Sonntag, 25. Dezember 2016
Berlinale-Wettbewerbs-Schnipsel #1
"Félicité" von Alain Gomis:

"Ana, mon amour" von Cãlin Peter Netzer:

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Samstag, 24. Dezember 2016
Greta Gerwigs Regiedebüt "Lady Bird" auf der Berlinale?

Nickon, Wikipedia / CC BY-SA 2.0
Eine Berlinale-Spekulation zu Greta Gerwig, die bereits mit Woody Allen, Todd Solondz, Noah Baumbach und Arcade Fire gedreht hat. Eventuell könnte ihr Regiedebüt "Lady Bird" in der Hauptstadt laufen.

Häufig lautet auf Filmfestivals die Frage, welcher Künstler wann mit seinem neuesten Werk fertig wird und warum dieser oder jener Regisseur jetzt eben nicht dabei ist. Gerade in diesen Tagen bin ich ein bisschen hellhörig. Dieter Kosslick hat mit Oren Movermans Film "The Dinner" bereits Hollywoodstars im Wettbewerb. Aber der richtig große Wurf, der die Augen der Fotografen und Gossip-Kolumnisten - was ja ein Großteil der Filmseiten-Schreiber ist - zum Strahlen bringt, ist ihm noch nicht geglückt.

Als jetzt die amerikanische Indie-Prinzessin Greta Gerwig ihren Runden durch die Podcastformate drehte, weil sie für ihre Rolle in Mike Mills' Film "20th Century Women" im Gespräch für eine Oscarnominierung als beste Nebendarstellerin ist, fiel mir ihre Unterhaltung mit dem Oscar-Blogger Scott Feinberg auf. Feinberg, der für den Hollywood Reporter schreibt, hat sich über die Jahre zu einem absoluten Edeltalker entwickelt. Behutsam näheren sich die beiden den unterschiedlichen Karrierepunkten Gerwigs. Jedenfalls sprechen die beiden am Ende des sehr hörenswerten Award Chatter auch kurz ihr Regiedebüt "Lady Bird" an. Bislang hatte Gerwig immer nur in Kooperationen mit Regisseuren am Drehbuch und bei der Regie mitgewirkt, wie zum Beispiel bei "Frances Ha". "Lady Bird" dagegen ist ihr erstes eigenes Baby.

Die semiautobiografische Geschichte mit Hauptdarstellerin Saoirse Ronan hat Gerwig im Oktober in ihrer Heimat Sacramento abgedreht. Der Film befindet sich in der Postproduktion. Nun kann es sein, dass sich die derweil noch dahinzieht. Vielleicht peilt Gerwig mit ihrem Film auch eher das South By Southwest-Festival im März an, weil für sie dort ihre Schauspielkarriere losging. Aber ich kann mich auch an eine atemberaubend aufgebretzelte Gerwig erinnern, die im Berliner Friedrichstadtpalast nach der Vorführung von "Frances Ha" auf die Bühne schwebte und es sichtlich genoss, wie toll ihr Film vor diesem riesigen Publikum gelaufen war. Die Gleichung hat noch viele Unbekannte. Wenn aber "Lady Bird" rechtzeitig fertig wird und der Film nicht totaler Murks sein sollte, kann ich mir gut vorstellen, dass er in Berlin gezeigt wird.

Links: - Geglückte Kaurismäki-Spekulation, - Arcade Fire

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Donnerstag, 22. Dezember 2016
Michael Winterbottom, Lena Dunham & "Butterfly Kisses" in der Generation

Der neue Larry Clark? Rafael Kapelinski mit "Butterfly Kisses"

Die Generation-Sektion für jüngere Berlinale-Zuschauer ist immer mal wieder für den ein oder anderen Geheimtipp gut. Die Augen richten sich auf Lena Dunham, Michael Winterbottom und britische Schmetterlingsküsse.

Halbzeit bei der Auswahl des Spielfilmprogramms: In den beiden Wettbewerben Kplus und 14plus der 40. Ausgabe von Generation sind bereits 15 Langfilme versammelt. Sie erzählen von jungen Menschen auf inneren und äußeren Reisen und der Sehnsucht nach veränderten Horizonten. Das vollständige Generation-Programm wird Mitte Januar veröffentlicht.

Mit einer Sondervorführung seines Musikdokumentarfilms "On the Road" wird Michael Winterbottom das Programm von Generation 14plus im jüngst sanierten Haus der Kulturen der Welt eröffnen. Die Berlinale sagt: In einer für Winterbottom charakteristischen Hybridität folgt der Film der Band Wolf Alice, die seit einigen Jahren für Furore sorgt, auf ihrer Tour quer durch Großbritannien. Einfühlsam porträtiert "On the Road" dabei die Ekstasen und Erschöpfungszustände eines Lebens unterwegs. Die Beziehung zwischen den Musikern und ihren Fans ist spürbar, sowohl das Konzert- als auch das Kinopublikum erlebt ein sensibles Zusammenspiel von Zuschauen und Hören.
Eröffnungsfilm: Winterbottom in Top-Form
Der Guardian-Kritiker Peter Bradshaw, dem ich vertraue, nannte "On the Road" auf dem Londoner Filmfestival eine erotische Musikdoku und den besten Winterbottom-Film seit Jahren. Außerdem gibt es anregende Vergleiche mit "9 Songs" und "24 Hour Party People". Und dann hatte ich Winterbottoms Film "The Face of an Angel" im vergangenen Jahr auf Platz eins meiner persönlichen Top Ten.

Gut sieht der Animationsfilm "My Entire High School Sinking into the Sea" (Ausschnitt) von Dash Shaw aus, der vergangenen Herbst auf dem Toronto-Festival unbemerkt Weltpremiere feierte. Die Stimmen kommen von Jason Schwartzman, Lena Dunham und Maya Rudolph. Dash Shaw ist Comiczeichner und die Handlung seines Films fasst sein Titel bereits perfekt zusammen.
"La Haine" Meets "Eyes Wide Shut"
Was gibt es noch? Der britische Film "Almost Heaven" über eine 17-jährige, die ihre Prüfung an einer der größten chinesischen Bestattungsinstitute ablegt. "Ein einfühlsames, dokumentarisches Porträt über Ängste, Freundschaft und das Erwachsenwerden inmitten von Gespenstern und Toten", sagt die Sektion. Ein schwarzweißer Hochhaus-Film aus Großbritannien mit dem poetischen Titel "Butterfly Kisses", der einen faszinierenden Trailer besitzt. Mischung aus "La Haine", "Eyes Wide Shut" und "Kids" würde ich sagen, wenn ich nicht wüsste, dass der Film in der Generation läuft. Eine Weltpremiere, bei der ich dabei sein werde.

Die Australier sind wieder musikalisch vertreten mit "Emo the Musical" über die verbotene Highschool-Liebe zwischen einem Emo und einer christlichen Aktivistin. Aus Brasilien und Uruguay kommt der Film "A Woman and the Father", der sich durch "subtile Körperlichkeit" auszeichnen soll. Dazu gibt es aus Kanada "Weirdos" und der mexikanische Film "Tesoros" schickt seine jungen Protagonisten auf Schatzsuche. Im besten Fall gibt es bis Februar Trailer, welche die Qualität hinter den Produktionen erahnen lassen.

Link: - Die ersten 15 Generation-Filme

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Berlinale-Poster 2017 sind da
Aus einem Werbe-Accessoire ist inzwischen eine stylische Kostbarkeit geworden, die das Lebensgefühl des Festivals verkörpert. Die neuen Berlinale-Poster sind da.

Das wichtigste deutsche Filmfestival, die Berlinale, hat eigentlich nicht viel, mit dem sie wuchern kann. Im Februar ist es gewöhnlich eiskalt, die Verschiebung der Oscars um einen Monat hat es noch schwerer gemacht, die großen Hollywoodfilme in die Hauptstadt zu lotsen. Und zu allem Überfluss sind deutsche Filmkritiker aus Tradition heraus die muffeligsten auf der ganzen Welt. So scheint es zumindest manchmal. Aber aus diesen wenigen natürlich Anlagen macht die Berlinale sehr viel. Nehmen wir zum Beispiel die neuen Festival-Poster, die im Januar in den Handel kommen. Echte Bären an berühmten Berliner Lokalitäten gab es bereits in diesem Jahr. Aber ich finde die neuen Entwürfe noch einen Tick cooler. Gerade die Fotobox ist am Puls der Zeit.


© Internationale Filmfestspiele Berlin


© Internationale Filmfestspiele Berlin


© Internationale Filmfestspiele Berlin


© Internationale Filmfestspiele Berlin

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Mittwoch, 21. Dezember 2016
Perspektive Deutsches Kino muss liefern

"Back for Good" von Mia Spengler © Zum Goldenen Lamm
Die Perspektive Deutsches Kino ist etwas in Zugzwang. Der letzte Jahrgang war durchschnittlich. Andere Festivals bieten häufig aufregendere deutsche Entdeckungen.

Als Anfang Dezember bekannt gegegeben wurde, dass Helene Hegemanns Verfilmung "Axolotl Overkill" auf dem Sundance-Festival laufen wird, war das auf allen U-Bahn-Monitoren Berlins zu lesen. Alle überregionalen Feuilletons berichteten über den Coup von Hegemann und dem Festival. Warum, fragt man sich, läuft solch ein Film nicht auf der Berlinale in der Perspektive Deutsches Kino? Warum geht Nicolette Krebitz mit ihrer Genreperle "Wild" auch lieber nach Sundance? Ist es die größere Bühne oder ist die Perspektive einfach ein zu kleines Schaufenster, das während der Berlinale höchstens marginal wahrgenommen wird?

Ich habe vergangenen Februar in der Perspektive den tollen Film "Agonie" entdeckt, mich aber auch mehr oder weniger durch Werke wie "Meteorstraße" oder "Lotte" gepflegt gelangweilt. Mein Gefühl sagt mir, dass Filme hier immer großes Glückspiel sind. Zumindest der Eröffnungsfilm der kommenden Perspektive klingt jetzt verheißungsvoll. Zumal der Titel nicht wieder nur aus einem einzigen Wort besteht, sondern gleich noch an einen der besten Boygroup-Songs der 1990er-Jahre erinnert.

Ode an die Menschlichkeit

Die ersten sieben Filme sind für das Programm der Perspektive Deutsches Kino 2017 eingeladen, nämlich vier lange Abschlussfilme und drei 30-Minüter. „Es lohnt sich mehr denn je, in den Perspektive-Eröffnungsfilm zu gehen und sich dann in den folgenden neun Tagen in den Berlinale-Kinos gemütlich einzurichten. Kommen, um dazubleiben, verspricht zehnfaches Glück“, behauptet Sektionsleiterin Linda Söffker.

Mia Spenglers Abschlussfilm "Back for Good" eröffnet die Perspektive mit der Geschichte von Angie, einem ehemaligen Trash-TV-Starlet ("Verbotene Liebe"-Starlet Kim Riedle), ihrer verhassten Mutter (Juliane Köhler) und ihrer pubertierenden Schwester (Leonie Wesselow). Angie bringt mit der Rückkehr in das Kaff ihrer Kindheit das Gefüge zwischen den Frauen ordentlich durcheinander, so dass alle drei ihre Rolle im Leben neu definieren müssen.

"Back for Good" - so heißt es schwärmerisch in der Pressemitteilung - sei eine Ode an die Menschlichkeit – leise gesummt während ein Auto-Tune-Popsong aus dem Radio dröhne. Der 30-minütige Kurzfilm, den die Regisseurin Mia Spengler vor "Back for Good" gedreht hat ("Nicht den Boden berühren"), hat im Trailer einen angenehmen Andrea-Arnold-Vibe, der an "Fish Tank" denken lässt.

Film über Shaolin-Kung-Fu-Mannschaft

Der an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf entstandene Spielfilm "Ein Weg" ist die behutsame Annäherung an eine lange Liebesbeziehung bis hin zu ihrer Trennung. Während der Sohn Max langsam erwachsen wird, begleiten wir Andreas (Mike Hoffmann) und Martin (Mathis Reinhardt) über 15 Jahre hinweg durch die Höhen und Tiefen des alltäglichen Beziehungslebens. Wie ein Dokumentarfilm gedreht, ist "Ein Weg" mit kleinem Team und Budget an realen Orten mit großer Intensität und Flexibilität entstanden und hat im Prozess der Montage zu seiner besonderen Form über Zeit zu erzählen, gefunden.

Der in China aufgewachsene Regisseur Tian Dong hat an der KHM Köln studiert und schließt dort mit seinem Dokumentarfilm "Eisenkopf" über eine junge Shaolin-Kung-Fu-Fußballmannschaft ab. Tian Dong besucht die jungen Leute in ihrer Sportschule und redet mit ihnen über ihren Alltag und ihre Träume und zeichnet über diesen Weg ein aufwühlendes Bild chinesischer Politik.

Mehr wagen, mehr sehen

Im neuen Film von Julian Radlmaier, "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes", gesteht ein bürgerlicher Windhund, wie er vom verliebten Filmemacher zum Apfelpflücker, Revolutionsverräter und schließlich zum Vierbeiner wurde. In einer politischen Komödie voller burlesker Kapriolen begegnen wir der jungen Kanadierin Camille (Deragh Campbell), den zwei wundergläubigen Proletariern Hong und Sancho, einem stummen Mönch mit magischen Kräften und einer Menge merkwürdiger Feldarbeiter, die alle utopischen Träumen nachhängen.

Ja, die Perspektive Deutsches Kino brachte Entdeckungen wie "Der Samurai", "Der Bunker" oder "Agonie" hervor. Aber die Qualitätsdichte müsste höher, die Projekte außergewöhnlicher sein, um auch international wahrgenommen zu werden. Vielleicht müsste ich auch einfach mehr Filme aus der Reihe selbst sehen. Das ist ein ernsthaftes Vorhaben.

Links: - Übersicht Perspektive, - Panorama, - Wettbewerb

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Dienstag, 20. Dezember 2016
Panorama setzt auf Hou Hsiao-hsien, James Schamus und "I Am Not Your Negro"

"I Am Not Your Negro" von Raoul Peck © Dan Budnik
Hochpolitisch und aufklärerisch: Anders kennt man das Programm der Berlinale-Sektion Panorama gar nicht. Aus dem ersten Stoß des Gemischtwarenladens ragen Hou Hsiao-hsien, James Schamus und "I Am Not Your Negro" heraus.

Die Panorama-Sektion der Berlinale unter der Leitung von Wieland Speck gibt seine ersten elf Filme des Programms bekannt. Insgesamt sollen es ungefähr 50 Titel werden. Der britische Filmjournalist Peter Cowie schreibt der Panorama-Sektion die Rolle zu, die Un Certain Regard in Cannes einnimmt. Filme von Nachwuchsregisseuren und Filmemachern, die es nicht ganz in den Wettbewerb geschafft haben. Außerdem hat sich die Sektion in den vergangenen zwei Jahrzehnten als Forum des Queer Cinema etabliert.

Bereits jetzt hat die Sektion für sich zwei Themen ausgemacht: Ein frischer historisch-reflexiver Ansatz auf die Geschichte der Schwarzen in Nordamerika, Südamerika und Afrika ("I Am Not Your Negro", "Vazante", "The Wound") und der Themenkomplex „Europa Europa“: Wie wehren sich die progressiven Kräfte angesichts eines Zeitgeistes, der wie von gestern erscheint ("Política, manual de instrucciones", "Combat au bout de la nuit")? Dazu werden Filme aus Bhutan und Kirgistan gezeigt.

Erste Highlights der Sektion

Am spannendsten erscheint mir der bereits erwähnte Film "I Am Not Your Negro" von Raul Peck. Selbiger Regisseur präsentiert auch gleich seinen nächsten Film als Weltpremiere in der Special-Sektion, "Der junge Karl Marx" mit August Diehl. "I Am Not Your Negro" ist ein Essay-Film über den noch immer allgegenwärtigen Rassismus in Amerika, erzählt von Samuel L. Jackson. Dann interessiert mich "Honeygiver Among the Dogs" (Trailer), ein buddhistischer Film noir aus Bhutan und damit Dechen Roders Regiedebüt. Der Hollywood Reporter bezeichnete es auf dem südkoreanischen Busan-Festival als wunderschön, erfindungsreich und hypnotisierend.

Der taiwanische Film "Small Talk" klingt auch recht interessant, vor allem, weil ihn die taiwanische Regielegende Hou Hsiao-hsien produziert hat. Außerdem bringt der ehemalige Berlinale-Jurypräsident James Schamus, der noch in diesem Jahr mit "Indignation" sein Regiedebüt auf der Berlinale gab, die Dokumentation "Casting JonBenet" nach Berlin. Der von ihm co-produzierte Film recherchiert den Hintergrund zum Tod einer sechsjährigen Schönheitskönigin. Dazu merke ich mir das letzte Werk von Michael Glawogger, "Untitled", vor, das seine Regiepartnerin Monika Willi fertigstellte.

Links: - Übersicht der Panorama-Filme, - Wettbewerb

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Donnerstag, 15. Dezember 2016
Berlinale-Wettbewerb: Eine erste Duftmarke

"Colo" von Teresa Villaverde © Alce Filmes
Die ersten zehn Berlinale-Wettbewerbsfilme zeigen, wo Dieter Kosslick 2017 hin will: Das Festival soll eigene Auteurs wachsen lassen und vor allem Regisseurinnen eine Weltbühne bieten. Eine Analyse von Michael Müller

Die Reaktionen über Twitter reichten bei den ersten Programmdetails des Berlinale-Wettbewerbs 2017 von begeistert bis desillusioniert. Der britische Variety-Kritiker Guy Lodge schrieb: "First Berlinale announcements are mighty tasty. Can't wait for the new Călin Peter Netzer and Sebastián Lelio." Dann ergänzte er seine Berlin-Bilanz: "Four of the seven years I've been to the Berlinale, I've seen my eventual favourite film of the year there. Their lineup's as exciting as Cannes to me." Besser geht's nicht. IndieWIRE-Chefkritiker Eric Kohn sah einen vielversprechenden Auftakt.

Auch der italienische Über-Cineast und Präsident der International Cinephile Society, Cédric Succivalli, twitterte aufgeregt: "Kaurismäki (!), Moverman, Holland, Veiel, Potter, Enyedi, Vilaverde, Gomis (!), Lelio & Călin Peter Netzer to compete for the Golden Bear. Four women directors (!) out of only 10 competition entries so far. I am so looking forward to re-discovering Enyedi and Villaverde's works!" Aber es gab auch andere Reaktionen. Der von mir sehr geschätzte Cargo- und Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster sagte: "Ich fühle mich gerade in meiner Entscheidung, nicht zur Berlinale zu fahren, aber sowas von bestätigt. Die Filme, die gerade verkündet wurden, lassen business as usual im allerschlechtesten Sinn befürchten."
Eigene Auteurs wachsen lassen
Ich zähle eindeutig auch zur begeisterten Seite. Die ersten zehn Wettbewerbsfilme sind verheißungsvoll. Mir sagt vor allem die von Foerster kritisierte Kontinuität zu. Ich hätte zum Beispiel darauf gewettet, dass sich Cannes den neuen Film von Călin Peter Netzer abgreift. So wie es Thierry Frémaux bereits mit dem früheren Goldenen-Bären-Gewinner Asghar Farhadi ("Nader & Simin") gemacht hat. Aber Netzer, der für "Mutter & Sohn" im Jahr 2013 den Goldenen Bären gewann, bleibt der Berlinale treu. Seinen Film "Ana, mon amour", den kunstvolle Zeitsprünge auszeichnen sollen, präsentiert er nach einer vierjährigen Kunstpause in Berlin.

Auch, dass der Chilene Sebastián Lelio nach seinem Triumphfilm "Gloria" in den Wettbewerb mit "A Fantastic Woman" zurückkehrt, werte ich als gutes Zeichen. Zumal der Lelio-Film von Maren Ades Produktionsfirma Komplizen Film co-finanziert wurde. Es geht um die Beziehung einer Transsexuellen zu einem älteren Mann, der einen Herzinfarkt in Santiago de Chile erleidet.

Das sind jetzt die selbst hoch gepushten Auteurs von Dieter Kosslick, die im nächsten Werk liefern müssen. Darauf darf man gespannt sein. Da wird das Ereignis, dass auch der neue Aki Kaurismäki ("The Other Side of Hope") in Berlin läuft, wie Negative Space bereits richtig spekulierte, fast zur schönen Nebensache. Richtig gefreut habe ich mich ebenso über den Senegalesen Alain Gomis, der mit "Félicité" in den Wettbewerb zurückkehrt. Sein Film "Aujourd'hui" wurde 2012 als kleines Wunder auf der Berlinale wahrgenommen. In "Félicité"" kämpft die titelgebende Mutter um das Leben ihres Sohnes, der bei einem Motorradunfall verletzt wurde. Während sie in Kinshasa Hilfe sucht, muss sie sich auf der Reise auch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.
Frauenpower von Vergessenen
Wohin der Blick auch wandert, es lauern überall spannende Geschichten. Ja, die verhältnismäßig vielen Filmemacherinnen stechen ins Auge. Es sind vor allem Frauen, von denen es länger wenig Neues gab. Mal sehen, was sie nach ihren Auszeiten und Karriere-Abzweigungen 2017 zu erzählen haben. Das gilt für die Ungarin Ildiko Enyedi ("On Body and Soul"), genauso wie für Sally Potter ("The Party") oder die Polin Agnieszka Holland ("Pokot"). Wobei der Potter-Film bei diesem Staraufgebot schon ein bisschen nach Wettbewerbsleiche müffelt. Aber hey, wer sagt schon bei Kristin Scott Thomas nein.

Ich fand zwar in diesem Jahr den portugiesischen Wettbewerbsbeitrag "Letters from War" relativ egal, aber Portugal bleibt für mich dank der Sprache und den Talenten ein aufregendes Filmland. Das gilt auch für "Colo" (im Bild) von Teresa Villaverde. Das ist wieder eine Frau, die früh in der Karriere viele Lorbeeren auf Festivals einheimste und dann etwas von der Bildfläche verschwand. Spannend klingt auch das Comeback des israelischen Amerikaners Oren Moverman, der mit "The Dinner", der Adaption eines niederländischen Bestsellers und Richard Gere, Laura Linney und Chloë Sevigny wieder einen bleibenden Eindruck hinterlassen will. In diesem Fall schrecken mich die Stars nicht ab, sondern verstärken eher die Hoffnung auf Qualität.
August Diehl spielt Karl Marx
Die restlichen Bekanntgaben sind nicht ohne Reiz: Die deutsche Presse klammert sich an den bislang einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag "Beuys" von Andres Veiel. Seine Dokumentation heftet sich an die Spuren der Kunstschlüsselfigur der 1960er-Jahre, Joseph Beuys. In diesem Jahr schaffte es mit "24 Wochen" ein einziger deutscher Film in den Wettbewerb. Mal sehen, ob 2017 mehr Platz für von Donnersmarck, Gerster oder weniger bekannte deutsche Namen ist.

Die Wiederaufführung von Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie "Acht Stunden sind kein Tag", der kubanische Film "Last Days in Havana" und "Der junge Karl Marx" mit August Diehl wecken mein Interesse. Letzterer Film ist von Raoul Peck, der aktuell auf zahlreichen amerikanischen Bestenlisten mit dem Film "I Am Not Your Negro" steht. Die 67. Filmfestspiele von Berlin finden vom 9. bis 19. Februar 2017 statt. Die erste Duftmarke ist Berlinale-Direktor Dieter Kosslick geglückt. Netzer, Kaurismäki, Gomis, Lelio, Peck und Moverman klingen erst einmal nach einem starken Jahrgang.

Links: - Mehr Spekulationen, - Helmut Käutner in Berlin

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Dienstag, 13. Dezember 2016
Spekulation: Baumbach, Rumänen und von Donnersmarck auf der Berlinale 2017

© Bac
Die spanische Filmzeitschrift eam spekuliert, welche Filme auf der Berlinale 2017 laufen werden. Es ist ein illustres Namedropping, das die Fantasie anregt.

Es sind einige interessante deutsche Produktionen unter den Nennungen der spanischen Filmzeitschrift eam, die auf der Berlinale 2017 laufen sollen. Zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarcks neuer Film „Werk ohne Autor“ mit Sebastian Koch, Lars Eidinger und Tom Schilling. Ein Künstler, der aus der DDR geflohen ist, wird von seinen Traumata aus dem Dritten Reich und der ostdeutschen Diktatur eingeholt. Von Donnersmarck laborierte lange an dem Schock, den er sich bei der Hollywoodproduktion "The Tourist" abholte. Am schmerzvollsten war sicherlich, dass sogar Ricky Gervais darüber bei den Golden Globes Scherze machen durfte.

Der „Oh Boy“-Regisseur Jan Ole Gerster hat sich noch dieses Jahr an die Verfilmung von Christian Krachts Meisterwerk „Imperium“ gewagt. Da ist die Frage, die sich sowieso häufiger bei den Nennungen der Spanier stellt, ob der Film überhaupt rechtzeitig zur Berlinale fertig wäre. Immerhin könnte so Tom Schilling gleich zwei Mal über den Roten Teppich laufen. In „Imperium“ spielt er den deutschen Kokovoristen August Engelhardt.
Skarsgård und Hoss auf dem Roten Teppich?
Wahrscheinlicher wäre da die Volker-Schlöndorff-Verfilmung des Max-Frisch-Romans „Return to Montaux“, in der Stellan Skarsgård und Nina Hoss die Hauptrollen spielen. Einen Außenseiter-Tipp wagen die Spanier auf „Toter Winkel“. Der von Stephan Lacant gedrehte Film würde Sinn machen, weil Lacant 2013 mit „Freier Fall“ in einer der Nebenreihen der Berlinale, Perspektive Deutsches Kino, für Furore sorgte. Schließlich setzt das Festival besonders auf die eigenen Talente.

Auf der Suche nach Gold richtet sich der Blick der Berlinale häufig nach Osteuropa: Der Rumäne Calin Peter Netzer, der mit „A Child’s Pose“ 2013 den Goldenen Bären gewinnen konnte, ist in der Postproduktion mit seinem neuen Film „Ana, mon amour“. Das wäre natürlich aufregend, auch wenn Bären-Sieger dazu tendieren, nach Cannes eingeladen zu werden. Aber wenn wir schon bei den Rumänen sind, wie wäre denn Florin Serban, dessen Film „If I Want to Whistle, I Whistle“ ich sehr liebe und der in seinem Jahrgang den Alfred-Bauer-Preis der Berlinale gewonnen hat. Laut eam soll Serbans Film „Dog“ abgedreht sein.
Malick, Haigh oder Marc Webb
Für Hollywood-Interessierte und Freunde der englischen Sprache sind sicherlich auch die Nennungen amerikanischer und britischer Produktionen interessant: Die spanische Filmzeitschrift denkt an Andrew Haigh („Lean & Pete“), Michael Winterbottom („The Trip to Spain“), Terrence Malick („Weightless“), John Cameron Mitchell („How to Talk Girl at Parties“), David Zellner („Damsel“) oder Marc Webb („Gifted“). Haigh, Winterbottom und Malick haben eine Berlinale-Vergangenheit, die anderen Regienamen klingen eher nach Sundance. Aber im Sundance-Programm sind sie nicht aufgeschlagen. Zellner zeichnete sich für die sehr gelobte „Fargo“-Ergänzung „Kumiko, the Treasure Hunter“ aus. Marc Webbs „Gifted“ würde zeitlich perfekt passen. Der amerikanische Kinostart ist im April, es ist ein kleiner Indiefilm nach „The Amazing Spider-Man 2“.

Richtig, richtig Lust habe ich auf die Spekulation um Noah Baumbachs neuen Film. In „Yeh Din Ka Kissa“ erzählt der amerikanische Regisseur von einem bizarren New Yorker Familientreffen. Der Cast ist erlesen: Adam Sandler, Ben Stiller, Dustin Hoffman, Candice Bergen und Emma Thompson. Baumbach hatte schon eine wundervolle Berlinale-Erfahrung mit „Frances Ha“, der vor Ort gefeiert wurde. Über die Möglichkeit, dass der neue Aki-Kaurismäki-Film, "The Other Side of Hope", in Berlin laufen könnte, hatte Negative Space selbst bereits berichtet.
"Ghost in the Shell" und Emma Watson im Anflug
Wenn das belgische Regiepaar Hélène Cattet & Bruno Forzani weiter auf den Spuren des Giallos wandelt, interessiert mich auch „Let the Corpses Tan“ (im Bild) sehr. Der Titel deutet das jedenfalls an. Die Spekulationsblase der spanischen Filmzeitschrift ist groß und grob. Namen wie Bong Joon-ho, Guillaume Canet oder Philippe Garrel würden dem Festival bestimmt auch gut zu Gesicht stehen. Ob es dagegen Blockbuster wie Guy-Ritchies „King Arthur“ braucht, muss jeder selbst entscheiden. Die Realverfilmung von "Ghost in the Shell" mit Scarlett Johansson würde für Berlin dagegen total Sinn machen. Der Film kommt Ende März in die Kinos. Auch "Die Schöne und das Biest" von Bill Condon mit Emma Watson würde passen. Zumal Condon 2015 seinen Film "Mr. Holmes" im Wettbewerb zeigte. Die Weltpremiere der Schönen und des Biestes auf der Berlinale könnte den weltweiten Kinostart Mitte März vorbereiten.

Links: - Kaurismäki im Wettbewerb, - Verhoeven Jury-Präsident

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Montag, 12. Dezember 2016
Käutners Meisterwerk "Schwarzer Kies" bei Berlinale Classics

© Deutsche Kinemathek
Auf "Suspiria" folgt Käutners Meisterstück "Schwarzer Kies". Das Programm der Berlinale-Reihe Classics kann sich sehen lassen. Auch ein wiederentdeckter israelischer Film sieht spannend aus.

Der Film "Schwarzer Kies" (im Bild) ist ein absoluter Glücksfall für die deutsche Filmgeschichte. Im großen Maße ist das Werk von Helmut Käutner ("Romanze in Moll", "Große Freiheit Nr. 7") diesen Sommer bei der Retrospektive zum bundesrepublikanischen Film in Locarno wiederentdeckt worden. Die von Olaf Möller kuratierte Reihe, die auch im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main zu sehen war, kommt jetzt zumindest in Form dieses Films auch auf die Berlinale. Die Classics-Reihe zeigt das aufwühlende, bitterböse, vor Leben nur so schreiende Sozial-Melodram über orientierungslose GIs, illegale Kiesfahrer und Bardamen, die einfach weg wollen und doch immer wieder im selben Nest landen, im kommenden Februar.

Neben der deutschen Produktion "Schwarzer Kies" werden "Avanti Popolo" von Rafi Bukaee aus Israel und die mexikanische Produktion "Canoa" von Felipe Cazals als digital restaurierte Fassungen im Rahmen der Berlinale Classics gezeigt. Seit 2013 stellt die Reihe im Rahmen der Retrospektive Filmklassiker und Entdeckungen in neu digitalisierten Fassungen vor und begeistert damit ein großes Publikum.
Ursprüngliche Premierenfassung
"Schwarzer Kies" von Helmut Käutner aus dem Jahr 1961 entstand im Stil eines amerikanischen B-Pictures. Die Presse reagierte nach der Premiere kritisch auf den Film, der einen pessimistischen Blick auf die Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland warf. Käutner wurde zudem aufgrund einer Szene in dem Film Antisemitismus vorgeworfen. Für den deutschen Verleih überarbeitete Käutner den Film und versah ihn mit einem weniger düsteren Ende. Im Archiv der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung überdauerte neben der Verleihfassung auch die ursprüngliche Premierenfassung. Diese wird nun von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung digitalisiert und für die Zukunft gesichert.

„Käutners Film ist ein herausragendes Beispiel für den unverstellten Blick auf die Abgründe der westdeutschen Nachkriegsrealität. Dass er sich dabei der direkten und kontrastreichen Sprache des B-Pictures bediente, macht ihn zu einer Rarität, die nun wieder entdeckt werden kann“, kommentiert Rainer Rother, Leiter der Retrospektive und Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek.
Absurdität des Krieges aus Israel
Mit seinem Erstlingswerk "Avanti Popolo" schuf Regisseur Rafi Bukaee 1986 eine Tragikomödie über die Absurdität des Krieges, welche zu den bedeutendsten Autorenfilmen des israelischen Kinos zählt. Der Film war 1987 Israels Oscar-Kandidat. In der Geschichte zweier versprengter ägyptischer Soldaten, die am Ende des Sechstagekrieges durch die Sinai-Wüste irren, spielt Bukaee mit den stereotypen Vorstellungen von Israelis und Arabern und stellt überkommene Rollenmodelle auf den Kopf. In dem Film, in dem überwiegend Arabisch gesprochen wird, werden erstmals in der israelischen Filmgeschichte arabische Protagonisten von arabischen Schauspielern dargestellt. Die Jerusalem Cinematheque Israel Film Archive restaurierte den Film auf der Grundlage des originalen 16-mm-Negativs.

"Canoa" (Hetzjagd in Canoa) des mexikanischen Regisseurs Felipe Cazals erhielt 1976 bei der Berlinale einen Silbernen Berliner Bären (Spezialpreis der Jury) und wurde nun anlässlich seines 40. Jubiläums von The Criterion Collection in Zusammenarbeit mit dem Instituto Mexicano de Cinematografía (IMCINE) digital restauriert. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten, welche sich 1968 in dem entlegenen Dorf San Miguel Canoa zutrugen: Eine Gruppe junger Mitarbeiter der Universität Puebla strandet während eines Wochenendausflugs in Canoa und wird dort fälschlicherweise für kommunistische Studenten gehalten – eine Hetzjagd durch das Dorf beginnt. Der Regisseur Felipe Cazals wirkte bei der digitalen Restaurierung des Films mit. Mit der Aufführung von "Canoa" steht das Filmland Mexiko im Fokus, das 2017 auch Partnerland des European Film Market (EFM) ist.

Links: - Suspiria jagt Bären, - Science-Fiction-Retrospektive

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Sonntag, 11. Dezember 2016
Neuer Heinz-Strunk-Roman "Jürgen" erscheint im März

© Rowohlt Verlag
Auf "Der goldene Handschuh" lässt der Harburger Autor Heinz Strunk den Roman "Jürgen" folgen, der am 24. März erscheinen soll.

Er hat in diesem Jahr richtig geil abgeliefert, um es in der Sprache seiner Werke zu sagen: Heinz Strunks Buch "Der goldene Handschuh" ist ein Bestseller, war auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises - und den Wilhelm-Raabe-Preis erhielt der Harburger sogar für das Buch. Fatih Akin wird "Der goldene Handschuh" für das Kino adaptieren. Da wird nicht weniger als "Der Totmacher" erwartet - oder immerhin "Der Sandmann". Außerdem war Strunks Auftritt beim Sommerfest eines der wenigen Highlights, die der Fest & Flauschig-Podcast zu bieten hatte.

So kann es natürlich nicht ewig weitergehen. Das weiß auch der Heinzer, wie er sich selbst von seinen Fans rufen lässt. Sein neuer Roman "Jürgen", der am 24. März im Rowohlt-Verlag erscheint, ist eine Rückkehr zu den Wurzeln. Jürgen Dose ist ein Charakter, den Strunk schon sehr lange mit sich herumträgt. Das Alter Ego des Autors war sogar schon mal der Protagonist einer TV-Serie ("Trittschall im Kriechkeller"), die nicht über die Pilotfolge hinausgekommen ist. Auch im Musikvideo von Polka Team zu "Smartest Girl Alive" taucht Jürgen auf. In verschiedenen Variationen begleitet Jürgen Strunks Gesamtwerk. Jetzt hat er ihm ein eigenes, knapp zweihunderseitiges literatisches Werk gewidmet.

Im Verlagstext heißt es: Jürgen Dose lebt in Harburg. Er hat es auch sonst nicht immer leicht gehabt im Leben; sein Job im Parkhaus verlangt ihm viel ab, und damit fängt es erst an. Trotzdem ist für Jürgen das Glas immer halbvoll, er glaubt daran, dass wer wagt, gewinnt und er es im Leben eigentlich ganz gut getroffen hat. Um es mal deutlich zu sagen: Jürgen ist ein ganz armer Willi, nur weiß er das nicht.

Strunk hat das triste Leben seiner Jürgen-Figur mit Speed-Dating-Erfahrungen, Frauenaufreiß-Lektüre und Katalogbraut-Reisen nach Osteuropa angereichert. Bleibt zu hoffen, dass es keine Resteverwertung, sondern ein ernsthaftes Buch geworden ist.

Links: - Krautploitation par excellence, - Fleckenteufel

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Freitag, 9. Dezember 2016
Paul Verhoeven wird Berlinale-Jury-Präsident

© Lex de Meester
Der niederländische Star-Regisseur Paul Verhoeven wird Jury-Präsident der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

„Mit Paul Verhoeven (im Bild) haben wir einen Regisseur als Jury-Präsidenten, der in den unterschiedlichsten Genres sowohl in Europa als auch in Hollywood gearbeitet hat. In der Bandbreite seines Filmschaffens spiegelt sich seine kreative, vielfältige Verwegenheit und sein Experimentierwillen“, sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick laut einer Mitteilung des Festivals.

Der Niederländer Paul Verhoeven ist für meine Generation, die in den 1980er-Jahren aufgewachsen ist, ein Gigant. Zum einen hat er mit "RoboCop", "Total Recall" und "Starship Troopers" einige der prägendsten und besten Hollywood-Popcornfilme geschaffen, die jeweils auch dank seines europäischen Gespürs beißende Satiren sind. Und ich liebe Verhoeven ganz besonders für "Showgirls", ein verdrängtes Meisterwerk, das immer leicht hinten über fällt. Andererseits ist Verhoevens niederländische Phase fast noch spannender: "Türkische Früchte" ist einer der schönsten Liebesfilme aller Zeiten. "Spetters" ist eine Entdeckung wert. Und auch sein einheimisches Comeback mit "Black Book" vor einigen Jahren zeigte einen Regisseur, der sich seine Qualitäten über die Jahrzehnte bewahrt hatte.

Verhoeven ist gerade dieses Jahr wieder in aller Munde, weil seine "Elle" mit Isabelle Huppert eines der Highlights des diesjährigen Cannes-Jahrgangs war. Verhoeven folgt auf Jurypräsidentin Meryl Streep und Darren Aronofsky. Drücken wir die Daumen, dass es kontrovers-gewagte Filme im Wettbewerb geben wird, die sich eines Verhoevens als würdig erweisen. Interessant ist auch am exzentrischen Niederländer, dass er seine gesamte Filmkarriere praktisch ohne die Hilfe von Festivals bestritten hat. Er war nie auf sie angewiesen, weil er von Anfang publikumswirksame Zuschauererfolge gedreht hat. Auch die Filmfestivals kamen erst spät auf Verhoeven zurück, die Berlinale zum Beispiel programmierte mal im Jahr 2000 "RoboCop" in einer Retrospektive. Da zeigte sie aber auch die beiden Fortsetzungen als Teil einer Science-Fiction-Reihe. "Black Book" war der erste richtige Verhoeven-Film, der auf dem Filmfestival von Venedig dieses bestimmte Klima atmete.
Mathestudent, der nach Hollywood auszog
Die Berlinale schreibt zu Verhoeven: Nach einem Mathematik- und Physikstudium wandte sich Paul Verhoeven Mitte der 1960er-Jahre dem Film zu und startete seine Regiekarriere 1969 mit der erfolgreichen niederländischen TV-Serie "Floris – Der Mann mit dem Schwert". Auf sein Spielfilmdebüt "Was sehe ich… Was sehe ich!" (1971) über zwei Prostituierte, die von einem bürgerlichen Leben träumen, folgte 1973 der erotisch aufgeladene Thriller "Türkische Früchte", der ihm neben großer Popularität auch eine Nominierung als Bester fremdsprachiger Film bei den Oscars 1974 einbrachte. Nach seinem internationalen Durchbruch mit "Der Soldat von Oranien" (1977) – der für den Golden Globe nominiert wurde - und "Der vierte Mann" (1983) zog Paul Verhoeven nach Hollywood, um sich einem stilistischen Wandel in seiner Arbeit zuzuwenden.

Mit actionreichen Großproduktionen wie "RoboCop" (1987) und insbesondere "Total Recall – Die totale Erinnerung" (1990), beides gegenwartskritische Reflexionen der Zukunft, feierte Paul Verhoeven beeindruckende Boxoffice-Hits, revolutionierte das Science-Fiction-Genre und blieb sich dabei als Autorenfilmer treu.

Mit dem provokanten Erotikthriller "Basic Instinct" (1992) kehrte er zu Themen seiner niederländischen Filme zurück. "Basic Instinct" machte Sharon Stone zum Star und erhielt zwei Oscar-Nominierungen. 1997 wandte sich Verhoeven mit "Starship Troopers" erneut dem Science-Fiction-Genre zu, im Jahr 2000 folgte der Sci-Fi-Horrorfilm "Hollow Man – Unsichtbare Gefahr".

Nach nahezu 20 Jahren verließ Paul Verhoeven Hollywood und ging 2006 in die Niederlande zurück, um "Black Book" (2006) zu drehen, der auf der Geschichte einer niederländischen Widerstandskämpferin während des Zweiten Weltkrieges basiert. Ab 2007 widmete sich Verhoeven mehr dem Schreiben und feierte erst 2016 mit der französisch-deutschen Produktion "Elle" sein Comeback. Darin führt Paul Verhoeven seine Themen auf überraschende Weise fort. Isabelle Huppert spielt eine Frau, die durch sado-masochistische Abgründe wandelt und dabei ein Kindheitstrauma überwindet.

Die 67. Berlinale findet vom 9. bis zum 19. Februar 2017 statt. Erste Programmdetails des Wettbewerbs werden in den kommenden Tagen erwartet.

Links: - Kaurismäki im Wettbewerb?, - Suspiria auf Berlinale

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