Sonntag, 3. September 2017
Computer sagt Nein - Drehbuchanalyse in Hollywood

Die häufigsten Wörter im "Casablanca"-Script? Rick und Ilsa
Hollywood träumt von der genauen Berechnung des Erfolgs. Mit dem Multiverse, wie es Marvel betreibt, ist man dem schon recht nah gekommen. Aber gibt es auch Computerprogramme, die den Erfolg von Drehbüchern vorhersagen können? Redakteur Jörn Schumacher gibt einen Überblick.

Jedes Jahr werden in der Gewerkschaft der Autoren in der Film- und Fernsehindustrie in den USA mindestens 50.000 neue Drehbücher eingereicht. Davon setzen die Studios in Hollywood allerdings nur rund 150 im Jahr um, so dass sie auch wirklich auf der Leinwand landen. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Drehbuch veröffentlicht wird, gerade mal 0,003 Prozent beträgt. Da muss schon alles stimmen, wenn sich ein Studio tatsächlich entscheidet, ein paar Millionen in eine Produktion zu stecken. Das Drehbuch sollte zumindest eine gewisse Sicherheit bieten, dass am Ende auch etwas dabei herumkommt.

Noch eine andere nette Statistik: 90 Prozent der Filme aus Hollywood sind ein Verlustgeschäft. Den eigentlichen Profit machen gerade einmal 6 Prozent der Filme. Wie schön wäre es da, ein Werkzeug an der Hand zu haben, das einem vorhersagt, ob ein Drehbuch etwas kann. Eine Glaskugel vielleicht. Oder eine Software?

Kann ein kalter Computer die heißen Emotionen eines Filmes berechnen? William Goldman, zweifacher Oscar-Gewinner, schrieb in seinen Memoiren im Jahr 1983: „Keiner weiß alles.“ Soll heißen: Niemand kann vorhersagen, ob ein Film gut oder schlecht läuft, ob er an den Kassen viel oder wenig Geld einbringen wird.

Schauen wir uns einige Extrem-Beispiele an: Der grelle Spielfilm „Avatar“ hat in der Produktion 237 Millionen Dollar gekostet, aber satte 2,7 Milliarden Dollar eingebracht. Hingegen kostete die Disney-Produktion „Milo und Mars“ (2011) 175 Millionen Dollar, spielte aber nur 39 Millionen ein, der Verlust betrug über 130 Millionen Dollar. Andere Beispiele für große Flops der (Hollywood-)Filmgeschichte: „47 Ronin“ (Keanu Reeves) brachte einen Verlust von 100 Millionen Dollar ein. „Lone Ranger" (Johnny Depp) 95 Millionen Dollar. Merke: Populäre Schauspieler allein sind keine Garanten für den Erfolg eines Films.
Der Computer als Wahrsager
Immer wieder versuchen findige Leute, einen Computer so zu programmieren, dass er voraussagen kann, ob ein Drehbuch den Aufwand und die Kosten lohnt, die Kameras anzuschmeißen. Aber wie soll man ein Drehbuch, das aus Wörtern, Sätzen, Emotionen und Beziehungen zwischen Menschen besteht, einem Computer verständlich machen?

Nun, man muss das Drehbuch irgendwie quantifizieren. Sprich: in Zahlen übersetzen. Denn nur Zahlen versteht der Computer. Die britischen Computerwissenschaftler Fionn Murtagh und Stewart McKie von der University of London haben sich 2008 mit dem Drehbuchautor Adam Ganz zusammengesetzt, um genau das zu tun.

Ein typischer Film hat 40 bis 60 Szenen, in denen die Handlung sich in irgendeiner Weise ändert, in der sozusagen „Mini-Geschichte“ erzählt wird. Eine Szene dauert im Schnitt (mit vielen Ausnahmen) zwei bis drei Minuten. Eine Sequenz wiederum besteht aus 2 bis 5 Szenen. Und schließlich fasst ein Akt mehrere Sequenzen zusammen; er macht die Makro-Struktur eines Films aus. Im Grunde könnte ein einzelner Akt schon für einen ganzen Film ausreichen. Die Länge der Szenen bestimmt den Rhythmus und das Tempo des Films. Man kann durch Veränderung des Tempos auf den Höhepunkt des Films hinarbeiten: Entweder durch Verkürzung der Szenendauer, oder indem man die Szene mit dem Höhepunkt sehr viel länger macht als alle davor.

Als zweites kann man die Wörter zählen, die in einem Drehbuch vorkommen. Da sind natürlich vor allem die Charaktere interessant, die man anhand ihrer Namen identifizieren kann.

Murtagh und McKie nahmen sich den Film "Casablanca" (1942) vor. Sie zählten: Er besteht aus 77 Szenen, und das Drehbuch enthält 6.710 Wörter. Der Algorithmus kann herausfinden, wie sich Konflikte zwischen Personen im Laufe des Plots verändern, indem er darauf achtet, wie häufig benutzte Wörter ihre Stellungen zueinander verändern. Die zwei häufigsten Wörter im Script von „Casablanca“ sind die Namen der Hauptfiguren: Rick und Ilsa. Die Software erkannte, wie sich diese beiden Wörter im Laufe der Handlung zueinander verhalten: Sie rücken immer wieder zusammen und driften dann wieder auseinander. Murtagh: „Es ist überraschend, wie gut das Ilsas widersprüchliche Gefühle widerspiegelt, wenn sie im Film abwechselnd von Rick angezogen wird und ihm dann auch wieder widersteht.“

Bei dieser Methode konzentriert man sich ja aber nur auf das nackte Drehbuch. Es fehlt die Magie der Kameraeinstellung, der Farben und der Kontraste, aber vor allem fehlt die auditive Komponente, die Musik. Autor Ganz erwidert, diese Aspekte seien in der Tat wichtig, aber die Produzenten hätten am Anfang ja nun einmal nur das Drehbuch, anhand dessen sie entscheiden müssen, ob sie ihr Geld investieren wollen oder nicht. „Drehbücher sind schon eine seltsame Sache“, sagt Ganz. „Sie werden bewertet, indem sie gelesen werden, aber wenn sie erfolgreich sind, werden sie nie wieder gelesen. Die Autoren können jede Hilfe gebrauchen, die sie bekommen können.“
Bowling kommt nicht so gut an
Auch der ehemalige Statistikprofessor namens Vinny Bruzzese wollte eine mathematische Vorhersage für Filme entwickeln. Er gründete die Firma „Worldwide Motion Picture Group“, und für 20.000 Dollar quetscht er ein Drehbuch auf Wunsch eines Kunden durch seinen digitalen Fleischwolf, um anschließend einen 20- bis 30-seitigen Bericht auszusprucken, der vorhersagt, wieviel Erfolg an den Kinokassen zu erwarten ist. Oder: an welchen Stellen das Drehbuch umgeschrieben werden sollte. Das Prinzip dahinter: Das Drehbuch wird verglichen mit ähnlichen Filmen, die bereits erschienen sind und achtet auf deren Erfolge, außerdem schließt er Umfragen unter 1.500 Personen mit ein, die die Filme bewertet haben.

Und so kann Bruzzese Aussagen treffen wie: „Dämonen in Horrorfimen können Menschen angreifen oder heraufbeschworen werden. Wenn der Dämon angreift, bekommt man wahrscheinlich höhere Einnahmen im ersten Wochenende nach dem Filmstart, als wenn der Dämon heraufbeschworen wird.“ Bruzzese fügt hinzu: „Also fort mit den Ouija-Brettern!“ Übrigens: Szenen, in denen Bowling vorkommt, kommen eher nicht so gut an, sagt die Statistik. Also besser nicht ins Drehbuch einbauen!

Der Drehbuchautor Ol Parker („The Best Exotic Marigold Hotel“) ist angesichts dieser Berechnung seiner Arbeit entsetzt: „Das ist mein größter Albtraum. Das ist der größte Feind der Kreativität.“ Der Filmproduzent Scott Steindorff wiederum findet Bruzzeses Arbeit super und hat seine Dienste für den Film “Der Mandant” (2011) in Anspruch genommen. Er ist überzeugt: „Eines Tages wird das jeder machen.“

Aber schon Befragungen nach Test-Screening können ziemlich in die Irre führen: Nach Bewertung des Test-Publikums etwa hätte “Fight Club” floppen müssen, doch er brachte über 100 Millionen Dollar weltweit ein. Übrigens: Ob die großen Hollywood-Studios die Software verwenden, bleibt wohl weiter ein Geheimnis. Anfragen der New York Times an sechs Studios wurden nicht beantwortet.
Der Computer, Dein Anlage-Berater
Auch der Marketing-Professor Josh Eliashberg analysierte mit Kollegen 281 Filme, die zwischen 2001 und 2004 herauskamen. Ihre Software war in der Lage, natürliche Sprache zu analysieren, außerdem setzte sie auf Befragung von Zuschauern. Um das System zu eichen, verwendeten sie 200 Filme. Anschließend ließen sie für 81 Filme vom System eine Vorhersage treffen, wie erfolgreich sie laufen würden. Ihr Modell lag in fast zwei Drittel der Fälle sehr gut. Von den 81 Filmen verwiesen sie auf 30, die besonders gut laufen würden. Und tatsächlich: Wenn die Filmstudios nur diese Filme produziert hätten, hätten sie 5,1 Prozent ihrer Investition sicher wieder reinbekommen – garantiert – und das ist für Investoren in der Filmindustrie sonst kaum zu haben. Zum Vergleich: Hätte man einfach zufällig 30 Filme ausgewählt und produziert, wären 18,6 Prozent der Investitionen futsch gewesen.
400.000 Eigenschaften eines Films berechnet
Eine israelische Firma namens Vault setzt ebenfalls auf künstliche Intelligenz, um dem Prinzip Hollywood auf die Schlichte zu kommen. David Stiff, Begründer von Vault, sagt, ihre Software analysiere bis zu 400.000 Eigenschaften eines Films. Das kann so etwas sein wie die Menge an Gewalt, die gezeigt wird. Der Algorithmus liegt angeblich mit einer Genauigkeit von 65 bis 70 Prozent richtig, wenn es um die Vorhersage des finanziellen Erfolgs eines Filmes geht. Am wichtigsten ist laut dem Israeli das Thema des Films. Nehme man das Thema bei der Vorhersage heraus, sinke die Vorhersagemöglichkeit drastisch.

Lag die Software denn auch schon einmal richtig falsch? Der Unternehmenschef antwortet, sein System habe zum Beispiel vorhergesagt, dass „Terminator Genesis“ (2015) ein großer Erfolg werden würde. Aber der Streifen war mit 90 Millionen in den USA verdienten Dollar eher mau. (Immerhin war er weltweit sehr erfolgreich und spielte 221 Millionen Dollar ein).
Bei „Passengers“ lag der Computer richtig
Die Firma „ScriptBook“ bietet für schlappe 100 Dollar einem Drehbuchautor die Möglichkeit, sein Drehbuch von der Software „Script2Screen“ testen zu lassen. Die Hersteller versprechen, dass eine Prognose abgegeben werden kann über den ungefähren finanziellen Erfolg des möglichen Films, eine Bewertung der Storyline und der Zielgruppen. Die Sofware greift zurück auf eine Datenbank mit Drehbüchern von Filmen aus den Jahren zwischen 1970 und 2016.

„Scriptbook“ wirbt mit einer perfekten Vorhersage, die sie vor kurzem machten: Ihre Software hatte das Drehbuch des Filmes „Passengers” analysiert und kam zu dem Ergebnis, der Filme würde 118,1 Millionen allein an amerikanischen Kinokassen einbringen. Das Ziel wurde fast erreicht: Laut „Box Office Mojo“ spielte der Film 100 Millionen Dollar ein. Auch eine durchschnittliche Zuschauerbewertung prognostizierte der Algorithmus: 7,3 von 10 Punkten sagte er voraus. Die tatsächliche Bewertung bei IMDB liegt bei 7,1.

Wer es mal selbst versuchen möchte: Es gibt viele Drehbücher im Internet zum Herunterladen, zum Beispiel bei der „Internet Movie Script Database“ (IMSDb): http://www.imsdb.com. Und wer jetzt selbst Lust bekommen hat, sich an einem eigenen Drehbuch zu versuchen, dem helfen viele kostenlose Programme.

Link: - Was der Trashfilm über seine Konsumenten aussagt

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Mittwoch, 30. August 2017
Venedig-Ticker 2017

Alexander Paynes Film "Downsizing" mit Matt Damon und Christoph Waltz

Neben Cannes und der Berlinale zählt das Festival von Venedig zu den bedeutendsten Festivals der Welt. Absteigend aufgelistet finden sich hier deshalb die Venedig-Filme 2017 aus allen Wettbewerben, die mich persönlich am meisten interessieren. Die eigene Vorfreude wie auch das Kritiker-Feedback vor Ort sorgen für die Abstufungen, die ich mit Sternen von fünf bis zwei kenntlich mache. Der Ticker wird täglich upgedatet. Das Festival läuft vom 30. August bis zum 9. September.

NEU: Fredrick-Wiseman-Doku "Ex Libris", israelischer Löwenfavorit „Foxtrot“, Guillermo del Toros Monsterfilm "The Shape of Water"

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★★★★★

"The Shape of Water" (Guillermo del Toro)
Deutscher Kinostart: 15.02.2018

[Wettbewerb] - Venedig-Festivalchef Alberto Barbera sagte gegenüber dem Branchenblatt Screen Daily, "The Shape of Water" sei der beste del-Toro-Film, den er seit "Pan's Labyrinth" gedreht habe. Der Film erzählt in den 1960er-Jahren von einer Liebesgeschichte zwischen einer stummen Reinigungskraft (Sally Hawkins) und einer fremdartigen Wasserkreatur (Doug Jones), die vom US-Militär festgehalten wird. Die Amerikaner hoffen, das Geschöpf als Waffe im Kalten Krieg einsetzen zu können. Es ist das erste Mal seit "Pan's Labyrinth" der Fall, dass del Toro wieder in den Wettbewerb eines A-Festivals eingeladen wurde.

Der überhaupt nicht leicht zu begeisternde Herausgeber des britischen Filmmagazins Sight & Sound, Nick James, ist ein bisschen aus dem Häuschen: Demnach beginnt der neue del-Toro-Film wie Jean-Pierre Jeunets "Delicatessen", wandelt sich dann aber zu klassischem Hollywoodkino und schafft das auf seine ganz eigene geniale Art. Der Boston Globe-Kritiker Ty Burr twittert, del Toro habe den Monsterfilm mit der Romantik und Seele des Musicalgenres angereichert: „Ein reiner und schwelgerischer Filmgenuss“, lautet sein Fazit.

Für Stephanie Zacharek vom Time Magazine ist "The Shape of Water" der schönste Liebesbrief, den sich ein Filmmonster je erträumen könnte. TimeOut-Chef Dave Calhoun twittert, der Film sei auf eine herrliche Weise exzentrisch und fantasievoll. Der selten in Wallung geratene Kritikerpapst Michel Ciment, der Herausgeber des französischen Filmmagazins Positif ist, zückt die Höchstwertung.

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★★★★½

"Downsizing" (Alexander Payne)
Deutscher Kinostart: 18.01.2018

[Wettbewerb] - Der amerikanische Regisseur Alexander Payne ("About Schmidt", "Election"), der sich vier Jahre seit seinem letzten Film Zeit genommen hat, eröffnet mit der Science-Fiction-Satire "Downsizing" das Festival von Venedig. Der Film mit Matt Damon, Kristen Wiig und Christoph Waltz über Menschen, die wegen der Überbevölkerung geschrumpft werden und fortan in Miniaturstädten leben dürfen, ist gleichzeitig der offizielle Startschuss für das Oscar-Rennen 2018. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, müsste sich "Downsizing" direkt in die Führungsgruppe um "Dünkirchen" und "Call Me by Your Name" einreihen.

Variety-Chefkritiker Owen Gleiberman schwärmt von "Downsizing" in den höchsten Tönen und bezeichnet ihn als "Live-Action-Pixar-Film auf Acid". Ein anderer schöner Vergleich von Gleiberman ist, dass "Downsizing" wie der Hollywood-Kinderklassiker "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft" sei, aber gedreht von einem scharfzüngigen und todernst dreinschauenden Sozialstatiriker. John Bleasdale von CineVue bescheiningt Payne sogar Kaufmaneske Qualitäten. Der Guardian-Kritiker Xan Brooks twittert von einem "liebevollen und wilden Film-Giganten", in dem vor allem Matt Damon und Christoph Waltz mit ihren Schauspielleistungen glänzen können.

Total Film-Kritiker James Mottram nennt den Film "brutalwitzig und nachdenklich stimmend". Mein englischsprachiger Lieblingskritiker im Festivalzirkus, Lee Marshall, sagt auf Twitter, "Downsizing" sei zwar deliziös, aber auch mit Fehlern behaftet. Die graue Eminenz vom Hollywood Reporter, Todd McCarthy, behauptet dagegen, dass es sich um Paynes bis dato besten Film handelt. Auch Peter Travers vom Rolling Stone spricht von einem "visionären Meisterwerk".

Der Auteur Alexander Payne ist ein amerikanisches Nationalheiligtum. Mit zwei Filmen am Anfang seiner Karriere hatte er sich diesen Ruf bereits zurecht verdient gehabt: "Election" und "About Schmidt" sind schwarze, geschliffen scharfe Satiren über das Leben. Sie sind so genau beobachtet, geschrieben und gespielt, so dass sie mindestens zu den besten Komödien der vergangenen 20 Jahre zählen. Und selbst Paynes schwächere Werke wie sein Debütfilm "Citizen Ruth" oder "The Descendants" mit George Clooney sind originell und erfrischend genug in ihrer Herangehensweise an schwierige Themen wie Abtreibung oder Sterben, um im Gedächtnis zu bleiben.

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★★★★

"Zama" (Lucrecia Martel)

[Out of Competition] Neun Jahre ist der letzte Film ("The Headless Woman") der umfeierten Lucrecia Martel her. Jetzt scheint sie mit "Zama" selbst für abgehärtete Cineasten eine echte Herausforderung darzustellen: Guardian-Kritiker Xan Brooks nennt den Film der Argentinierin ein "fremdartiges, sinnliches Wunder" und vergibt die Höchstwertung. Guy Lodge von Variety hat einen "herausfordernden, formal begeisternden Kolonial-Alptraum" gesehen. Es geht um eine spanische Kolonie im 18. Jahrhundert an der Küste Paraguays.

"Ex Libris: New York Public Library" (Frederick Wiseman)

[Wettbewerb] Ein Dokumentation über die öffentliche New Yorker Bücherei von dem Bostoner Festivaldarling Frederick Wiseman ("National Gallery", "At Berkeley"). Robbie Collin vom Daily Telegraph ist begeistert: "Eine geniale Abhandlung über Wissen als universelles Menschenrecht und auch eine heimliche Symphonie New Yorks." Dave Calhoun von TimeOut stimmt in die Hymne mit ein. "Ex Libris" laufe über vor Liebe für Wissen, Bücher, Gespräche und Debatten.

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★★★

"Foxtrot" (Samuel Maoz)

[Wettbewerb] Der Regisseur Samuel Moaz gewann im Jahr 2009 den Goldenen Löwen von Venedig für seinen klaustrophobischen Panzerfilm „Lebanon“. „Foxtrot“ ist erst der zweite Film des Israelis, aber schon wieder ist er im Rennen um den höchsten Preis der Mostra ganz vorne mit dabei. „Foxtrot“ übt scharfe Kritik am israelischen Militär, das in den Augen des Films seine junge Bevölkerung für die eigene politische Agenda verheizt. Moaz erzählt in einer kompliziert dreiteiligen Handlung vom Tod eines jungen israelischen Soldaten und was dieses Schicksal für die Hinterbliebenen bedeutet. „Preisverdächtiges Kino auf einem furchtlosen Level“, findet der Variety-Kritiker Jay Weissberg.

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Donnerstag, 24. August 2017
Akins "Aus dem Nichts" ist der deutsche Oscar-Kandidat

Der internationale Verleihtitel von "Aus dem Nichts" lautet "In the Fade"

Mach's noch einmal, Fatih: Der deutsche Regisseur Fatih Akin hat die Ehre, Deutschland wieder in der Oscar-Kategorie "bester fremdsprachiger Film" zu vertreten. Mit seinem Film "Aus dem Nichts" ist er vor allem wegen Hauptdarstellerin Diane Kruger nicht chancenlos.

Der Film "Aus dem Nichts" von Fatih Akin ist der offizieller deutsche Kandidat für die Oscar-Kategorie "bester fremdsprachiger Film". Das gab das Unternehmen German Films, das jährlich die Wahl des deutschen Beitrags organisiert, am Mittwochmittag bekannt. Akins Film gewann mit seiner Hauptdarstellerin Diane Kruger im Mai den Darstellerinpreis bei den Filmfestspielen in Cannes. Im Jahr 2007 vertrat der Regisseur mit "Auf der anderen Seite" bereits Deutschland im Oscar-Rennen. "Aus dem Nichts" folgt auf "Toni Erdmann", der es dieses Jahr unter die fünf besten fremdsprachigen Filme schaffte.

Zur Begründung der Auswahl des Rachefilms, der um ein Hamburger Bombenattentat mit NSU-Bezug kreist, hat die neunköpfige Jury geschrieben: "It's at the same time a drama, a court movie and a thriller. Fatih Akin relates law and justice, revenge and pain – with complexity, unsparingly, and with a stirring narrative. The film gives a political issue a human face and unfolds with a ripple effect from which the audience cannot escape, from the first to the very last minute."
Offene Rechnung "Inglourious Basterds"
Magnolia Pictures hat die Verleihrechte von „Aus dem Nichts“ für Nordamerika gekauft und will den Film noch dieses Jahr in die US-Kinos bringen. Mit der Schauspielauszeichnung für Kruger in Cannes und ihrer Geschichte um die verpasste Nominierung für „Inglourious Basterds“ könnte der neue Fatih-Akin-Film zumindest nicht chancenlos im Oscar-Rennen um eine Nominierung als bester fremdsprachiger Film sein.

Deutschland gewann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film in den vergangenen Jahren zwei Mal: im Jahr 2006 für "Das Leben der Anderen" und im Jahr 2002 für "Nirgendwo in Afrika". Neben "Toni Erdmann" schafften aber auch andere deutsche Spielfilme den prestigeträchtigen Achtungserfolg, nominiert worden zu sein: "Das weiße Band", "Der Baader-Meinhof-Komplex", "Sophie Scholl" und "Der Untergang".
Wer ist die Konkurrenz?
"Aus dem Nichts" setzte sich gegen zehn andere deutsche Kandidaten durch. Darunter befanden sich Valeska Grisebachs "Western", Chris Kraus' "Die Blumen von gestern" und Sven Taddickens "Gleißendes Glück". Auch Schweden gab diese Woche seinen Oscar-Kandidaten, nämlich den Palmengewinner "The Square" von Ruben Östlund, bekannt. Die Schweiz schickt ihren Film "Die göttliche Ordnung" über das Frauenwahlrecht ins Rennen.

Von seinem Land noch nicht bestimmt, aber sicherlich auch nicht chancenlos wäre der ungarische Berlinale-Gewinner "On Body and Soul". Das gilt auch für Aki Kaurismäkis finnische Flüchtlingskomödie "The Other Side of Hope", das chilenische Drama "A Fantastic Woman" sowie "Ana, mon amour" aus Rumänien. Aus Cannes scheinen der französische Beitrag "120 Beats per Minute" und der russische Beitrag "Loveless" nicht unwahrscheinlich.

Links: - Liste aller Oscar-Kandidaten, - Deutsche Shortlist

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Montag, 21. August 2017
Filmfest Hamburg in weiblicher Hand

Maria Dragus in Barbara Alberts "Licht" | © Christian Schulz / Geyrhalter Film
Das Programm des Filmfestes Hamburg nimmt weiter Formen an: Die Macher feiern in der zweiten Welle von Filmen vor allem Regisseurinnen.

Im zweiten Stoß an Programmtiteln des Filmfestes Hamburg stehen Frauen im Mittelpunkt. In ihrem Spielfilm "Licht" erzählt die österreichische Regisseurin Barbara Albert eine Parabel über die Macht der Musik zur Zeit Mozarts in Wien. Das Filmfest Hamburg findet: "Aufwendig inszeniert und mit großem Einfühlungsvermögen, beschreibt das Historiendrama die schicksalhafte Geschichte des Wunderheilers Franz Anton Mesmer (Devid Striesow) und seiner berühmtesten Patientin, Maria Theresia Paradis (Maria Dragus), eine 18-jährige, früh erblindete Pianistin, die mit Schrecken bemerkt, dass sie mit zunehmender Sehkraft ihre musikalische Virtuosität verliert." Der neue Albert-Film feiert seine Weltpremiere im September in Toronto.

Die Regisseurin Chloé Zhao zeigte bereits ihr Debüt "Songs My Brothers Taught Me" beim Hamburger Filmfest im Jahr 2015. Dieses Jahr präsentiert die gebürtige Chinesin ihren Film "The Rider", der in Cannes mit dem Art Cinema Award ausgezeichnet wurde. Das Filmfest schreibt: "Zhao entführt darin den Zuschauer auf eine melancholische Reise ins amerikanische Heartland und erzählt sehr bewegend und mit großer Sensibilität von einem einst gefeierten Rodeo-Star, der nach einer schweren Kopfverletzung auf der Suche nach einer neuen Identität ist." Der Village Voice-Filmkritiker Bilge Ebiri nannte "The Rider", der in der Directors' Fortnight lief, den besten Cannes-Film 2017.
"Little Miss Sunshine"-Team zurück
Der brasilianische Dokumentarfilm "Baronesa" von Juliana Antunes handelt vom Alltag zweier Frauen in den Favelas der brasilianischen Millionenmetropole Belo Horizonte. Das Filmfest Hamburg findet: "Ihre Gespräche öffnen einen weiblichen Blick auf ein von männlicher Gewalt dominiertes Milieu, das trotz aller Härte eine raue Schönheit besitzt." Männer spielen im Film nur eine Nebenrolle, auch die Filmcrew bestand fast ausschließlich aus Frauen.

Dem Thema Gleichberechtigung widmen sich Valerie Faris und Jonathan Dayton. Das Ehepaar hinter "Little Miss Sunshine" präsentiert mit "Battle of The Sexes – Gegen jede Regel" ihren zweiten gemeinsamen Spielfilm. Im Zuge der sexuellen Revolution und dem Aufschwung der Frauenbewegung wird 1973 in den USA der Schaukampf zwischen der weltweiten Nr. 1 des Frauentennis, Billie Jean King (Emma Stone), und dem Ex-Tennis Champion Bobby Riggs (Steve Carell) als "Battle Of The Sexes" angekündigt und mit 90 Millionen Zuschauern weltweit zum meist gesehenen Sportevent der Fernsehgeschichte.

Wim Wenders erhält in diesem Jahr auf dem Filmfest den Douglas-Sirk-Preis. Zu diesem Anlass wird sein neuer Film "Submergence" mit Alicia Vikander und James McAvoy gezeigt. Die ersten Filme, die für das Programm im Juli bekannt gegeben wurden, klangen bereits vielversprechend: Der Gewinner der Goldenen Palme in Cannes, "The Square" von Ruben Ostlünd, ist dabei. Ebenso werden vier weitere Cannes-Weltpremieren zu sehen sein: "Jupiter's Moon" von Kornél Mundruczó, der umfeierte französische Film "Jeune femme" sowie der neue Francois-Ozon-Film "L'amant double" und der US-Film "The Florida Project".

Das Filmfest Hamburg findet vom 5. bis 14. Oktober statt. Gezeigt werden über 120 neue Produktionen aus aller Welt.

Links: - München-Entdeckungen, - Locarno-Entdeckungen

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Berlinale: Wieland Speck gibt Panorama-Leitung ab

V. l. n. r.: Wieland Speck, Paz Lázaro, Michael Stütz und Andreas Struck | © Ali Ghandtschi / Berlinale 2017
Die neue Leiterin der Berlinale-Sektion Panorama heißt Paz Lázaro. Gemeinsam mit ihren Kollegen Michael Stütz und Andreas Struck kuratiert sie zukünftig das Programm, das Wieland Speck in den vergangenen 25 Jahren geprägt hat.

Der langjährige Leiter der Berlinale-Sektion Panorama, Wieland Speck, wird seine Kompetenz künftig als Berater des Programms einbringen. Ab 1982 hatte Speck an der Seite von Manfred Salzgeber das Panorama - seit 1980 eine eigenständige Sektion - mit aufgebaut und es als renommiertes Programm im Arthouse-Bereich etabliert. Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat jetzt Paz Lázaro zu seiner Nachfolgerin als neue Leiterin der Sektion berufen. Gemeinsam mit Michael Stütz und Andreas Struck wird sie das Panorama-Programm kuratieren.

Alle drei haben lange an der Seite von Speck gearbeitet: Lázaro war seit 2006 Programmmanagerin der Sektion. Michael Stütz, bislang im Panorama für die Programmkoordination verantwortlich, wird künftig zusätzlich zur Koordination des Teddy Award die Sektion als Programmmanager und Kurator mitgestalten. Andreas Struck, seit 2006 unter anderem Programmberater im Panorama, wird neben der kuratorischen Arbeit die Kommunikation des Panorama-Programms redaktionell verantworten.
Spanierin mit Produzentenerfahrung
Lázaro, die 1972 in Sevilla geboren wurde, studierte spanische und englische Philologie sowie Soziologie. Sie arbeitet seit 2000 bei der Berlinale und ist seit 2006 Programmmanagerin der Sektion Panorama. 2007 wurde sie in das Auswahlkomitee für den Wettbewerb berufen. Sie gehört außerdem dem Team der Berlinale-Delegierten für iberoamerikanische Filme und dem Auswahlkomitee der Berlinale Special Series an. Bevor sie Filmfestival-Kuratorin wurde, arbeitete Lázaro in der Filmproduktion, vorwiegend in Spanien, sowie in der Theaterproduktion, unter anderem mit Constanza Macras und der Dorky Park Company.

„Ich danke Wieland herzlich für seine fantastische Arbeit beim Panorama. Er hat für den anspruchsvollen Independent-Film eine Plattform geschaffen, die ihn erfolgreich mit dem internationalen Markt verbindet“, sagte Festivalchef Kosslick: „Ich freue mich ganz besonders, dass er uns künftig mit seiner Expertise und Erfahrung beim offiziellen Festivalprogramm zur Seite stehen und das Jubiläumsprogramm des Panorama 2019 kuratieren wird.“

Speck übernahm 1992 die Leitung des Panorama. In den vergangenen 25 Jahren hat er das Profil der Sektion geprägt und dem 1987 mit Manfred Salzgeber gegründeten Teddy Award als weltweit erstem und bislang bedeutendstem Filmpreis für queeres Kino internationale Anerkennung verschafft.

Der britische Filmhistoriker Peter Cowie hat das Panorama in Berlin vom Stellenwert her mit der Un Certain Regard-Reihe in Cannes verglichen: Es sei die angesehene Sektion für Filme, die ihren Weg aus welchen Gründen auch immer nicht in den offiziellen Wettbewerb gefunden hätten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten war es vor allem ein Forum für das Queer Cinema. Das Panorama entdeckte Regisseure wie Gus van Sant und Pedro Almodóvar für das Weltkino. Im Februar feierte hier die spanische Genre-Sensation "Pieles" ihre Weltpremiere. Auch der bislang beste Film des Jahres, "Call Me by Your Name", lief direkt nach Sundance als internationale Premiere.

Link: - Wettbewerbs-Tipps 2017

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Sonntag, 13. August 2017
Jeanne-d'Arc-Musical von Bruno Dumont auf Arte

Trailer zu „Jeannette“ von Bruno Dumont

Nach der UFA-Retrospektive ist es der nächste Glanzpunkt im Programm von Arte: Der Sender strahlt ziemlich zeitnahe zur Weltpremiere in Cannes das Jeanne-d'Arc-Musical von Bruno Dumont aus.

Eben lief Bruno Dumonts gefeiertes Jeanne-D'Arc-Musical „Jeannette“ noch in der Directors Fortnight von Cannes. Schon strahlt der Sender Arte den Film am 30. August um 23.30 Uhr im Programm aus und packt ihn eine Woche lang in die Mediathek. Der Herausgeber des britischen Filmmagazins Little White Lies, David Jenkins, twitterte im Mai: „Best improvised industrial goblin emo treatise on teen theological anguish I've ever seen. Easily.“ Er nannte „Jeannette“ den bis dato besten Festivalfilm in Cannes 2017.

Arte schreibt: Inspiriert von Charles Pégys Werken „Jeanne d’Arc“ (1897) und „Le mystère de la charité de Jeanne d’Arc“ (1910) inszeniert Regisseur und Drehbuchautor Bruno Dumont die ländliche Kindheit der französischen Legende und katholischen Heiligen. Zusammen mit dem Komponisten Igorrr und dem Choreographen Philippe Decouflé erschafft er einen modernen Musicalfilm. Die historischen Figuren werden von jungen Laiendarstellern verkörpert, die zu einer Mischung aus Pop, Elektro, Symphonie und Hard Rock singen und tanzen.

Ich habe mich über die Jahre vom Skeptiker zum Bruno-Dumont-Fan entwickelt. Maßgeblich für diesen Wandel war die zum Schreien komische und originelle TV-Serie „Kindkind“ aus dem Jahr 2014. Darin geht es um einen Kuhmordfall in der französischen Provinz. Und dann wiederum doch gar nicht. Ich kann auch einiges mit Juliette Binoches feinsinnigem Portrait der französischen Bildhauerin und Malerin Camille Claudel in Dumonts gleichnamigen Film anfangen.

Weiterer Geheimtipp: Auch am 30. August läuft um 20.15 Uhr auf Arte der israelische Film „Ich habe ein Gedicht“. Es geht dabei um die Beziehung einer Kindergärtnerin zum fünfjährigen Yoav, der bereits eine ausgeprägte poetische Ader besitzt. Es ist die deutsche TV-Premiere des israelischen Films, der im Jahr 2014 in der Critics Week von Cannes seine Weltpremiere feierte – und sehr positiv besprochen wurde. Meines Wissens kam der nie in die deutschen Kinos.

Links: - 100 Jahre UFA auf Arte, - Cannes-Highlights 2017

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Samstag, 12. August 2017
Kettcar sind zurück - Video zu "Sommer '89"

"Sie kamen für Udo Lindenberg"

Am 13. Oktober erscheint das neue Album "Ich vs. Wir". Das Video ist gut gemacht, aber es sind die mitreißenden, epischen Lyrics von Kettcar, die den Song "Sommer '89" für Negative Space qualifizieren. Das Hamburger Label Grand Hotel van Cleef feiert damit sein 15-jähriges Jubiläum. Einen vor den Latz geknallt: Ein Hoch auf Spaghetti-Legende Lee Van Cleef!

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Freitag, 11. August 2017
Arte feiert 100 Jahre UFA mit Marlene Dietrich und Veit Harlan

Hitler und Goebbels bei der UFA | Bundesarchiv, Bild 183-1990-1002-500 (CC-BY-SA 3.0)
Der Sender Arte wagt sich zum 100. Geburtstag der UFA an einen Schwerpunkt zum Film des Dritten Reiches. Es laufen sogar zwei Veit-Harlan-Filme, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden sind.

Um den 100. Geburtstag der UFA, dem berühmtesten deutschen Studio der Filmgeschichte, zu feiern, zeigt der Sender Arte eine 15-teilige Filmreihe. Der Programmschwerpunkt wird gestaffelt in den Monaten August, September und Dezember zu sehen sein. Zum einen laufen absolute Klassiker der deutschen Filmgeschichte wie der restaurierte „Münchhausen“, „Der blaue Engel“ oder „Der letzte Mann“. Gleichzeitig legt die Auswahl besonderen Wert auf die Filme, die im Dritten Reich entstanden sind. Es wird umfangreiches Zusatzmaterial auf der Webseite von Arte geben, zum Beispiel Portraits zu einzelnen Regisseuren. Außerdem gelangen ausgewählte Filme auch in die Mediathek.

Das ist mutig. Wann hat man schon mal eine Reihe zur deutschen Filmgeschichte im Fernsehen gesehen, in der zwei Veit-Harlan-Filme laufen. Zumal es die letzten beiden Filme sind, die Harlan im Zweiten Weltkrieg gedreht hat. „Kolberg“ ist ein echtes Propaganda-Machwerk, das über der Festung La Rochelle abgeworfen wurde, um die drohende Niederlage der Deutschen noch herumzureißen. „Opfergang“ dagegen ist ein spannendes, teils meisterhaftes Melodram, das zum Beispiel der slowenische Filmphilosoph Slavoj Zizek zu seinen Lieblingsfilmen zählt. Dazu passt auch die aktuelle Dokumentation „Hitlers Hollywood“ des Filmkritikers Rüdiger Suchsland und die Dokumentation „Wege zu Kraft und Schönheit“ von 1925, die bereits einem Körperkult frönt, dem die Nationalsozialisten auch wieder sehr zugetan waren. Kein Zufall, dass hier bereits die nackte Leni Riefenstahl herumturnt.
Wo ist Werner Hochbaum?
Die Liste der Filme hinterlässt den Eindruck, dass die Programmierer am liebsten nur Filme gezeigt hätten, die vom „Ministry of Illusion“ produziert wurden, wie der amerikanische Hochschulprofessor Eric Rentschler das Kino der Nazis in seinem Standardwerk betitelte. Aber pflichtschuldig mussten zum Ufa-Geburtstag eben auch ein paar Kanon-Klassiker drum herum gebaut werden. Bei Reinhold Schünzel hätte man auch gleich tollkühn zu „Amphitryon“ greifen können. Wo ist Gustav Ucickys „Der Postmeister“, wo Werner Hochbaums „Ein Mädchen geht an Land“? Ich verstehe aber auch sofort, warum man beim Namen UFA an bestimmten ikonografischen Meilensteinen gar nicht vorbeikommen kann und will. Wobei Georg Tresslers toller Abenteuerfilm „Das Totenschiff“ schon sehr nach dem einen Alibifilm ausschaut, der die ganzen 1950er-Jahre repräsentieren muss.

Das ist sicherlich eine der spannendsten Retrospektiven, die in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen gelaufen sind. Hier gibt es wahnsinnig viel zu entdecken. Jeder Regiename lädt mit der eigenen Filmografie zu weiteren lohnenswerten Expeditionen in die deutsche Filmgeschichte ein, die wiederum ins europäische und amerikanische Kino führen.

Das Arte-Programm im Überblick (soweit bekannt):

28.08. - Münchhausen (Josef von Baky)
28.08. - Maschinenraum des deutschen Films (Sigrid Faltin)
28.08. - Wege zu Kraft und Schönheit (Wilhelm Prager)

01.09. - Der letzte Mann (Friedrich Wilhelm Murnau)
01.09. - Zu neuen Ufern (Douglas Sirk)
01.09. - Der Mann, der seinen Mörder sucht (Robert Siodmak)
04.09. - Die Liebe der Jeanne Ney (Georg Wilhelm Pabst)
04.09. - Der Mann, der Sherlock Holmes war (Karl Hartl)
04.09. - Viktor und Viktoria (Reinhold Schünzel)
11.09. - Titanic (Herbert Selpin)
11.09. - Glückskinder (Paul Martin)

04.12. - Das Totenschiff (Georg Tressler)
04.12. - Kolberg (Veit Harlan)
11.12. - Der blaue Engel (Josef von Sternberg)
11.12. - Opfergang (Veit Harlan)
11.12. - Hitlers Hollywood (Rüdiger Suchsland)
11.12. - Verbotene Filme
Kurz- und Werbefilme

Link: - Arte-Dossier: 100 Jahre UFA, - Peter Pewas

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Locarno-Entdeckungen 2017
I. „Contes de juillet“ (Guillaume Brac)

© Locarno Film Festival
„Contes de juillet ist einer meiner zwei diesjährigen Lieblingsfilme in Locarno.“ (Lukas Foerster, Perlentaucher)
Nur 68 Minuten geht der neue Film von Guillaume Brac. Er handelt von Studentinnen im Großraum Paris, die einen Sommertag verleben. Unvergesslich ist mir das Werk, das Brac davor gedreht hat: die bittersüße Liebesgeschichte „Tonnerre“ mit Filmgöttin Solène Rigot. Über seinen neuen Film „Contes de juillet“ schreibt der Schweizer Kritiker Rafael Wolf von Radio Télévision Suisse: „Befreiend, vergnüglich, ein Hauch von frischer Luft.“
II. „Good Manners“ (Marco Dutra & Juliana Rojas)

© Locarno Film Festival
„The picture itself is a hybrid of art house and genre cinema, combining sharp social commentary with grand guignol fantasy.“ (Neil Young, The Hollywood Reporter)
Es gibt gewisse Referenzfilme im Genrebereich, die entlarvend sind: Wenn etwa auf einem Festival ein Horrorfilm als der neue heiße Scheiß verkauft wird und der Vergleich zu „The Babadook“ fällt, weiß ich, dass ich einen Bogen darum machen werde. Diese Form von Arthouse-Horror, wo der Subtext direkt zur Handlung gemacht wird, halte ich für eine Fehlentwicklung. Zum einen schadet sie dem Subtext, weil er dann mit dem Vorschlaghammer auf den Zuschauer einwirkt. Zum anderen nimmt es den Spaß aus dem Genre.

Wenn dagegen, wie jetzt bei „Good Manners“ in Locarno, der Vergleich zum schwedischen Vampirfilm „Let the Right One In“ fällt, bin ich sofort Feuer und Flamme. Das zeugt von Geschmack des Kritikers, in diesem Fall Neil Young. Gleichzeitig ist es ein Hinweis auf eine kluge, frische Herangehensweise an das Genre. Der brasilianische Werwolf-Film, der im Original „As Boas Maneiras“ heißt, wurde auf der Piazza Grande mit einer Warnung aufgeführt: Dieses Werk enthalte Szenen, die sensible Zuschauer schockieren könnten.
III. „A Skin So Soft“ (Denis Côté)

© Locarno Film Festival
„Denis Côté hat nichts zu sagen, er schaut und lässt den Zuschauer entdecken. Eine eingeölte, tätowierte, unnatürlich angespannte Oberfläche. Das ist Kino.“ (Jean-Michel Frodon, Slate.fr)
IV. „Freiheit“ (Jan Speckenbach)

© Locarno Film Festival
„Der Film macht seinen Titel zum gesuchten Zustand, den alle suchen, und mit dem sie alle herzlich wenig anfangen können.“ (Michael Sennhauser, SRF)
V. „The Dead Nation“ (Radu Jude)

© Locarno Film Festival
„Jude has pulled off that rare feat of crafting a highly accessible but complex, ambiguous and significant work of cinematic art.“ (Neil Young, The Hollywood Reporter)
Was die Kritiker über Locarno denken:

Der Kritiker des Hollywood Reporter, Boyd van Hoeij, lobt in seinem Fazit das Schweizer Kino. „Dene wos guet geit“, „Goliath“ und „Die göttliche Ordnung“ haben ihn besonders beeindruckt. Jean-Baptiste Morain vom französischen Filmmagazin Les Inrockuptibles dagegen schwärmt – ganz ohne patriotischen Hintergedanken, wie er sagt – vom französischsprachigen Kino: „Laissez bronzer les cadavres“, „9 Doigts“, „Milla“ und „Madame Hyde“ sind seine Entdeckungen in Locarno.

Der Kritiker der Cahiers du Cinema, Nicholas Elliot, empfand die Jacques-Tourneur-Retrospektive als so stark, dass es für die aktuellen Filme schwierig war, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Am besten gelungen sei das bei „Madame Hyde“ mit Isabelle Huppert und dem brasilianischen Film „Good Manners“. Das habe auch daran gelegen, dass sich bei beiden Werken glücklicherweise der Schatten Tourneurs in der Inszenierung abzeichnete.

Link: - München-Entdeckungen 2017, - Locarno-Kritikerschaft

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Samstag, 5. August 2017
Die aufregende Ungewissheit im Oscarrennen

Guillermo del Toros neuer Film "The Shape of Water" | © Fox Searchlight

Wer gewinnt am 4. März 2018 den Oscar für den besten Film? Schönerweise ist das Rennen noch ganz offen. Aber mit den Herbstfestivals in Venedig, Telluride und Toronto wird sich das schlagartig ändern. Ein Überblick von Michael Müller

Ich denke gerne an die Zeiten zurück, als William Goldmans Satz "Nobody knows anything" im Oscarrennen noch etwas gegolten hat. Der berühmte Drehbuchschreiber ("Die Braut des Prinzen", "Die Unbestechlichen") und Buchautor ("Adventures in the Screen Trade") fasste gut zusammen, was alle Menschen in Hollywood dachten: Niemand weiß wirklich genau, was wie funktioniert und am Ende in der eigenen Oscarkampagne aufgehen wird. Aber die Zeiten haben sich geändert: Heutzutage analysiert eine ganze Industrie von Oscar-Blogs die Ereignisse so genau, dass spätestens im Dezember bereits alles klar scheint, was im folgenden Februar bzw. März passieren wird. Deswegen mag ich die jetzige Phase besonders, in der noch fast nichts vorgegeben und alles möglich ist.

Bislang gibt es nur den obligatorischen Sundance-Darling und den "guten" ernsthaften Blockbuster. Der Liebesfilm "Call Me by Your Name" von Luca Guadagnino ist nicht der typische amerikanische Independent-Film, der jedes Jahr aus Sundance ins Oscarrennen einsteigt. Das wäre die Komödie "The Big Sick". "Call Me by Your Name" ist aber europäischer, reifer und besser. Tatsächlich ist er der mit Abstand beste Film des Jahres, der eher aus Verlegenheit seine Weltpremiere in Sundance feierte. Verpasste Nominierungen für Film, Regie, Hauptdarsteller (Armie Hammer), Nebendarsteller (Michael Stuhlbarg), Drehbuch (James Ivory) oder etwa Song (Sufjan Stevens) wären eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit.
"Dünkirchen" erinnert an "Master and Commander"
Beim ehrenvollen Blockbuster handelt es sich natürlich um Christopher Nolans Kriegsfilm "Dünkirchen". Ich muss sagen: Ich bin nicht der größte Fan, schätze aber insgesamt doch diese Art von anspruchsvollem Popcornkino als Gegengewicht zu den sonstigen Hollywoodproduktionen. Aber das ist nicht nur wegen seiner technischen Perfektion der erste ernstzunehmende Anwärter für den Oscar als bester Film. Peter Weirs vergleichbar steife Großproduktion "Master and Commander", die unbekannte Geschichte lebendig machte, erhielt im Jahr 2004 zehn Oscarnominierungen und gewann für beste Kamera und Schnitt. Nolans Film ist eine pure Kinoerfahrung mit dem tickenden Hans-Zimmer-Score, dem fehlenden Feind und der experimentell angehauchten Verquickung der drei Handlungsebenen. Dafür gab es nicht zu unrecht fast durch die Bank weg Hymnen von den wichtigen amerikanischen Kritikern.

Die ersten Indizien, welche Herbstfilme wichtig werden, liefern die drei elementaren Festivals am Anfang der Oscarsaison: Venedig, Telluride und Toronto. Legt man den Wettbewerb von Venedig über die Programmauswahl von Telluride, ergibt sich bereits Anfang September ein gutes Bild, über welche Werke noch am Ende des Jahres gesprochen wird. Soweit gibt es nur die Filme im Wettbewerb von Venedig: Alexander Paynes Schrumpfungs-Satire "Downsizing" mit Matt Damon und Kristen Wiig, Darren Aronofskys Film "mother!" mit seiner Partnerin Jennifer Lawrence, George Clooneys Coen-Paraphrase "Suburbicon" und der neue Guillermo-del-Toro-Film "The Shape of Water".
Del Toros Oscar-Comeback?
Zu letzterem sagte Venedig-Festivalchef Alberto Barbera gegenüber dem Branchenblatt Screen Daily, es sei der beste del-Toro-Film, den er seit "Pan's Labyrinth" gedreht habe. Der Film erzählt in den 1960er-Jahren von einer Liebesgeschichte zwischen einer stummen Reinigungskraft (Sally Hawkins) und einer fremdartigen Wasserkreatur (Doug Jones), die vom US-Militär festgehalten wird. Die Amerikaner hoffen, das Geschöpf als Waffe im Kalten Krieg einsetzen zu können. Es ist das erste Mal seit "Pan's Labyrinth" der Fall, dass del Toro wieder in den Wettbewerb eines A-Festivals eingeladen wurde. In den vergangenen Jahren starteten so unterschiedliche Filme wie "Gravity", "Spotlight", "Birdman" oder "La La Land" ihren Siegeszug in Venedig.

Zwischem dem ältesten Filmfestival der Welt in Venedig und dem schnuckelig verschneiten Telluride-Festival in den Bergen von Colorado ist ein richtiger Kampf um die Weltpremieren der potenziellen Oscarfilme entstanden. Das Branchenblatt Variety spekuliert deshalb auch, dass die amerikanischen Vertreter in Venedig sehr früh programmiert werden. So könne Telluride dem Festival nicht die Exklusivität einiger Titel mit so genannten Sneak Previews streitig machen. Venedig läuft vom 30. August bis zum 9. September, Telluride startet bereits am 1. September. Der aktuelle Oscargewinner "Moonlight" feierte beispielsweise dort seine Weltpremiere. Das Festival in Toronto läuft wiederum vom 7. bis zum 17. September. Dort werden die ersten Eindrücke aus Venedig und Telluride konkretisiert und demokratisiert, weil dort nicht nur die Branchenblätter, sondern fast alle amerikanischen Filmkritiker hinfliegen, die etwas auf sich halten.

Link: - Deutsche Oscarkandidaten 2018

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Donnerstag, 3. August 2017
Pre-Shortlist der deutschen Oscar-Kandidaten

„Western“ von Valeska Grisebach | © Komplizen Film
Eine Vorauswahl für den deutschen Oscar-Kandidaten hat keinen klaren Favoriten. Aber Valeska Grisebachs Comeback wäre ein würdiger Vertreter und Lars Eidinger ein Geheimtipp.

Der deutsche Film, der das Land in der Oscar-Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ vertreten wird, steht am 24. August fest. Die jetzt veröffentlichte Liste der elf Filme ist noch nicht die Shortlist, die eine Jury zusammengestellt hat, sondern eine Vorauswahl von Mitgliedern der deutschen Filmszene. In der Jury, welche dann die endgültige Entscheidung treffen wird, sitzt beispielsweise der Mitbegründer der Woche der Kritik in Berlin, Dennis Vetter.

* AMELIE RENNT (Tobias Wiemann)
* AUS DEM NICHTS (Fatih Akin)
* DIE BLUMEN VON GESTERN (Chris Kraus)
* GLEISSENDES GLÜCK (Sven Taddicken)
* IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS (Matti Geschonneck)
* JONATHAN (Piotr J. Lewandowski)
* JUGEND OHNE GOTT (Alain Gsponer)
* MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN (Marc Rothemund)
* PAULA (Christian Schwochow)
* WESTERN (Valeska Grisebach)
* WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS (Simon Verhoeven)

Ehrlich gesagt sehe ich bei den ausgewählten deutschen Filmen keine potenzielle Oscarnominierung. Die größten Chancen würde ich allerdings Valeska Grisebachs Werk „Western“ einräumen. Die Abenteuergeschichte um deutsche Bauarbeiter in Bulgarien besitzt dank seiner Weltpremiere in Cannes bereits internationales Renommee und hat bedeutende Fürsprecher unter den englischsprachigen Filmkritikern. „Gleißendes Glück“ mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck war einer meiner Lieblingsfilme des vergangenen Jahres. Aber der ist zu finster und kantig, als dass er sich für eine Oscarkampagne eignen würde. Mein Geheimtipp auf eine Nominierung als deutscher Kandidat ist Chris Kraus' Film „Die Blumen von gestern“, von dem ich sehr schöne Dinge gehört habe. Außerdem spielt Hauptdarsteller Lars Eidinger einen Holocaustforscher.

Nachtrag (11.08.): Magnolia Pictures hat die Verleihrechte von „Aus dem Nichts“ für Nordamerika gekauft und will den Film noch dieses Jahr in die US-Kinos bringen. Mit der Schauspielauszeichnung für Diane Kruger in Cannes und ihrer Geschichte um die verpasste Nominierung für „Inglourious Basterds“ könnte der neue Fatih-Akin-Film zumindest nicht chancenlos im Oscarrennen um eine Nominierung als bester fremdsprachiger Film sein.

Link: - Die aufregende Unwissenheit im Oscarrennen

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Montag, 31. Juli 2017
Trash ist Gold

Die Kunst des Trash: Trailer zu „The Disaster Artist“ mit James Franco

Mancher Trash ist reinstes Gold. Filme, die billig produziert wurden und auch genau so daher kommen, kennen wir alle. Je später der Abend, desto grandioser die Unterhaltung. Endlich hat sich mal ein Filmwissenschaftler mit dem Phänomen Trash-Film beschäftigt. Ein Artikel von Jörn Schumacher

Im vergangenen Jahr brachte der Forscher Keyvan Sarkhosh seine Studie „Enjoying trash films“ heraus. Der Mann arbeitet beim „Max-Planck-Institut fur empirische Ästhetik“ in Frankfurt am Main. Ja, diese Menschen forschen tatsächlich daran, wieso Kunst beim Menschen einen Kitzel hervorruft; sei es nun ein Gedicht, ein Bild oder ein Film.

„Wieso schaut man sich sowas an?“, fragte Sarkhosh seine Studienteilnehmer. Die waren ausgemachte Trash-Fans. Die erste Auffälligkeit: 90 Prozent der Teilnehmer an der Studie waren Männer, im Durchschnitt 35 Jahre alt. Der typische Trashfilmfan ist also männlich. Offenbar liegt das daran, dass es sehr oft um exzessive Darstellung von Sex und Gewalt geht, vermutet der Wissenschaftler.

Die häufigsten Filme, die als typische Trashfilme genannt wurden, waren „Sharknado“, „The Toxic Avenger“ und „Plan 9 from Outer Space“ von Ed Wood.

Zweite wichtige Erkenntnis: Das Publikum dieser Trashfilme ist keineswegs dumm. „Die Testpersonen stellten sich als überdurchschnittlich gebildet heraus“, sagte Sarkhosh im Magazin der Max Planck-Gesellschaft (Ausgabe 1/2017). „Sie haben viele Kulturinteressen, gehen ins Theater oder Museum und schauen sich Spartenkanale wie Arte an.“ Drei Viertel der Studienteilnehmer haben entweder Abitur oder einen Hochschulabschluss.
Erinnerung an Teenagerzeiten
Und warum nun schaut man so etwas? „Aus Langeweile am Mainstream, aus Frustration uber das sich immer wieder reproduzierende Hollywood“, stellt die Studie fest. Sarkhosh sagt: „Für die Liebhaber von Trashfilmen ist das Wort Trash ein Qualitätsmerkmal. Es wertet den Film eher auf.“

Trash-Fans schauen diese Filme gezielt und sehr bewusst und analysieren sie auch anschließend fleißig in Filmforen. Offenbar ist es so: Wer schlecht Gemachtes sieht, versteht besser, wie gut Gemachtes funktioniert. Oder anders ausgedrückt: Wer einem schlechten Film zusieht, versteht auf einmal besser, warum ein guter Film gut ist.

Und dann kommen natürlich noch die vielen Anspielungen auf frühere (Trash-)Filme hinzu. Wir mögen es offenbar, „aus ästhetischem Interesse“ die „Umsetzung von Klischees oder Anspielungen aus bereits gesehenen B-Movies“ zu genießen, drückt es der Experte aus. Die Ästhetik-Experten sprechen hier vom „Familiaritätsprinzip“, das angeblich „eine der stärksten Determinanten ästhetischen Gefallens“ ist.

In der Mythologie tritt der Satyr Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. auf
Sich an etwas zu ergötzen, was allgemein als „hässlich“ gilt, gab es schon immer. Schon in der Antike hätten Darstellungen etwa von Satyrn, Monstern mit Glatzen und Tiermerkmalen, einen ähnlichen Effekt gehabt, sagt der Wissenschaftler. Fur Kenner von Trashfilmen bedeute „guilty pleasure“ – die vermeintlich schuldige Lust am Abartigen – eine Art cineastisches Fest der Geschmacklosigkeit, welche nach Sarkhosh zur Kultur des Karnevalesken gezählt werden kann, also zu einer „Gegenkultur, in der unorthodoxe Freiheiten möglich sind“.

Sarkosh selbst empfiehlt als besonders trashigen Leckerbissen „Rabbits“ aus dem Jahr 1972. Hier mutieren Kaninchen zu menschenfressenden Bestien. In der Hauptrolle: Janet Leigh aus Hitchcocks „Psycho“. „Ein unglaublich charmanter Film, obwohl er einfach nur peinlich ist“, sagt der Filmwissenschaftler. Er trifft damit wahrscheinlich den Nagel auf den Kopf, warum man Trash (manchmal) so mag.
Wissenschaft sucht Wohlfühlfilm
Übrigens: Keyvan Sarkhosh führt schon wieder eine neue Studie durch: Diesmal geht es um das Phänomen „Wohlfühlfilm: Genre-Merkmale und emotionale Effekte eines populären Filmtypus“. Was macht den zuckersüßen, rosaroten und Happy-End-sicheren „Feel-good-Movie“ à la „Pretty Woman“ oder „Dirty Dancing“ so unwiderstehlich? Offenbar konsumiert ein bestimmtes Publikum diese Filme gezielt eben wegen eines bestimmten „Wohlfühl-Faktors“. Ich lehne mich hier einmal weit aus dem Fenster und vermute, dass dieses Mal die Männer nicht in der Mehrzahl sein werden.

Das „Institut für empirische Ästhetik“ in Frankfurt am Main sucht übrigens immer mal wieder Versuchsteilnehmer. Manche Studien kann man online mitmachen, für andere muss man nach Frankfurt reisen. Auf der Webseite des Instituts kann man aktuelle Aufrufe zu Experimenten finden. Vielleicht darf man sich dort demnächst im Dienste der Wissenschaft dem „Wohlfühlfilm“ hingeben.

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