Donnerstag, 3. August 2017
Pre-Shortlist der deutschen Oscar-Kandidaten

„Western“ von Valeska Grisebach | © Komplizen Film
Eine Vorauswahl für den deutschen Oscar-Kandidaten hat keinen klaren Favoriten. Aber Valeska Grisebachs Comeback wäre ein würdiger Vertreter und Lars Eidinger ein Geheimtipp.

Der deutsche Film, der das Land in der Oscar-Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ vertreten wird, steht am 24. August fest. Die jetzt veröffentlichte Liste der elf Filme ist noch nicht die Shortlist, die eine Jury zusammengestellt hat, sondern eine Vorauswahl von Mitgliedern der deutschen Filmszene. In der Jury, welche dann die endgültige Entscheidung treffen wird, sitzt beispielsweise der Mitbegründer der Woche der Kritik in Berlin, Dennis Vetter.

* AMELIE RENNT (Tobias Wiemann)
* AUS DEM NICHTS (Fatih Akin)
* DIE BLUMEN VON GESTERN (Chris Kraus)
* GLEISSENDES GLÜCK (Sven Taddicken)
* IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS (Matti Geschonneck)
* JONATHAN (Piotr J. Lewandowski)
* JUGEND OHNE GOTT (Alain Gsponer)
* MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN (Marc Rothemund)
* PAULA (Christian Schwochow)
* WESTERN (Valeska Grisebach)
* WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS (Simon Verhoeven)

Ehrlich gesagt sehe ich bei den ausgewählten deutschen Filmen keine potenzielle Oscarnominierung. Die größten Chancen würde ich allerdings Valeska Grisebachs Werk „Western“ einräumen. Die Abenteuergeschichte um deutsche Bauarbeiter in Bulgarien besitzt dank seiner Weltpremiere in Cannes bereits internationales Renommee und hat bedeutende Fürsprecher unter den englischsprachigen Filmkritikern. „Gleißendes Glück“ mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck war einer meiner Lieblingsfilme des vergangenen Jahres. Aber der ist zu finster und kantig, als dass er sich für eine Oscarkampagne eignen würde. Mein Geheimtipp auf eine Nominierung als deutscher Kandidat ist Chris Kraus' Film „Die Blumen von gestern“, von dem ich sehr schöne Dinge gehört habe. Außerdem spielt Hauptdarsteller Lars Eidinger einen Holocaustforscher.

Nachtrag (11.08.): Magnolia Pictures hat die Verleihrechte von „Aus dem Nichts“ für Nordamerika gekauft und will den Film noch dieses Jahr in die US-Kinos bringen. Mit der Schauspielauszeichnung für Diane Kruger in Cannes und ihrer Geschichte um die verpasste Nominierung für „Inglourious Basterds“ könnte der neue Fatih-Akin-Film zumindest nicht chancenlos im Oscarrennen um eine Nominierung als bester fremdsprachiger Film sein.

Link: - Die aufregende Unwissenheit im Oscarrennen

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Montag, 31. Juli 2017
Trash ist Gold

Die Kunst des Trash: Trailer zu „The Disaster Artist“ mit James Franco

Mancher Trash ist reinstes Gold. Filme, die billig produziert wurden und auch genau so daher kommen, kennen wir alle. Je später der Abend, desto grandioser die Unterhaltung. Endlich hat sich mal ein Filmwissenschaftler mit dem Phänomen Trash-Film beschäftigt. Ein Artikel von Jörn Schumacher

Im vergangenen Jahr brachte der Forscher Keyvan Sarkhosh seine Studie „Enjoying trash films“ heraus. Der Mann arbeitet beim „Max-Planck-Institut fur empirische Ästhetik“ in Frankfurt am Main. Ja, diese Menschen forschen tatsächlich daran, wieso Kunst beim Menschen einen Kitzel hervorruft; sei es nun ein Gedicht, ein Bild oder ein Film.

„Wieso schaut man sich sowas an?“, fragte Sarkhosh seine Studienteilnehmer. Die waren ausgemachte Trash-Fans. Die erste Auffälligkeit: 90 Prozent der Teilnehmer an der Studie waren Männer, im Durchschnitt 35 Jahre alt. Der typische Trashfilmfan ist also männlich. Offenbar liegt das daran, dass es sehr oft um exzessive Darstellung von Sex und Gewalt geht, vermutet der Wissenschaftler.

Die häufigsten Filme, die als typische Trashfilme genannt wurden, waren „Sharknado“, „The Toxic Avenger“ und „Plan 9 from Outer Space“ von Ed Wood.

Zweite wichtige Erkenntnis: Das Publikum dieser Trashfilme ist keineswegs dumm. „Die Testpersonen stellten sich als überdurchschnittlich gebildet heraus“, sagte Sarkhosh im Magazin der Max Planck-Gesellschaft (Ausgabe 1/2017). „Sie haben viele Kulturinteressen, gehen ins Theater oder Museum und schauen sich Spartenkanale wie Arte an.“ Drei Viertel der Studienteilnehmer haben entweder Abitur oder einen Hochschulabschluss.
Erinnerung an Teenagerzeiten
Und warum nun schaut man so etwas? „Aus Langeweile am Mainstream, aus Frustration uber das sich immer wieder reproduzierende Hollywood“, stellt die Studie fest. Sarkhosh sagt: „Für die Liebhaber von Trashfilmen ist das Wort Trash ein Qualitätsmerkmal. Es wertet den Film eher auf.“

Trash-Fans schauen diese Filme gezielt und sehr bewusst und analysieren sie auch anschließend fleißig in Filmforen. Offenbar ist es so: Wer schlecht Gemachtes sieht, versteht besser, wie gut Gemachtes funktioniert. Oder anders ausgedrückt: Wer einem schlechten Film zusieht, versteht auf einmal besser, warum ein guter Film gut ist.

Und dann kommen natürlich noch die vielen Anspielungen auf frühere (Trash-)Filme hinzu. Wir mögen es offenbar, „aus ästhetischem Interesse“ die „Umsetzung von Klischees oder Anspielungen aus bereits gesehenen B-Movies“ zu genießen, drückt es der Experte aus. Die Ästhetik-Experten sprechen hier vom „Familiaritätsprinzip“, das angeblich „eine der stärksten Determinanten ästhetischen Gefallens“ ist.

In der Mythologie tritt der Satyr Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. auf
Sich an etwas zu ergötzen, was allgemein als „hässlich“ gilt, gab es schon immer. Schon in der Antike hätten Darstellungen etwa von Satyrn, Monstern mit Glatzen und Tiermerkmalen, einen ähnlichen Effekt gehabt, sagt der Wissenschaftler. Fur Kenner von Trashfilmen bedeute „guilty pleasure“ – die vermeintlich schuldige Lust am Abartigen – eine Art cineastisches Fest der Geschmacklosigkeit, welche nach Sarkhosh zur Kultur des Karnevalesken gezählt werden kann, also zu einer „Gegenkultur, in der unorthodoxe Freiheiten möglich sind“.

Sarkosh selbst empfiehlt als besonders trashigen Leckerbissen „Rabbits“ aus dem Jahr 1972. Hier mutieren Kaninchen zu menschenfressenden Bestien. In der Hauptrolle: Janet Leigh aus Hitchcocks „Psycho“. „Ein unglaublich charmanter Film, obwohl er einfach nur peinlich ist“, sagt der Filmwissenschaftler. Er trifft damit wahrscheinlich den Nagel auf den Kopf, warum man Trash (manchmal) so mag.
Wissenschaft sucht Wohlfühlfilm
Übrigens: Keyvan Sarkhosh führt schon wieder eine neue Studie durch: Diesmal geht es um das Phänomen „Wohlfühlfilm: Genre-Merkmale und emotionale Effekte eines populären Filmtypus“. Was macht den zuckersüßen, rosaroten und Happy-End-sicheren „Feel-good-Movie“ à la „Pretty Woman“ oder „Dirty Dancing“ so unwiderstehlich? Offenbar konsumiert ein bestimmtes Publikum diese Filme gezielt eben wegen eines bestimmten „Wohlfühl-Faktors“. Ich lehne mich hier einmal weit aus dem Fenster und vermute, dass dieses Mal die Männer nicht in der Mehrzahl sein werden.

Das „Institut für empirische Ästhetik“ in Frankfurt am Main sucht übrigens immer mal wieder Versuchsteilnehmer. Manche Studien kann man online mitmachen, für andere muss man nach Frankfurt reisen. Auf der Webseite des Instituts kann man aktuelle Aufrufe zu Experimenten finden. Vielleicht darf man sich dort demnächst im Dienste der Wissenschaft dem „Wohlfühlfilm“ hingeben.

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Dienstag, 25. Juli 2017
„Argentinischer Russ Meyer“ in Frankfurt wiederentdeckt

Regisseur Armando Bó mit seiner Muse Isabel Sarli („La Leona“)
Das Filmkollektiv Frankfurt und das Hofbauer-Kommando laden zur Wiederentdeckung des argentinischen Exploitation-Regisseurs Armando Bó ein. Vom 18. bis 20. August zeigen sie in Frankfurt am Main die größte Bó-Hommage außerhalb Argentiniens.

„Vier Männer zerfleischen sich im Kampf um Isabel Sarli, Argentiniens bombastischen Superstar jener Zeit. Implodierende Seelen neben explodierenden Figuren in einem Kaleidoskop lateinamerikanischer Befindlichkeiten.“ So schwärmte der epd-Filmkritiker Hans Schifferle von Armando Bós Film „Naked“ (1966). Und wenn der beste deutsche Filmkritiker von einem Regisseur schwärmt, den ich gar nicht kenne, werde ich hellhörig.

Wer ist Armando Bó? 1914 in Buenos Aires geboren, begann Bó seine Karriere als Schauspieler und unabhängiger Produzent. Zwischen 1954 und seinem frühen Tod 1981 inszenierte er 30 Spielfilme. Das Filmkollektiv Frankfurt und das Hofbauer-Kommando präsentieren jetzt die umfangreichste Bó-Hommage außerhalb Argentiniens. Am Wochenende vom 18. bis 20. August laufen zehn Spielfilmen, allesamt in 35mm-Unikatskopien, davon sieben als Deutschlandpremiere und eigens untertitelt, im Festsaal des Frankfurter Studierendenhaus und im Deutschen Filmmuseum. Die Werkschau bietet einen umfassenden Einblick in Bós Œuvre, indem auch zwei politische Komödien und ein Fußballfilm zu sehen sind sowie eine Dokumentation über die immensen Eingriffe der Zensur in seine Filme.

In Argentinien sei Bó als der Populärregisseur schlechthin bekannt und geliebt, schreibt das Filmkollektiv Frankfurt. Seine Filme genießen unter den wenigen Kennern außerhalb der spanischsprachigen Welt den Ruf eines „argentinischen Russ Meyer“.

Die Filme werden von Einführungen begleitet, und Gabriela Trujillo (Cinémathèque française), Expertin für südamerikanischen Avantgardefilm, wird unter anderem den subversiv-experimentellen Charakter von Bós Spielfilmen in ihrem Kurzvortrag am Samstag, den 19. August, um 22.30 Uhr beleuchten.

Freitag, 18. August

17.00 Uhr – CARNE SOBRE CARNE (2008) Dokumentation (Festsaal)
19.00 Uhr – EMBRUJADA (1969-76) (Festsaal)
22.30 Uhr – TROPISCHE SINNLICHKEIT (= Lujuria tropical, 1964) (Deutsches Filmmuseum)

Samstag, 19. August

14.00 Uhr – LA MUJER DEL ZAPATERO (1965) (Festsaal)
16.00 Uhr – DESNUDA EN LA ARENA (1969) (Festsaal)
18.30 Uhr – EL TRUENO ENTRE LAS HOJAS (1958) (Festsaal)
22.30 Uhr – Kurzvortrag (20min, in Engl.) von Gabriela Trujillo
anschließend: FIEBRE (1972) (Deutsches Filmmuseum)

Sonntag, 20. August

14.00 Uhr – PELOTA DE CUERO (1963) (Festsaal)
16.00 Uhr – LA SENORA DEL INTENDENTE (1967) (Festsaal)
19.00 Uhr – FUEGO (1968) (Festsaal)
21.00 Uhr – NAKED (= La tentación desnuda, 1966) (Festsaal)

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Oberhausen zu einem der coolsten Filmfestivals der Welt gewählt

Oberhausen: vor der Lichtburg / LauraO, Wikipedia (CC BY-SA 3.0)
Das coolste Filmfestival Deutschlands? Der Hofbauer-Kongress? Das Around the World in 14 Films? Das Filmfest München? Nicht, wenn es nach dem amerikanischen Independent-Magazin MovieMaker geht.

Das Filmmagazin MovieMaker hat die 25 coolsten Filmfestivals der Welt gewählt. Darunter befinden sich vor allem jede Menge kleinere US-Festivals, was vielleicht eher etwas über die Reisekasse der Jury aussagt. Bei der Wahl des ausgezeichneten Genre-Mekka in Texas, dem Fantastic Fest, kann man nur zustimmen. Aber sie empfehlen beispielsweise auch das kolumbianische Festival in Cartagena, das Filme in alten Krankenhäusern, Kirchen und Gefängnissen zeigt. Ganz begeistert ist die Jury von den Oberhausener Kurzfilmtagen. Ständig laufe man hier in Freunde und fühle sich nie allein, weil es ein kleines, familiäres Festival sei. Hier gebe es nicht nur interessante Gäste und Panel-Diskussionen sowie spannende übergreifende Filmthemen, sondern auch die filmhistorischen Anfänge solcher berühmter Regisseure wie Martin Scorsese, Roman Polanski und Michel Gondry zu bestaunen.

Link: - Hans Schifferle über die 63. Kurzfilmtage

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Donnerstag, 13. Juli 2017
Gedankensammlung zu Tarantinos Projekt über die Manson-Morde

Foto: Sir Mildred Pierce, flickr (CC BY 2.0)
Quentin Tarantinos nächster Film dreht sich um die Manson-Morde. Brad Pitt, Jennifer Lawrence und Margot Robbie sind angefragt. Ein paar Gedanken und Verweise:

* „Natural Born Killers“ sollte ursprünglich Tarantinos Debütfilm werden. Die Serienkiller, die Medien, Hollywood und das Pop-Phänomen waren also immer schon da. Nur: Oliver Stone verfilmte Tarantinos 1989 geschriebenes Drehbuch. Stones Änderungen verabscheute Tarantino. Er verabscheute überhaupt den Prozess, dass jemand sein Kunstwerk bearbeiten durfte. Es war ein Stachel, der bis heute tief sitzt. Mit dem neuen Projekt über die Manson-Morde schließt sich für Tarantino ein Kreis.

* Karina Longworth war die beste Filmkritikerin der Vereinigten Staaten von Amerika. Dann sagte sie sich vom Tagesgeschäft los, schrieb Bücher für die Cahiers du Cinema und traf den Regisseur Rian Johnson. Aber sie rief den sehr hörenswerten Podcast You Must Remember This ins Leben. Innerhalb des Podcast startete sie im Jahr 2015 eine zwölfteilige Podcastreihe zu den Manson-Morden. Wer Interesse hat, diesen Fall aus allen nur erdenklichen Perspektiven durchleuchtet zu sehen und sich auch für die popkulturellen Dimensionen des Ganzen interessiert, ist hier richtig. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass diese Podcast-Reihe zumindest Tarantinos Dringlichkeit an dem Projekt beeinflusst haben könnte.
Tarantinos Urangst war die Manson-Family
* Der erste Film, der Tarantino als kleinen Jungen traumatisiert hat, heißt „Last House on the Left“ von Wes Craven. Als er den Film damals als Fünftklässler im Autokino sah, wurde ihm richtiggehend schlecht vor Angst. Denn dieser Terrorfilm spiegelte die größte Befürchtung des kleinen Quentin, der mit seiner Mutter in Los Angeles wohnte: Fremde Menschen, die in dein Haus einbrechen, deine Familie als Geiseln nehmen, terrorisieren und ermorden. Manson lebte mit seinen „Jüngern“ zu der Zeit auf einer Ranch nicht unweit von Los Angeles, die ein früheres Filmgelände war. Wenn Tarantino jetzt einen Film über die Manson-Morde dreht, setzt er sich auch mit einer seiner Urängste auseinander.

* Auf dem Filmfestival von Busan im Jahr 2013 sagte Tarantino: „Ein Serienkillerfilm würde meine eigene Abartigkeit zu sehr offenbaren. Der Planet Erde kann meine Version eines Serienkillerfilms nicht ertragen.“

* Der Filmkritiker Owen Gleiberman schrieb zu 40 Jahre Manson-Morde einen sehr anregenden Text für Entertainment Weekly. Darin empfahl er das TV-Biopic „Helter Skelter“ aus dem Jahr 2004. Wer sich noch gar nicht auskennt, findet dort eine erste interessante Interpretation der Biografie von Charles Manson.

* 2014 berichtete das Branchenblatt Variety, dass der „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis und der Regisseur und Rockmusiker Rob Zombie einen Film zu Charles Manson planen. Irgendwie hat das nichts mit Tarantino zu tun, ich fand es trotzdem interessant. ;)
Hollywood Reporter stört den Künstler
* Wenn man mal davon ausgeht, dass Tarantino wirklich nach dem zehnten Film seine Regiekarriere an den Nagel hängt, steigt auch der Druck und die Erwartungshaltung. Was sind die letzten beiden Filme, mit denen sich der Kalifornier in die Filmgeschichte eintragen will? Der allerletzte Film könnte für den Amerikaner John Brown reserviert sein. Es war Tarantino, der diverse große Regisseure für ihre schwachen letzten Werke kritisiert hat. Und er ist immer dann schwach, wenn er sich entspannt und zu sicher fühlt. Bei seinem vorletzten Film und der Manson-Thematik ist so viel Druck da, dass sich Tarantino nicht gehen lassen kann. Er ist ein Regisseur, der besser wird, umso größer der Druck ist.

* So wie man liest, ist Tarantino verstimmt, dass der Hollywood Reporter, noch bevor er mit dem Drehbuch fertig geworden ist, die frohe Kunde in die Welt getragen hat: Tarantino macht Manson. Das berichtet jedenfalls die Filmjournalistin Anne Thompson, die mit Tarantino bei Facebook befreundet ist. Wollen wir hoffen, dass das nicht wieder zu einem Herumgeeiere wie bei „The Hateful Eight“ führt.

* Bei der Vergegenwärtigung von Mansons wahnsinnigen Theorien über die schwarze Weltherrschaft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Tarantinos Manson-Film höchstwahrscheinlich noch deutlich politischer wird als „The Hateful Eight“. Tarantino jagt den Zeitgeist, will politische Stimmung und Geschichte einfangen, wie das etwa „Bonnie und Clyde“ Ende der 1960er-Jahre geschafft hat. In diesem Falle wird das bein Manson auch der Zeitgeist eines Donald Trump sein.
Biopic-Vorbild Elvis Presley
* Tarantino hat sich jetzt jahrelang mit dem Übergang vom alten zum neuen Hollywood beschäftigt. Ganz besonders fixiert war er auf das Filmjahr 1970. Bei dieser Rückschau war das Mark-Harris-Filmbuch „Pictures at a Revolution“ maßgeblich. Es würde mich von daher wundern, wenn Tarantino den Hollywood-Aspekt nicht auch jenseits der Polanski-Tate-Achse entscheidend einsetzen wird.

* Biopics gehören zu Tarantinos unbeliebtesten Genres. Das Leben von A bis Z nachzuerzählen, sei dramaturgisch mit einem Film nicht auf interessante Art und Weise zu lösen. Das würde eine stinklangweiliger Film werden. „Wenn ich einen Film über Elvis Presley mache, drehe ich keinen Film über sein ganzes Leben. Ich würde einen einzelnen Tag herausgreifen, zum Beispiel als Elvis zum amerikanischen Label Sun Records ging. Ich würde einen ganzen Film über den Tag machen, bevor Elvis bei Sun Records aufschlug. Und der Film würde damit enden, wenn er durch die besagte Tür läuft.“

* Ich habe mir zur Einstimmung das Buch „The Girls“ von Emma Cline bestellt. Darüber waren alle Teilnehmer des neuen Literarischen Quartetts im vergangenen Jahr völlig aus dem Häuschen. Da war auch noch der unersetzbare Maxim Biller dabei. Es ist keine Manson-Biografie oder ein Sachbuch über die Family, sondern ein Roman, der an die Manson-Morde angelehnt ist und seinen Fokus auf die jungen Frauen legt, die in diesem Zirkel unterwegs waren.

Link: - Tarantino verlobt mit Israelin Daniella Pick

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Montag, 10. Juli 2017
Was Tarantinos Verlobung für die israelische Filmgeschichte bedeutet
Der 54-jährige US-Regisseur Tarantino schlägt das nächste Kapitel in seinen Leben auf: Nach seiner Verlobung mit dem israelischen Model Daniella Pick ist offen, wie es mit seiner Karriere weitergeht. Die israelische Filmgeschichte wird sicher profitieren. Eine Analyse von Michael Müller

Quentin Tarantino hat sich verlobt. Die Auserwählte ist das singende israelische Model Daniella Pick. Die 33-Jährige ist die Tochter des isarelischen Popstars Svika Pick, der seine größten Erfolge in den 1970er-Jahren feierte. Ruhm heimste er auch als Songschreiber für den Eurovision Songcontest ein: Er schrieb beispielsweise den israelischen Gewinnersong von Dana International im Jahr 1998.

Kennengelernt haben sich Pick und Tarantino bei der Promo-Tour für "Inglourious Basterds" im Jahr 2009. Da besuchte der Regisseur zum ersten Mal im Leben Israel. "Es stimmt, wir sind glücklich und aufgeregt", gab Pick die Verlobung gegenüber der israelischen Tageszeitung "Yediot Aharonot" zu.


Bubblegum-Pop aus Ramat HaScharon

Dieser Gossip findet auf der Seite Negative Space Platz, weil es erstens Tarantino ist, es zweitens wohl ziemlich sicher Einfluss auf seine zukünftigen Filmprojekte haben wird und die Möglichkeit erhöht, dass Tarantino demnächst vermehrt in die israelische Filmgeschichte eintaucht. Da ich mich auch beruflich mit Israel beschäftige und gerade das Kulturleben dort sehr spannend finde, schaue ich rosigen Zeiten entgegen.
Fingerabdrücke in der Filmgeschichte vorhanden
Ich werde also die Augen offen halten, ob Tarantino und Pick ab kommenden Donnerstag auf dem Jerusalemer Filmfestival (13.-23.07.) unterwegs sind. Schließlich erhielt der Regisseur erst im vergangenen Jahr dort von der Festivalchefin und Leiterin der Jerusalemer Cinematheque, Noa Regev, einen Ehrenpreis überreicht. Tarantino bedankte sich mit dem hebräischen Slang-Wort "sababa", was so viel wie "cool" bedeutet und zeigte eine restaurierte 35mm-Fassung seines Klassikers "Pulp Fiction". In seiner Rede sagte er weiter: "Es ist etwas Besonderes diesen Preis in Jerusalem zu erhalten, am Fuße der Altstadt unter freiem Himmel. Gott segne euch alle!"

Es existieren auch schon erste Fingerabdrücke, die Tarantino in der israelischen Filmgeschichte hinterlassen hat: Im Jahr 2013 besuchte er das koreanische Filmfestival in Busan. Dort sah er den israelischen Thriller "Big Bad Wolves" von den Regisseuren Aharon Keshales und Navot Papushado. Das sind zwei Shootingstars aus der wachsenden israelischen Genrefilmszene. Im Jahr 2010 hatten die beiden bereits mit ihrem Debüt, dem Slasherfilm "Rabies", international für Aufsehen gesorgt. Aktuell arbeiten sie an einer Art Spaghetti Western, der "Once Upon a Time in Palestine" heißen soll und während der britischen Mandatszeit, noch vor der Staatsgründung Israels, in Palästina spielt. Tarantino adelte jedenfalls "Big Bad Wolves" in Busan als besten Film des Jahres und fragte einen der beiden Regisseure in einem Q & A aus. So ein Qualitätsstempel schmückt DVD-Hüllen und verkauft Filme in die ganze Welt.


Israelischer QT-Geheimtipp: "Höllenkommando" (1970)

Aus filmhistorischer Sicht noch etwas spannender fand ich aber Tarantinos Aussagen auf dem Jerusalemer Filmfestival 2016, die er gegenüber der Nachrichtenagentur "Tazpit Press Service" machte: Da drückte er nämlich seine Liebe für den israelischen Men-on-a-Mission-Film "Höllenkommando" aus. Das schnörkellose Werk des berüchtigten Regisseurs und Produzenten Menahem Golan aus dem Jahr 1970 handelt von Israelis, die Kameraden aus einer arabischen Gefängnisfestung herausholen wollen. Den englischen Verleihtitel "Eagles Attack at Dawn" stellte er als Referenzpunkt gleichbedeutend neben Genreklassiker wie "Die Kanonen von Navarone" oder "Das dreckige Dutzend", als er seinen Film "Inglourious Basterds" auf einer Pressekonferenz in Tel Aviv vorstellte.
Ist Quentin "Eis am Stiel"-Fan?
Außerdem empfahl Tarantino gegenüber der Presseagentur einen weiteren israelischen Golan-Film, nämlich "Operation Entebbe" aus dem Jahr 1977. In dieser auf realen Tatsachen basierenden Geschichte um die israelische Flugzeugbefreiung in Uganda spielen mit Klaus Kinski und Sybil Danning auch zwei deutschen Darsteller nicht unbedeutende Rollen. "Der ist sehr gut", sagte Tarantino. Zu gerne würde ich auch seine Meinung zu den legendären "Eis am Stiel"-Filmen hören, deren Erfolg überhaupt erst die glorreichen Zeiten der Cannon-Filme von Golan und Yoram Globus in den 1980er-Jahren ermöglicht hat. Sein Kumpel Eli Roth verehrt die "Eis am Stiel"-Filme abgöttisch. Da könnte es eventuell auch noch Nachhilfe geben.

Aber die israelische Filmgeschichte ist reichhaltig: Angefangen bei den heroischen Propagandafilmen, die in den 1950er-Jahren gedreht wurden, über die Kunstfilme der 1960er-Jahre, die sich an die Nouvelle Vague anlehnten, bis zu den so genannten Boureka-Filme der 1970er- und 1980er-Jahre. Das waren Unterhaltungsfilme, die nach den gleichnamigen gefüllten Blätterteigtaschen heißen. Ganz zu schweigen von den Stalag-Pulp-Geschichten, die von den damaligen Groschenromane beeinflusst waren.

Offen ist, was die Verlobung für Tarantinos Filmkarriere bedeutet. Der Kalifornier sprach bislang immer nur von seinen Filmen als Babys. Das könnte sich zukünftig ändern, wenn man den Gerüchten Glauben schenken mag, dass die Beziehung zwischen Tarantino und Pick auch immer wieder aussetzte, weil sich die beiden in der Babyfrage nicht einig wurden. Sie wollte Kinder, er vorerst noch nicht. Das scheint nicht mehr zu gelten. Zwei Filme wollte er nach "The Hateful Eight" noch drehen, damit die magische Zehn voll ist. Ein konkretes Projekt ist aktuell nicht am Horizont auszumachen.

Links: - QT feiert 1970, - 35mm-Bollwerk gegen die Barbaren

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Donnerstag, 29. Juni 2017
Filmfest-München-Entdeckungen 2017
„Die Freibadclique“ (Friedemann Fromm)

© Filmfest München
„Die außer­ge­wöhn­liche Verfil­mung eines außer­ge­wöhn­li­chen Sommer-Romans mit einer wunder­baren Riege von Jung­s­chau­spie­lern“ (Rüdiger Suchsland, Artechock)
„Blind & Hässlich“ (Tom Lass)

© Filmfest München
„Forsches wie verträumtes Coming-of-Age-Drama vom Münchner Multitalent Tom Lass“ (Süddeutsche Zeitung)
„Fikkefuchs“ (Jan Henrik Stahlberg)

© Filmfest München
„Ein wunderbarer Film mit einem wunderschönen Titel“ (Patrick Wellinski, Deutschlandfunk Kultur)
„A Thought of Ecstasy“ (RP Kahl)

© Filmfest München
„Ein Erotik-Wüsten-Thriller in bester Noir- und Pulp-Tradition“ (Harald Mühlbeyer, kino-zeit.de)
„Das Verschwinden“ (Hans-Christian Schmid)

© Filmfest München
„Eine achtteilige Serie, der eine angenehme gespannte Ruhe eigen ist, der es dennoch nicht an Innendruck fehlt.“ (Elmar Krekeler, Die Welt)
„Die Vierhändige“ (Oliver Kienle)

© Filmfest München
„Paranoia-Thriller à la Polanski, klar auf internationalem Niveau“ (Patrick Wellinski, Deutschlandfunk Kultur)

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Donnerstag, 15. Juni 2017
Programm des 4. Terza Visione entfaltet sich

Jennifer Connelly („Phenomena“) begann ihre Karriere im italienischen Genrefilm

Das vielleicht am besten kuratierte deutsche Genrefestival geht in seine vierte Runde: Das Terza Visione präsentiert Ende Juli in Frankfurt einige der wertvollsten Schätze der italienischen Filmgeschichte.

Ich besitze als Cineast drei besonders große Leidenschaften: Als Kind der 1980er-Jahre natürlich für Hollywood und meine Hassliebe zur deutschen Filmgeschichte. Am einfachsten erschien mir aber immer die Verbindung zum italienischen Genrefilm. In meiner Wohnung hängen drei Poster zu italienischen Filmen: Da wäre der Fernando-di-Leo-Gangsterklassiker „Milano Kaliber 9" und neuerdings ein in Israel teuer erstandenes Poster zum Maurizio-Lucidi-Kriegsfilm „Geheimcode – Die Katze zeigt ihre Krallen“ („La battaglia del Sinai“). Außerdem hängt da ein mysteriöses Giuliano-Gemma-Poster. Ich habe mir sagen lassen, dass im hebräischen Titel der Name Ringo vorkommt. Das optische Design erinnert aber doch stark an Ferronis feinen Spaghetti Western „Ein Loch im Dollar“.

Die Italiener haben nochmal einen ganz besonderen Zugang zur Kinematografie gefunden. Es gab eine Zeit, da reichte ein erfolgreicher Hollywoodfilm, damit die Italiener daraus ein eigenes Genre erschufen („Dawn of the Dead“, „Der Exorzist“). Und selbst in den krudesten Exploitationfilmen aus Italien ist jeder Zeit mit einer genialischen Szene zu rechnen. Wie kann man diese Filmindustrie nicht lieben.
Italiener sind die Meister des Auges
Die wohl doch beste Filmkritikerin aller Zeiten, Pauline Kael, merkte einmal über die Generation von italienischstämmigen Regisseuren in den Vereinigten Staaten wie Scorsese, Cimino, Coppola oder De Palma an, dass diese durch ihre katholische Erziehung eine besondere Gabe für visuelle Erzählkunst mitbekommen hätten. Ja, italienische Filmemacher denken außergewöhnlich gut in Bildern. Umso wichtiger ist es, dass die Kuratoren Andreas Beilharz und Christoph Draxtra zum vierten Mal das Terza Visione, das Festival zum italienischen Genrefilm, abhalten. Vom 27. bis 30 Juli findet es zum ersten Mal in Frankfurt am Main im Deutschen Filmmuseum statt.

Das Programm entblättern die beiden gerade Tag für Tag auf der Facebookseite des Terza Visione. Vieles ist aber schon klar: Das Festival eröffnet am Donnerstag mit der Superschurkenperle „Danger: Diabolik“ und schließt am Sonntag mit dem Dario-Argento-Film „Phenomena“. Das sind beides bereits Klassiker des italienischen Genrefilms, auf die ich sehr viel Lust im Kino hätte.

Noch spannender finde ich allerdings die Filme, die mir noch nicht so viel sagen: Zum Beispiel der „waghalsig zwischen Neorealismus und Exploitationkino balancierende“ Film „Ingrid auf der Straße“; oder der Massimo-Dallamano-Film „Das Ende der Unschuld“, von dem ich quasi gar nichts weiß; oder „Mit Faust und Degen“ von Riccardo Freda; oder der „Rambo“-Verschnitt „Rolf“ von Mario Siciliano. Für den raren Italowestern „Die Nacht der Schlangen“ haben die Veranstalter den Regisseur Till Kleinert („Der Samurai“, „Girl Cave“) für die Einleitung gewonnen. Freitag und Samstag sind noch einige Programm-Slots frei. Man darf also auf weitere Leckerbissen hoffen.

4. Terza Visione (27.-30.07.):

Donnerstag, 27.07.

20.00 Uhr: DANGER: DIABOLIK (Mario Bava, 1968)
22.30 Uhr: EINE EIDECHSE IN DER HAUT EINER FRAU (Lucio Fulci, 1971)

Freitag, 28.07.

12.30 Uhr: BLUTGERICHT (Alberto De Martino, 1964)
15.45 Uhr: WER OHNE SÜNDE IST (Raffaello Matarazzo, 1952)
20.00 Uhr: ARCANA (Giulio Questi, 1972)
23.00 Uhr: SCHWEDEN - HÖLLE ODER PARADIES? (Luigi Scattini, 1968)

Samstag, 29.07.

13.00 Uhr: EIN ACHTBARER MANN (Michele Lupo, 1972)
15.30 Uhr: KLEINE BRAUT, WAS NUN? (Sergio Bergonzelli, 1976)
20.00 Uhr: INGRID AUF DER STRASSE (Brunello Rondi, 1973)
22.30 Uhr: ROLF (Mario Siciliano, 1984)

Sonntag, 30.07.

13.00 Uhr: MIT FAUST UND DEGEN (Riccardo Freda, 1963)
16.15 Uhr: DAS ENDE DER UNSCHULD (Massimo Dallamano, 1976)
20.00 Uhr: DIE NACHT DER SCHLANGEN (Giulio Petroni, 1969)
22.30 Uhr: PHENOMENA (Dario Argento, 1985)

Links: - Danger: Diabolik, - 2. Terza Visione, - 1. Terza Visione

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Sonntag, 4. Juni 2017
Serien-Tipp „Girl Cave“


Die neue Funk-Serie „Girl Cave“ rockt. Nach den ersten zwei Episoden lässt sich festhalten: Selten wurde in deutscher Sprache die Coming-of-Age-Geschichte zärtlicher erzählt.

Letztlich rechnen sich Coming-of-Age-Filme doch immer auf die Frage herunter, wie gut einem die Protagonisten gefallen und wie stark die Musikauswahl ist. Nach der zweiten Folge der neuen achtteiligen Web-Serie „Girl Cave“, die für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot Funk entstand, ist es nicht übertrieben, von einem Film zu schreiben. „Girl Cave“ lebt nicht von Cliffhangern oder davon, Figuren in immer gleichen Verhaltensmustern zu zeigen. Showrunner Memo Jeftic und Regisseur Till Kleinert („Der Samurai“) erzählen mit filmischen Mitteln eine zusammenhängende Geschichte, indem sie drei junge Frauen auf eine Reise schicken. Am Ende steht wohl der Ausbruch aus der Provinz oder zumindest eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit.

Während die drei Protagonistinnen in der zweiten Folge durchexerzieren, wie sie jeweils eine Bank überfallen würden, läuft Musik aus „Cowboy Bebop“, „Die Familie mit dem umgedrehten Düsenantrieb“ und ein Song aus John Woos Heroic-Bloodshed-Klassiker „The Killer“. Es ist nicht irgendein Song aus „The Killer“, sondern das berüchtigte Liebesthema von Chow Yun-Fat und der blinden Sängerin aus dem Nachtclub. „Girl Cave“ wiederum nimmt den Song, um die erotischen Gefühle zweier männlicher Manga-Figuren in der Fan-Fiction von Zada (Yasmin Slama) zu unterstreichen. Oder Fanfic, wie es noch treffender heißt. Das ist zum einen kreativ, weil Sally Yehs Song so bestimmt noch nie eingesetzt wurde. Es erinnert aber auch an den stets vorhandenen homoerotischen Subtext in John Woos epischen Männerfreundschaften. Allein an diesen drei Musikreferenzen lässt sich zeigen, dass „Girl Cave“ keine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte ist.
Sei zärtlich, Bär Balu!
Heiko Pinkowski spielt den Vater der 16-jährigen Protagonistin Julija (Fine Kroke). Pinkowski ist eigentlich die Stammbesetzung in den German-Mumblecore-Filmen von Axel Ranisch („Dicke Mädchen“, „Ich fühl mich Disco“). Ein kräftiger bärtiger Mann, der in „Girl Cave“ so weich wie der Bär Balu daherkommt. Ich sehe Pinkowski unwahrscheinlich gerne. Hier ist er der ruhende Familienpol, der sich allein um Julija kümmern musste, als sich seine Frau in der Welt selbstverwirklichen wollte. „Ich mag Vögel, deine Mutter aber das Fliegen“, sagt er einmal zu Julija. Die Serie beginnt damit, dass Julija vom Tod ihrer Mutter erfährt.

Zartheit. Das fällt mir selten bei Coming-of-Age-Geschichten oder deutschen TV-Serien ein. Aber „Girl Cave“ ist von einer solchen Zartheit bestimmt, wenn es um seine Protagonisten geht. In jeder Einstellung ist die Liebe für seine drei Teenagerinnen in der Provinz zu spüren, die etwas anders als die andern sind. Aber dieser zarte Blick gilt auch für den brummigen Vater oder auch nur kurz aufblitzende Nebenfiguren wie den exzentrischen Notar aus der ersten Folge oder die ausgedachten Sidekicks bei Julijas fiktivem Banküberfall.
Manga-Nerdtum für Fortgeschrittene
Ich musste „Girl Cave“ zu allererst mit der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ vergleichen. Bora Dağtekins Serie habe ich lange vor dem Kinofilm und den „Fack ju Göhte“-Blockbustern sehr geliebt. Da besaß nämlich jemand eine frische Stimme, einen originellen Cast und die notwendigen visuellen Fähigkeiten, das auch umzusetzen. Bei Coming-of-Age-Geschichten muss man so nah an seinen Protagonisten sein, dass es auch weh tut, man peinlich berührt ist und sich gelegentlich fragt, ob das jetzt nicht zu intim ist. All das sehe ich auch bei „Girl Cave“ und den drei Hauptdarstellerinnen Fine Kroke, Yasmin Slama, Maja Lindner.

Dem seit Jahren andauernden Serien-Hype stehe ich skeptisch gegenüber. Das ist auch ein wenig ein Selbstschutz, weil ich gar nicht die Zeit hätte, drei Staffeln einer neuen Serie zu schauen, um dann festzustellen, dass ich eigentlich gar nicht die Figuren leiden kann. Aber ich muss festhalten: Im Februar auf der Berlinale begeisterte mich die TNT-Serie „4 Blocks“. Und ich kann jetzt auch sehr viel mit „Girl Cave“ anfangen. Sie eint das Selbstbewusstsein, mit dem sie das Genre bespielen und mit frischen Ideen und authentischen Momenten füllen. Das sind schon zwei sehr empfehlenswerte deutsche Serien.

Neue Episoden von „Girl Cave“ erscheinen freitags um 16 Uhr auf dem YouTube-Kanal. Die erste Staffel ist auf acht Folgen angelegt.

Links: - Girl Cave Kanal, - Jeftics Kinochiwa-Podcast

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Samstag, 27. Mai 2017
Negative Space zu Gast bei Kino+

Der Kinostart der Woche: Ridley Scotts Requiem „Alien: Covenant“

Über Goebbels, Ridley Scott und Heimatfilme: Im Kaninchenbau bei den Raketenbohnen.

Unser Redakteur Michael Müller hatte die Ehre, am 18. Mai in der zweistündigen Sendung Kino+ auf Rocket Beans TV zu Gast zu sein. Mit den Moderatoren Daniel Schröckert, Etienne Gardé und Andreas Bardét sprach er unter anderem über Filmkritik, „Alien: Covenant“, SigiGötz-Entertainment, Cannes, Werner Hochbaum und Filme im Dritten Reich.

Links: - Kinoplus-Mitglied Donnie O'Sullivan, - Der Nachtmahr

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Sonntag, 21. Mai 2017
Cannes-Ticker 2017

Im Wettbewerb: „120 Beats Per Minute“ von Robin Campillo

Absteigend aufgelistet finden sich hier die Cannes-Filme 2017 aus allen Wettbewerben, die mich persönlich am meisten interessieren. Die eigene Vorfreude wie auch das Kritiker-Feedback vor Ort sorgen für die Abstufungen, die ich mit Sternen von fünf bis zwei kenntlich mache. Der Ticker wird regelmäßig upgedatet. Das Festival läuft vom 17. bis zum 28. Mai.

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Most-Wanted 2017:

01. The Killing of a Sacred Deer – Yorgos Lanthimos
02. Western – Valeska Grisebach
03. L'amant double – François Ozon
04. Good Time – Benny & Josh Safdie
05. The Florida Project – Sean Baker
06. 120 Beats Per Minute – Robin Campillo
07. The Venerable W. – Barbet Schroeder
08. A Prayer Before Dawn – Jean-Stéphane Sauvaire
09. Napalm – Claude Lanzmann
10. The Meyerowitz Stories – Noah Baumbach

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★★★★½

„The Killing of a Sacred Deer“ (Yorgos Lanthimos)

[Wettbewerb] – Chirurg Steven Murphy (Colin Farrell) ist wegen eines Teenagers zu einem großen Opfer gezwungen.

„Lanthimos's taboo horror moves with a somnambulant's certainty along a spectrum of strange.“ (Peter Bradshaw, Guardian) „Das ist seit langem der wuchtigste, erschütterndste und strengste Film, und klar der erste Gänsehaut-Kandidat im diesjährigen Wettbewerb.“ (Michael Sennhauser, SRF) „Lanthimos comes to America & makes the scariest film of his life.“ (David Ehrlich, indieWIRE) „Shallow, silly B-thriller, immaculately rendered, emotionally neutered.“ (David Jenkins, Little White Lies) „It's magnificent.“ (Guy Lodge, Variety) „A tedious exercise in chic morbidity.“ (Nick James, Sight & Sound) „It's turns out to be a Jonathan Glazer movie in Lanthimos sheepskin. And it's the best of both worlds.“ (Tim Robey, Daily Telegraph) „Profound tragedy in what seems like a perverse horror scenario.“ (Peter Debruge, Variety) „Es ist großar­tiger Arthouse-Horror.“ (Rüdiger Suchsland, Artechock) „The most divisive thing yet seen at the 2017 festival, and one of the very best.“ (Robbie Collin, Daily Telegraph) „Pechschwärzeste aller Satiren.“ (Thomas Schultze, Blickpunkt:Film) „The Killing of a Sacred Deer“ war vor dem Festival mein Most-Wanted-Film – und er bleibt es nach den ersten Reaktionen der Kritiker.

„Western“ (Valeska Grisebach)

[Un Certain Regard] – Deutsche Bauarbeiter lernen an der Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland ein Dorf kennen.

„The film unfolds from tensions in deeply satisfying intimate, brooding encounters.“ (Nick James, Sight & Sound) „Stunning existential study of masculinity tips its hat to classic genre cinema.“ (Giovanni Marchini Camia, Sight & Sound) „Simmering drama of German-Bulgarian discord, the spirit of John Ford graces it.“ (Guy Lodge, Variety) „Ein Western als Studie von Missverständnissen und Annäherungen.“ (Verena Lueken, FAZ) „A very good and subtle film.“ (Fabien Lemercier, ICS) „As beautifully observed, played and subtly nuanced as her earlier work.“ (Geoff Andrew, Sight & Sound) „Meinhard Neumann's quiet intensity and cool-mannered strength make him a more than honourable Euro descendant of John Wayne.“ (Jonathan Romney, Screen Daily) „Tense, mysterious & unassumingly sly with genre/character.“ (Jordan Cronk, Film Comment) Grisebachs famoses Regiedebüt „Sehnsucht“, das im Wettbewerb der Berlinale seine Weltpremiere feierte, ist über ein Jahrzehnt her. Maren Ades Firma Komplizenfilm produzierte „Western“.

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★★★★

„L'amant double“ (François Ozon)

[Wettbewerb] – Die junge Chloé (Marine Vacth) verliebt sich in ihren Psychoanalytiker, was zu Komplikationen mit seiner Freundin führt.

„I want to have Ozon's babies. Best of the fest. This year's ELLE.“ (Boyd van Hoeij, The Hollywood Reporter) „Cats, mirrors, twin shrinks, Marina Vacht in a strap-on. This year's De Palma D'Or.“ (Jonathan Romney, Screen Daily) „Ozon's Double Lover is the tawdry antidote I needed...a De Palma doppelgänger daydream.“ (Nicholas Bell, Ioncinema) „Hitchcockian psychosexual thrills in Ozon's L'amant Double. Elegant, trashy, erotic, outrageous. Can see Almodóvar digging it.“ (Jamie Graham, Total Film) „It's exactly the entertaining surface softcore schlock I expected it to be.“ (Nick James, Sight & Sound) Der neue Ozon-Film war neben dem Lanthimos-Film „The Killing of a Sacred Deer“ der von mir am heißesten erwartete Wettbewerbsfilm. Die Schnappatmung der Kritikaster bestätigt mich nur in meiner Vorfreude.

„Good Time“ (Benny & Josh Safdie)

[Wettbewerb] – Constantine Nikas (Robert Pattinson) will nach einem missglückten Banküberfall seinen Bruder aus dem Gefängnis befreien.

„The Safdies' channel A BOUT DE SOUFFLE thru Michael Mann in the fantastic GOOD TIME. Robert Pattinson's best performance yet.“ (Lee Marshall, Screen Daily) „Feels like the US indie scene stepping up and rewriting genre by their own rules. Like mainlining cinema.“ (Jordan Cronk, Film Comment) „A sweaty salute to ‘70s crime movies such as DOG DAY AFTERNOON and TAXI DRIVER.“ (Jamie Graham, Total Film) „Ein sehr guter Film, vor allem die erste Hälfte. Die Arbeit von Robert Pattinson ist außergewöhnlich.“ (Diego Lerer, Microposia) „Steinbeck would recognize Safdie Bros. & sibling grifters of their shaggy dog heist pic. Burst of energy for comp.“ (Peter Howell, Toronto Star) „It's excellent.“ (Nick James, Sight & Sound)

„The Florida Project“ (Sean Baker)

[Director's Fortnight] – Der neue Film des „Tangerine“-Regisseurs über die Sommerferien einer Sechsjährigen, die Abenteuer versprechen.

„Der beste Film des bisherigen Festivals.“ (Jenny Jecke, Moviepilot) „It's an absolute barn burner. Brimming with life & noise & neglect & humanity & an all-time Willem Dafoe.“ (David Ehrlich, indieWIRE) „A heartbreaking, tough gem.“ (Tim Grierson, Screen Daily) „It's extraordinary. American neo realism goes to Disney jail with real people and real emotions.“ (David Jenkins, Little White Lies) „Few outright triumphs in Cannes this year, but we'll always have THE FLORIDA PROJECT.“ (Tim Robey, Daily Telegraph)

„120 Beats Per Minute“ (Robin Campillo)

[Wettbewerb] – In den frühen 1990er-Jahren kämpfen Aktivisten in Paris gegen die Ungerechtigkeit, die mit dem Aids-Virus einhergeht.

„Many AIDS dramas are afraid to be both political and erotic. Campillo's sprawling, thrilling BPM gets it right.“ (Guy Lodge, Variety) „BPM beautifully counterpoints the personal and political in 90s AIDS activism saga. Also feels purpose built for the Palme.“ (David Jenkins, Little White Lies) „Quietly epic, sober BPM is a Parisian THE NORMAL HEART, Aids activism and deaths petits et grands in 90s Paris.“ (Dave Calhoun, TimeOut) „Very strong, sensitive docudrama about ACT UP Paris and living politics in the first-person.“ (David Ehrlich, indieWIRE) „Das Festival de Cannes hat seine erste Sensation.“ (Thomas Schultze, Blickpunkt:Film)

„The Venerable W.“ (Barbet Schroeder)

[Special Screenings] – Ein Dokumentarfilm über den einflussreichen buddhistischen Mönch Venerable Wirathu in Burma, der Hass und Gewalt predigt.

„Shot on the hoof, under the noses of a repressive regime, it'ss a fine, stirring documentary about ethnic cleansing in action.“ (Lee Marshall, Screen Daily) „A very good work.“ (Geoff Andrew, Sight & Sound) „Chilling look at the Buddhist monk whose Islamophobic rhetoric is stoking ethnic cleaning in Myanmar.“ (Jay Weissberg, Variety) Es ist nach „General Idi Amin Dada“ und „Terror's Advocate“ der dritte Teil der Barbet-Schroeder-Trilogie über die Achse des Bösen. Die ersten beiden Teile gehören zu den besten und faszinierendsten Dokus, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind.

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★★★

„A Prayer Before Dawn“ (Jean-Stéphane Sauvaire)

[Außer Konkurrenz] – Der britische Boxer Billy Moore lernt in einem der berüchtigsten thailändischen Gefängnisse die Kunst des Muay Thai Boxing.

„Ein schweißig-blutiges Midnight Movie.“ (Jenny Jecke, Moviepilot) „It’s certainly not every film that calls to mind, by turns, such disparate reference points as MIDNIGHT EXPRESS, ONLY GOD FORGIVES and Jean-Claude Van Damme in KICKBOXER.“ (Guy Lodge, Variety) „You know its moves; you can see it coming. But when the punches are thrown, they rock you back on your heels.“ (Xan Brooks, Guardian) Der hippe US-Verleih A24 hat sich die Rechte gesichert.

„Napalm“ (Claude Lanzmann)

[Special Screenings] – Der „Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann reist ohn Erlaubnis nach Nordkorea. Es geht um eine Liebesgeschichte.

„It's based around a single personal anecdote: indulgent, anticlimactic. But what an extraordinary story.“ (Peter Bradshaw, Guardian) „It's phenomenal. An intimate confessional of a snatched romantic moment in North Korea circa '58.“ (David Jenkins, Little White Lies)

„Happy End“ (Michael Haneke)

[Wettbewerb] – Das Leben einer bourgeoisen Familie in Mitteleuropa während der Flüchtlingskrise.

„Fresh, plenty to think about, funny in places. A tonic.“ (Geoff Andrew, Sight & Sound) „A Haneke mega mix - back to his oblique best.“ (David Jenkins, Little White Lies) „It's a satirical nightmare of European prosperity - stark, brilliant and unforgiving as a halogen light.“ (Peter Bradshaw, Guardian) „A guaranteed lock for the coveted Karaoke d'Or. Part Code Unknown, part Amour, *all* Haneke. I'm all shook up.“ (David Ehrlich, indieWIRE) „Cinema of despair at its finest, including the most depressing karaoke scene in film history.“ (Eric Kohn, indieWIRE) „Bourgeois family in elegant cat's cradle; tethered together, feeling each twitch. Admired more than loved it.“ (Xan Brooks, Guardian) „It's a sombre, austere work whose formal rigour is, unusually for the director, not quite matched by its thematic resonance.“ (Lee Marshall, Screen Daily)

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★★

„Okja“ (Bong Joon-ho)

[Wettbewerb] – Das südkoreanische Mädchen Mija will ihr massives Haustier Okja vor einem Unternehmen retten, das es entführt hat.

„Bong Joon-ho has delivered a wonderful film comparable to ET or Roald Dahl.“ (Peter Bradshaw, Guardian) „It's fun, if sometimes over-egged, as an adventure romp, but flounders in overstatement when it comes to satirical intent.“ (Jonathan Romney, Screen Daily) „Like ET on crack. wild & wildly uneven, but always soulful.“ (David Ehrlich, indieWIRE)

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