Freitag, 10. Mai 2019
Ehemalige taz-Filmkritikerin Cristina Nord leitet das Forum
Cristina Nord | © Kathrin Windhorst
Die Ex-Filmkritikerin, Autorin und Kuratorin Cristina Nord übernimmt ab dem 1. August die Leitung der Berlinale-Sektion Forum.

„Das Berlinale Forum bietet seinem Publikum die Möglichkeit, junge, experimentelle und essayistische Formen des Films zu entdecken“, kommentiert Cristina Nord ihre neue Aufgabe als Leiterin. „Das Forum gewährt vielen unterschiedlichen Spielarten des Kinos Raum und eröffnet damit neue Wege für die Wahrnehmung. Der internationale Zugang, das Bewusstsein für Filmgeschichte und die Lust daran, mit und in Filmen zu denken und Gesellschaft zu reflektieren, sind beispielhaft. Sie ergänzte: „An dieses Erbe anzuknüpfen und es unter sich verändernden Bedingungen in die Zukunft zu führen, ist eine Aufgabe, der ich mit großer Freude entgegenblicke. Dem Vorstand des Arsenals bin ich dankbar für das Vertrauen, das er in mich setzt.“

Nord war von 2002 bis 2015 Filmredakteurin im Kulturressort der taz in Berlin. Außerdem war sie als Dozentin sowie als Kuratorin für unterschiedliche Institutionen tätig, unter anderem für die Freie Universität Berlin, das Haus der Kulturen der Welt und die Duisburger Filmwoche. Nach ihrem Abschied von der Filmkritik und ihrem Wechsel zum Goethe-Institut im Jahr 2015 verantwortete sie die Leitung der Programmarbeit mit regionalem Fachauftrag für Südwesteuropa in Brüssel, wo sie Projekte aus allen kulturellen Sparten konzipierte und umsetzte. Die Berlinale begleitete sie journalistisch am einprägsamsten seit vielen Jahren mit bissigen SMS für das gestrenge Kulturmagazin Cargo.
Geprägt von Pasolinis „Salo“
Ein Erweckungserlebnis in jungen Jahren war für Nord die Sichtung von „120 Tage von Sodom“. Der Pasolini-Film überforderte sie laut einem Revolver-Interview, weckte aber auch ihre Neugierde am Medium. In ihrer Zeit bei der taz ließ sie größtenteils die Finger von Hollywood und war stattdessen eine treue Unterstützerin des internationalen Kunstkinos. Zu ihren größten Favoriten zählten der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul („Blissfully Yours“, „Uncle Boonmee“), der philippinische Regisseur Lav Diaz („Norte“, „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“) und der portugiesische Regisseur Miguel Gomes („Our Beloved Month of August“, „Tabu“).

Der Vorstand des Arsenals, seit 2004 bestehend aus Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus, freut sich, Nord in Abstimmung mit der Berlinale-Leitung sowie der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) als Leiterin des Forums gewonnen zu haben.
„Die ideale Kandidatin“
„Ihr Profil macht sie zur idealen Kandidatin, den seit jeher experimentier- und diskursfreudigen Charakter des Forums in enger Verbindung mit den Aktivitäten des Arsenals weiter zu schärfen und dabei neue, eigene Impulse zu setzen. Neben hervorragender Kenntnis des zeitgenössischen internationalen Kinos sowie der Filmgeschichte bringt sie vielfältige kuratorische Erfahrungen mit und ist nicht nur mit filmkulturellen Fragestellungen, sondern auch mit verschiedenen aktuellen Diskursen vertraut. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit, die mit der Vorbereitung des 50. Jubiläums des Forums beginnt“, so der Vorstand des Arsenals.

Der Filmkritiker Ulrich Gregor („Geschichte des Films“) und seine Frau Erika waren maßgeblich am Aufbau des Forums in den 1960er-Jahren beteiligt. Zuerst riefen sie als Vorläufer im Jahr 1964 die Woche der Kritik ins Leben. Sie zeigten neue Filme von Lina Wertmüller („Die Basiliken“), Bo Widerberg („Das Rabenviertel“) und Jean-Luc Godard („Die Außenseiterbande“). 1970 etablierten sie dann das Forum im gekauften Arsenal-Kino als Gegenveranstaltung zur Berlinale. Der Ruf als Korrektiv zum Wettbewerb hatte aber in den vergangenen Jahren etwas gelitten. 2018 machte der Leiter Christoph Terhechte, der 2001 von Gregor übernommen hatte, mit seinem Abschied den Weg frei für einen Generationenwechsel.

Links: - Neue Sektion Encounters, - Das neue Berlinale-Team

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Dienstag, 7. Mai 2019
Neuer Berlinale-Wettbewerb heißt Encounters
Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek | © Alexander Janetzko / Berlinale 2019
Die neue Berlinale-Spitze schnitzt sich eine eigene Un Certain Regard-Reihe, die Encounters heißen wird. Der New Yorker Filmkritiker Dennis Lim ist derweil zum Auswahlkomitee ergänzt worden.

Die neue Berlinale-Spitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek setzt nach den verheißungsvollen Personalentscheidungen Ende März auch die ersten programmtechnischen Duftmarken. Die Sektionen Kulinarisches Kino und Native sind Geschichte. Sie wird es 2020 nicht mehr geben. Dafür installiert das Duo einen weiteren Wettbewerb neben dem großen internationalen Wettbewerb, dem bisherigen Aushängeschild der Berlinale.

Die neue Sektion heißt Encounters. Sie soll eine Plattform für „ästhetisch und formal ungewöhnliche Werke von unabhängigen Filmemachern“ sein. Ziel sei es, neue Stimmen des Kinos zu unterstützen und den verschiedenen narrativen und dokumentarischen Formen mehr Raum im offiziellen Programm zu geben. Maximal 15 Filme sind dafür angedacht. Es können Welt- oder internationale Premieren, Spiel- oder Dokumentarfilme sein. Eine Jury wählt den besten Film, die beste Regie und vergibt den Spezialpreis.
Kuratorisch bessere Handhabung für Chatrian
Interessant ist, dass das Forum personell immer noch nicht neu besetzt wurde. Mit der Sektion Encounters verändert der künstlerische Leiter Chatrian nicht nur die Gewichtung der Reihen. Er hat auf diese Weise auch kuratorisch einen größeren Zugriff auf die einheitliche Gestaltung des Festivals.

Zu den programmlichen Veränderungen gab das Berliner Filmfest am Montag weitere personelle Entscheidungen bekannt. Folgende Delegierte werden zusätzlich für weitere Regionen des Auswahlkomitees zuständig sein: Jacob Wong (VR China, Taiwan und Hongkong), Ryan Werner (USA), Paz Lázaro (Lateinamerika), Eduardo Valente (Brasilien), Meenakshi Shedde (Indien und Südasien), Maryanne Redpath (Australien und Neuseeland) und Dorothee Wenner (Subsahara-Afrika). Darüber hinaus hat das Leitungsduo als Berater Norman Wang, Luciano Monteagudo, Jason Ryle, den ehemaligen Village-Voice-Filmkritiker Dennis Lim und die ehemalige langjährige EFM-Direktorin Beki Probst berufen.

Bis zum Sommer will das Festival weitere programmtechnische Veränderungen bekannt geben. Die 70. Jubiläums-Berlinale findet vom 20. Februar bis zum 1. März 2020 statt.

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Sonntag, 31. März 2019
Wer hat Angst vor Mark Peranson?

Peranson ist auch Dokumentarist: „La última película“

Die Tageszeitung Die Welt zittert ein bisschen vor dem neuen Berlinale-Team von Carlo Chatrian. Vor allem Mark Peranson scheint als zu anspruchsvoller Störenfried ausgemacht.

Der langjährige Filmredakteur Hanns-Georg Rodek von der Tageszeitung Die Welt hat am Freitag einen Vorgeschmack darauf gegeben, was Carlo Chatrian auf der Berlinale vom deutschen Feuilleton erwarten kann: nämlich vor allem Angstmache vor Veränderungen. Rodek drückt die Angst davor aus, dass der neue künstlerische Leiter das Auswahlkomitee zu international besetzt hat. Am größten ist aber die Angst vor dem neuen Programmleiter Mark Peranson, an dem Rodek die Misere manifestiert sieht. Denn er analysiert im Welt-Artikel die zehn Lieblingsfilme 2018 des Cinema Scope-Herausgebers. Mit Erschrecken stellt Rodek fest, dass kein Film darunter ist, der bei den Oscars eine Rolle gespielt hat. Das ist Wahninn, kann man zwischen den Zeilen herauslesen.

Angeregt durch diese German Angst wirft Negative Space auch einen Blick auf die Lieblingsfilme des Mark Peranson, um schon einmal zu erahnen, wie die Berlinale 2020 aussehen könnte. Ersteinmal zeigt Peransons Top Ten von 2018 eines: dass er nämlich regelmäßiger Berlinale-Besucher ist. Ein Vorteil, den er vielen Kritikern des wichtigsten deutschen Filmfestival voraus hat. Dann hat Peranson das chinesische Epos „An Elephant Sitting Still“ auf Platz eins, der im Forum seine Weltpremiere feierte. Die Idee weiter gesponnen, dass Peranson schon im vergangenen Jahr am Berliner Programm beteiligt gewesen wäre, ist davon auszugehen, dass der meisterliche Debütfilm von Hu Bo im Wettbewerb gelaufen wäre. Da hätte er wegen seiner Qualität auch eigentlich hingehört, wie die euphorischen internationalen Stimmen bezeugen, die denn die Gelegenheit hatten, ihn zu sehen.
Heinz Emigholz in den Wettbewerb
Auch Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbsfilm „Transit“ findet man bei Peranson in der Top Ten. Ansonsten gibt es eine übermächtige Präsenz von Filmen, die ihre Weltpremiere auf dem Cannes-Festival gefeiert haben (Godards „Le livre d’image“, „Long Day’s Journey Into Night“, „Glücklich wie Lazzaro“, „Burning“). 2017 hatte Peranson Heinz Emigholz' Werk „Streetscapes“ auf Platz sieben. Der emsige Dokumentarfilmer ist ein Berlinale-Spezi und zeigt nahezu jedes Jahr dort seine neuesten Werke („Years of Construction“). Aber in das Scheinwerferlicht des Wettbewerbs ist er noch nie geholt worden. Das könnte sich unter Peranson auch ändern. Daran sieht man schon, dass die Berlinale durchaus Potenzial in ihrem Auswahlprozess hatte, dass die Akzentsetzung auf Festivals aber eine ganz entscheidende Rolle spielt. Es ist durchaus vorstellbar, dass Chatrian und Peranson „Call Me By Your Name“ nicht im Panorama versauern hätten lassen, obwohl der Film seine Weltpremiere in Sundance gefeiert hatte, sondern das Meisterwerk in den Wettbewerb gepackt hätten.

Angesichts dessen, dass Chatrian und Peranson gemeinsam die Belange der vergangenen Jahre in Locarno bestimmt haben, würde es Negative Space nicht wundern, wenn diverse Auteurs aus diesen Reihen demnächst in Berlin aufschlagen würden. Die Berlinale bediente sich schon vermehrt aus diesem Fundus. Aber unter der neuen Programmleitung wird dieser Trend sicherlich noch verstärkt werden. Schließlich war es Chatrian, der in der Schweiz Hong Sangsoo, Wang Bing, Albert Serra und Lav Diaz für das Weltkino entdeckte. Ähnliche Kaliber sind für die 70. Jubiläums-Berlinale zu erwarten. Zum einen wird das neue Berlinale-Team die vorhandenen Talente und Verbindungen durch eine bessere Programmierung optimieren. Zum anderen werden natürlich vor allem die ganz neuen Gesichter im Wettbewerb sein. Ganz sicher werden sich dann die etablierten deutschen Regisseure umschauen. Aber genau dafür ist Chatrian doch geholt worden: Um neue Stimmen der Filmszene zu finden und aufzubauen.

Link: - Die Welt, - Mark Peransons Lieblingsfilme

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Donnerstag, 28. März 2019
Das neue Berlinale-Team stellt sich vor

Leiter Mark Peranson | © Dirk Michael Deckbar / Berlinale 2017
Vier Stammkräfte aus Locarno bringt der neue künstlerische Leiter Carlo Chatrian mit auf die Berlinale. Einige alte Bekannte dürfen aber auch weitermachen – oder wurden sogar befördert. Von Michael Müller

Die Spatzen pfiffen es schon während der Berlinale im Februar von den Dächern: Carlo Chatrian würde als neuer künstlerischer Leiter einen Großteil seines Locarno-Teams nach Berlin mitbringen. So berichteten es die Trade Papers wie Variety. Sie sollten Recht behalten. Wie das Berliner Festival am Donnerstag bekannt gab, hat Chatrian in Abstimmung mit der Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek vier seiner Stammkräfte aus der Schweiz ins Auswahlkomitee der Berlinale geholt.

Gehofft hatte der Blog Negative Space vor allem auf den eher durchschnittlichen Gelegenheitsschauspieler Mark Peranson („On the Beach at Night Alone“). Der gebürtige Kanadier gehört seit vielen Jahren zu den Vorzeige-Cineasten der Szene. Bekannt wurde er vor allem als Herausgeber der kanadischen Filmzeitschrift Cinema Scope und durch seine legendären Roundtables vom Toronto Filmfestival. Er macht jetzt in Berlin das, was er in Locarno fünf Jahre lang für Chatrian gemacht hat, nämlich die Programmleitung zu übernehmen. Wer genau diese Position bei Dieter Kosslicks Programmplanung in den vergangenen 18 Jahren inne hatte, war ein Geheimnis. Umso mehr können sich die Filmfans jetzt über den filmischen Sachverstand auf dieser Schlüsselposition freuen.
Bologna & Cahiers du Cinéma
Die anderen drei Locarno-Stammkräfte sind Lorenzo Esposito, Sergio Fant und Aurélie Godet. Bei Esposito fällt sofort ins Auge, dass er Herausgeber des Online-Kino-Magazins Film Parlato ist. Unter seine Credits fallen Festivals wie Venedig, Turin, Rom und Karlovy Vary. Fant ist spannend, weil er Programme unter anderem für das Cinema Ritrovato Festival in Bologna kuratierte. Dem Festival im Juni, das ausschließlich alte Werke aus der Filmgeschichte spielt, eilt ein Ruf wie Donnerhall voraus. Das ist natürlich weder die Ferroni-Brigade noch das Hofbauer-Kommando, aber schon the next best thing. Godet ist eine waschechte Cahiers du Cinéma-Kritikerin, was natürlich heute nicht mehr so viel Wert hat wie noch in den 1960er-Jahren. Aber es spricht zumindest für ein gewisse Haltung.

Cahiers du Cinéma-Kritikerin Aurélie Godet | © François Bertier
Bei der Berlinale weitermachen dürfen, was Negative Space sehr begrüßt, das Panorama-Tandem Paz Lázaro und Michael Stütz. Erstere steigt in das Auswahlkomitee auf, während Stütz jetzt allein die Sektion Panorama verantworten darf. Im vergangenen Jahr gab es dort einen angenehmen Aufwärtstrend bei der Filmqualität zu verzeichnen. Auch Maryanne Redpath in der Generation, Linda Söffker in der Perspektive Deutsches Kino und Rainer Rother in der Retrospektive dürfen bleiben. Anna Henckel-Donnersmarck übernimmt das Kurzfilmprogramm. Die Neubesetzung des interimsweise geleiteten Forums ist noch offen.
Sektionsstrukturen bleiben vorerst bestehen
Interessant ist, dass die Leitung erst einmal nicht generell etwas an den Strukturen der einzelen Sektionen ändern will. Nur das Konzept der Berlinale-Special-Reihe soll überarbeitet werden. Teilweise landeten in dieser Sektion einige der spannendsten Filme des gesamten Festivals („A Quiet Passion“, „Becoming Astrid“). Aber die Platzierung verhinderte, dass die Werke in einem größeren internationalen Rahmen wahrgenommen werden konnten.

Sehr positiv ist ebenfalls die Berufung von Verena von Stackelberg in das Auswahlkomitee des wichtigsten deutschen Filmfestivals. Sie hat unter anderem für den Filmverleih Filmgalerie 451 gearbeitet. Ihr größter Verdienst ist aber wohl der Aufbau des erstklassigen Wolf Kino in Berlin, das eines der besten Programme der Hauptstadt macht. Über die Berufung von Barbara Wurm, die zuletzt beim GoEast-Festival in Wiesbaden arbeitete und Teil der berüchtigen Cineasten-Gruppe Ferroni Brigade ist, liest man auch euphorische Reaktionen. Chatrian und Rissenbeek scheinen bei ihren ersten Entscheidungen, ein glückliches Händchen bewiesen zu haben.

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Mittwoch, 20. Februar 2019
Berlinale-Geheimtipp: „Die Letzten, die sie leben sahen“ (Sara Summa)

Eine Ahnung vom Sterben | © Katharina Schelling
Einer der besten Filme des Forums auf der Berlinale war der zärtlich beobachtete Film „Die Letzten, die sie leben sahen“. Debütantin Sara Summa sollte man im Auge behalten.

Die Ausgangsidee zu Sara Summas Debütfilm „Die Letzten, die sie leben sahen“ ist an Künstlichkeit nicht zu überbieten: Sie nahm den wahren Mordfall, der auch Pate für Truman Capotes Klassiker „In Cold Blood“ stand, nämlich die Ermordung einer Familie im Kansas des Jahres 1959. Und sie transferierte ihn in das heutige Italien, in die Gegend, wo schon Alice Rohrwachers magischer Film „Glücklich wie Lazzaro“ spielte. Als Vater, Mutter, Sohn und Tochter castete sie Laien, die sich die Szenen erarbeiteten.

Eigentümlicherweise ist „Die Letzten, die sie leben sahen“ trotzdem oder gerade deswegen einer der lebendigsten Filme der diesjährigen Berlinale gewesen. Er ist von einem inneren Leuchten getragen. Immer wieder sieht man das Auto, was die Gangster ein Stück näher an das Haus der Familie bringt. So werden die Routinen und die alltäglichen Beschäftigungen mit einer schweren Bedeutung aufgeladen. Zum letzten Mal spülen Mutter und Tochter gemeinsam das Geschirr mit der Hand, obwohl sie eigentlich eine Spüllmaschine haben; zum letzten Mal kommt der Freund der Tochter ins Haus und sie schauen Fernsehen, wobei der Bruder natürlich stört.

Der Sohn soll die Olivenplantage übernehmen | © Katharina Schelling
Ganz unaufgeregt erzählt Regisseurin Summa davon, wie der Vater an diesem verfluchten Tag eine Lebensversicherung abschließt; wie die Mutter sich mit ihrer Depression aus dem Bett quält, um für die Kinder da zu sein; im Hintergrund wird die Hochzeit eines Familienmitglieds vorbereitet. Dass sie aus dem Leben scheiden, war nicht für sie vorgesehen. Und trotzdem werden sie am Ende des Tages nicht mehr sein. Der Kinozuschauer ist ihr letzter Zeuge. Er sieht absolut künstliche Figuren, aber kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr Ableben tragisch und schmerzhaft ist.

Regisseurin Sara Summa am Set | © Marie Sanchez

Ein Kunstwerk von Poster | © Basile Carel
Die Bilder Süditaliens haben eine Wärme, sind unheimlich sinnlich – so als würde Summa ein letztes Mal in das volle und schlichte Leben eintauchen wollen. Der Film ist eben auch wie das Leben: Der Tod lauert am Ende der Straße. Bis er zuschlägt, ist nicht klar, an welcher Kurve er sich ins Leben drängen wird. „Die Letzten, die sie leben sahen“ vergegenwärtigt durch ein simples dramaturgisches Mittel, wie kostbar die alltäglichen Momente und das Miteinander doch sind. Er rückt das Vergrößerungsglas auf das Gewöhnliche, ohne dabei prätentiös daherzukommen. „Gli ultimi a vederli vivere“, so der italienische Originaltitel des Films der DFFB-Studentin, ist ein echtes Geschenk.

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Montag, 18. Februar 2019
Berlinale-Abschluss-Podcast mit Jenny Jecke

Schanelec-Highlight „Ich war zuhause, aber ...“ | © Nachmittagfilm
Ein Berlinale-Podcast, der alles zusammenfasst: Kosslicks Abschieds, Chatrians Beginn, den mauen Wettbewerb und die wenigen richtig tollen Highlights.

Die Situation ist eigentlich immer völlig bizarr: Die Inhalte, die von Journalisten und Cineasten auf der Berlinale produziert werden, sind vor allem für die Menschen interessant, die auch auf dem Festival unterwegs sind. Weil das in seinem Umfang und Angebot aber so groß ist und einen dabei regelmäßig das Sammelfieber packt, sitzen die Hauptinteressenten für die Artikel und Podcasts eigentlich die ganze Zeit im Kino. Darum könnte das Timing jetzt nicht besser sein, dass ich zum Abschluss des Ganzen im Wollmilchcast von Jenny und Matthias zu Gast sein durfte.

Leider wurde der gute Matthias von der berüchtigen Berlinale-Erkältung heimgesucht. Also wuppen Jenny und ich die Dieter-Kosslick-Abrechnung und den kommenden Neuanfang mit Carlo Chatrian zu zweit. Der internationale Wettbewerb des Festivals war schwach – mit Ansage. Einige wenige Highlights konnten wir letztlich aber doch ausmachen. Es geht im Podcast um den israelischen Bären-Gewinner „Synonyme“, das chinesische Familienepos „So Long, My Son“, Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“, Schanelecs Regiebären „Ich war zuhause, aber ...“, das Genre-Meisterwerk „Monos“, den britschen Film „The Souvenir“ mit Shootingstar Honor Swinton Byrne und noch um vieles andere.

Shownotes:

00:00:00 – Begrüßung
00:00:50 – Niederschmetternder Gesamteindruck
00:05:40 – Kosslick-Abrechnung
00:12:55 – Synonyme (Nadav Lapid)
00:16:33 – So Long, My Son (Xiaoshuai Wang)
00:20:25 – Der Goldene Handschuh (Fatih Akin)
00:31:02 – Ich war zuhause, aber … (Angela Schanelec)
00:41:32 – Gelobt sei Gott (François Ozon)
00:47:19 – Monos (Alejandro Landes)
00:56:41 – Heimat ist ein Raum aus Zeit (Thomas Heise)
01:04:36 – Die Letzten, die sie leben sahen (Sara Summa)
01:10:16 – The Souvenir (Joanna Hogg)
01:18:26 – Der neue Berlinale-Chef Carlo Chatrian

Den Podcast gibt es hier anzuhören.

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Samstag, 16. Februar 2019
Negative-Space-Preise Berlinale 2019
Der Werner-Hochbaum-Preis für den besten Film geht an:
  • „Monos“ (Alejandro Landes)

© Berlinale 2019
Der Ulrike-Ottinger-Preis für das Gesamtkunstwerk geht an:
  • „Jessica Forever“ (Caroline Poggi & Jonathan Vinel)

© Ecce films – ARTE France Cinéma
Der Eberhard-Schroeder-Preis für die beste Regie geht ex aequo an:
  • Nadav Lapid („Synonyme“)
    & Angela Schanelec („Ich war zuhause, aber ...“)

© Guy Ferrandis / SBS Films

© Joachim Gern
Der Amy-Nicholson-Preis für Kickass Cinema geht an:
  • „Systemsprenger“ (Nora Fingscheidt)

© kineo Film / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer
Der Richard-Fleischer-Preis für neue Perspektiven auf das Weltkino geht an:
  • Sara Summa („The Last to See Them“)

© Katharina Schelling
Der Rod-Taylor-Preis für den besten Darsteller geht an:
  • Tom Mercier („Synonyme“)

© Guy Ferrandis / SBS Films
Der Ludivine-Sagnier-Preis für die beste Darstellerin geht an:
  • Honor Swinton Byrne („The Souvenir“)

© Agatha A. Nitecka
Der Brigitte-Lahaie-Preis für Sinnlichkeit geht ex aequo an:
  • „Öndög“ (Quan’an Wang)
    & „Heute oder morgen“ (Thomas Moritz Helm)


© Wang Quan'an

© CASQUE film
Der Jan-Harlan-Preis für den besten Dokumentarfilm geht an:
  • „Chained“ (Yaron Shani)

© Little Bear Inc.
Der unregelmäßig vergebene Joe-Hembus-Ehrenpreis geht an:
  • „Der Goldene Handschuh“ (Fatih Akin)

© Gordon Timpen / 2018 bombero int./Warner Bros. Ent.
Zehn Berlinale-Lieblingsfilme 2019 (alphabetisch):

CHAINED (Yaron Shani)
FOURTEEN (Dan Sallitt)
GELOBT SEI GOTT (François Ozon)
DER GOLDENE HANDSCHUH (Fatih Akin)
ICH WAR ZUHAUSE, ABER ... (Angela Schanelec)
JESSICA FOREVER (Caroline Poggi & Jonathan Vinel)
THE LAST TO SEE THEM (Sara Summa)
MONOS (Alejandro Landes)
SYNONYME (Nadav Lapid)
SYSTEMSPRENGER (Nora Fingscheidt)

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Donnerstag, 14. Februar 2019
„Synonyme“: Der nicht mehr hebräisch spricht

Beeindruckt in seinem Schauspieldebüt: Tom Mercier | © Guy Ferrandis / SBS Films
Israelischer Film mit Bären-Chancen: Das Portrait eines innerlich zerrissenen Israelis, der nach Paris auswandert, um die hebräische Sprache abzulegen, zählt zu den stärksten Wettbewerbsbeiträgen dieser Berlinale. Von Michael Müller

Das sei gleich klargestellt: Ein Wolhfühlfilm ist das neue Werk des israelischen Regisseurs Nadav Lapid, das „Synonyme“ heißt, ganz sicher nicht. Es ist ein teils frostiger Film, der den Zuschauer herausfordert. Sein Protagonist, der junge Yoav (Tom Mercier), steckt in einer ernstzunehmenden Lebenskrise fest. Als Ursache dafür hat er seine Heimat Israel ausgemacht. In einer Spontanaktion reist er nach seinem Militärdienst nach Paris. Nie wieder will er die hebräische Sprache verwenden. Frankreich und vor allem die französische Sprache sollen seine neue Heimat werden. Ästhetisch betrachtet ist „Synonyme“ auch gewiss eine der spannendsten Produktionen des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs, der am Samstag zu Ende geht.

Gleich in einer der ersten Szenen ist Yoav kurz vor dem Erfrieren. In einer eiskalten Pariser Wohnung sitzt er nackt in der Badewanne und überschüttet sich mit Wasser. Es mutet wie ein gesuchter Selbstmord an. Zwei junge Franzosen finden ihn gerade noch rechtzeitig. Während Caroline (Louise Chevilotte) den Notdienst anrufen will, wärmt Emile (Quentin Dolmaire) Yoav pragmatisch mit seinem eigenen Körper.

Wer jetzt zwischen diesen jungen Erwachsenen eine klassische Ménage-à-trois erwartet, wie es in einem französischen Liebesfilm üblich wäre, wird enttäuscht. Ja, es gibt zwischen den dreien Sex, platonische Liebe und tiefschürfende Gespräche. Aber diese Geschichte spielt sich im Hintergrund ab. Dem Film geht es vorrangig um Yoavs israelische Identität, die der Regisseur Lapid ein Stück weit mit den Gewissensfragen der gesamten jungen Generation Israels gleichsetzt.
Nicht nur eine Sprache, sondern eine Kultur ablegen
Yoav probiert die französische Sprache aus wie die edel geschneiderte Kleidung, die ihm seine französischen Freunde beim ersten Treffen schenken. Sein Großvater sei dabei sein Vorbild. Der habe das Jiddische abgelegt, als er nach Palästina unter britischem Mandat auswanderte. Yoav kauft sich ein Wörterbuch. Negative Adjektive wie „feige“ oder „brutal“ sind seine erste große Leidenschaft. Er will sein Land auf Französisch charakterisieren und anfeinden können, wenn er sich darüber unterhält. Dabei verzichtet er bewusst auf biblische Metaphern und greift lieber auf die griechische Mythologie zurück. Besonders Homers „Ilias“ hat es ihm angetan. Er will sich nicht nur der hebräischen Sprache, sondern gleich seiner ganzen Kultur entledigen.

Es ist sein Versuch, sich im Exil als Israeli neu zu erfinden. Die Anhaltspunkte für diesen radikalen Schritt muss sich der Zuschauer selbst zusammensuchen. Offensichtlich hat dabei sein dreijähriger Militärdienst auf den Golanhöhen eine wichtige Rolle gespielt. Einmal erzählt er, wie er bei einer Maschinengewehr-Übung im Takt eines französischen Chanson gefeuert hat, bis die Zielscheibe vor lauter Schüssen zersiebt war.

Keine klassische Ménage-à-trois | © Guy Ferrandis / SBS Films
Ein anderes Mal erwähnt er eine Versammlung von israelischen Soldaten auf einem Militärfriedhof, wo zwei leicht bekleidete Frauen den israelischen Eurovision-Songcontest-Klassiker „Hallelujah“ singen. Die Ironie dieser Szenarien kann einem nicht entgehen. Da Yoav aber kein verlässlicher Erzähler, sondern ein Fabulierer und Geschichtenerzähler ist, bleibt offen, was ausgedacht oder tatsächlich passiert ist. Er ist eigentlich ein beißend satirischer Poet, der sich aber ganz bewusst seines wichtigsten Werkzeugs, nämlich der Sprache, beraubt hat.

Weil Yoav Künstler ist, fällt es ihm sehr schwer, eine reguläre Arbeit in Frankreich zu finden. Letztlich greifen seine alten Militärverbindungen. Er trifft israelische Sicherheitsbeamte, die bei der israelischen Botschaft in Paris und bei privaten Firmen arbeiten. Regisseur Lapid gibt hier einen selten gezeigten Einblick in die Befindlichkeiten dieser Menschen, der aber auch satirisch zugespitzt erscheint: Die Sicherheitsbeamten gehen sich zur Begrüßung erst einmal an die Gurgel. Es ist ein brutales, kindisches Kräftemessen, was im Ringkampf auf dem Schreibtisch endet. Einer von ihnen erzählt, dass sie sich demnächst mit französischen Neonazis irgendwo draußen zu einer Schlägerei nach striktem Regelwerk verabreden.
Antisemitismus mit israelischen Hymne austreiben
Der muskelbepackte Sicherheisbeamte, mit dem sich Yoav anfreundet, hat auch ein besonderes Hobby: Er geht in die U-Bahn oder in Straßencafés, um Antisemiten ausfindig zu machen. Dafür setzt er seine Kippa auf und beginnt die israelische Nationalhymne zu singen – am Ende der Szene schreit er U-Bahn-Passagiere die Hymne regelrecht ins Gesicht. Sein großer Traum wäre es gewesen, wenn er bei der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt während des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo dabei gewesen wäre – oder bei dem Terroranschlag in Nizza. Die Islamisten hätte er mit seinem Körper zerschmettert, deutet er mit einer in die Luft gehauene Kopfnuss an.

Lapid findet für Yoavs Zerrissenheit und Unruhe immer wieder kreative Bilder. Eine Party filmt er etwa nur ab Hüfthöhe abwärts. Ein schnell an und aus geschalteter Lichtschalter sorgt für ein visuelles Gewitter. Wiederholt gibt es wilde Spaziergänge, die mit Handkamera aufgenommen wurden und die klassische Pariser Bildmotive verweigern. In dem israelischen Schauspieler Tom Mercier hat Lapid einen Hauptdarsteller gefunden, der sich als Yoav seelisch wie körperlich komplett aufopfert. Es ist tatsächlich Merciers erster Film. In seiner Leinwandpräsenz und Energie ist es bei ihm unmöglich wegzuschauen, obwohl er sich in teils absurd abgründige Abenteuer begibt. Ein Silberner Bär als bester Darsteller wäre gerechtfertigt.

Regisseur Lapid mit Darstellerin Chevilotte | © Guy Ferrandis / SBS Films
In der Verachtung die Heimat wiederfinden
„Synonyme“ ist eine zutiefst emotionale, harte und auch verstörende Auseinandersetzung mit der israelischen Psyche. Unfair ist Regisseur Lapid dabei nicht. Aber er will natürlich auch die hässliche Fratze und die Abgründe beschreiben. Der jahrzehntelange israelisch-palästinensische Konflikt habe tiefe und negative Spuren in den Köpfen seiner Landsleute hinterlassen, sagte er im Interview. Die Geschichte von Yoav sei seine Geschichte. Lapid, der den Film seiner kürzlich verstorbenen Mutter und Cutterin Era Lapid gewidmet hat, ging selbst nach seinem Militärdienst nach Paris.

Am stärksten fasziniert aber der Aspekt, dass umso mehr der Film Yoavs Probleme mit der israelischen Heimat schildert, umso stärker auch seine Verbundenheit durchscheint. In der französischen Fremde findet er kein neues Zuhause. Er findet eine Sprache, die nicht passen will. Er trifft auf eine Oberflächlichkeit, Luxusprobleme und eine politische Korrektheit in der Pariser Gesellschaft, die ihn nicht interessiert. Es reift in ihm die Erkenntnis, dass in seiner Heimat viel falsch läuft, dass es aber seine Heimat ist und er nicht davor weglaufen kann.

Wenn am Samstag im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz die Silbernen Bären und der Goldene Bär für den besten Film vergeben werden, ist „Synonyme“ nicht chancenlos. Die französische Jurypräsidentin Juliette Binoche ist eine echte Cineastin. Das macht Hoffnung. Der letzte große israelische Auszeichnung auf der Berlinale war der Silberne Bär für die beste Regie an Joseph Cedar im Jahr 2007 für den Film „Beaufort“.

Verheißungsvolle Staffelauftakt zu „False Flag“ © Rotem Yaron
Berlinale und Israel: Das passt
Die Bilanz des israelische Films auf dem wichtigsten deutschen Filmfestival fällt wieder positiv aus. Neben „Synonyme“ lief auch noch außer Konkurrenz der Thriller „Die Agentin“ mit Diane Kruger als Mossad-Agentin im Wettbewerb. Das Werk war zwar herrlich egal. Aber es brachte den israelischen Regisseur Yuval Adler nach Berlin, der zu den verheißungsvollsten Talenten seiner Generation zählt. Über den sehr empfehlenswerten Polizistenfilm „Chained“ in der Panorama-Sektion schrieb Negative Space bereits.

Der Israeli Nimrod Eldar debütierte mit dem unaufgeregten Vater-Tochter-Drama „The Day After I’m Gone“, der mit einem angezündeten Soldatendenkmal im einer Siedlung im Westjordanland das Thema der BDS-Boykottbewegung streift. Aber eigentlich geht es um Familienprobleme nach dem frühen Tod der Mutter und einem versuchten Selbstmord der Tochter. Sehr verheißungsvoll waren die ersten beiden Episoden der zweiten Staffel von „False Flag“. In der TV-Serie geht es um den Bombenanschlag auf eine gemeinsame Ölpipeline von Israel und der Türkei. Hier kann man dem Inlandsgeheimdienst bei der Arbeit über die Schulter schauen. Mit welchen technischen Finessen der Schabak inzwischen Terroristen auf die Spur kommt, ist beängstigend und faszinierend zugleich.

Die guten Beziehungen zwischen der israelischen Filmindustrie und der Berlinale unterstrich auch ein Tribut an die Sam-Spiegel-Filmschule in Jerusalem. Anlässlich des 30-jährigen Bestehens gab es unter dem Titel „Scarred Generation“ eine Zusammenstellung von deren besten israelischen Kurzfilme der letzten Jahrzehnte zu entdecken.

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Mittwoch, 13. Februar 2019
Bitte mehr Genrewerke wie „Monos“ und „Jessica Forever“, Carlo Chatrian!

„Monos“: ein kolumbianischer Herr der Fliegen | © Berlinale 2019
Wenn der neue künstlerische Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, 2020 antritt, sollte er rauschhafte Genrefilme wie den kolumbianischen Thriller „Monos“ und den französischen Endzeitfilm „Jessica Forever“ fördern. Sie sind zwei der besten Filme dieses Jahrgangs.

Werke wie den kolumbianischen Action-Thriller „Monos“ und den französische Endzeitfilm „Jessica Forever“ wünscht sich Negative Space in der Berlinale-Ära unter dem neuen künstlerischen Leiter Carlo Chatrian ab kommendem Jahr häufiger. Beides sind rauschhafte Genrewerke – aber jeweils mit einer sehr persönlichen Handschrift der Filmemacher und präzise in ihren Beobachtungen zur Gesellschaft.

„Monos“ erzählt von einer paramilitärischen Guerilla-Einheit im kolumbianischen Dschungel. Eine Handvoll Jugendlicher trainiert für den Ernstfall und hält eine entführte Ärztin gefangen. Sie soll Lösegeld für die Organisation bringen. Schnell eskaliert aber die Situation. Hierarchien werden in Frage gestellt und der Ärztin gelingt die Flucht. So weit, so unspektakulär. Der neue Regie-Shootingstar Alejandro Landes, der den akribischen Wahnsinn eines Werner Herzog mit der technischen Perfektion eines jungen James Cameron vereint, hat daraus aber ein abgründiges „Herr der Fliegen“-Inferno gemacht.

Ein rauschhafter Rutsch ins Herz der Finsternis | © Berlinale 2019
Landes offenbart eine vom jahrzehntelangen Krieg gezeichnete kolumbianische Gesellschaft, in der die Kinder sehr schnell erwachsen werden müssen. Vom Drill und Militarismus gekennzeichnet, wird Zwischenmenschlichkeit als Schwäche ausgelegt. Fehler werden hart bestraft – am härtesten von der Person selbst, die den Fehler begangen hat. Die Muskeln sind gestählt, der Abzug sitzt locker. Die gefangene Ärztin wird von der Gruppe nur als austauschbare Ware angesehen. Und trotz dieser Härte gelingt es Landes, der sein „Herz der Finsternis“ mit wahnsinnigem Aufwand mitten im Dschungel gedreht hat, Interesse für jede seiner Figuren zu wecken. Als Zuschauer will man mehr über Rambo, Lady, Bum Bum und Smurf wissen, ihnen auf dem steinigen Weg in das Chaos folgen.

Das Entgleiten der Situation ist in so abenteuerlichen und fantastischen Bildern eingefangen, dass es einem teils den Atem raubt. Schönheit und Horror liegen hier nahe beieinander. Noch nie hat man man wahrscheinlich so authentisch gesehen, wie ein Mensch bei lebendigem Leibe fast von Mosquitos aufgefressen wurde. Umso länger „Monos“ geht, umso deutlicher wird, dass der kolumbianische Regisseur in diesem perfekten Adrenalinrausch nicht nur eine Visitenkarte für Hollywood abgegeben hat. Mit dem ungeschönten Blick auf sein Land und einer weltweiten Entwicklung zur Aufrüstung hin empfiehlt er sich, der nächste Denis Villeneuve zu werden.

„Jessica Forever“ | © Ecce films – ARTE France Cinéma
Mit tiefer Melancholie den Untergang zelebriert
Auch in dem französischen Endzeitfilm „Jessica Forever“ geht es um das Bild von Männlichkeit und um dessen Wandel in einer sich immer schneller drehenden Welt. Die titelgebende Jessica (Entdeckung: Aomi Muyock) ist die amazonengleiche Anführerin einer Gruppe männlicher Waisen, die in einer postapokalyptischen Welt überleben. Der Gegner ist unbekannt. Gesichtslose Drohnen vollführen regelmäßige Angriffe auf die Truppe. Wie in „Monos“ sind die Männer im Fitnessstudio gestählt und Meister an der Waffe. Ihnen fehlen aber die Worte, um sich auszudrücken. Umso länger man ihnen in ihrem Kampf zuschaut, umso verlorener wirken sie. Die Gruppe rettet sich vor den Drohnen in eine abgelegene Villa. Doch plötzlich tauchen überall Menschen auf.

Die beiden Filmemacher Jonathan Vinel und Caroline Poggi zeichnen eine postapokalyptische Welt, die vollkommen in die Realität integriert ist. Die Endzeit hat, wenn man der Lesart des Films folgt, für diesen grobschlächtigen und testosterongesteuerten Typ Mann begonnen. Tatsächlich ist die Schlacht bereits entschieden. Die Protagonisten wissen es nur noch nicht. Mit einem fantastischem Elektro-Score, süchtig machenden Bildern und einer tiefen liebevollen Melancholie zelebriert „Jessica Forever“ diesen Untergang. Der Film arbeitet kontinuierlich gegen die Erwartungen an. Nicht die Action oder der Thrill stehen im Mittelpunkt, sondern Poesie und Außenseitertum.
Jessica (Aomi Muyock) führt| © Ecce films – ARTE France Cinéma
„Monos“ und „Jessica Forever“ ragen im diesjährigen Berlinale-Jahrgang heraus. Es ist nur schade, dass man sie unter Hunderten von Filmen mit der Lupe suchen muss. Negative Space erhofft sich von Carlo Chatrian ab 2020 viel mehr solcher Kandidaten. Wenn der Italiener die 70. Jubiläumsausgabe des wichtigsten deutschen Filmfestivals zusammenstellen wird, soll er laut des Branchenblatts Variety ein Großteil seines alten Locarno-Teams mit sich bringen. Darunter ist auch der kanadische Filmkritiker und Herausgeber des Filmmagazins Cinema Scope Mark Peranson. Das klingt verheißungsvoll.

Genauso sinnvoll erscheint die terminliche Verlegung, so dass die nächste Berlinale vom 20. Februar bis zum 1. März stattfindet. Sie geht damit den vorverlegten Oscars aus dem Weg. Es könnte dem Festival bei der Profilschärfung helfen. Und deutlich wärmer dürfte es zu der Zeit auch schon in Deutschland sein.

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Sonntag, 10. Februar 2019
Berlinale-Film „Chained“: Wenn Liebe ein Gefängnis wird

Die Gewalt bin ich: Rashi (Eran Naim) | © Berlinale 2019
Der israelische Film „Chained“ ist ein Volltreffer in der Panorama-Sektion. Bei der Geschichte um einen Tel Aviver Polizisten, der die Familie mit seiner Liebe und Moral zu zerquetschen droht, verschwimmen die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm.

Rashi (Eran Naim) will sein Leben so kontrollieren, wie er seine Fälle im Dienst kontrolliert. Als Tel Aviver Polizist hat er mehr als 15 Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel. Dem bulligen Hünen macht im Einsatz niemand mehr etwas vor. Er riecht förmlich, wenn Menschen ihm gegenüber nicht die Wahrheit sagen. Etwas rabiat sind aber seine Methoden: Türen werden auf Verdacht aufgebrochen, und potenzielle Drogendealer müssen schon mal ihre Unterhosen runterziehen, um zu beweisen, dass sie nicht doch etwas versteckt haben. In letzterem Fall stellen sich die Jugendlichen als Kinder eines hohen Beamten im Geheimdienstapparat heraus. Die Unterwäschen-Inspektion hat ein juristisches Nachspiel. Rashi wird verhört und erst einmal suspendiert. Das schürt Konflikte zu Hause, weil der unterforderte Gesetzeshüter seinen so strengen wie liebevollen Blick nun auf seine 13-jährige Tochter Yasmin (Stav Patay) konzentriert.

Der 45-jährige Regisseur Yaron Shani, der in Tel Aviv studierte und im Jahr 2010 mit seinem Gangsterstreifen „Ajami“ für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, wendet sich in seiner neuen Arbeit vom traditionellen Erzählkino ab. Dass Zuschauer im Kino auf Emotionen reagieren müssen, die Schauspieler künstlich generieren, findet er falsch. In „Chained“ mischt er deswegen Laien mit Schauspielern. Ein grobes Handlungsgerüst gab er ihnen vor. Aber er ließ während der Dreharbeiten große Freiräume zur Improvisation. Shani, so erzählt er am Sonntagabend bei der Weltpremiere im Panorama der Berlinale, ist stolz auf den Ansatz. Mit Ausnahme des Schlusses seien alle Szenen jeweils der erste Aufnahmeversuch gewesen. So stellt Shani eine Wahrhaftigkeit auf der Leinwand her, die ihres Gleichen sucht. Die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verschwimmen.
Polizeiliche Talente sind Gift für Familie
Im hebräischen Original heißt der Film „Eynayim Sheli“ (Meine Augen). Der Polizist Rashi hat seine Augen im Privatleben zu weit und zu intensiv aufgerissen. Jedes Treffen seiner Tochter mit Freunden betrachtet er misstrauisch. Aus Fürsorge will er sie so lange wie möglich von Drogen, Sex und Gewalt fern halten. Das macht ihn zu einem übervorsichtigen Vater, der seinem Kind die Luft zum Atmen nimmt. Auch seine Ehefrau Avigail (Stav Almagor) spürt den Druck. Gemeinsam versuchen sie aktuell, ein zweites Kind zu bekommen. Aber sie erleidet eine Fehlgeburt. So führsorgend und aufmerksam Rashi auch ist – seine polizeilichen Talente sind Gift für die Familie.

Frau Avigail und Tochter Yasmin | © Berlinale 2019
Rashi ist ein rechtschaffender Mann. Er ruiniert seiner Tochter aber auch ein Fotoshooting, weil er zu viel Angst vor aufreizenden Posen und zu knappen Kleidern hat. Aus einem Park schleppt er sie in sein Auto, als er sie mit Hilfe eines Polizistenkollegen über ihr Handy ortet und beim Alkoholtrinken erwischt. Wer liebt, muss auch Freiräume zugestehen. Er muss seiner Tochter vor allem mehr vertrauen. Seine Übervorsichtigkeit, die Dominanz und der Beschützerinstinkt treiben auch die Beziehung mit seiner Frau in eine Krise. Seine Emotionen entwickeln sich für ihn zu einem Gefängnis. Er begreift nicht, dass er zwar keine körperliche Gewalt auf seine Familie ausübt. Aber umso stärker ist seine psychische und verbale Gewalt aus Liebe.
Aus dem Leben gegriffen
Diese Abwärtsspirale ist in den langen sowie intensiven Dialog- und Konfliktszenen teils eine echte Herausforderung für den Zuschauer. Aber selten fühlt sich Kino so unmittelbar und wahrhaftig an. Das hängt auch damit zusammen, dass die Schauspieler stärker ihre eigene Biografie in die Figuren einbrachten. Eran Naim, der Rashi spielt, war zum Beispiel selbst Polizist. „Chained“ ist nicht seine Geschichte. Viele Elemente der Handlung sind ihm aber im eigenen Leben begegnet.

Die Produktionsgeschichte von „Chained“ klingt abenteuerlich und aufopferungsvoll. Bereits drei Jahre sei es her, dass sie den Film abgedreht haben, erzählt Regisseur Shani. Eine einzige Produktion war geplant. Aber der freie Entfaltungsrahmen für die Schauspieler sprengte alle Zeitgrenzen, so dass das Projekt auf drei Spielfilme angewachsen ist. Der erste Teil der Trilogie, „Stripped“, feierte seine Weltpremiere auf dem Venedig-Festival. Der abschließende Teil „Reborn“ hat noch keinen festen Start. Die Produzenten, worunter auch der Kultursender Arte und das Kleine Fernsehspiel des ZDF sind, bezeichnete Shani aufgrund der Ausdauer und des Vertrauens in das Projekt als „auf eine positive Weise verrückt“. Zu hoffen bleibt, dass zwischen den nächsten Projekten Shanis nicht wieder fast zehn Jahre vergehen müssen.

Regisseur Shani (r.) und seine Hauptdarsteller in Berlin
Weitere Kinotermine auf der Berlinale: 9. Februar um 19.30 Uhr im International, 10. Februar um 14.30 Uhr im Cine Star 3, 11. Februar um 14 Uhr im Cubix 9, 14. Februar um 19.30 Uhr im International, 17. Februar um 21.30 Uhr im Zoo-Palast 1.

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