Apachen hinter ihnen her. Und anstatt sich aus dem Staub zu machen, wie es eigentlich vorhatten, schwören die beiden Rache und jagen Shelby, der der Drahtzieher hinter ihren Misshandlungen war, bis zur mexikanischen Grenze und stellen ihn. Nachdem sie ihn zurückgebracht haben, da sie den Tod für ihn als zu milde Strafe empfanden, hören sie sich geduldig das triumphale Gerede des Gefängnisdirektors an, der glaubt, das erste Mal in seinem Leben alles richtig gemacht zu haben. Er verspricht ihnen Haftmilderung. Aber sie sagen nur grinsend „Fuck you, captain!“ und reiten in die untergehende Sonne. Mr. Manly war nicht weniger Rassist als die verrückten Hillbillies in den Gefängniszellen. Und Harold und Raymond hatten nur mitgespielt, um endlich wieder frei zu kommen. „Forty Lashes Less One“ kann ich von daher nur wärmstens weiter empfehlen. Auch Tarantino sollte noch mal einen Blick riskieren!


Links - Der mit dem Costner tanzt, - QTs Lieblingsfilme 2013

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