Donnerstag, 16. April 2015
Cannes-Programm 2015

Der andere Trier: Eisenberg in "Louder Than Bombs" © Motlys
Das 68. Filmfestival von Cannes findet vom 13. bis 24. Mai statt.

Festivaldirektor Thierry Frémaux reizt das französische Kontingent mit vier Wettbewerbsfilmen (darunter der neue Jacques Audiard-Film "Dheepan") voll aus. Wenn man den französischen Eröffnungsfilm "La Tête haute", der außer Konkurrenz gezeigt wird, noch hinzunimmt, ist das ein starker Fokus auf die eigenen Talente. Augenfällig auch, dass alle drei Cannes-tauglichen Italiener (Morettis Neuer wird schon in der Trade Press besprochen) zum rechten Zeitpunkt fertig wurden und somit einen breiten europäischen Block bilden. Auch wenn Yorgos Lanthimos' letzter Film "Alpeis" kein Meisterwerk war und die ganz große Euphorie abgeklungen ist, bin ich doch sehr gespannt auf seinen Wettbewerbsbeitrag "The Lobster". Die Handlung um eine dystopische Zukunftsvision, in der Singles eingesperrt und dazu gezwungen werden, innerhalb einer 45 Tage-Frist den passenden Partner zu finden, klingt schon mal interessant. Auch dem Australier Justin Kurzel traue ich viel zu. Sein Serienkillerfilm "Snowtown" landete 2011 auf meiner persönlichen Top Ten. Und obwohl seine Schauspieler jetzt Michael Fassbender und Marion Cotillard heißen, reizt mich seine "Macbeth"-Verfilmung vorerst nur wenig, weil ich Shakespeare-Adaptionen per se nicht sonderlich spannend finde. Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn ich die ersten Bewegtbilder sehe.

Nachtrag (23.04.): Mit dem ergänzten Nicloux-Film "The Valley of Love" sind es jetzt sogar grenzensprengende fünf französische Wettbewerbsbeiträge.

Wettbewerb:

THE ASSASSIN - Hou Hsiao Hsien
CAROL - Todd Haynes
CRONIC - Michel Franco
DHEEPAN - Jacques Audiard
THE LOBSTER - Yorgos Lanthimos
LOUDER THAN BOMBS - Joachim Trier
MACBETH - Justin Kurzel
MARGUERITE AND JULIEN - Valérie Donzelli
MIA MADRE - Nanni Moretti
MON ROI - Maïwenn
MOUTAINS MAY DEPART - Jia Zhang-Ke
OUR LITTLE SISTER - Hirokazu Kore-eda
THE SEA OF TREES - Gus Van Sant
SICARIO - Denis Villeneuve
A SIMPLE MAN - Stéphane Brizé
SON OF SAUL - László Nemes
THE TALE OF TALES - Matteo Garrone
THE VALLEY OF LOVE - Guillaume Nicloux
YOUTH - Paolo Sorrentino

Highlights 2014: Foxcatcher, Goodbye to Language, Two Days One Night, Leviathan, Wild Tales, Saint Laurent, Clouds of Sils Maria, Winter Sleep, Timbuktu

In der wichtigsten Nebenreihe und Talentschmiede für den offiziellen Wettbewerb, Un Certain Regard, werden die Entdeckungen der letzten Jahre eigentlich meistens jenseits der großen Namen gemacht. Die bekanntesten Filmemacher sind sicherlich die beiden ästhetisch gestrengen Rumänen Radu Muntean ("Tuesday, After Christmas") und Corneliu Porumboiu ("Police, Adjective"). Auch der melancholische Japaner Kiyoshi Kurosawa ("Kairo") ist ein alter Bekannter. Instinktiv würde mich der Isländer Grimur Hakonarson ("Rams") wegen des Seltenheitswertes interessieren.

Nachtrag (23.04.): Durch die Ergänzungen stark aufgewertet worden, zumal Regisseure wie Weerasethakul oder Mendoza eigentlich den Sprung in den offiziellen Wettbewerb bereits geschafft hatten.

Un Certain Regard:

"Alias Maria" (Jose Luis Rugeles Gracia)
"Cementry of Slendour" (Apichatpong Weerasethakul)
“The Chosen Ones” (David Pablos)
"Don't Tell Me the Boy Was Mad" (Robert Guediguian)
“Fly Away Solo” (Neeraj Ghaywan)
“The Fourth Direction” (Gurvinder Singh)
“The High Sun” (Dalibor Matanic)
“I Am a Soldier” (Laurent Lariviere)
“Journey to the Shore” (Kiyoshi Kurosawa)
"Lamb" (Yared Zeleke)
“Madonna” (Shin Suwon)
“Maryland” (Alice Winocour)
“Nahid” (Ida Panahandeh)
“One Floor Below” (Radu Muntean)
“The Other Side” (Roberto Minervini)
“Rams” (Grimur Hakonarson)
“The Shameless” (Oh Seung-uk)
"Sweet Red Bean Paste" (Naomi Kawase)
"Taklub" (Brillante Mendoza)
“The Treasure” (Corneliu Porumboiu)

Highlights 2014: Bird People, White God, Jauja, Force Majeure, Amour fou

Mit den ersten beiden veröffentlichten Titeln ("Arabian Nights", "My Golden Years") hat die autarke Directors' Fortnight bereits mehr Staub aufgewirbelt als im letzten Jahr mit dem gesamten Programm. 2014 punktete eigentlich nur Bruno Dumonts TV-Serie "Kindkind". Thierry Frémaux mag 2015 keinen Platz für die beiden Kritikerlieblinge Gomes und Desplechin gefunden haben. Umso mehr Strahlkraft verleihen diese cineastischen Schwergewichte jetzt der Nebenreihe. Und ich freue mich ziemlich auf den nächsten Jeremy Saulnier-Film ("Blue Ruin"), der irgendetwas mit Patrick Stewart und Neonazis zu tun haben soll.

Directors' Fortnight:

"In the Shadow of Women" (Philippe Garrel)
"Arabian Nights Trilogy" (Miguel Gomes)
"My Golden Years" (Arnaud Desplechin)
“Allende, mi abuelo Allende” (Marcia Tambutti)
“The Brand New Testament” (Jaco van Dormael)
“The Cowboys” (Thomas Bidegain)
“Embrace of the Serpent” (Ciro Guerra)
“Fatima” (Philippe Faucon)
“Green Room” (Jeremy Saulnier)
“The Here After” (Magnus von Horn)
“Much Loved” (Nabil Ayouch)
“Mustang” (Deniz Gamze Erguven)
“Peace to Us in Our Dreams” (Sharunas Bartas)
“A Perfect Day” (Fernando Leon de Aranoa)
“Songs My Brothers Taught Me” (Chloe Zhao)
“Yakuza Apocalypse: Great War of the Underworld” (Takashi Miike)
“Dope” (Rick Famuyiwa)

Die Critics' Week ist meistens für ein, zwei Geheimtipps gut. Und sie beherbergt dieses Jahr die bislang einzige deutsche Co-Produktion aller Cannes-Reihen. Aber fast selbstverständlich zu erwähnen, dass dieser Film, nämlich "Mediterranea", von keinem Deutschen, sondern von einem Italoamerikaner gedreht wurde.

Critics' Week:

“The Anarchists” (Elie Wajeman)
“Les deux amis” (Louis Garrel)
“La Vie en grand” (Mathieu Vadepied)
“Degrade” (Arab and Tarzan Abunasser)
“Krisha” (Trey Edward Shults)
“Mediterranea” (Jonas Carpignano)
“Ni le ciel, ni la terre” (Clement Cogitore)
“Paulina” (Santiago Mitre)
“Sleeping Giant” (Andrew Cidivino)
“La tierra y la sombra” (Cesar Acevedo)

Highlights 2014: It Follows, The Tribe, The Kindergarten Teacher

Bei den reihenlosen Event-Filmen stellt sich die Frage, wie schwach der neueste Pixar geworden sein muss, dass er nicht einmal mehr Cannes eröffnen kann. Böse formuliert. Mit Woody Allen habe ich eigentlich seit seinem starken dritten Frühling ("Vicky Cristina Barcelona", "Midnight in Paris") schon länger wieder abgeschlossen. Und wenn man dem Netz-Buzz Glauben schenken will, soll man für George Miller noch mal ein Türchen aufmachen, weil er angeblich zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist. Ich bleibe da skeptisch, weil der Australier zu lange die Donnerkuppel nicht mehr betreten hat und seit Jahrzehnten Filme für die ganze Familie dreht. Ich lasse mich gerne positiv überraschen.

Out of Competition:

“Amnesia” (Barbet Schroeder)
“Asphalte” (Samuel Benchetrit)
“L’esprit de l’escalier” (Pabla Lucavic)
“Hayored lema’ala” (Elad Keidan)
“Inside Out” (Pete Docter, Ronaldo Del Carmen)
“Irrational Man” (Woody Allen)
“The Little Prince” (Mark Osborne)
“Mad Max: Fury Road” (George Miller)
“Oka” (Souleymane Cisse)
“Panama” (Pavle Vuckovic)
“A Tale of Love and Darkness” (Natalie Portman)

Die drei Mitternachtspremieren schauen allesamt nach viel Spaß aus. Warum Gaspar Noe hierhin verbannt wurde, wird sein dreistündiger Erotikfilm "Love" zeigen müssen. Aber wie die Amy Winehouse-Doku und der koreanische Genrefilm sind das jeweils Projekte, die jetzt schon meine vollste Aufmerksamkeit haben.

Midnight Screenings:

“Amy” (Asif Kapadia)
"Love" (Gapar Noe)
“Office” (Hong Won-chan)

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Freitag, 13. März 2015
Terza Visione wieder in Nürnberg - 2. Festival des italienischen Genrefilms

© Hofbauer-Kommando
Am letzten März-Wochenende (27. - 29.03.) laden das Filmhauskino und das Kommkino Nürnberg zum zweiten Mal ein zur opulenten Spaghetti-Party. Neben Genregiganten wie Lucio Fulci, Dario Argento und Mario Bava wird auch noch weniger bekannten Regisseuren und Genres ein Platz eingeräumt. Zum Beispiel ist Domenico Paolella zurück, der im letzten Jahr mit dem herrlich verspielten "Maciste im Kampf mit dem Piratenkönig" zu begeistern wusste. Dieses Mal wird sein Piratenfilm "Rächer der Meere" gezeigt. Kurator und Mit-Organisator Christoph Draxtra über den Regisseur: "Für den Piratenfilm italienischer Provenienz war Domenico Paolella, was John Ford für den amerikanischen Cowboyfilm war." Die fehlende Buio Omega-Delegation wird ausgeglichen mit hochkarätig besetzten Filmpatenschaften, die in die Werke einführen werden. Der Mainzer Filmwissenschaftler Sano Cestnik erzählt etwa von "Cop Hunter", der Perlentaucher Lukas Foerster von "Das nackte Cello", und Andreas Beilharz wird den Halbstarken-Film "Die Nächte sind voller Gefahren" anpreisen.

FREITAG, 27.03.

18:30 Uhr ENTLEIN QUÄLT MAN NICHT (OmU) - Lucio Fulci, 1972
21:15 Uhr ESCALATION - Roberto Faenza, 1968
23:30 Uhr DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA - Mario Bava, 1966

SAMSTAG, 28.03.

12:30 Uhr RÄCHER DER MEERE - Domenico Paolella, 1961
15:00 Uhr DER KAMPFGIGANT - Bruno Mattei, 1987
17:30 Uhr RINGO KOMMT ZURÜCK - Duccio Tessari, 1965
21:30 Uhr BORA BORA - Ugo Liberatore, 1968
23:45 Uhr COP HUNTER (OmeU) - Marino Girolami, 1976

SONNTAG, 29.03.

13:00 Uhr IM NETZ DER GOLDENEN SPINNE - Alberto De Martino, 1966
15:30 Uhr DAS NACKTE CELLO - Pasquale Festa Campanile, 1971
17:30 Uhr DIE NÄCHTE SIND VOLLER GEFAHREN - Leopoldo Savona, 1959
21:30 Uhr OPERA (OmeU) - Dario Argento, 1987

Links: - Mehr Infos,- 1. Terza Visione

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Sonntag, 15. Februar 2015
Berlinale 2015

Lars Eidinger und Victoria Schulz in "Dora" © Felix Hächler
Über den Berlinale-Wettbewerb als Schicksalsrad und warum Mittel- und Südamerika sowie Lars Eidinger für die Glanzpunkte meines persönlichen Trips sorgten.

Zweimal bin ich vorletzten Samstag durch die Ausstellung unter dem Holocaust-Mahnmal gelaufen: Einmal aufgekratzt suchend, von einer wahnwitzigen Fantasie getrieben, die in ihrer Peinlichkeit selbst filmischen Rekordhaltern wie Jules, Jim und Catherine die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Ein zweites Mal kroch ich dann fast in demütiger Büßergeste wie in Zeitlupe durch die Räume der Ausstellung. Der Grund dafür tut hier nichts zur Sache. Aber er erklärt unter anderem, warum ich auf meinem diesjährigen Berlinale-Trip erstaunlich wenige Filme gesehen habe. Auch hatte es damit zu tun, dass mir im Vorfeld die Möglichkeit fehlte, zahlreiche Karten bereits online zu sichern. Ich verbrachte also viel Zeit in den endlosen Warteschlangen der Arkaden, eine Art Vorhölle für Zukurzgekommene. Die durchschnittliche Wartezeit betrug im besten Fall nur eine Stunde. Egal, ob man sich eine halbe Stunde vor der Häuschenöffnung anstellte oder einfach mitten am Tag reinplatzte. Die zeltende Grundmasse war immer da. Ungewiss war aber auch immer, ob man denn überhaupt Karten für die gewünschte Vorstellung bekam. Für den Sundance-Darling „The Diary of a Teenage Girl“ oder die deutsche One-Cut-Wettbewerbsüberraschung „Victoria“ war natürlich nichts mehr zu machen. Dort leuchtete das rote Ausverkauft-Symbol eigentlich ständig von den Computer-Bildschirmen, die den Verfügbarkeitsstatus signalisieren sollten, wenn sie denn mal nicht ausgefallen waren. Von den Tageskassen der einzelnen Kinos will ich gar nicht erst anfangen. Zumal man dort, zum Beispiel beim Friedrichstadt-Palast, als Schlange, wenn man nicht zum Kopf gehörte, durchgehend der Kälte ausgesetzt war. Warum, liebe globale Erwärmung, hast du eigentlich noch nicht die Februar-Woche der Berlinale erreicht?
Im Gedenken an Michael Althen
Dafür bin ich doch erstaunlich glücklich mit meiner Ausbeute gewesen. Vielleicht auch, weil eine gewisse Entspanntheit eingetreten ist. Man weiß: Man wird terminlich sowieso nicht alles Wichtige („Aferim!“, „Under Electric Clouds“, „Sworn Virgin“, „Was heißt hier Ende?“) sehen können. Also genieße ich im Stillen: Diesen dauerhaften Geschmack von Blut und Hustenbonbons im Rachen; die eisigen Winde, die einen bei jedem U-Bahn-Aufgang herzlich willkommen heißen; den Cinema Scope-Herausgeber Mark Peranson, der wie ein guter Geist des Festivals an jeder Ecke auftaucht; Hans-Ulrich Pönack, der am gegenüberliegenden Tisch eine Curry-Wurst verspeist; den schnarchenden Zuspätkommer in der „Niagara“-Retro, der den eigenen Minutenschlaf noch zu überdecken versteht; den supersympathischen Cutter Jann Anderegg von „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ in der Schlange des eigenen Films, der ein bisschen von dem Panorama-Film „Eine deutsche Jugend“ erzählt; Andi von den Eskalierenden Träumen, mit dem man einfach mal wieder ein paar Stunden zusammen hocken und abnerden kann; die bedauerlichen Seelen am roten Teppich, die für eine Handbewegung eines so genannten Promis Stunden in der Kälte ausharren; die beiden alten Filmkritiker in den Hakeschen Höfen beim Auftakt der Woche der Kritik, die während des Eröffnungsfilms „Burn the Sea“ nur zu gerne Hand angelegt hätten (eigentlich eine physische Unmöglichkeit); scharf gebratene Bob’s Burgers in Neukölln; diesen Wahnsinn beim Kinoeinlass, wenn sich Rentner körperlich angehen, weil sich angeblich eine Person ein paar Zentimeter nach vorne gedrängelt haben soll; einen märchenhaften Spaziergang durch den Tiergarten zum Haus der Kulturen der Welt; endlich zu verstehen, was es mit Dieter Hallervordens rassistischer Aussprache der Mohrenstraße auf sich hat; die Erzählung der Karawane der Tapferen, die sich an die Ränder Berlins aufmachte, um die heiligen Hallen eines exzentrischen Filmsammlers zu bestaunen; im Fieberwahn auf einem geradezu mikroskopisch kleinen Fernseher „Batman Begins“ zur Entspannung laufen zu lassen. Vielleicht ist es das, was der verstorbene Filmkritiker Michael Althen in seinem Buch „Warte, bis es dunkel ist“ meinte, als er von den in unserem Bewusstsein verfangenen Kieselsteinen schrieb.
Der Wettbewerb - die unberechenbare Bestie
Eine gute Handvoll Filme fand auch ihren festen Platz in meine Gehirnwindungen. Der Berlinale-Wettbewerb ist aber in dem Sinne harte Arbeit, dass man im Idealfall wirklich alle zwanzig Filme gesehen haben sollte. Die Trefferquote Dieter Kosslicks liegt inzwischen ungefähr bei fünfzig Prozent. Eine deutliche Steigerung gegenüber früheren Jahrgängen. Aber es bleibt ein Glücksspiel zu entscheiden, welche Filme wegen ihrer Qualität oder eben wegen ihrer Stars, Fördermittel oder Herkunftsländer eingeladen wurden. Jedenfalls wenn man nicht alles sieht, so wie ich das tat.

Ich denke mir also: Benoit Jacquot, der Regisseur von dem guten 2012er-Eröffnungsfilm „Leb wohl, meine Königin!“, und Everybody’s Darling Léa Seydoux verfilmen gemeinsam einen Roman, den schon Luis Buñuel für würdig erachtete. Kann doch eigentlich nicht schief gehen, oder? Pustekuchen! „Tagebuch einer Kammerzofe“ ist herrlich egales Kostümkino, das leidlich unterhält und dem Ausgangsstoff nicht eine interessante Facette hinzuzufügen hat. Es sei denn, man legt Wert auf Holzdildos oder antisemitische Knechte. Aber die scheinheilige Bourgeoisie wurde in der Filmgeschichte doch unzählige Male unterhaltsamer und spitzfindiger enttarnt. Ein weiterer Fall: Ok, ich liebe Sherlock Holmes. Eigentlich in jeder erdenklichen Reinkarnation: ob in der parodistischen Nazi-Komödie „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ mit Hans Albers und Heinz Rühmann, in Billy Wilders kongenialem 1970er-Film „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ oder in der Gestalt des Androiden Data auf dem Raumschiff Enterprise. Aber wenn der Bill Condon-Film „Mr. Holmes“ seinen inzwischen 93-jährigen Titelhelden um die zwei elementaren Stärken der Mythologie beraubt, nämlich um seinen scharfsinnigen Verstand und Dr. Watson, dann sieht man zwei Stunden lang einfach nur einem senilen, kaltherzigen Mann zu, der den vielleicht langweiligsten Fall seines Lebens zu klären hat. Dass unser aller Lieblings-Yeti Terrence Malick wieder zu Höchstform zurückfinden würde, hatte ich nicht wirklich erwartet. Es sollte nur wieder etwas spannender und interessanter sein. „Knight of Cups“ aber, dem gut der deutsche Verleihtitel „Der Ritter, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat“ zu Gesicht gestanden hätte, ist leider Quark. Schön gefilmter, bewusstseinszerfließender, mit halbnackten Supermodels vollgestopfter Quark, der ungefähr auf dem gleichen Unterhaltungslevel schwebt wie die Bergpredigten, die regelmäßig in den Berliner U-Bahn-Stationen abgehalten werden. Das mag für den Moment kicken, wenn man darüber als erstes auf Twitter schreiben kann. Aber ich weiß, zu welchem Spät-Malick ich greifen werde, wenn ich Bock auf „Tree of Life“ habe. Genau, dann doch lieber das Original, das zumindest noch eine Ahnung hat, wohin es eigentlich wollte.
Lateinamerika to the rescue
Geliebt habe ich im Wettbewerb vor allem zwei Filme aus Mittel- und Südamerika. Jayro Bustamantes Debütfilm „Ixcanul“ aus Guatemala ist eine intime, unaufgeregte Familientragödie, die unter die Haut geht. Eine junge Bauernfrau wird zum Wohle der Familie mit dem Vorarbeiter einer Kaffeeplantage vermählt. Sie hat aber anderes im Sinn: Es zieht sie in die Ferne, jenseits des Vulkans, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dafür braucht sie die Hilfe eines jungen Mannes, der sie schamlos ausnutzt. Es ist zum einen der klassische Festivalblick in eine fremde Kultur, die so sinnlich gezeigt wird, dass man glaubt, selbst da gewesen zu sein und jetzt noch den Bratendunst der Hochzeitsfeier in der Nase zu haben. Zum anderen ist es aber Bustamantes Erzählgabe, die kein Gramm Fett überflüssige Handlung erlaubt und die genau weiß, wo die Kamera hingehört, wie lange Szenen stehen gelassen werden und sich Szenerien visuell weiterentwickeln lassen. Es rührt vor allem die Zärtlichkeit an, mit der die kleine Familie das gefallene Mädchen wieder auffängt. Im Herzen des Films steht eine saunaähnliche Höhle, in der Mutter und Tochter ihre Körper und Seelen pflegen. Umso mehr ich mich an „Ixcanul“ erinnere, umso schöner finde ich den Film, der gestern von der Wettbewerbsjury den Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven im Weltkino erhielt. Wenn man sich frühere Preisträger wie „Vic+Flo Saw a Bear“, „If I Want to Whistle, I Whistle“ oder auch “Gigante” vergegenwärtigt, allesamt Berlinale-Lieblingsfilme meinerseits, dann kann man das nur als würdige Auszeichnung ansehen. Zumal die Jury um Präsident Darren Aronofsky den Preis als drittletztes vergab und damit seine Bedeutung unterstrich.

Noch ein bisschen mehr gefallen hat mir der chilenische Wettbewerbsbeitrag „El Club“ von Pablo Larraín, der den Großen Preis der Jury gewann. Viel besser kann Festivalkino eigentlich nicht sein: Visuell betörend, teuflisch unterhaltsam, aber voller Widerhaken und Abgründe, in die man sich nur zu gerne fallen lässt. Es geht um eine bizarre Herren-WG in einem kleinen Fischerdorf, in der die katholische Kirche auffällig gewordene Priester abgeschoben hat. Eine Nonne kümmert sich um ihr Leib und Wohl. In seiner Freizeit vertreibt sich der Männerbund die Zeit mit Windhunderennen, die am Wochenende die einzige Attraktion in der entlegenen Gegend sind. Die scheinbare Ruhe wird durch einen Neuankömmling gestört. Ein Pater, der sich früher an Kindern vergangen haben soll. Sein Unglück ist, dass ihn einer der damals Geschändeten ausfindig gemacht hat. Der Pater wird sich eine Kugel in den Kopf jagen. Und die Kirche schickt einen weiteren Geistlichen, um den Vorfall aufzuklären. Klar, ist das eine bitterböse Abrechnung mit Religion und kirchlichen Institutionen, die letztlich sogar ein erwägenswertes Versöhnungsangebot aufzeigt. Aber die Kunst des Regisseurs Pablo Larraín (2013 oscarnominiert für „No“) liegt vor allem darin, die Faszination an dieser Gruppe von menschlichen Entgleisungen hoch zu halten. Das Porträtieren der einzelnen Priester schwankt irgendwo zwischen Leatherfaces Familie und Tod Brownings „Freaks“. Das Bild ist bewusst unscharf gehalten. Das natürliche Licht wird so eingefangen, dass es geradezu giftig aussieht. Es hilft nach und nach dabei, die Vergangenheit der verschiedenen WG-Mitbewohner zu beleuchten, die solche Wahnsinnsgesichter haben, dass sie auch alle in einem Sergio-Leone-Italowestern hätten mitspielen können. Wie dann der Geschändete, der den Pater in den Selbstmord treibt, nicht einfach nur Stein des Anstoßes bleibt, sondern integraler Bestandteil der Handlung wird, hat mir extrem gut gefallen.
"Das merkwürdige Kätzchen: Vol. 2"
Mein allerliebster Film lief aber im Panorama und heißt „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“. Ein wilder, sehr mutiger, teils atemberaubender Film über eine junge Dame namens Dora. Es passieren drei bedeutende Dinge in ihrem Leben: Die übervorsichtigen Eltern setzen ihre Beruhigungsmedikamente ab, die Pubertät ergreift Besitz von ihrem Körper, und sie wird in der Schule als ‚Mongo‘ beschimpft. Die geistig behinderte Dora will nun das Leben mit vollen Händen greifen und zeigen, dass sie nicht anders als die andern ist. Dabei gerät sie in die Fänge von Lars Eidinger, der hier als Arschloch-Apotheker wohl seine absolute Traumrolle gefunden hat. Was für ein amoralisches Monster von einer Figur, die man weder einem deutsch-schweizerischen Film noch dem Rest der Welt zugetraut hätte. Eine meiner absoluten Lieblingsszenen ist die, in der Eidinger von Doras Vater in einer Kneipe heimgesucht wird. Der Vater versucht Eidinger ins Gewissen zu reden, aber dieser ist viel zu sehr in seinen Geldautomaten vertieft. Zu der Dandy-Hymne „Ich bin zu jung“ von Dagobert knallt Eidinger dem Vater die eigenen Verfehlungen nur so um die Ohren. Auch eine Cabrio-Fahrt mit Dora und Eidinger zu dem DAF-Song „Verschwende deine Jugend“ gehört zu den zahlreichen Highlights. „Dora“ versprüht moralische und erzählerische Freiheit, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren. Der eigentliche Konflikt des Films kreist dann auch weniger um das sexuelle Erweckungserlebnis der Tochter, als vielmehr um die Eifersucht der Mutter. Die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels hat da mit ihrem Team ein kleines, hart-zartes Meisterwerk kreiert, das für mich alles das eingelöst hat, was man mir 2013 noch von dem Schweizer Arthouse-Darling „Das merkwürdige Kätzchen“ im Forum versprochen hatte.

Wieder gäbe es noch so viel mehr zu schreiben: Zum Beispiel über den süßen, sehr tollen Italo-Coming-of-Age-Film „Short Skin“ in der Generation-Sektion, der Tintenfische die neuen Apfelkuchen sein lässt. Der Protagonist, der mit seiner kehlig-heiseren Stimme und seinem schwarzen Afro-Locken charmant-melancholisch an ein europäisches Alter Ego Woody Allens erinnert, leidet unter einer Vorhautverengung. Überhaupt habe ich einige Filme gesehen, die dahin gingen, wo es wirklich weh tut. Genannt sei nur die tschechische Dokumentation „Daniel’s World“ über einen jungen Stückeschreiber und Studenten, der pädophil ist und um gesellschaftliche Akzeptanz kämpft. Beiden Filmen kann ich hier mit zwei Sätzen sicherlich nicht gerecht werden – und versuche es deshalb auch gar nicht erst. Genauso wenig wie meinen Ausflügen in die Technicolor-Retro der Berlinale, wo ich zwar die beiden herbeigesehnten King Vidor-Filme „Duel in the Sun“ und „An American Romance“ verpasste, aber viel Spaß in Jacques Tourneurs „Die Piratenkönigin“, „Black Narcissus“, „Niagara“ und „Blondinen bevorzugt“ hatte, der letztlich doch der mit Abstand beste Film des Festivals war.

Link: - Berlinale 2013

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Mittwoch, 21. Januar 2015
Sundance-Ticker 2015

Jared Hess' Neuer "Don Verdean" (Rockwell, Clement) © Lionsgate
Absteigend aufgelistet sind hier die Sundance-Filme 2015, die mich persönlich am meisten interessieren. Die eigene Vorfreude wie auch das Kritiker-Feedback vor Ort sorgen für die Abstufungen, die ich mit Sternen von fünf bis drei kenntlich mache. Der Ticker wird mehrmals täglich upgedatet:

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Most-Wanted 2015:

01. The Diary of a Teenage Girl - Marielle Heller
02. Mississippi Grind - Anna Boden & Ryan Fleck
03. Hot Girls Wanted - Jill Bauer & Ronna Gradus
04. Dope - Rick Famuyiwa
05. The Witch - Robert Eggers
06. Mistress America - Noah Baumbach
07. The Nightmare - Rodney Ascher

Kommentar: Für Sundance ist das eine sehr bescheidene Ausbeute. Irritierend auch, wie wenige Sundance-Filme auf der Berlinale gezeigt werden. Ob da ein Zusammenhang besteht? Zumal ja zum Beispiel noch die letzten Filme von Noah Baumbach und Andrew Bujalski mit Kusshand genommen wurden ...
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★★★★

"The Diary of a Teenage Girl" (Marielle Heller): "Frank, daring, funny chronicle of '70s San Francisco coming of age. Star Bel Powley sure to be a Sundance breakout." (Alison Willmore, BuzzFeed) "A fine adaptation of Phoebe Gloeckner's autobiographical novel." (Dennis Harvey, Variety) "A strikingly intimate look at a teenager's sexual life in an outstanding debut film." (Todd McCarthy, THR) "It's another Sundancefest gem + that rare American movie that doesn't punish its protagonist for her sexual curiosity." (Scott Foundas, Variety) "Lovely, honest look at teen sexuality. Won't be enjoyed by young people thanks to inevitable R rating." (Matt Patches, Grantland) "Like a Fox Searchlight remake of NYMPHOMANIAC PT 1. Sensitive, genuine & deeply mediocre. Valuable for kids." (David Ehrlich, TimeOut)

"Mississippi Grind" (Anna Boden & Ryan Fleck): "Ben Mendelsohn and Ryan Reynolds give terrific performances as gambling buddies in this bittersweet, beautifully textured road movie." (Justin Chang, Variety) "Ryan Reynolds’ performance as a charming gambler in MISSISSIPPI GRIND is his best ever. This is also the best film he’s ever starred in." (Jeffrey Wells, HE) "A rambling, Southern-tinged CALIFORNIA SPLIT update that's a great time until its half-dozen endings." (Alison Willmore, BuzzFeed) "Inspired by 1970s Hollywood films such as FIVE EASY PIECES and THE LAST DETAIL." (Anthony Kaufman, Screen Daily) "A good bet for lovers of unhurried, character-driven contemplation." (David Rooney, THR) "Everyone’s favourite under-the-radar Aussie pays back the praise with a blistering turn as a gambler in this winning spin on Robert Altman’s CALIFORNIA SPLIT." (Jordan Hoffman, Guardian) "A rambling, gambling, pleasing throwback to 70's road films, with good Ryan Reynolds and a great Ben Mendelsohn." (Ty Burr, Boston Globe)

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★★★½

"Hot Girls Wanted" (Jill Bauer & Ronna Gradus): "If everyone who watches porn saw HOT GIRLS WANTED, sad, empathetic doc about the amateur industry, it'd be the biggest movie of the decade. But no one wants the reality when the fantasy sells so well. All the more reason then. Hope it gets seen." (Ty Burr, Boston Globe) "A cinéma vérité look at the disturbing, exploitative world of amateur porn and the young women it preys on." (Kenneth Turan, L.A. Times)

"Dope" (Rick Famuyiwa): "An Inglewood mixtape of RISKY BUSINESS, noir tropes, Tarantino verve & ‘90s hip-hop culture. electric but often misjudged." (David Ehrlich, TimeOut) "Sat down for DOPE expecting great '90s haircuts and a few good jokes. Left totally charmed. Audiences are going to love it." (Amy Nicholson, L.A. Weekly) " Armed with snappy dialogue, dynamic camera­work and breakout star Shameik Moore, this is a crowd-pleaser from start to finish." (Boyd van Hoeij, THR)

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★★★

"The Witch" (Robert Eggers): "A jaw-droppingly bold gift from God, THE WITCH is a major horror event on par with recent festival sensations like KILL LIST and THE BABADOOK. (David Ehrlich, TimeOut) "Malick’s THE NEW WORLD meets THE EXORCIST is as fine an elevator pitch as any." (Jordan Hoffman, Guardian) "Ye Olde CABIN IN THE WOODS. You'd think witchcraft & Satanism would always be this chilling, bleak & weird. Refreshing!" (Matt Patches, FITWR) "THE WITCH is like THE CRUCIBLE meets KILL LIST. A very impressive debut." (Eric Kohn, indieWIRE) "Most important influences on Eggers here were Kubrick's THE SHINING and Bergman's CRIES AND WHISPERS." (Todd McCarthy, THR) "An impressive feature debut with this gripping historical horror-thriller." (Justin Chang, Variety) "Often stunning, flame-licked film." (Samuel Zimmerman, STYD) "This is the breakout horror movie of Sundance. You must see it!" (Devin Faraci, Badass Digest)

"Mistress America" (Noah Baumbach): "Like FRANCES HA on adderall, Baumbach goes the full Sturges for his lightest, funniest & most winning film." (David Ehrlich, TimeOut) "Fastest spoken dialogue in an American film since Howard Hawks’s HIS GIRL FRIDAY, or else since Peter Bogdanovich’s THEY ALL LAUGHED." (Todd McCarthy, THR) "Felt labored to me for a long time, but takes off once it commits wholeheartedly to a screwball vibe. [57]" (Mike D'Angelo, TimeOut) "Lots to like, but it's such a concentrated dose of rapidfire clever Baumbach lines it becomes a little distancing." (Alison Willmore, BuzzFeed) "It's a CLUELESS for relentless millennial ambition. A hysterical, wild companion to FRANCES HA." (Matt Patches, FitWR)

"The Nightmare" (Rodney Ascher): "It manages to be terrifying and inquisitive at the same time. Like ROOM 237, a true original." (Eric Kohn, indieWIRE) "I'm now going to eat 3 lbs of espresso beans, because after THE NIGHTMARE I'm never sleeping again." (Jordan Hoffman, Guardian) "THE NIGHTMARE is both creepy fun and oddly comforting." (Sam Zimmerman, Fangoria) "sleep paralysis doc is a logical next step for Ascher, but silly/scary/sleep-ruining fun is all there is to it." (David Ehrlich, TimeOut) "I have sleep paralysis, but it's way less dramatic than what these folks describe. Fascinating, repetitive." (Mike D'Angelo, TimeOut)

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Freitag, 16. Januar 2015
„Honig im Kopf“ wird Boxoffice-Phänomen

Warum immer ich, deutsche Filmkritiker? ("Der bewegte Mann")
Deutsche Filmkritiker hassen Til Schweiger. Das ist ein Fakt, ja mittlerweile eine Art Naturgesetz der Branche. Und wer es nicht tut, gerät schnell in den Verdacht, Gefälligkeitsjournalismus zu betreiben.

Til Schweigers Alzheimer-Komödie „Honig im Kopf“, die nach drei Wochen bereits 2,64 Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt hat, beginnt jetzt in den Charts richtiggehend zu schweben. Klugerweise hatte sich Schweiger als Kinostart das Zeitfenster zwischen den Jahren ausgesucht. Da haben die meisten Menschen frei, die Kinos laufen vor Zuschauern über. Beeindruckende Zahlen lassen sich also deutlich einfacher erzielen. Aber nun, im trüben Januar, kommt es auf den Film selbst an. Was erzählen sich die Zuschauer, wird der Film weiterempfohlen? Wenn er nur von der Dauerbeschallung durch Trailer und Werbung künstlich getragen würde, fiele er spätestens jetzt in sich zusammen. Das Gegenteil ist bei „Honig im Kopf“ der Fall: Erste Zahlen besagen, dass das Ergebnis noch das letzte Wochenende übertrumpfen wird. 600.000 frische Zuschauer in drei Tagen, erzählt man sich. Schweiger hat einen Nerv getroffen. Es würde mich nicht wundern, wenn der Film letztlich in „Keinohrhasen“-Dimensionen (über 6 Mio. Zuschauer) landen würde.

These: Es ist heutzutage schick, Til Schweiger zu hassen. In den Augen der Filmkritiker gibt es auch triftige Gründe, mit Abscheu auf sein Werk zu blicken:

1) Wenn sie einen seiner Filme sehen wollen, können sie das nicht mehr kostenlos in der Pressevorführung tun, sondern müssen dafür an der Kinokasse bezahlen.

2) Viele seiner aktuellen Filme laufen sehr erfolgreich. Es gibt nicht viel, was in der deutschen Filmindustrie regelmäßig ein Publikum findet. Wenn man sich über Schweiger aufregt, kann man sicher sein, dass man Gehör und Leser findet.

3) Neuere Schweiger-Filme sehen ästhetisch alle gleich aus: ungefähr wie ein verfilmter Waldorfkindergarten, in ökologisch gut abbaubaren Farbfiltern. Irgendwie scheint da immer goldener Herbst zu sein. Schweiger besetzt auch immer die gleichen Schauspieler, meistens Freunde und Prominente und vor allem aber die eigenen Kinder. Nur seine Schauspielpartnerinnen wechselt er – wie in der Realität – gern und häufig.

4) Die Ironie für die eigene Filmfigur geht ihm meistens ab. Das müssen immer beruflich erfolgreiche Womanizer sein, deren einziger Makel das Fremdgehen ist. Wie kann man so einen süßen Schluri nicht lieben.

Dabei werden aber schnell die Qualitäten eines Schweigers vergessen oder bewusst verdrängt. Einen so unterhaltsamen und - angesichts der Thematik - so leichten Publikumsfilm über ein gesellschaftlich so relevantes Thema wie Alzheimer zu drehen, der dann auch noch Millionen von Menschen in die Kinos zieht, nötigt mir Respekt ab. Potenzielle sechs Millionen Menschen im Fernsehen bekommt man bei den Öffentlich-Rechtlichen fast automatisch durch die eingeschlafene Grundmasse an Zuschauern geschenkt, die nach der Tagesschau nicht umschalten wollen/können. Im Kino allerdings solche Dimensionen zu erreichen, ist eine ganz andere kulturelle Leistung. Hier wird die Lust und Leidenschaft für ein um Anerkennung kämpfendes Medium gelegt. Am lautesten lachten nämlich in meiner ziemlich gut besuchten Nachmittagsvorstellung die Kinder.

Und man muss erst einmal den Film schreiben, der dem altehrwürdigen Dieter Hallervorden solch eine tolle Bühne bietet. Klar, eigentlich war schon der wunderbare Film „Sein letztes Rennen“ Hallervordens „The Wrestler“. Ein Werk, mit dem es die einstige Ulknudel allen noch einmal zeigen konnte, dass er ein großer, fälschlich ignorierter Schauspieler ist, der im ernsten mindestens genauso gut wie im komischen Fach sein kann, wenn man ihn nur machen lässt. Aber was wäre dieser immer noch viel zu wenig beachtete Triumph wert gewesen, wenn Hallervorden nicht diese Links-Rechts-Kombination nachgelegt hätte. Umso so süßer schmeckt doch jetzt der Zuschauererfolg auf aller breitesten Ebene. Und hätte Schweiger nicht „Sein letztes Rennen“ gesehen, es hätte kein „Honig im Kopf“ gegeben. Schweiger hätte wahrscheinlich eher eine romantische Komödie für die Poetry-Slammerin Julia Engelmann geschrieben (Arbeitstitel: "Geistertölpel").

„Honig im Kopf“ ist ein typischer Schweiger-Film in dem Sinne, dass er viele schreckliche Manierismen des Filmemachers fortsetzt. Genannt seien nur einmal der alles verklebende, allzu seichte und belanglose Pop-Soundtrack, der mehr auf die Verkaufszahlen als auf die Atmosphäre schielt – und natürlich die katastrophal unsympathisch gezeichnete Motz-Ehefrau, die gegen den hilflosen Alzheimer-Patienten stänkert. Aber im Gegenzug hat er herrlich profane Dialoge voller Schimpfwörter, die nicht fürs Kino geschönt wurden. Er traut sich ehrlichen, hausgemachten Fäkalhumor, der den Film erdet. Er hat den grandiosen Hallervorden, dazu den natürlichen, weil eben auch schmerzvollen Umgang mit der Alzheimer-Erkrankung. Und dann natürlich solche Gedankengänge, wie sie die Tochter im Kloster formuliert. Das Kind leidet offensichtlich schwer unter den Konflikten der Eltern. Angesichts dessen erscheint ihr das Zölibat der Nonnen, die ihre Liebe ausschließlich Gott versprochen haben, als Treue-Akt geradezu vorbildlich und nachahmenswert zu sein. Mögen Schweigers Inszenierungen von Paar-Beziehungen durch seine rosarote Brille einseitig gefärbt sein – bei der Kinderperspektive auf diese zeigt sich Schweiger aber immer mal wieder als sensibler Beobachter.

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Dienstag, 30. Dezember 2014
Meine Top Ten 2014

© Annapurna Pictures
01. FORMA – Ayumi Sakamoto
02. THE VOICES – Marjane Satrapi
03. BIRD PEOPLE – Pascale Ferran
04. FOXCATCHER – Bennett Miller
05. BLACK COAL, THIN ICE – Yi'nan Diao
06. BLUE RUIN – Jeremy Saulnier
07. BOYHOOD – Richard Linklater
08. WIE DER WIND SICH HEBT – Hayao Miyazaki
09. THE GRAND BUDAPEST HOTEL – Wes Anderson
10. COLD IN JULY / IT FOLLOWS / THE GUEST – Back to the 80’s

Lieblingsserien: Bob’s Burgers (Staffel 1 bis 4), Kindkind, Doctor Who (Staffel 5 & 6), Pastewka (Staffel 7), Rick & Morty, True Detective, Fargo, The Knick, Game of Thrones (Staffel 1 bis 4) + Lieblings-Dokus: Der Letzte der Ungerechten, Blackfish, Restrisiko, Die wirklich wahre Geschichte von 3sat + Lieblingsbücher: Forty Lashes Less One (Elmore Leonard), Arbeit und Struktur (Wolfgang Herrndorf), Das Lied von Eis und Feuer (George R. R. Martin) + Lieblings-Hörspiel: Paul Temple und der Fall Gilbert (1957) + Lieblings-Interviews: Harald Schmidts Abschieds-Marathon + Lieblings-Festival: Das Reflecta-Filmfestival im Frankfurter Mousonturm + Lieblings-Kurzfilme: Bär (Pascal Flörks), Dir muss er ja nicht gefallen (Franz Stephan) + Lieblingskritiker: Pavao Vlajcic + Lieblings-Zeitschrift: SigiGötz-Entertainment Nummer 24 (Sigi Rothemund-Spezial) + Lieblings-Fiktion: Christian Ulmen als jüdischer Patient Oliver Polak + Lieblings-Podcasts: Movies & Sports-Podcasts vom 13. Hofbauer-Kongress, Flimmerfreunde + Lieblings-Einleitungen: Buio-Omega-Olaf zu „Das Lusthaus teuflischer Begierden“ auf dem Terza Visione, Andi zu „Der Perser und die Schwedin“ auf dem Hofbauer-Sondergipfel in Frankfurt a. M. + Lieblings-Trailer: Zärtliche Chaoten 2 + R.I.P. Craig Ferguson.
+
Lieblingsklassiker: Im Weltraum gibt es keine Gefühle, Maciste im Kampf mit dem Piratenkönig, The Dion Brothers, Holiday in St. Tropez, Vanessa, Atemlos vor Liebe, Ferien mit Piroschka, Im Banne des Unheimlichen, Salomon und die Königin von Saba, Der schweigende Engel, The Life and Times of Grizzly Adams, Moscow on the Hudson, The Best of Times, Stranger at My Door, Rage (1972), Der Perser und die Schwedin, Tanja – Die Nackte von der Teufelsinsel.

Links: - 2013, - 2012, - 2011, - 2010, - 2009

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Freitag, 12. Dezember 2014
SigiGötz-Entertainment-Heft #25 im Handel

Auch bei Ihnen schon bald unter dem Weihnachtsbaum?
Der legitime Steadycam-Nachfolger SigiGötz-Entertainment hat wieder einmal überragendes Material vorgelegt. Für den Selbstkostenpreis von nur drei Euro entführt uns das Glamour- und Filmmagazin dieses Mal zurück hinter die Kulissen des deutschen Lederhosen- und Reportfilms mit dem zweiten Teil des so epischen wie wertvollen Sylvie Engelmann-Interview. Dem verstorbenen Schauspieler Jacques Herlin, den Silvia Szymanski so treffend im Movies & Sports-Podcast würdigte, wird noch mal der rote Teppich ausgerollt. Und ich stricke mit meinem Beitrag an der Utopie, dass einmal ein ganzes Heft dem Werk Harald Reinls gewidmet sein wird. Der Winnetou-Regisseur hätte es jedenfalls verdient. Dazu exklusive Sigi-Rothemund-Fakten sowie abseitigere Buch- und Filmempfehlungen, über die man nirgendwo sonst stolpern kann.

Links: - SigiGötz-Entertainment, - Bestellen

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Mittwoch, 10. Dezember 2014
Die Jury des Reflecta-Festival kürte 2 Gewinner – Das Publikum feierte „Bär“

Der Großvater als fremdes Raubtier (Pascal Flörks' "Bär")
Am Samstagabend, den 6. Dezember, kürte die Reflecta-Jury im Frankfurter Mousonturm ex aequo die Kurzfilme „Omul“ (Brigitte Drodtloff) und „Wheels of Change“ (Stefan Wagner) zu den Gewinnern des Reflecta Artist Award 2014. Der mit 500 Euro dotierte Kurzfilm-Preis, der erstmals 2011 im Museo Reina Sofia Madrid vergeben wurde, zählte dabei über zweihundert Einsendungen.

„Wheels of Change“-Regisseur Stefan Wagner bedankte sich auf der Bühne bei seinen Eltern, die ihm im Zusammenhang mit dem Projekt abgeraten hatten, nach Afrika zu fahren. Gerade das habe ihn aber besonders angespornt, es doch zu machen, scherzte der 24-jährige Preisträger. In „Wheels of Change“ zeigt Wagner, wie ghanaische Jungunternehmer Fahrräder aus Bambus für die eigene Bevölkerung und den Export herstellen. Der Jury gefiel besonders, dass hier ein stolzes, selbstständiges Afrika-Bild gezeigt werde, das sich ganz bewusst von der sonstigen Medienberichterstattung distanziere.

In „Omul“ (übersetzt: Mensch), dem zweiten Preisträger-Film, zieht ein Mann den Unmut anderer Händler auf sich, als er auf einem rumänischen Markt beginnt, seine Produkte zu verschenken anstelle sie zu verkaufen. Regisseurin Brigitte Drodtloff traf so den Nerv des Reflecta-Festival, das vor allem Filmkunst auszeichnen will, die bewegt und zur gesellschaftlichen Veränderung für eine sozialere Welt anregt.

Der Gewinner des Reflecta-Publikumspreises heißt „Bär“ von Pascal Flörks. Der Kurzfilm setzte sich in einem qualitativ hochwertigen, teils internationalen Wettbewerb gegen die anderen neun Finalisten durch, die allesamt mit englischen Untertiteln zu sehen waren. Der 32-jährige Filmemacher schaffte eine persönliche Hommage an seinen verstorbenen Großvater, indem er Fotos aus dem Familienalbum oder dem Archiv gekonnt nachbearbeitete. Statt des Mannes, der im Zweiten Weltkrieg als Fallschirmspringer kämpfte, ist auf den Bildern stets ein Braunbär zu sehen. Mit Humor, aber auch Nachdenklichkeit blickt der Film so auf die komplizierte Beziehung der Generationen zurück.

In der Jury des Reflecta Artist Award 2014 saßen die Arte-Redakteurin Dr. Catherine Colas, der Regisseur und Drehbuchautor Peter Altmann, der die nachhaltige Filmproduktion „ecofilm“ betreibt und Matthias Pees, der Intendant und Geschäftsführer des Mousonturms.

Das Reflecta-Filmfestival fand vom 5. bis 7. Dezember in Frankfurt am Main statt. Das sorgfältig ausgesuchte Dokumentarfilm-Programm wurde im Mousonturm ergänzt um Debatten, globalisierungskritische Stadtrundgänge und Konzerte. Das empfehlenswerte Kurzfilmprogramm sowie die Dokumentarfilme werden aktuell in Frankfurter Partnerkinos wie dem Orfeo's Erben oder dem Filmforum Höchst wiederholt.

Links: - Facebook, - Reflecta, - Partnerkinos

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Preisträger des 7. Fetisch Film Festival in Kiel

Julia Hummer in "Top Girl"
Das 7. Fetisch Film Festival fand vom 27. bis 29. November in Kiel statt. Die Hauptpreise gingen an:

Best Film of the Year:
TOP GIRL oder la déformation professionnelle
Directed by Tatjana Turanskyj

Best Actress:
Julia Hummer in TOP GIRL oder la déformation professionnelle

Best Actor:
RP Kahl in TOP GIRL oder la déformation professionnelle

Best Trans-Performance:
Nicolas Maury in
LES RENCONTRES D’APRES MINUIT

Best Documentary Film:
FOLSOM FOREVER
Directed by Mike Skiff

Link: - Die weiteren Preise 2014

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Donnerstag, 27. November 2014
35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

"Moskau in New York": Robin Williams entdeckt den Kapitalismus
Seit zwei Monaten programmiert Quentin Tarantino das eigene New Beverly-Cinema in Los Angeles. Grund genug für Movies & Sports, einen genaueren Blick auf die Auswahl zu werfen.

Zuerst einmal herrschte ein Gefühl der Enttäuschung vor. Zu sehr ist man die letzten Jahrzehnte von Quentin Tarantino verwöhnt worden. Zu enzyklopädisch sind seine Filme ausgefallen, zu gut bestückt waren seine epischen QT-Film-Festivals in Austin, Texas. Irgendwie kommt einem das meiste seltsam bekannt vor: Die ersten beiden Monate im New Beverly speisen sich nämlich größtenteils aus dem Fundus der Empfehlungen, die der „Django Unchained“-Regisseur seit den 1990er-Jahren mehrfach abgefeuert hat. Die Wiederentdeckung Paul Mazurskys zum Beispiel ist ein alter Hut. Howard Hawks‘ „His Girl Friday“ stand schon damals Pate in den Dialogen zwischen Honey Bunny und Pumpkin in „Pulp Fiction“. Und auch die Eastern in der Midnight-Schiene wie „Die Schlange im Schatten des Adlers“ oder „Die Todesfaust des Cheng Li“ haben ihre Festival-Hommage hinter sich und wurden in „Kill Bill“ gleich ganz durchdekliniert. Tarantino-Aficionados wissen seit längerem, dass der Filmemacher den taiwanesischen Bruce Li dem legendären Bruce Lee vorzieht. Das Programm ist darauf angelegt, dem Kinobesitzer selbst zu gefallen. Die eigenen Filme werden mit oder auch ohne Jubiläum an mehreren Tagen abgefeiert, Freunde wie Samuel L. Jackson bekommen zu ihrem Geburtstag ein Double Feature spendiert, Eli Roth darf an Halloween das eigene mediokere Werk in seiner Gesamtheit ausbreiten. Und da die Dreharbeiten zu „The Hateful Eight“, Tarantinos offiziell achtem Film, im Dezember beginnen werden, ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser Zustand so schnell ändern wird.
Quentins unheimliche Begegnung mit Außerirdischen
Schließlich war Tarantinos Intervention im eigenen Haus nicht von langer Hand geplant, sondern mehr eine Kurzschlussreaktion auf die allgemeine technologische Entwicklung. Das Schlüsselerlebnis passierte ihm diesen Mai auf den Filmfestspielen von Cannes. Der Regisseur war als Ehrengast geladen worden, um die feierliche Einführung zu 50 Jahre „Für eine Handvoll Dollar“ zu halten. Aber als sich Tarantino danach genüsslich in den Sitz fläzen und den Sergio Leone-Klassiker genießen wollte, traf ihn der Schlag. Der heiligste Tempel der Cinephilie, das Filmfestival von Cannes, zeigte den Film nicht in 35mm, sondern als digitale Kopie. Diese ignoranten Barbaren! Eigentlich sah Tarantinos Lebensplan so aus, dass er noch mindestens zwei weitere Filme drehen wollte, um sich langsam aus Hollywood zu verabschieden. Dann würde er nur noch der spinöse Filmprofessor und Kinovorführer sein, als den er sich in seinem Vorruhestand immer schon gesehen hat. Er hätte zehn Filme beisammen. Eine schöne runde Zahl und ein einheitliches Werk von durchgängig hoher Qualität, auf das er mit vielleicht einmal hundert Lebensjahren stolz zurückblicken könnte. Aber nein, die Dekadenz greift gerade jetzt wild um sich. Kinos schaffen ihre 35mm-Projektoren ab und stellen ausschließlich auf digitale Projektion um. Und die letzten Firmen, die noch Zelluloidstreifen herstellen, schließen.

Dafür habe er nicht unterschrieben, als er mit dem Filmemachen begann, so Tarantino. Digitale Kinoprojektion ist für ihn nicht mehr als Fernsehen in der Öffentlichkeit. Und dafür bräuchte man sein Haus nicht zu verlassen. 35mm-Filmkopien dagegen haben Charakter. Ihre Artefakte bezeugen, dass sie gelebt haben. Ganz zu schweigen vom hypnotischen Flicker-Effekt und der poetisch-magischen Illusion, bewegte Bilder zu sehen. Das New Beverly Cinema, das er lange Zeit finanziell unterstützte und das er kaufte, als der Besitzer verstarb, soll jetzt zu einem Bollwerk gegen die digitale Projektion werden. Ausschließlich 35mm- bzw. 16mm-Kopien sind erlaubt. Für einen bescheidenen Ticketpreis bekommt man am Abend ein Double Feature präsentiert. Dazu laufen coole, alte Werbungen, passende Trailer-Shows und Kurzfilme. Wahrscheinlich tut man dem Programm auch unrecht, wenn man es nur auf die Hauptfilme reduziert. Man müsste schon vor Ort sein, um das beurteilen zu können. Und schaut man etwas genauer hin, entdeckt man auch im Hauptprogramm die eine oder andere Perle, von der man bislang noch nichts gehört hat. Teilweise stehen die interessanten Empfehlungen auch gar nicht im Programm, sondern tauchen in Interview-Nebensätzen auf.
Das nicht ganz so stachelige Kindermädchen
Beispielsweise hat Tarantino der Deadline Hollywood-Journalistin Jen Yamato erzählt, dass er auch plane, samstägliche Kindervorstellungen für die nächste Generation zu veranstalten. Filme wie „Die Abenteuer der Familie Robinson in der Wildnis“ und „Der Mann in den Bergen“ sollen jungen Menschen den Spaß mit 35mm-Projektionen vermitteln. Welche Filme begeisterten den frühen Quentin und welche Werke hält er noch heute für ansehenswert? Tarantino, dessen Filme immer auch mit krasser Gewalt und Blutdurst assoziiert werden, erscheint in seinen Filmtipps immer dann am spannendsten, wenn diese am weitesten von den eigenen Werken entfernt liegen. Klein-Quentin sah mit seiner Mutter im Kino eben nicht nur Erwachsenenfilme wie „The Wild Bunch“ und „Die Kunst zu lieben“, sondern auch klassische Abenteuerstoffe, die für sein Alter bestimmt waren. „Der Mann in den Bergen“ ist eine faszinierende Mischung aus atemberaubender Tierdoku und romantischer Aussteigergeschichte um einen Vater, der fälschlicherweise des Mordes bezichtigt wird und sich in die Wälder des amerikanischen Westens flüchtet. Es ist ein bisschen so, als ob Daniel Defoe einen wilden Stummfilm geschrieben hätte. Es gibt fast keinen Dialog, nur gelegentlich einen romanhaften Off-Kommentar. In der Figur des Vaters, des Grizzly Adams (Dan Haggerty), verbinden sich Ideale der Abenteuerlust mit der jugendlichen Herangehensweise, vor Problemen einfach davon zu laufen. Zehn Jahre schlägt sich Adams in den Wäldern durch, wird unter den Dorfbewohnern zu einer Legende. Sein bester Freund soll ein Braunbär sein, einen Indianer soll er vor einer Bergkatze gerettet haben. Es stimmt alles. Das Unglaubliche ist, dass der Film das alles vor laufender Kamera und ohne doppelten Boden zeigt. Da sind teils lebensbedrohliche, teils spektakuläre, teils unwahrscheinlich intime Aufnahmen zwischen Mensch und Tier geglückt. „Der Mann in den Bergen“ ist ein märchenhafter Antizivilisationsreigen mit einer wundersam wehmütigen Stimmung.

Der andere angedachte 1970er-Jahre-Abenteuerfilm, „Die Abenteuer der Familie Robinson in der Wildnis“, folgt einer ähnlichen Fluchtbewegung in die Natur, auch wenn die Motive unterschiedlich sind. Die kleine Tochter der besagten Familie ist erkrankt – womöglich an der schlechten Stadtluft und dem allgegenwärtigen Stress. Also schmeißt der Familienvater seinen Baustellen-Job hin, packt seine unverschämt attraktive Ehefrau (Susan Damante) und die beiden Kinder und taucht ab. Tarantino hat eine erstaunliche hohe Trefferquote, was Filmtipps betrifft. Aber dieses Werk ging wohl vor allem dafür in die Filmgeschichte ein, dass nie häufiger die Tonangel unbeabsichtigt im Bild hing. Das ist seichtes, kitschig gemachtes Kinderkino mit schwülstigen Folk-Songs. Was die „Familie Robinson“ und „Der Mann in den Bergen“ verbindet, sind die wagemutigen Interaktionen zwischen Menschen und Tieren. Von Filmverrückten gedreht, die es damals einfach nicht besser wussten und ihren Hals riskierten.
Lang lebe Robin Williams!
Im tatsächlichen New Beverly-Programm fiel dagegen im ersten Monat vor allem das Robin Williams-Double Feature auf. Beide Titel suchte man vergebens in den endlosen Trauerbekundungen der letzte Zeit. Beide 1980er-Jahre-Filme sind ziemlich empfehlenswert. Paul Mazurskys „Moskau in New York“ ginge sogar glatt als Meisterwerk durch. „Rocket Man – Der Beste aller Zeiten“ von Roger Spottiswoode („Monster im Nachtexpress“) ist eine wundervoll leichte, comichafte Football-Komödie in der Slapstick-Tradition eines Frank Tashlin. Der Film erinnert an eine Zeit, als man noch unbekümmert „Mr. Baseball“, „American Wildcats“ und „Weiße Jungs bringen’s nicht“ heiß und innig liebte und keine Ahnung hatte, wer eigentlich dieser Eric Rohmer ist. Die Amerikaner haben schon immer besser als die Europäer verstanden, dass beim Sportfilm nie das Spiel selbst im Vordergrund stehen darf, sondern es immer um das Drumherum geht. Darin liegen der Zauber und die Poesie verborgen. Robin Williams spielt in „Rocket Man“ einen gepeinigten Mann, der regelmäßig zu einer Prostituierten fährt. Nicht, um mit ihr zu schlafen, sondern um immer wieder sein großes Trauma durchzusprechen. Williams griff als junger Footballer unglücklich daneben, als ihn der Quarterback Kurt Russell im entscheidenden Spielzug gegen den Erzrivalen mustergültig bediente. Das Trauma, das sein gesamtes Umfeld – inklusive der Prostituierten, die für die Beichtstunde den doppelten Preis verlangt – zu Tode langweilt, ging damals auch auf die kalifornische Kleinstadt über, dessen Namen man deswegen bis heute noch nie gehört hat. Wie der junge, vor Energie zerberstende Williams die eigenen Dämonen niederringt, das alte Team zusammentrommelt und die ganze Stadt für das Wiederholungsspiel motiviert, ist in seinen screwballhaften Dialogen und mit unzähligen tollen Nebenfiguren wundervoll anzuschauen.

Das Werk des New Hollywood-Regisseurs Paul Mazursky gehört bekanntlich nicht gerade zu Tarantinos Neuentdeckungen. Der Filmtitel „Moskau in New York“ tauchte allerdings zum allerersten Mal in diesem New Beverly-Oktober-Programm auf. Und was für ein wunderschöner Film das ist. Pauline Kael hat darüber bereits alles in „State of the Art“ geschrieben. Die Geschichte ist zweigeteilt: Lange, sehr atmosphärische Sequenzen, die Robin Williams als russischen Jazzspieler in Moskau zeigen, das Mazursky am Geiselgasteig auf dem Bavaria-Gelände hat aufbauen lassen. Auf den Spuren Ernst Lubitschs wandelnd, der Europa für Hollywood vielleicht am liebevollsten neu erfand, zeigt Mazursky elendig lange Schlangen um Häuserblocks, wo hauptsächlich für Toilettenpapier angestanden wird. In Williams‘ Liebesnest ist der Kühlschrank randvoll mit Wodka-Flaschen gefüllt. Und eigentlich ist seine Figur im Kommunismus gar nicht so unglücklich. Er hat eine vollbusige Freundin und wohnt mit seiner Familie in einer bescheidenen Unterkunft. Umso überraschender gestaltet sich sein Ausflug nach Amerika. Der Moskauer Zirkus ist zu einem Gastspiel in New York eingeladen worden. Und er, der in der Zirkus-Band spielt, nutzt die Gunst der Stunde in Bloemingdale’s, um zu türmen. Was Mazursky dann zeigt, ist für einen 1980er-Jahre-Hollywood-Film inspirierend ausgeglichen in der Bewertung der unterschiedlichen politischen Systeme. Ja, in Moskau wird man bespitzelt, unter Druck gesetzt und im schlimmsten Fall auch weggesperrt. In New York bricht Williams aber gleich zu Beginn angesichts der schieren Kaffee-Auswahlmöglichkeiten zusammen. Es sind die Ärmsten der Armen, die ihm Asyl in ihrer winzigen Wohnung gewähren. Hier lauern keine KGB-Agenten, nur einfache, junge Männer mit kalten, leeren Augen, die ihn direkt vor der Haustür überfallen. Der Film macht erfahrbar, wie es wohl sein muss, wenn man sich gegen sein altes Leben entscheidet und irgendwo in der Fremde völlig neu anfängt.

Robin Williams ist ein Erlebnis. Nicht nur, dass man ihm den russischen Jazzspieler von der ersten Sekunde an abnimmt. Er leuchtet hier förmlich von innen. Seine Figur ist so sympathisch, weil Williams sie mit seiner tierischen Sexualität, seinen Zweifeln und den kleinen Freuden am Leben so menschlich zeichnet. „Moskau in New York“ ist die bislang schönste Entdeckung des New Beverly-Programms. Man könnte natürlich noch über einige andere Entdeckungen schreiben. Zum Beispiel über den großen Unbekannten William Witney, den Tarantino schon ewig pusht, der dem geneigten Leser jetzt aber im Gewand einer Jules Verne-Verfilmung begegnet. „Robur – Der Herr der sieben Kontinente“ mit Vincent Price und Charles Bronson ist einen Blick wert. Und wenn man will, kann man gleich Witneys richtiges Meisterstück, „Der schwarze Mustang“, dran hängen. George C. Scott hat mit „Die Rache ist mein“ einen abgrundtief melancholischen Debütfilm über Militärexperimente und die Folgen für die Zivilbevölkerung hingelegt, der unter die Haut geht. Und im November widmete Tarantino dem Italo-Star Guiliano Gemma das exotische Double Feature „Der feurige Pfeil der Rache“ und „Ben & Charlie“. Auch nicht gerade zwei Filme, die in der Vergangenheit sonderlich viel Liebe in Cineasten-Zirkeln genossen hätten. „Wenn Leute kommen, wäre das super. Wenn sie nicht auftauchen, scheiß auf sie!“, lautet das Credo des Hausherrn. Zumindest Movies & Sports konnte auf diese Weise bereits inspiriert werden.

Link: - New Beverly Cinema

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Montag, 20. Oktober 2014
Historisch: Erster Hofbauer-Kongress in Frankfurt am Main
Vom 7. bis 9. November passiert es wirklich: Das sagenumwobene Hofbauer-Kommando macht das Rhein-Main-Gebiet unsicher. Es ist eine riesige Ehre und vor allem dem Filmkollektiv Frankfurt zu verdanken, dass die Eingreiftruppe ihr Stammterritorium Nürnberg für ein Wochenende verlässt, um einige der größten Schätze der vergangenen Kongresse ("Der Perser und die Schwedin", "Roulette d'amour") im Uni-Kino Pupille und im Filmforum Höchst zu zeigen. Weiter aufgewertet wird die Veranstaltung mit exklusive Einführungen ausgewählter Perlen durch die Ferroni Brigade. Es lohnt schon allein die Anreise, um einmal Olaf Möller ekstatisch von einem völlig unbekannten Film schwärmen zu hören. Ich freue mich darüber hinaus besonders auf Ernst Hofbauers nächsten Schlagerfilm "Tausend Takte Übermut". Der erster Link führt zu den anregenden Programmtexten des aktuellen Kongresses, der zweite zurück zum letzten glorreichen Kongress samt der drei Movies & Sports-Podcasts.

Freitag, 07.11. (Filmforum Höchst)

16.30 Uhr - UNERSÄTTLICHE TRIEBE
18.30 Uhr - FRANKFURT KAISERSTRASSE
22.45 Uhr - 69 – VORSPIEL ZUR EKSTASE
01.00 Uhr - TAUSEND TAKTE ÜBERMUT
03.00 Uhr - "STÄHLERNER ÜBERRASCHUNGSFILM"

Samstag, 08.11. (Filmforum Höchst)

16.30 Uhr - HERBSTROMANZE
22.45 Uhr - NORDISCHE NÄCHTE – VERSCHWIEGENE PARTIES
01.00 Uhr - SÜNDE MIT RABATT
03.00 Uhr - "VIDEOKNÜPPEL"

Sonntag, 09.11. (Uni-Kino Pupille)

16.30 Uhr - DER PERSER UND DIE SCHWEDIN
18.15 Uhr - TANJA – DIE NACKTE VON DER TEUFELSINSEL
20.00 Uhr - … UND NOCH NICHT SECHZEHN
23.15 Uhr - BARON PORNOS NÄCHTLICHE FREUDEN
01.00 Uhr - SCHWEDISCHER SOMMERWIND
03.00 Uhr - EXPECTATIONS – HEMMUNGSLOSE VERFÜHRERIN

Links: - 1. auswärtiger Sondergipfel, - 13. Hofbauer-Kongress

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