Dienstag, 11. September 2018
Jamie Lee Curtis' Halloween-Comeback eröffnet Filmfest Hamburg inoffiziell

Jamie Got a Gun | © Universal Pictures International Germany GmbH
Das Filmfest Hamburg hat sein komplettes Programm für Ende September veröffentlicht. Umso länger man stöbert, umso spannendere Werke findet man.

Der Eröffnungsfilm des Filmfest Hamburg ist das isländische Werk „Gegen den Strom“, das eine Frau zeigt, die für die Umwelt und mit der Adoption eines ukrainischen Kindes kämpft. Mehr Nächstenliebe und Weltverbesserung gehen nicht. Aber sind wir doch mal ehrlich: Noch ein bisschen größer ist die Vorfreude auf David Gordon Greens Fortsetzung von „Halloween“, die alle anderen Fortsetzungen ignoriert und direkt an das Carpenter-Original anschließt. Für die Premiere in Hamburg ist der Superstar Jamie Lee Curtis angesagt. Ein Name, der alles mit Leichtigkeit wegwischt, was heutzutage als Hollywood gehandelt wird: Das Kind von Janet Leigh und Tony Curtis, das dem Slashergenre das Final Girl gestiftet hat; das für Arnold Schwarzenegger in „True Lies“ Tango tanzte und mit Stacy Keach durch den australischen Outback in „Truck Driver“ trampte; die Powerfrau in „Die Glücksritter“, „Perfect“, „Blue Steel“ und „Ein Fisch namens Wanda“. Das ist echte Hollywood-Prominenz.

Das Filmfest, das vom 27. September bis zum 6. Oktober läuft und 138 Filme aus 57 Ländern zeigt, mag ein eher unscheinbares Programm der Herbstfestivals vorgelegt haben. Umso länger man sich aber damit beschäftigt, umso mehr Entdeckungen macht man. Klar, große Highlights werden Yorgos Lanthimos' „The Favourite“ und der Oscar-Frontrunner „Roma“ von Alfonso Cuarón sein, die kurz nach ihren Weltpremieren von Venedig bereits in der Hansestadt laufen. Was für ein Luxus, „Roma“ nicht auf einem Netflix-Laptop sehen zu müssen! Aber es gibt auch sehr viel von Carlo Chatrians letztem Locarno-Programm in Hamburg zu entdecken, bevor er als neuer Berlinale-Chef reüssiert: Zum Beispiel „A Land Imagined“, der den Goldenen Leoparden gewonnen hat; aber auch die israelische Dokumentation „M“ von Yolande Zauberman oder Dominga Sotomayor Castillos umfeierten chilenischen Film „Too Late to Die Young“ oder den kanadischen Coming-of-Age-Geheimtipp „Genesis“.
Der beste deutsche Film im Programm
Interessant ist, dass die neu eingeführte deutsche Sektion Große Freiheit erstmal „nur“ mit sechs Filmen startet. Da wird es die Jury leicht haben, einen Sieger zu küren. Der spannendsten Eintrag dürfte dabei der frisch aus Toronto rübergeholte Film „Das schönste Paar“ von Sven Taddicken sein. Der Regisseur ist sowieso in der deutschen Filmszene recht unterschätzt. Schon sein Debütfilm „Mein Bruder, der Vampir“, der Julia Jentsch entdeckte, war ein kleiner großer Wurf. „Gleißendes Glück“ mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck vor zwei Jahren war vom Wagnis und der Offenheit der Schauspieler in ihren kaputten Existenzen gleich gar nicht mehr richtig zu greifen.

Jan Bonnys (Nicht-)NSU-Film „Wintermärchen“ aus Locarno wird dagegen schmerzlich vermisst. Wollte Bonny oder Hamburg nicht? Jedenfalls läuft das umstrittene Werk stattdessen Anfang Oktober auf dem Film Festival Cologne in der Made in NRW-Reihe. Dafür Freude über die Weltpremiere von Marcus H. Rosenmüllers Biopic „Trautmann“ mit David Kross in der Rolle des legendären deutschen Torhüters, der mit einem gebrochenen Genick für Manchester City auflief – und gleichzeitig zumindest ansatzweise Deutsche und Engländer nach dem Zweiten Weltkrieg miteinander versöhnte. Auch ein bisschen Lust ist vorhanden auf Alexander Kluges Kino-Comeback mit „Happy Lamento“, der wie eine 90-minütige Ausgabe seines Spartenprogramms für die Privatsender ausschaut.

Aber wenn wir schon bei Weltpremieren sind: Das Filmfest Hamburg ist eher ein Best-of-Festival, das wie ein Staubsauger die besten Werke anderer A-Festivals einsammelt. Nur: Letztlich wird man doch auch an den exklusiven Filmen gemessen. Da heißen die Werke dann „In Love and War“, eine spannende deutsch-dänische Co-Produktion mit Tom Wlaschiha und Ulrich Thomsen, die im Ersten Weltkrieg spielt. Weitere Weltpremieren sind „Der Trafikant“ mit Bruno Ganz als alternden Sigmund Freud nach dem deutschen Anschluss Österreichs, die Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Verachtung“, die nach der Millennium-Trilogie ohne Lisbeth Salander klingt und die bestimmt spannende Rasmus-Gerlach-Doku „Sankt Paulis starke Frauen – Reeperbahner*innen“. Es gibt auch „Yuli“, den Film über einen kubanischen Balletttänzer, der aber nicht ganz oben auf der To-Watch-Liste steht.


Chilenischer Festivaltipp „Too Late to Die Young“
Paris oder Madrid – Hauptsache Italien
Wenn im vergangenen Jahr vor allem die französische Sektion Voilà fast durchgehend mit Highlights wie „Jeune femme“, „120 BPM“ und „L'amant double“ begeisterte, scheinen dieses Jahr die meisten Perlen in der Sektion Vitrina zu lauern, in der das spanischsprachige und lateinamerikanische Kino präsentiert wird. Neben dem heiß erwarteten und schon erwähnten Coming-of-Age-Film „Too Late to Die Young“ sind besonders „Die feurigen Schwestern“ vorgemerkt, denen schon ein gewisser cineastischer und freiherziger Ruf vorauseilt. Auch toll klingt „Dry Martina“ – wegen des Plots, aber gerade auch, weil der Debütfilm des Regisseurs „You Think You're the Prettiest, But You Are the Sluttiest“ heißt. Wer sich solche Arthouse-Titel leistet, muss dann auch abliefern.

Wer israelisches Kino und den israelisch-palästinensischen Konflikt spannend findet, wird auf dem Filmfest auf jeden Fall auch fündig: Episch mutet das Dokumentarprojekt „In the Desert – A Documentary Diptych“ an. Die eine Doku erzählt von einem palästinensischen Bauer, die andere Doku erzählt von einem israelischen Siedler ungefähr in der selben Region des Westjordanlandes. Die Filme des selben Regisseurs Avner Faingulernt werden direkt hintereinander gezeigt. Das Werk feierte seine Weltpremiere auf der Doc Aviv. Vergangenes Jahr konnte man in Hamburg mit dem fantastischen „The Cakemaker“ den israelischen Oscar-Beitrag entdecken. Dieses Jahr heißen weitere israelische Filme – neben der bestimmt empfehlenswerten Doku „M“ – „Outdoors“ und „Geula“.
Was aus Cannes läuft – und was nicht
Die gewichtigen Cannes-Filme „Leto“, „Loro“, „The Wild Pear Tree“, „The House That Jack Built“, „Dogman“, „Drei Gesichter“ und „The Image Book“ von Lean-Luc-Godard kann man hier natürlich auch einsammeln. Vermisst werden „Sorry Angel“, den Hamburg an das Filmfest Oldenburg verloren hat, „Knife + Heart“, „Long Day's Journey Into Night“ und „Sauvage“. Auch „Cold War“ läuft wie „Wintermärchen“ zuerst in Deutschland auf dem Film Festival Cologne. Da wächst wohl ein ernsthafter Filmfest-Konkurrent im Herbst heran. Aber man kann natürlich auch nicht alles haben. Ebenfalls interessant ist, dass aus dem deutschen Bereich weder Christian Alvarts Fitzek-Verfilmung „Abgeschnitten“ noch „25 km/h“ mit Bjarne Mädel und Lars Eidinger im Programm auftauchen.

Für die Hollywood-Junkies gibt es jenseits von „Halloween“ mit seinem nagelneuen Carpenter-Score den Venedig-Eröffnungsfilm „The First Man“, Paul Danos Sundance-Regiedebüt „Wildlife“, spannenderweise „A Simple Favor“ von „Brautalarm“-Regisseur Paul Feig mit Anna Kendrick und Blake Lively. Der Independent-Film „We the Animals“ soll toll sein. Hey, es gibt den neuen Frederick Wiseman („Monrovia, Indiana“). Ihr seht: Aus dem Empfehlen kommt man bei diesem Programm gar nicht mehr heraus. Es fühlt sich sehr wertig an. Und letztlich würde es sich wahrscheinlich schon lohnen, nach Hamburg zu kommen, nur um die Dokumentation „Nice Girls Don’t Stay for Breakfast“ über Robert Mitchum frisch vom Lido zu schauen.

Der Filmblog Negative Space wird das Filmfest Hamburg berichtend begleiten. Das Festival zeigt vom 27. September bis 6. Oktober in seinem 26. Jahr 138 Filme aus 57 Ländern in zwölf Sektionen.

Links: - Programm 2018 | - Podcast 2017

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